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Tanja Anette Glootz: Alterssicherung im europäischen Wohlfahrtsstaat

Cover Tanja Anette Glootz: Alterssicherung im europäischen Wohlfahrtsstaat. Etappen ihrer Entwicklung im 20. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2005. 300 Seiten. ISBN 978-3-593-37690-5. 34,90 EUR, CH: 59,90 sFr.

Reihe: Campus : Forschung - Band 885.
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Das Thema

Die Wohlfahrtsstaaten europäischer Prägung sind im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden und haben jeweils auf unterschiedliche Art, aber dennoch mit ähnlichen Zielen, Alterssicherungssysteme entwickelt. Dabei stellt sich die Frage, wie nun das explizit "Europäische" zu bestimmen ist. Insbesondere vor dem Hintergrund der immer bedeutsameren Debatten um ein "europäisches Sozialmodell" tut die Überprüfung der historischen Voraussetzungen für ein solches Modell bzw. seiner Diskussionsgrundlagen not.

Aufbau, Inhalt und Kritik

Das Buch besteht aus insgesamt sechs Kapiteln und ist als Dissertation am Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin eingereicht worden. Für das Verständnis dieses Werkes ist es bedeutsam, dass hierbei eine sozialhistorische oder genauer: sozialstaatshistorische Abhandlung vorliegt, die vornehmlich auf vertieftem und sorgfältigem Quellenstudium beruht.

  1. Im ersten Kapitel erläutert die Autorin ihre Herangehensweise vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen des europäischen Einigungsprozesses. Hier verweist sie insbesondere auf die Sozialpolitische Agenda sowie die Lissabon-Strategie, mit der die Offene Methode der Koordinierung in verschiedenen Feldern der Sozialpolitik eingeführt wurde. Mit diesem Instrument kann die Europäische Union mittelbar Einfluss nehmen auf die weitere Ausgestaltung der nationalen Sozialpolitiken. Dies führt zunehmend dazu, dass auch dieser prinzipiell durch das Subsidiaritätsprinzip in der Souveränität der Nationalstaaten verbleibende Politikbereich auch sukzessive zu einem gemeinschaftlichen Besitzstand avanciert. Glootz knüpft hier mit ihren Überlegungen an und sieht in der Aufwertung der Sozialpolitik durch und in der EU einen wesentlichen Bestandteil einer Staatsidee Europas. Um sich mit diesem allerdings gehaltvoll auseinanderzusetzen bedarf es aus ihrer Sicht allerdings der historischen Perspektive. Die Untersuchung der Geschichte der Rentenversicherung hält die Autorin deswegen für besonders geeignet, weil hier lebenslang erworbene Ansprüche zentral sind, bei denen die Komplexität der Koordinierung von Leistungen sehr deutlich wird. Und dies ist, so die zentrale These von Glootz, mitnichten ein erst vor kurzem in der EU eingeführter Prozess, denn schon im Europa des frühen 20. Jahrhunderts haben Angleichungsprozesse zwischen den Alterssicherungssystemen eingesetzt.

    Der Untersuchungszeitraum der Arbeit bewegt sich zwischen 1904 und 1992, wobei grob zwischen zwei Phasen unterschieden wird: die Gründung der EWG im Jahre 1957 setzt hier die Trennlinie zwischen den beiden Zeiträumen. Dabei ist vornehmlich für die erste Phase die Forschungsfrage leitend, welche Angleichungsprozesse schon vor der europäischen Integration eingesetzt haben. Anders als sonst häufig üblich orientiert sich Glootz nicht am Wohlfahrtsstaatsmodells Esping-Andersens sondern am modifizierten Modell Kosonens, der zwischen einem continental, einem scandinavian, einem peripheral und einem crisis model unterscheidet, wobei er unter letzterem u.a. Großbritannien subsumiert. Die wesentlichen Zuordnungsparameter sind dem Arbeitsmarktstrukturen und Geschlechterverhältnissen die Sozialversicherungsarrangements, wobei Glootz aus geschichtswissenschaftlicher Sicht noch die Parameter der Sozialen Frage, ökonomische und politische Triebfedern und Dekommodifizierung hinzunimmt.

  2. Im zweiten Kapitel zeigt die Autorin anhand der Wanderarbeiterversicherung auf, wie die interstaatliche Koordinierung bereits vor 1914 ausgestaltet war. Deutlich wird hier, dass es vor dem Ersten Weltkrieg bereits vier Varianten staatlichen Altersschutzes gab, die bereits schon ansatzweise die wohlfahrtsstaatlichen Typologien des Nachkriegseuropas erkennen lassen. Besonders bedeutsam ist die von Glootz überzeugend herausgearbeitete Erkenntnis, dass bereits während der Entstehung nationaler Versicherungsprogramme eine deutliche Konvergenz aufgrund von notwendig gewordenen Systemstransfers erkennbar war. An verschiedenen bilateralen Verträgen, wie z.B. dem franko-italienischen Arbeiterfürsorgevertrag von 1904 gelingt es der Autorin der Nachweis, dass die grenzüberschreitende Sozialpolitik bereits im Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirkungsvoll war. 
  3. Das dritte Kapitel nimmt die Phase zwischen den beiden Weltkriegen in den Blick. Dabei erweist sich der Versailler Vertrag als Katalysator der internationalen Wanderversicherung, wozu auch die Gründung der ILO im Jahre 1919 entscheidend beitrug. Zu Beginn der 1930er Jahre hatte sich ein Netz von Bilateralverträgen über Europa ausgebreitet, wobei auch zunehmend osteuropäische Staaten mit eingebunden waren. Noch im Jahre 1935 hat die ILO ein "Übereinkommen über die internationale Wanderversicherung" beschlossen, dass als Ziel die vollständige Kompatibilität der Invaliditäts-, Alters- und Hinterbliebenenabsicherung für alle ILO - Mitgliedsländer vorsah. Deutschland war allerdings bereits schon 1933 aus der ILO ausgetreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Gedanke der Sozialen Sicherheit in Europa immer bedeutsamer und erfordert dementsprechend seine Umsetzung sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext. So sind Anfang der 50er Jahre bereits auf vier Ebenen institutionelle Regelwerke auf internationaler Ebene erkennbar: bilaterale Abkommen, multilaterale Abkommen, Übereinkommen der ILO sowie Empfehlungen des 1949 gegründeten Europarates. Allerdings, so stellt Glootz abschließend fest, sind diese Abkommen zum großen Teil noch ungenügend und lückenhaft.
  4. Im vierten Kapitel nimmt die Autorin die 1951 gegründete Montanunion (EGKS) in den Blick und untersucht hier vornehmlich dessen supranationalen Charakter und mögliche Bedeutung für die europäische Sozialpolitik. Im Ringen um ein "Europäisches Bergarbeiterstatut" wurde deutlich, wie schwierig die Handlungsoptionen für eine derartige supranationale Behörde waren. Dabei ging es einer Zeit der wirtschaftlichen Rezession zum Ende der 50er Jahre vornehmlich darum, älteren Bergarbeitern finanzielle Hilfen zu ermöglichen. Von besonderer Bedeutung war in dem Zusammenhang der Abbau von Freizügigkeitshindernissen, allen voran die Durchsetzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung der Angehörigen von Vertragsstaaten. Außerdem galt es, die Leistungsgewährung sicherzustellen sowie die Anerkennung von beitrags- und leistungsrelevanten Zeiten sowie die Lösung von Problemen bei Doppel- oder Nichtversicherung. Der Autorin gelingt es diesem Kapitel, detail- und kenntnisreich die Frühphase europäischer Sozialpolitik darzustellen und zu verdeutlichen, welchen Vorlauf die heute noch aktuellen Probleme der europäischen Sozialpolitik hatten.
  5. Dies setzt sich im fünften Kapitel fort, das sich der Gründung der EWG widmet, wobei außerordentlich interessant ist, dass auf dem Messina-Gipfel der Montanunion im Jahre 1955 vereinbart worden war, dass mit der Schaffung eines gemeinsamen Marktes die stufenweise Harmonisierung der sozialpolitischen Regelungen der einzelnen Länder geschehen sollte. Diese angesichts des frühen Zeitpunkts erstaunliche Vereinbarung wurde von verschiedenen Mitgliedsländern der Montanunion zu Fall gebracht und auf einige wenige Bereiche beschränkt. Allerdings erlebte der Harmonisierungsgedanke 1962 eine Renaissance auf der Europäischen Konferenz über die Soziale Sicherheit in Brüssel. Neben arbeitsmarktpolitischen Überlegungen stand hier die Realisierung vergleichbarer Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Gemeinschaft auf der Agenda. Dass dies noch heute als aktuelles Projekt der Europäischen Union erscheint, wie zuletzt im Verfassungsentwurf erkennbar, ist angesichts der wechselvollen Geschichte der europäischen Sozialpolitik seit Gründung der EWG nicht erstaunlich.
  6. Im sechsten Kapitel stellt die Autorin einige Überlegungen hinsichtlich der Zukunft der Alterssicherung aus historischer Perspektive an, die darauf abzielen, wesentliche Gemeinsamkeiten für ein mögliches europäisches Alterssicherungsmodell zu skizzieren.

Zielgruppe

Das Buch ist für vornehmlich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch fortgeschrittene Studierende konzipiert, die sich mit der "Vorgeschichte" der europäischen Sozialpolitik im Allgemeinen und der Alterssicherungspolitik im Besonderen befassen wollen.

Nutzen für die Zielgruppe

Für sozialhistorisch und sozialstaatsgeschichtlich interessierte Leser/innen stellt das Buch eine ausgesprochen interessante, aber durchaus anspruchsvolle Lektüre dar. Allerdings sollten theoretische und historische Vorkenntnisse vorhanden sein, um das Buch mit Gewinn zu lesen.

Fazit

Das Buch schließt in der (europäischen) Wohlfahrtsstaatsforschung eine Lücke und lenkt den Blick auf die Wurzeln der heutigen Diskussion, die angesichts der mit diesem Buch präsentierten Erkenntnisse durchaus nicht mehr so aktuell sind. Gelegentlich liest sich das Buch etwas schwierig, was sicherlich der Tatsache geschuldet ist, dass es hierbei um eine Dissertation handelt.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 17.11.2006 zu: Tanja Anette Glootz: Alterssicherung im europäischen Wohlfahrtsstaat. Etappen ihrer Entwicklung im 20. Jahrhundert. Campus Verlag (Frankfurt) 2005. ISBN 978-3-593-37690-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3117.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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