Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Helmut Willke: Klimakrise und Gesellschaftstheorie

Rezensiert von Lea Dohm, 22.01.2024

Cover Helmut Willke: Klimakrise und Gesellschaftstheorie ISBN 978-3-593-51792-6

Helmut Willke: Klimakrise und Gesellschaftstheorie. Zu den Herausforderungen und Chancen globaler Umweltpolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2023. 219 Seiten. ISBN 978-3-593-51792-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das vorliegene Buch „Klimakrise und Gesellschaftstheorie“ beschreibt die Art und Weise, wie gesellschaftliche Teilsysteme (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft,…) auf die ökologischen Krisen reagieren und wie dies in einen globalen Kontext eingebettet ist. Es bietet eine umfassende Problembeschreibung v.a. bezüglich der nationalen und globalen Zusammenarbeit und stellt mögliche Lösungsschritte für mehr internationale Kooperation dar.

Autor

Helmut Willke (*1945) ist Soziologe, Jurist und v.a. Professor für Global Governance – somit professionell mit der Frage beschäftigt, wie Menschen globale Probleme koordiniert angehen können. Es wird deutlich, dass er zudem über ein tiefes Verständnis der Dramatik der ökologischen Krisen verfügt.

Entstehungshintergrund

Die ökologischen Krisen, allen voran die menschengemachte Klimakrise, schreiten weitgehend ungebremst voran, während die wissenschaftlichen Prognosen zunehmend düstere Zukunftsszenarien darstellen. Bisherige Versuche, die Krisen einzudämmen, blieben wenig erfolgreich, immer wieder auch durch den Mangel an internationaler Zusammenarbeit und komplizierten, macht-armen bis unmöglichen globalen Abstimmungsprozessen. Ein Buch, das diese Problemlage mit tiefem Verständnis von Global Governance betrachtet, ist daher von erheblicher gesellschaftlicher und humanitärer Relevanz und an Aktualität kaum zu übertreffen.

Aufbau

Neben Einleitung und Ausblick besteht das Buch aus vier Hauptkapiteln:

  1. Ökologische Ausblendungen – die Eigenlogik sozialer Teilsysteme,
  2. Zyklopische Visionen der ökologischen Krise,
  3. Elemente einer globalen Umweltpolitik und
  4. Einblendungen – Überlagerung der Systemlogiken.

Inhalt

Helmut Willke stellt in der Einleitung zum Buch kurz seine grundsätzliche These vor, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme je nach eigener Logik arbeiten und dabei in ihren eigenen Spezialisierungen verhaftet bleiben. Er verbindet dies mit einer klaren Äußerung der Sorge, wie in Zeiten sich zuspitzender ökologischer Krisen zu einer gemeinschaftlichen wirksamen globalen Umweltpolitik gefunden werden kann.

Im ersten Kapitel des Buches „Ökologische Ausblendungen – die Eigenlogik sozialer Teilsysteme“ konkretisiert Willke diesen Befund, indem er die Systemlogiken der Teilsysteme Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft nacheinander vorstellt. Er stellt dar, wie sämtliche Spezialsysteme durch die Brille der eigenen Begrifflichkeiten und Denkmuster auf die ökologischen Krisen blicken. Eine Sonderrolle nimmt demnach die Politik ein, die am ehesten noch einen Steuerungsanspruch innehat, diesen aber mit Blick auf fehlende Mehrheiten und die Abhängigkeit von Wirtschaft und Finanzmärkten kaum ausüben kann.

Inwieweit diese Systemlogiken in der Umweltkrise an ihre Grenzen geraten, wird im zweiten Kapitel „Zyklopische Visionen der ökologischen Krise“ vorgestellt. Willke beschreibt hier anhand vieler Beispiele, wie einzelne Weltsysteme (z.B. WHO, WTO oder IOC) sich zunehmend auch global emanzipieren und in ihren eigenen Regeln die Nationalstaaten entmachten. Vertieft wird dies an den Beispielen des globalen Finanz- und Wissenschaftssystems dargestellt. Hier wird erstmals auch die sich vollziehende Entwicklung von der Industrie- in eine Wissensgesellschaft benannt und beschrieben. Der Autor stellt fest, dass eine systemische Sicht auf die Gesamtsituation fehle, die Weltsysteme und sozialen Teilsysteme in ihren eigenen Logiken verhaften und es somit an konstruktiver Zusammenarbeit im großen Umfang fehle.

Im dritten Kapitel „Elemente einer globalen Umweltpolitik“ werden dem Fehlen globaler verbindlicher Entscheidungen konstruktive Lösungsmöglichkeiten entgegengesetzt. Willke beschreibt hier ein konkretes schrittweises Vorgehen hin zu einer Global Governance – Umweltpolitik in Form eines Weltkongresses für globale Ökologie. Ein solcher Weltkongress könne auf Basis des IPCC gegründet werden und seine Arbeitsfähigkeit durch das Vorlegen überzeugender Entscheidungsoptionen beweisen. Er stellt dar, wie das bisherige internationale Vorgehen mittels COP und IPCC nur begrenzte Wirksamkeit entfalten konnte und entwickelt aus dieser Diagnose die Idee eines Weltkongresses als feste Institution an einem festen Ort, der die Fehler der Vergangenheit vermeiden könnte.

Systemwechsel, wie sie zur Bewältigung der ökologischen Krisen nötig sind, brauchen das Zusammenfügen unterschiedlicher Systemlogiken mit dem gemeinsamen Ziel der Entwicklung „strategischer Resilienz“ (= dem Vermeiden systembedrohender Fehler). Wie dies gelingen kann, wird in dem vierten und letzten Kapitel „Einblendungen – Überlagerung der Systemlogiken“ dargestellt. Der Autor stellt hier z.B. dar, wie die Ökonomie heute vor der Herausforderung steht, die eigene auf Preise und Finanzen beschränkte Logik durch neue Entscheidungsprämissen und Relevanzkriterien auszuweiten. Gleichzeitig gerate die Wissenschaft zunehmend in praktische Handlungsverantwortung, zumal sie z.B. mit ihrem Blick auf die Fakten politische Positionen begründen und anzweifeln kann. Die Politik selbst habe nun die Aufgabe, ihre Entscheidungsfindungen auf die Rahmenbedingungen einer ökologisch gefährdeten Wissensgesellschaft umzustellen, was vor allem eine deutliche Aufwertung von Fachexpertise bedeute.

Willke beendet sein Buch mit einem Ausblick, in dem er selbst anerkennt, dass die Gründung des von ihm vorgeschlagenen Weltkongresses schwer und unwahrscheinlich sei. Er beendet sein Buch mit den folgenden Worten: „Die Welt ist aus den Fugen. Ob die Apokalypse abgewendet werden kann, muss sich erst noch erweisen.“ (S. 209).

Diskussion

Helmut Willkes Sprache ist wissenschaftlich, seine Themensetzung interdisziplinär und voraussetzungsvoll. Er begründet seine Ausführungen umfangreich und tiefgreifend – zeitweise eine Überflutung an Informationen! – zumal viele einzelne Sätze das Potenzial innehaben, sich längerfristig mit ihrem Inhalt beschäftigen zu wollen oder zu müssen, um sich selbst ansatzweise ein Urteil bilden zu können (Beispiel: „Demokratie ist nicht an die klassische Form einer ausschließlichen Dominanz von Input-Legitimität (durch faire Wahlen) gebunden. Es wird denkbar, dass zusätzliche Möglichkeiten der Beschaffung von Legitimität (…) die Qualität von Demokratie nicht beeinträchtigen“, S. 199).

Vor allem in den ersten beiden Kapiteln dominiert eine umfassende und leider auch einleuchtende sozialwissenschaftliche Problembeschreibung, die das Potenzial hat, Lesende ratlos, schlechtestenfalls auch hoffnungslos zurückzulassen. Die naturwissenschaftliche Problembeschreibung wird angenehmerweise ausgelassen bzw. vorausgesetzt, zumal sie die zeitweise ausgelöste „Problemtrance“ vermutlich eher verstärkt hätte. Von besonderem Wert und eine erleichternde Auflösung ist daher das im dritten Kapitel vorgestellte Vorgehen zur Etablierung eines Weltkongresses für globale Ökologie. Neben der Begeisterung über die dargestellten konkreten Handlungsschritte macht sich allerdings schon beim ersten Lesen die vom Autor offen geteilte Sorge breit, dass diese Weiterentwicklungen in dieser Form nie stattfinden werden. Es entsteht eine eher dystopische Stimmung, glücklicherweise immer wieder aufgelockert von Aspekten, die Inspiration für die eigene Arbeit in diesem Feld bieten.

Hilfreich ist Willkes Argumentationslinie, die die nötige sozial-ökologische Transformation mit der Transformation weg von der Industrie- hin zu einer Wissensgesellschaft verknüpft. Hier ergeben sich weitreichende Handlungsmöglichkeiten und wiederum Inspiration insbesondere auch für Führungskräfte aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft.

Aufgrund der sich zuspitzenden Brisanz der ökologischen Krisen und ihrer tödlichen Folgen erscheint es mehr als wünschenswert, dass die Inhalte eine große Menge an Menschen erreichen und schließlich in praktischer Umsetzung münden. Dafür wäre sicherlich eine vereinfachte Sprache sehr hilfreich, auch um mehr Barrierefreiheit für Menschen mit weniger sozialwissenschaftlicher Vorbildung zu erreichen.

Fazit

Helmut Willke hat mit seinem Buch auf voraussetzungsvolle Weise eine tiefgreifende und fundierte Analyse zur Global Governance im Bereich der Umweltpolitik zur Verfügung gestellt. Das Buch empfiehlt sich insbesondere für Menschen, die bereits über Vorwissen im Bereich der Sozialwissenschaften und der praktischen Arbeit in sozial-ökologischen Transformationsprozessen verfügen. Es ist mit der Lektüre sehr gut möglich, die eigene Arbeit in einen größeren Rahmen zu fassen, ggf. dadurch ihre Wirksamkeit zu steigern und eigene Wissenslücken zu schließen.

Rezension von
Lea Dohm
Website
Mailformular

Es gibt 2 Rezensionen von Lea Dohm.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lea Dohm. Rezension vom 22.01.2024 zu: Helmut Willke: Klimakrise und Gesellschaftstheorie. Zu den Herausforderungen und Chancen globaler Umweltpolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2023. ISBN 978-3-593-51792-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31184.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht