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Jörg Räwel: Humor als Kommunikationsmedium

Cover Jörg Räwel: Humor als Kommunikationsmedium. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2005. 252 Seiten. ISBN 978-3-89669-512-3. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

Reihe: Wissen und Studium: Sozialwissenschaften.
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Thema und Hintergrund

Dass wissenschaftliche Beschäftigung mit Humor eine überaus ernste und anstrengende Angelegenheit sein kann bestätigt sich auch bei der Arbeit von Jörg Räwel. Es handelt sich um den Versuch, Humor als ein soziologisches Phänomen mit der Luhmannschen Systemtheorie zu erklären. Ausgehend von der Frage, für welches gesellschaftliche Problem der Humor als Kommunikationsmedium eine Lösung darstellt, beschreibt der Autor Humor als ein besonderes Kommunikationsmedium, welches der Evolution moderner Gesellschaften dient. Diese Funktion erfüllt der Humor, so der Autor, indem vorhandene Strukturen im Humor spielerisch - zunächst scheinbar folgenlos, ohne besondere Risiken und dadurch besonders verträglich - variiert werden. Damit diene der Humor sowohl der Weiterentwicklung als auch der Stabilisierung moderner, funktional differenzierter Gesellschaften. "Der Humor (...) erscheint so als ein Spielfeld der Evolution, als ein Medium, in dem Evolution sich selbst reflektiert, sich selbst auf ungefährliche Weise ausprobieren kann. Im Humor (...) werden Variationen auf "spielerische" (unernste) Weise selegiert und (re)stabilisiert." (91) Der Gebrauch von Humor setzt Räwel zufolge "eine positive Einstellung zu Neuheit voraus." (232)

Inhalt

Der Autor bestimmt Humor als ein Reflexionsmedium 2. Ordnung. Es dient der "Beobachtung von Beobachtungen" in dem "Reflexion um der Reflexion willen" (37) geschieht. Er beschreibt die Funktion des Humors als "Katalysator von strukturellen Koppelungen" (69) etwa zwischen Interaktionssystemen und psychischen Systemen. Der Begriff der Reflexion hat für ihn dabei die zentrale Bedeutung. Reflexion ist in systemtheoretischer Perspektive eine Funktion autopoietischer bzw. sich selbst organisierender Systeme. Damit grenzt er seinen Reflexionsbegriff von psychologischen Konnotationen, die sich auf Bewussteinsprozesse psychischer Systeme beziehen. Zur Klarstellung stellt Räwe dann eine Analogie zwischen den Begriffen Reflexion, Variation und Mutation her (73). Damit fokussiert er auf seine Zentralthese, dass Humor eine evolutionäre Funktion in modernen Gesellschaften erfüllt. Danach werden durch Humor Variationen von Konventionen aufgezeigt, welche der Aufrechterhaltung von Dynamik und damit der Selbsterhaltung moderner Gesellschaften dienen. "Dem Humor lässt sich also die Funktion zuweisen, mit Formen zu spielen, Formen zu variieren, um neue Formen zu gewinnen, die wiederum Ausgang für weitere Variationen sind etc. Kurzum: Im Humor wie in der (modernen) Kunst wird Evolution funktionalisiert, wird Evolution selbstreflexiv." (74)

Zur Begründung seiner These setzt sich der Autor überblicksartig und kurz mit traditionellen Humortheorien auseinander. Dabei klassifiziert er diese nach seiner Ansicht zu sehr psychologisch ausgerichteten Theorien nach drei Hauptlinien: Die Überlegenheits-, Entlastungs- und Inkongruenztheorien. In den Überlegenheitstheorien hat der Humor eine moralisierend-abwertende Funktion. Gesellschaftlich oder moralisch Nichtakzeptables wird - vornehmlich in vormodernen Gesellschaften - der Lächerlichkeit Preis gegeben. In den Entlastungstheorien kommt dem Humor dagegen eine Funktion der "Erleichterung" und Regulierung psychischer Haushalte zu. Bei den Inkongruenz- bzw. Nichtübereinstimmungstheorien wird der Humor als eine Verarbeitungsform von Widersprüchlichem und an sich unvereinbaren Dingen beschrieben.

Daran anschließend entwickelt der Autor seine Humortheorie aus systemtheoretischer Perspektive. Hierbei ist nicht die ontologische Frage nach dem was, nicht die Frage nach absoluter Erkenntnis oder einem objektiven Wesen einer Sache von Bedeutung, sondern die Frage, wie etwas funktioniert (26). Dabei kontrastiert er aus erkenntnistheoretischer Sicht dualistische mit monistischen Ansätzen. Im Dualismus, wie beispielsweise in modernen Handlungstheorien, wird der Beobachter als ein von einem beobachteten Objekt unabhängiges Subjekt angesehen. Im systemtheoretischen Monismus, wird dagegen die Einheit von Subjekt und Objekt behauptet. Räwel entwickelt dann seine These vom Humor als Kommunikationsmedium auf der Grundlage der monistischen, Luhmannschen Systemtheorie. Als Präferenzcode, welcher dazu dient die Kontingenz von Kommunikation zu reduzieren bzw. zu relativieren führt er "lustig/ernst" ein. Dieser Code entscheidet also darüber, ob etwas als lustig und damit dem Humor oder als ernst und damit beispielsweise eher der Wissenschaft zugehörig ist. (52ff)

Damit grenzt er sich auch von Versuchen ab, das Wesen bzw. die Funktion des Humors durch die Differenzierung in unterschiedliche Sachformen zu bestimmen. Ihm geht es allerdings weniger darum, Unterschiede zu benennen als vielmehr die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Humorformen (z.B. Ironie, Witz oder Parodie) herauszuarbeiten. (125) Er verdeutlicht dies mit dem Konzept struktureller Koppelungen und zeigt, wie Humor beispielsweise zwischen Interaktionssystemen und psychischen Systemen oder innerhalb der Systeme Kunst und Wirtschaft als Kommunikationsmedium eingesetzt wird.

Diskussion

Der Versuch, Humor in den Kategorien der Luhmannschen Systemtheorie zu fassen, ist dem Autor durchaus gelungen. Dieser Versuch ist gleichwohl kreativ (evolutionär) und einengend zugleich. Kreativ, weil damit eine systematisch konzise, neue Perspektive auf ein Phänomen eröffnet wird das bisher vorwiegend aus philosophisch-geisteswissenschaftlicher oder aus naturwissenschaftlich-psychologischer Sicht untersucht wurde. Soziologen haben bisher um dieses in außerordentlicher Weise Gemeinschaft stiftende Phänomen offensichtlich eher einen Bogen gemacht. Einengend, weil man oft den Eindruck bekommt, dass der Untersuchungsgegenstand manchmal über Gebühr in eine "Backform" gepresst wird, die manchmal zu einer sehr vereinfachenden und verkürzenden Betrachtung führt. Diese Verengung spitzt sich am Ende in der - aus meiner sicht eher dualistischen - These zu, dass Humor und Kunst Medien bzw. Funktionen in modernen Gesellschaften sind, welche diese flexibler und anpassungsfähiger werden lassen, während Moral eine rein stabilisierende, die Konventionen stabilisierende und konservierende Funktion erhält. Mit der These, dass Humor und Kunst als Funktionsmechanismen beschrieben werden, welche das Entwicklungspotential moderner Gesellschaften erhöhen, weil sie neue Formen aus ihr selbst heraus entstehen lassen, wird Moral gleichsam als ein weniger geeignetes Kommunikationsmittel abgewertet. Das erscheint mir in dieser dualistischen Perspektive etwas zu glatt gestrichen und erscheint mir paradoxerweise selbst als ein wenig moralisierend. Damit werden zugleich Funktionen und Folgen eines negativen Humors, beispielsweise des Zynismus, ausgeblendet oder mindestens vernachlässigt. Kritisch erscheint mir auch, dass zugunsten der Einpassung in ein Theoriekorsett, Widersprüchliches und ""Unpassendes" eher ausgeblendet werden. Das gilt sowohl hinsichtlich bedeutender Ansätze in der Humortheoriebildung als auch von Humortechniken in systemisch-konstruktivistischen Beratungs- und Therapieschulen. Hier gilt nicht die strenge Unterscheidung eines Präferenzcodes wie "lustig/ernst" sondern immer ein "sowohl/als auch". Darin wird schließlich zum Ausdruck gebracht, dass letztlich jeder Beobachter selbst zu entscheiden hat, ob er eine Kommunikation als lustig oder ernst bzw. als humorvoll oder nicht deutet.

Die Lesbarkeit des prinzipiell durchaus informativen und gehaltvollen Textes leidet immer dann, wenn sich der Autor sehr stark an das Luhmannsche Theorie- und Begriffsgebäude anlehnt oder dieses mehr oder weniger referiert. Das liegt nicht nur an dieser oft schwer verdaulichen Sprache, sondern auch daran, dass der Autor oft ziemlich verschachtelte Sätze konstruiert, welche den Lesefluss zusätzlich bremsen.  Die Haltung des Autors als Beobachter wirkt auf den Leser dabei oft ein wenig dualistisch, als ob er - entgegen dem eigenen Theorieanspruch - sich selbst eher als ein von der Welt distanzierter, wissenschaftlicher Betrachter sieht. Dies mag der Tatsache geschuldet sein, dass es sich hier um eine Dissertation handelt und damit primär für die Angehörigen des Wissenschaftssystems geschrieben ist. Auch wenn dem Autor darin zuzustimmen ist, dass es eigentlich unmöglich ist eine lustige Sache nur lustig und wissenschaftlich zu erörtern, so hätte es dem Verständnis dieser anspruchsvollen Arbeit doch nicht geschadet, wenn die eine oder andere Passage mit etwas mehr Leichtigkeit beschrieben worden wäre und damit auch Leser in ein Verständigungssystem inkludiert würden, die mit diesem Sprachcode nicht so vertraut sind.

Fazit

Trotz dieser Bedenken halte ich das Buch für lesenswert. Für die abschließende Einladung des Autors, auf Grundlage seines Entwurfes, seiner Kriterien und Maßstäbe durch weitere "Fremdbeobachtungen" die soziologische Theorie des Humors weiterzuentwickeln, hat er durchaus eine gute Grundlage geschaffen. Jene, welche dieser Einladung folgen möchten, sollten allerdings wissen, dass Grundkenntnisse in der Luhmannschen Systemtheorie und ihrer Begrifflichkeit, für das Verständnis des Textes sehr hilfreich sind.

 


Rezensent
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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Zitiervorschlag
Herbert Effinger. Rezension vom 17.01.2006 zu: Jörg Räwel: Humor als Kommunikationsmedium. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2005. ISBN 978-3-89669-512-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3116.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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