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Ulrich Binder (Hrsg.): »Irritation« in der Erziehungswissenschaft

Rezensiert von Michael Mayer, 01.12.2023

Cover Ulrich Binder (Hrsg.): »Irritation« in der Erziehungswissenschaft ISBN 978-3-7799-6845-0

Ulrich Binder (Hrsg.): »Irritation« in der Erziehungswissenschaft. Erscheinungsformen, Funktionen und Leistungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 193 Seiten. ISBN 978-3-7799-6845-0. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.

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Thema

Die Corona-Pandemie hat weltweit für Irritationen gesorgt. Sie hat Fragen aufgeworfen, die zunächst nicht beantwortet werden konnten. Eine Irritation verunsichert, sie stellt das Übliche und Erwartete infrage. Sie fordert unser kognitives System heraus, indem sie auf etwas Ungewohntes und Fremdes verweist. Dies führt zu einer kognitiven Aktivierung, die unser Interesse wecken, aber auch Widerstand und Abwehr hervorrufen kann. In der Erziehungswissenschaft wird die Irritation als ein bedeutendes Motiv für das Lernen von Menschen verstanden. Und auch die Forschung, insbesondere die qualitative Forschung, nutzt die Irritation, da in ihr Neues entdeckt werden kann.

Herausgeber

Ulrich Binder ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Fragen der Konstruktion, Definition, Legitimation oder Distribution von pädagogischem und erziehungswissenschaftlichem Wissen und dessen interdisziplinären und gesamtgesellschaftlichen Wirkungen.

Aufbau und Inhalt

In seiner Einleitung macht Ulrich Binder deutlich, dass er die Irritation als einen Motor für Entwicklungen in Wissenschaft und Lehre versteht. Sein Sammelband zu Erscheinungsformen, Funktionen und Leistungen von „Irritation“ in der Erziehungswissenschaft versammelt Beiträge aus vier Perspektiven:

  1. Irritation als Anlass für Forschung
  2. Irritation im Prozess der Forschung
  3. Irritation als Resultat von Forschung und
  4. Re-Irritation in der universitären Lehre.

Am Beginn einer Forschung steht immer eine Art Frage, die auf etwas noch Unbekanntes verweist und vielleicht auch Ausdruck einer Irritation ist. Im ersten Teil des Sammelbandes beschäftigen sich die Beiträge mit der Irritation als Forschungsanlass.

  • In einem empirischen Beitrag untersucht Carlo Schmidt Irritation in der Erziehungswissenschaft am Beispiel von Beiträgen zur schulischen Ungleichheitsdebatte in der Zeit vor der Corona-Pandemie (2018 und 2019) und während der Pandemie (2020 und 2021).
  • Anschließend setzt sich Anke Redeker mit der Bereitschaft zur Irritation auseinander. Sowohl Forschung als auch Bildung setzen voraus, dass Gewohntes kritisch hinterfragt wird. Und damit auch die Bereitschaft, das Herkömmliche erschüttern zu lassen.
  • Malte Ebner von Eschenbach und Ottfried Schäffler stellen die Aporie, also die Ratlosigkeit, als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse heraus.
  • Auf die unbequeme Forschung zum Thema universitäre Lehre macht Imke Kollmer aufmerksam. Da immer aus einer Art Innenperspektive geforscht werde, entstünden dabei auch Irritationspotenziale.

Auch Forschungsprozesse sind voller Irritationen, die von den Forschenden bewältigt werden müssen oder manchmal auch von den Forschenden bewusst erzeugt werden, um sich dem Material zu entfremden. Der zweite Teil der Beiträge befasst sich mit Irritationen in Forschungsprozessen.

  • Katharina Graalmann, Sylvia Jäde, Nora Katenbrink und Daniel Schiller rekonstruieren in einer Einzelfallstudie eine Arbeitssitzung ihrer qualitativen Interpretationsgruppe. Für sie sind Interpretationsgruppen Orte, an denen Irritationen erwünscht und willkommen sind. Dies wird in ihrer Analyse deutlich. Es zeigt sich aber auch, dass bestimmte Irritationen „draußen bleiben“ müssen.
  • In einem theoretischen Beitrag geht Robert Schneider-Reisinger der intuitiven Form der Selbst-Evidenz menschlicher Welterkenntnis nach, die angesichts einer sozialwissenschaftlich verstandenen Objektivität irritierend wirkt.

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung können Irritationen auslösen, die zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung führen können. Im dritten Teil der Beiträge beschäftigt sich mit Irritationen durch Forschungsergebnisse.

  • Susann Hofbauer betrachtet die Produktion von Irritation durch erziehungswissenschaftliche Forschung aus einer systemtheoretischen Perspektive. Irritationen erzeugen demnach Kommunikation, die im System einen Lernprozess auslösen kann oder aber als Störung abgewehrt wird.
  • Auf den Widerspruch pädagogischer Praxis, die einerseits möglichst strukturiert geplant sein, andererseits aber auch Irritationen hervorrufen soll, verweist Florian Dobmeier. Als erste Ergebnisse seiner laufenden Dissertation beschreibt er drei Modi der Bearbeitung von Irritationen in der Pädagogik: Nichtung, Entschärfung oder Aneignung.

In der Pädagogik ist die Irritation ein zentraler Lehrmodus. Im vierten Teil beschäftigen sich die Beiträge mit Re-Irritationen in der universitären Lehre.

  • Maren Oldenburg und Alessa Schuldt beschreiben am Beispiel eines Hochschulseminars, wie ein produktiver Umgang mit Irritationen in der Hochschullehre aussehen kann. Dabei verstehen sie Irritation als Verschiebung bestehender Wissenskonfigurationen.
  • Für den Umgang mit Unsicherheit zeigen Thomas Wendt und Andreas Schröer auf, dass Erziehungswissenschaft und Organisationstheorie voneinander lernen können, da der Umgang mit Irritationen sicherheitsstiftende Routinen erfordert.
  • Aus einer phänomenologischen Perspektive von Selma Haupt und Juli Riebel ist Lernen eine leibliche Erfahrung, die aus irritationsbedingten Erfahrungen resultiert.
  • André Epp betrachtet Irritation als Erkenntnisfenster in qualitativen Forschungswerkstätten. Er illustriert dies an exemplarischen Situationen aus zwei unterschiedlichen Forschungswerkstätten.

Diskussion

Ulrich Binder hat einen Sammelband zusammengestellt, der verschiedene Perspektiven auf das Phänomen der Irritation in der Erziehungswissenschaft beleuchtet. Im Mittelpunkt steht die Bedeutung der Irritation für die erziehungswissenschaftliche Forschung und Lehre. Die einzelnen Beiträge können überwiegend überzeugen. So finden sich in dem Sammelband interessante theoretische Überlegungen, die häufig aus einer systemtheoretischen Perspektive auf Irritation in der Erziehungswissenschaft blicken. Daneben finden sich aber auch empirische Beiträge, die sich beispielsweise mit Irritationen in Forschungswerkstätten beschäftigen. Interessant sind nicht nur die vier Perspektiven auf Irritation in der Erziehungswissenschaft, sondern auch die unterschiedlichen Akzente in der Definition dessen, was unter Irritation verstanden wird.

Fazit

Der Sammelband über Irritation in der Erziehungswissenschaft bietet spannende Perspektiven. Die Beiträge untersuchen das Phänomen als Forschungsanlass oder im Forschungsprozess. Auch die Irritation durch Forschungsergebnisse sowie die Re-Irritation als Lehrmodus in der universitären Lehre werden thematisiert. Insgesamt bieten die zwölf Beiträge interessante Anregungen für die Auseinandersetzung mit Irritation in Bildung, Lehre und in der Erziehungswissenschaft.

Rezension von
Michael Mayer
M. A. soziale Verhaltenswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Philosophie, Supervisor, Krankenpfleger für Psychiatrie, Leitung Akademie der Bezirkskliniken Schwaben.
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Es gibt 10 Rezensionen von Michael Mayer.

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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 01.12.2023 zu: Ulrich Binder (Hrsg.): »Irritation« in der Erziehungswissenschaft. Erscheinungsformen, Funktionen und Leistungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-6845-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31199.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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