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Matthias Forell, Gabriele Bellenberg u.a. (Hrsg.): Schule als Sozialraum im Sozialraum

Rezensiert von Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch, 21.03.2024

Cover Matthias Forell, Gabriele Bellenberg u.a. (Hrsg.): Schule als Sozialraum im Sozialraum ISBN 978-3-8309-4712-7

Matthias Forell, Gabriele Bellenberg, Lukas Gerhards, Lena Schleenbecker (Hrsg.): Schule als Sozialraum im Sozialraum. Theoretische und empirische Erkundung sozialräumlicher Dimensionen von Schule. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. 212 Seiten. ISBN 978-3-8309-4712-7. 32,90 EUR.

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Thema

Welche Bedeutung hat der Soziale Raum für die Schule? Wie sehen die physisch-materiellen, die sozialdemographischen und die handlungsbezogenen Verständnisse eines Sozialraums bei Schule aus?

Herausgeber:innen

Dr. Matthias Forell ist Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Die Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit liegen in der Bearbeitung von Fragestellungen zu Bildungsübergängen und Bildungsgerechtigkeit sowie der Analyse von Entwicklungen des deutschen Schulsystems.

Dr. Gabriele Bellenberg, ist Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik, Institut für Erziehungswissenschaft, an der Ruhr-Universität Bochum.

Lukas Gerhards (M.Ed.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik an der Goethe Universität Frankfurt und Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin.

Lena Schleenbecker (M.A.) ist Promotionsstipendiatin mit den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten der berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit im Handlungsfeld Schule.

Entstehungshintergrund

Aus der Vernetzung von Projekten der Ruhr-Universität Bochum und der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Promotionsvorhaben zu Analysen von Prozessen sozialer Teilhabe ist dieser Sammelband entstanden. Zugleich hat eine am 13.1.2022 stattgefundene Netzwerktagung mit dem Titel „Schule als Sozialraum im Sozialraum im Kontext inklusiver Schulentwicklung“ die Struktur für diesen Band gegeben.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier große Abschnitte untergliedert. Nach einem Kapitel mit einer theoretischen Verhältnisbestimmung mit drei Beiträgen werden in dem umfangreichsten Kapitel die Schulen in herausfordernden Lagen in vier Beiträgen thematisiert, ehe spezifisch die Inklusionsorientierung mit drei kürzeren Beiträgen in den Fokus gerückt wird. Zwei kleinere Beiträge befassen sich schließlich im letzten Kapitel mit den internationalen Perspektiven. Im Autor:innenverzeichnis (sic!) sind alle 24 (!) Autorinnen und Autoren aufgeführt mit vor allem ihrem derzeitigen Forschungsschwerpunkt bzw. Studienort sowie den Kontaktemail-Anschriften aufgelistet.

Inhalt

In der Einleitung wird das Forschungsinteresse gerahmt und erörtert, dass immer mehr neben den formalen Bildungsräumen auch die non-formalen und informellen Bildungsräume von Schule in den Blick genommen werden. Gesellschaftliche bzw. schulstrukturelle Veränderungen (z.B. Ganztagesbeschulung, Inklusion) würden die Sichtweise auf Schule verändern, indem nicht nur die Schule im Sozialraum betrachtet wird, sondern auch die Schule selbst als spezifischer Sozialraum in den Mittelpunkt gerückt wird.

Im ersten Beitrag des ersten Kapitels beschreibt Matthias Forell, dass der Sozialraum an sich so nicht mehr isoliert betrachtet werden kann, sondern Orte als „Schauplätze sozialen Handelns“ (S. 14) dynamisch seien und Räume immer schon in Räumen gesehen werden müssen, die ihrerseits wieder äußerst dynamisch sind. Daher sollte sich das Verständnis für den schulischen Sozialraum dahingehend verändern, dass man physisch-materielle, sozialdemographische und ein handlungsspezifisches Verständnis von Sozialraum erhält bzw. eher von „Räumlichkeit“ oder „Verräumlichung“ sprechen sollte. Damit ergäbe sich eine Ansammlung von Subräumen, die vor allem auch dynamisch betrachtet werden müsse.

Im zweiten Beitrag von Lena Schleenbecker wird die multiprofessionelle Kooperation in den Vordergrund gerückt und hierbei verdeutlicht, wie das Aushandeln von Veränderungen und das Beibehalten von Strukturen gerade durch zusätzliche Akteure Möglichkeiten eröffnet.

Im dritten gemeinsamen Beitrag von Rolf-Torsten Kramer, Tanja Sturm, Fabian Mußél und Franziska Schreiter wird sehr treffend analysiert, wie in einer Schule sowohl die pädagogisch gestaltete Welt als auch die soziale Welt der Familien und Milieus (sowohl bei den Lehrpersonen als auch bei der Schülerschaft) miteinander wirken.

Das Verbundprojekt „Schule macht stark“ (SchuMaS) wird im zweiten Kapitel „Schulen in herausfordernden Lagen“ im vierten Buchbeitrag von Jörg-Peter Schräpler und Matthias Forell beschrieben und u.a. mit Hilfe vieler Graphiken die Ergebnisse der Forschung zusammengefasst, wonach die Erstellung eines Sozialindexes für eine Schule hilfreich sein kann. So machen die beiden Autoren deutlich, dass man den Blick nicht nur auf ungleich verteilte Bildungschancen legen müsse, sondern auch auf die daran angeknüpften ungleichen Ressourcenverteilungen schauen müsse.

Der Beitrag „Kooperationen als Motor sozialräumlicher Einbindung von Schule?“ von Bettina Arnoldt, Holger Bargel und Birgit Reißig befasst sich damit, wie Kooperationsbeziehungen der Schule mit z.B. Akteuren der Jugendhilfe oder des sozialen Nahraumes sich positiv auswirken können. Hier wird insbesondere die Rolle der Schulsozialarbeit hervorgehoben. So könne die Schule sich über eine „Erweiterung ihren Bildungs- und Freizeitangebots als zentraler Ort im Quartier entwickeln.“ (S. 82)

Mit den „Familiengrundschulzentren“ in Nordrhein- Westfalen befasst sich der Beitrag von Philipp Hackstein, Brigitte Micheel und Sybille Stöbe-Blossey. Dabei wird herausgearbeitet, welche Gelingensbedingungen für eine kontextsensible Kooperation mit Familien an Grundschulen erforderlich sind.

Der vorletzte Beitrag des zweiten Kapitels befasst sich mit der ressourcenorientierten Schulkultur. Franziska Sophie Proskawetz, Miriam Kottmann, Isabell van Ackeren-Mindl und Esther Dominique Klein postulieren, dass man den Blick mehr auf die Ressourcen als auf Probleme richten müsse und hierbei materielle, personale und soziale Ressourcen nutzen muss. Mit ganz konkreten Beispielen, wie dem Ressourcen -ABC oder der „Nacht der Talente“ wird dies eindrücklich veranschaulicht.

Der teils mit politisch konnotierten Strukturvorschlägen befasste Einzelbeitrag von Reinhard Stähling verdeutlicht, dass viele Einzelmaßnahmen einen Paradigmawechsel bewirken können und dass „eine starke Sozialarbeit, die mit den Teams und der Schulleitung die Arbeit in Schule und Sozialraum koordiniert“ (S. 134) eine wichtige Strukturverbesserung sei.

Das dritte Kapitel „Inklusionsorientierung“ wird durch Sven Paulings Beitrag eingeleitet, der sich mit dem Schulversuch PRIMUS befasst. Hier wird die „Gestaltung einer inklusiven Schule im Spannungsfeld des Etikettierungs-Ressourcen-Dilemmas“ beschrieben. Matthias Olk zeigt in seiner Analyse auf, dass die Sozialraumforschung wichtige Bausteine liefern kann, damit zum Beispiel „Diskriminierungserfahrungen von Schüler:innen aus der denkbaren Überlagerung von Behinderungs-, Migrationserfahrung, genderspezifischen Erfahrungen etc. …intersektionalitätssensibel verstehbar…“ (S. 159) gemacht werden.

Lukas Gerhards verdeutlicht in seinem Beitrag, dass die „Wahrnehmung und die Verarbeitung der Umwelt …bei allen Individuen unterschiedlich…und situativ geprägt.“ (S. 162) sei. Diese Neurodiversität gelte es zu nutzen und zwischen Standardisierung und Individualisierung zu pendeln.

Im letzten Kapitel „Internationale Perspektiven“ macht Robert Kruschel einen eindrücklichen Gedankensprung in die Niederlande und beschreibt das Konzept der „vensterschool“ in Groningen, wo es gebündelt transgenerational diverse Angebote im Sozialraum gibt. Den Blick in die USA richtet Christine Becks, die eindrücklich den Zusammenhang politischer, steuerlicher und wirtschaftlicher Faktoren in einer Kommune auf eine Schule beschreibt.

Diskussion

Das sehr wissenschaftlich gehaltene Buch ist eine starke Mischung an unterschiedlichen Sichtweisen auf Schule und ihre Bedingungen im Sozialraum. Die Analyse der einzelnen Beiträge ist verschieden stark von der Praxis bzw. von der Forschung geprägt. Die Bezüge zur Lebenswirklichkeit Schule sind daher different.

Das Werk schafft es vortrefflich, Schule und Sozialraum aus unterschiedlichen Perspektiven heraus zu betrachten und diverse Bereiche zu fokussieren.

Fazit

Ein bedeutsames Werk für alle, die sich intensiv mit der Weiterentwicklung nicht nur der Schule bzw. der schulischen Bildungseinrichtungen befassen möchten, sondern vielmehr quasi „über den Tellerrand“ hinaus schauen möchten. Sie erhalten dabei wertvolle Anregungen für Perspektivwechsel und praktische sowie strukturelle Veränderungsmöglichkeiten, die über die schulische Räumlichkeiten und den nahen Sozialraum hinausgehen.

Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Dipl.Soz.päd., systemischer Familientherapeut, Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule, Kinderschutzfachberater
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Es gibt 67 Rezensionen von Detlef Rüsch.

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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 21.03.2024 zu: Matthias Forell, Gabriele Bellenberg, Lukas Gerhards, Lena Schleenbecker (Hrsg.): Schule als Sozialraum im Sozialraum. Theoretische und empirische Erkundung sozialräumlicher Dimensionen von Schule. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. ISBN 978-3-8309-4712-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31173.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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