Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Nancy Fraser, Smail Rapic (Hrsg.): Wege aus dem Kapitalismus?

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 15.12.2023

Cover Nancy Fraser, Smail Rapic (Hrsg.): Wege aus dem Kapitalismus? ISBN 978-3-495-48987-1

Nancy Fraser, Smail Rapic (Hrsg.): Wege aus dem Kapitalismus? Autorengespräche mit Colin Crouch, Nancy Fraser, Claus Offe, Wolfgang Streeck und Joseph Vogl. Verlag Karl Alber (Baden-Baden) 2023. 610 Seiten. ISBN 978-3-495-48987-1. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 32,50 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Kapitalismuskritik ist Gerechtigkeitsanspruch

Die über Jahrzehnte hinweg gepflegte und postulierte Auffassung, dass der Kapitalismus das natürliche, gerechte, demokratische und nützliche Wirtschafts- und Lebensmodell für das menschliche Dasein auf der Erde sei, ist spätestens vor einem halben Jahrhundert ins Wanken geraten: Die Grenzen des ökonomischen Wachstums seien erreicht, wie dies 1972 Wissenschaftler des Massachusetts MIT zum Ausdruck brachten, und wovor die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ vor rund drei Jahrzehnten aufforderte: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Die Ungerechtigkeiten in der Welt nehmen zu: Die bereits Wohlhabenden werden lokal und global immer reicher, und die Habenichtse immer ärmer! Für diese Entwicklung ist ohne Zweifel das kapitalistische System verantwortlich. Die Warnungen und Lösungsvorschläge liegen seit langem auf dem Tisch; etwa wenn Elmar Altvater 2005 feststellte, dass das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, angebrochen sei; wenn Paul Collier 2019 einen „Sozialen Kapitalismus“ forderte; oder wenn Joseph Stiglitz 2020 als Preis der Freiheit empfahl, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

„Wege aus dem Kapitalismus“ finden, das sind Herausforderungen, wie sie sich erneut seit der Weltwirtschaftskrise von 2008 ergeben. Die Frage, ob eine Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit evolutionär oder revolutionär erreicht werden kann, bestimmt den wissenschaftlichen Diskurs: „Lässt sich der Kapitalismus demokratisch reformieren? – Sind alternative Wirtschaftssysteme denkbar, die nicht in einen autoritären Staatssozialismus oder -korporatismus zurückfallen?“, das sind die humanen Anforderungen, die gelöst werden müssen. In den an der Universität Wuppertal stattfindenden „Autorengesprächen“ wurde mit Expertinnen und Experten, Fachleuten und WissenschaftlerInnen diskutiert, „does Capitalism have a Future“; und es wurde nach Wegen für alternative, menschenwürdigere Systemen gesucht: Im November 2016 mit der an der New School in New York City lehrenden Philosophin, Politikwissenschaftlerin, Feministin und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, Nancy Fraser; März 2017 mit dem Literatur-, Kultur-, Medienwissenschaftler und Philosophen Joseph Vogl von der Berliner Humboldt-Universität (seit 1.10.23 in Ruhestand); März 2018 mit dem Politikwissenschaftler, Soziologen und Fellow der British Academy von der University of Warwick, Colin Crouch; November 2019 mit dem Politikwissenschaftler und Soziologen von der Humboldt-Universität (em.) und Mitglied des Professoriums der Berliner Hertie School of Governance, Claus Offe; Juli 2022 mit dem Soziologen Wolfgang Streeck vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln (em.). Der Philosoph von der Bergischen Universität Wuppertal, Smail Rapic, gibt den Sammelband heraus. Die in den „Wuppertaler Gesprächen“ kontrovers diskutierten Bestandsaufnahmen, Analysen und Perspektiven, ob und wie es gelingen kann, das kapitalistische, neoliberale System zu verändern, münden in der Einsicht, dass die (auch) durch kapitalistische Macht beeinflussten, demokratischen Veränderungen hin zu anti- und postdemokratischen, diktatorischen, rechtsradikalen, fundamentalistischen und populistischen, lokalen und globalen Entwicklungen gestoppt werden müssen: „Das Machtgefälle zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen, das für den Kapitalismus essentiell ist, spitzt sich in der neoliberalen Ära soweit zu, dass die Demokratisierungsgewinne rückgängig gemacht wurden, die mit der Ablösung des Feudalismus durch den Kapitalismus einhergingen“. Der Nomos-Verlag hat am 8. Juli 2023 einen Podcast ins Netz gestellt, in dem in einer Podiumsdiskussion zwischen Joseph Vogl, Claus Offe, Wolfgang Streeck und Smail Rapic, moderiert von Andreas Arndt, die aktuellen Fragen in einem weiterführenden (marxistischen) Duktus thematisiert werden.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung durch Smail Rapic, wird der Sammelband in fünf Teile gegliedert.

Im ersten Teil „Autorengespräch mit Nancy Fraser über die Krise des Kapitalismus“ werden in englischer Sprache die bestimmenden, kritischen, wissenschaftlichen Arbeiten der Autorin abgedruckt und kommentiert; z.B. mit der provozierenden Feststellung, „why Two Karls are better than one“, indem Nancy Fraser dazu auffordert, Marx kritisch zu lesen und dabei die in Karl Paul Polanyis (1886 – 1964) soziologischem Werk „The Great Transformation“ (1944) formulierten Argumentationsmuster zu berücksichtigen. Die Flensburger Philosophin Anne Reichold thematisiert „Structures of Normativity in Nancy Fraser’s Critical Theory of Crisis“. Der Magdeburger Philosoph Georg Lohmann (1948 – 2021) setzte sich auseinander mit „A Critical of Marx Revision of Nancy Fraser’s ‚Expropriation and Exploitation in Radicalized Capitalism‘“. Die Philosophin Jo Moran-Ellis von der University of Sussex fragt „The Limits of Market? Social Reproduction, Care and Capitalism“. Die Gießener Politikwissenschaftlerin Regina Kreide diskutiert „Inequality and the Loss of Democracy“. Wolfgang Streeck vergleicht „Movement and Countermovement: Nancy Fraser and the Difficult Relationship between Enslavement and Liberation“. Den ersten Teil schließt Nancy Fraser ab mit dem Beitrag: „System Pressures, Normative Hopes, and Capitalist Crisis“, indem sie ihr Fragen, ihre Kritik und ihre Auseinandersetzung mit „Marx, Engels, and me“ auf den Tisch legt.

Teil II: Autorengespräch mit Joseph Vogl über das Finanzregime. Der Gesprächspartner Vogl reflektiert in der Einleitung die Vorgänge, die Entwicklungen und globalen Wirkungen der Finanzkrise(n) und formuliert zur Finanz- und Marktökonomie fünf Thesen: „Als Marktform eigener Sorte hat das Finanzregime einen diagrammatischen Charakter angenommen“ – „Es hat sich eine Wende von einem regierungsgesteuerten zu einem marktgesteuerten Finanzsystem vollzogen“ – „Die Prozesse der Finanzialisierung … haben zu einer Lage geführt, in der ein Höchststand an privaten Vermögen einem Rekord an privater (und öffentlicher) Verschuldung gegenübersteht“ – „Die Krisen sind stationär geworden“ – „Die Erhöhung systemischer Krisen (kann) nicht mehr durch Wachstumsaussichten kompensiert werden“. Der Wuppertaler Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Pfriem stellt mit „Rekonstruktion und Transformation“ Überlegungen zu Vogls Literatur an. Der Philosoph Tobias Nikolaus Klass setzt sich mit „Allegorien des Gespenstischen“ mit Vogls Interpretation von der „Hantologie des Kapitals“ auseinander. Auch der Soziologe Peter Imbusch nimmt mit „Gespenster der Macht“ Vogls Benennung des Verhältnisses von Macht und Herrschaft auf. Wolfgang Streeck fragt: „Was tun?“, indem er sich mit der negativen Dialektik und dem alltagspraktischen Optimismus-Gebot beschäftigt; ebenso derselbe mit der Frage nach „The Fourth Power“. Smail Rapic fasst in seinem Essay „Die neuzeitliche Gouvernementalität und das Kapital“ Vogls Forschungen zusammen und fragt, „ob diese Gesellschaftsformation sozialistisch ist bzw. sein soll oder eine Alternative zum Finanzregime innerhalb des kapitalistischen Grundgerüsts bildet“. Darauf erwidert Joseph Vogl mit historischen und aktuellen Argumenten, durchaus hoffnungsvoll und realistisch: „Alles lässt sich ändern, nur nicht gleichzeitig“.

In Teil III: Autorengespräch mit Colin Crouch über Demokratie und Kapitalismus, kommt der Autor mit seinem in englischer Sprache verfassten Beitrag „Introductory Statement“ zu Wort. Wolfgang Streeck setzt sich mit „Democracy, Postdemocracy, and the Nation-state“ mit Crouch’s Forschungen auseinander. Der Sozialwissenschaftler von der University of Sussex, Darrow Schecter, nimmt mit „The Post-Democracy Thesis and Statehood in the twentyfirst Century“ die transformatorischen Gedanken zum Anlass und reflektiert und erweitert sie. Der Soziologe William Outhwaite von der Universität Newcastle bezieht sich mit dem Beitrag „The Corruption of Markets, Knowlege, Politics etc“ auf Chrouch’s Forderungen nach Einheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Regina Kreide greift mit dem Beitrag „Democatic Socialism oder Why the Danish Model of Social Democracy is not Enough“ in die national-europäische Diskussion und Entwicklung ein, indem sie herausstellt, dass es zum „Anti-racist-socialism“ keine humane Alternative gibt. Smail Rapic stellt in seiner Zusammenfassung des Dialogs – auf jede Argumentation und Reflexion antwortet dialogisch Crouch – die Frage: „Does Socialisme Have a Future?“. Er nimmt die politischen Analysen Crouch’s auf, wie die Auflösung der Sowjetunion, die Beendigung (?) des Kalten Krieges und die “Abwicklung“ von sozialistischen Theorien, Gedanken und Konzepten vom aktuellen, globalen, konfrontativen, west-östlich-asiatischen Diskurs aufgenommen werden.

Teil IV: Autorengespräch mit Claus Offe über Strukturprobleme des kapitalistischen Staates heute. Der Soziologe David Strecker nimmt den aktuellen Diskurs mit dem Beitrag „Spätkapitalismus 2.0: Gesellschaftliche Integration und der Strukturwandel der Kolonialisierung der Lebenswelt“ (in deutscher Sprache) auf, indem er historisch und reflexiv die Entwicklung des Kapitalismus und der Kapitalismuskritik aufzeigt: „In jedem Fall erlaubt erst ein klares Bild der bestehenden funktionalen Zusammenhänge, die Ursachen gegenwärtiger Probleme hinter der ‚geräuschvollen Oberfläche‘ des sozialen Alltags zu identifizieren, Alternativen zu konturieren und dem Mangel des Bewusstseins für Alternativen entgegenzuwirken“. Wolfgang Streeck nimmt mit dem Beitrag „Krisentheorie gestern und heute“ Offes Forschungen über „Strukturprobleme des kapitalistischen Staates (1972) zum Anlass, an den gesellschaftspolitischen, ethischen und moralischen Anspruch zu erinnern: „Wer über Demokratie reden will, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“. Smail Rapic unternimmt mit dem Beitrag „Kapitalistischer Staat“ den Versuch, zu einer akzeptablen, aussagekräftigen, ressistenten Begriffsbestimmung zu kommen. Mit Offes Bestimmung des kapitalistischen Staates als „marktzentrierte… Gegenmacht gegen die empirischen Interessen von Einzelkapitalien“, ergibt sich die Alternative: Kapitalistische Macht der herrschenden Klasse zu brechen. Georg Lohmann fragt: „Soziale Menschenrechte – Überforderung oder Rückgrat des Sozialstaates? Der Bremer Politikwissenschaftler Frank Nullmeier stellt fest. „Null-Optionen. Eine Welt ohne Steigerungszwang“. Der lokale und globale Diskurs um „Postwachstum“ variiert zwischen den Herausforderungen der Demokratisierung von ökonomischen Transaktions- auf der einen, und der Auseinandersetzung über die Befriedung von Anerkennungsprozessen bei Positionalitätskonflikten. Die Politikwissenschaftlerin Maria Behrens reflektiert die Entwicklung „Von der nationalstaatlichen Demokratie zum geopolitischen Monopoly“. Der historische Aufriss verdeutlicht die globale Entwicklung hin zur „Entgrenzung des Kapitals“. Der Zürcher Philosoph Lutz Wingert fordert: „Reform statt Disruption. Zur Logik des Kapitalismus“. Dilemmata und Ansprüche werden deutlich: „Business as usual“, „anything goes“ und „throughput growth“ sind keine Lösungen. Reformen hin zu gerechteren, humanen, nachhaltigen Entwicklungen sind notwendig und möglich. Der Ökonom und Entwicklungsexperte David Löw Beer und die Politikwissenschaftlerin Patrizia Nanz diskutieren mit ihrem Beitrag „Demokratie und Strukturwandel“ die deutschen bundesstaatlichen Verläufe zu Fragen nach Klimagerechtigkeit, Gemeinwohlorientierung und Perspektivenwechsel. Sie identifizieren dabei drei grundlegende, gesellschaftliche Anforderungen und Veränderungsprozesse: „Transparenz und Flexibilität“ – „Distributive und anerkennungsbasierte Gerechtigkeit“ – „Legitimität und Gemeinwohlorientierung“. Claus Offe reagiert mit seinem Beitrag „Dank und Erwiderung“ auf die thematisierten Überlegungen der Diskutanten und ordnet sie in seine Forschungen ein.

Teil V: Autorengespräch mit Wolfgang Streeck über Staatensysteme und die Regierbarkeit des ausgehenden Neoliberalismus. Streeck führt ein mit Vorbemerkungen zu den Fragen nach „Arbeit, Kapitalismus, Staaten, Europa“. Die intellektuelle, wissenschaftliche, kritische Auseinandersetzung mit dem „hyperglobalisierten neoliberalen Eine-Welt(Macht, JS) Kapitalismus“ braucht überzeugende, überlegte und überblickende Argumente, die orientiert und eingebunden sind in ein neues, politisches, individuelles und kollektives, demokratisches Bewusstsein. Smail Rapic nimmt „Streecks These vom Ende des Kapitalismus“ (2016) auf und konfrontiert sie mit den aktuellen, krisenhaften und kriegerischen Zuständen in der Welt. Colin Crouch thematisiert mit dem Beitrag „Kapitalismus verstehen“ Streecks Forschungen, bestätigt und entgegnet seinen Einschätzungen zur Globalisierung und den Forderungen nach Deglobalisierung. Einig ist er sich mit Streeck darin, dass Veränderungsprozesse hin zu Protektionismus und ökonomischen Nationalismus keine Wege zur Veränderung und Abschaffung des Kapitalismus sind. Der Soziologe Christoph Deutschmann nimmt mit dem Beitrag „Francis Fukuyama’s ‚End of History‘. Eine Kritik aus heutiger Sicht und der Beitrag Wolfgang Streecks“ den kontroversen Diskurs um die Zukunft der Demokratie auf. Im Vergleich der beiden Theoriebildungen, wie auch mit denen anderer Theoretiker (z.B. mit Klaus Polanyi, Hayek…) entstehen durchaus (gedämpfte) Hoffnungen aufm „eine nicht länger allein durch Kapitalinteressen beherrschte… Ökonomie, die auch den Belangen des Klimaschutzes die gebührende Priorität einräumen könnte“. Lutz Wingert stellt mit seinem Text „Größe und Grenzen der Demokratie. Über die Kunst, Komplexität zu zerlegen, ohne dabei den Verstand zu verlieren“, Überlegungen zu Steecks Buch „Zwischen Globalismus und Demokratie“ (2021) an. Es ist die Balance, zwischen zentralen und dezentralen, lokalen und globalen, hierarchischen und gemeinwohlorientierten Entwicklungen die richtigen Lösungen und Konzepte zu finden. Der Soziologe Jens Beckert geht mit seinem Beitrag „Dilemmata des globalen Kapitalismus in der Klimakrise“ auf Streecks Ausführungen über die Klimapolitik ein. Die Klimakrise in der Welt entwickelt sich zunehmend von einem naturwissenschaftlichen hin zu einem sozialwissenschaftlichen Problem und gefährdet menschliches, tierisches und pflanzliches Leben. Der Ökonom Reinhard Pfriem unterstützt mit dem Beitrag „Zur Vielfalt der Krisen: Ökologische, kulturalistische und evolutionstheoretische Erweiterungen“, Streecks Forderungen und ergänzt sie durch Reflexionen und Lösungsansätze, wie zentralistische, ego-, ethnozentristische und nationale Entwicklungen zu devolutionären werden können. Wolfgang Streeck erwidert im Abschlusstext „Krisen, Entglobalisierung, Komplexität und der Keynes-Polanyi-Staat. Mit der im Wahrscheinlichkeitsduktus formulierten Aussage: „Was bleibt zu tun, wenn man vielleicht doch etwas tun könnte?“, hofft er auf die subversive Kraft, dass „aus der Not des Zerfalls der Zentralisierung… neue Formen demokratischer Beteiligung an Politik und Wirtschaft…, gegen Merkatokratie, Technokratie und Bürokratie“ entstehen, leb- und erlebbar werden.

Diskussion

Die engagierten, notwendigen, aufwändigen und anstrengenden Fragen, welche Wege aus dem Kapitalismus gegangen werden können – Hier, Heute und Morgen – haben bei den Autorengesprächen an der Universität Wuppertal ein vielfältiges Echo gefunden. Es sind die Herausforderungen der globalen Jetzt- und der zukünftigen Dann-Zeit, die individuelle und kollektive, lokale und globale, ethische, moralische und politische Antworten erfordern (vgl. dazu auch: Barren Allen, 33 Mythen des Systems. Ein radikaler Leitfaden durch die Welt und uns selbst, 2023, 208 S.). Die in den Jahren 2016 bis 2022 durchgeführten „Wuppertaler Gespräche“ werden im Sammelband „Wege aus dem Kapitalismus“ zu recht mit einem Fragezeichen versehen. Denn die Menschheit ist auf den unbestimmten Weg, bei dem zwar der Eingang – das kapitalistische Pflaster – bekannt ist, jedoch Zielrichtung und Ausgang unbekannt und umstritten sind. Viele Konstrukteure und Bauarbeiter sind engagiert und beschäftigt, die Wege zu glätten, auszubessern, die Schlaglöcher zu füllen, und auch gehbarere Um- und neue Wege anzulegen: Nancy Fraser, Joseph Vogl, Colin Crouch, Claus Offe, Wolfgang Streeck. Kapitalismus als „Allesfresser“ (Nancy Fraser,2023), als Gespenst (Joseph Vogl, 2010), Postdemokratie (Colin Crouch, 2021), „horizontale Disparität“ (Claus Offe), Globalismus (Wolfgang Streeck, 2021).

Für die wissenschaftliche Lektüre der Dokumentation wäre es hilfreich und nützlich, im Anhang des Buches biographische Informationen über die Gesprächsbeteiligten zu erhalten.

Fazit

Es handelt sich um ein umfassendes Werk, als Dokumentation der innovativen, globalen, differenzierten Dialoge zur Kapitalismuskritik an der Bergischen Universität Wuppertal und als Handbuch für den ökonomischen, ökologischen und ethischen Gegenwarts- und Zukunftsdiskurs. Mit dem 10seitigen Sachregister werden die Möglichkeiten aufgezeigt, selbst (weiter) zu denken. Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, auch kein menschenwürdiges, gerechtes System, sondern eine menschengemachte Ideologie (Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1650 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.12.2023 zu: Nancy Fraser, Smail Rapic (Hrsg.): Wege aus dem Kapitalismus? Autorengespräche mit Colin Crouch, Nancy Fraser, Claus Offe, Wolfgang Streeck und Joseph Vogl. Verlag Karl Alber (Baden-Baden) 2023. ISBN 978-3-495-48987-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31187.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht