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Sabine Hebenstreit-Müller, Frauke Hildebrandt (Hrsg.): Denken lernen

Rezensiert von Dipl. Päd. Nicole Dern, 04.03.2024

Cover Sabine Hebenstreit-Müller, Frauke Hildebrandt (Hrsg.): Denken lernen ISBN 978-3-96791-010-0

Sabine Hebenstreit-Müller, Frauke Hildebrandt (Hrsg.): Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern aus Forschung und Praxis. Was mit Kindern GmbH (Berlin) 2022. 251 Seiten. ISBN 978-3-96791-010-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Im Sammelband „Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern“ wird die Bedeutung der Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen im Sinne gemeinsamer Denk- und Aushandlungsprozesse herausgestellt. Der Zusatz auf dem Cover „Aus Forschung und Praxis“ spiegelt das Ansinnen des Werkes, theoretische und praktische Impulse aufzunehmen und zu setzen. Hierbei geht es ganz ausdrücklich auch darum, ein Verständnis von Selbstbildungsprozessen kritisch zu diskutieren, welches die Rolle erwachsener Interaktionspartner:innen zu stark vernachlässigt.

Das Werk hat das Anliegen, die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern im Sinne des gemeinsamen Denkens als wichtige pädagogische Tätigkeit zu stärken und damit nicht nur Qualität zu beschreiben, sondern auch wesentliche Impulse für die Praxis zu geben und zugleich Forschungsdesiderate zu benennen. Im Sinne pädagogischer Qualität zeigen Forschungen seit Jahren die Wichtigkeit von hoher pädagogischer Interaktionsqualität für eine gelingende Bildung, Betreuung und Erziehung auf. Dies will das Werk unterstreichen.

Herausgeber:innen

Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller ist Honorarprofessorin an der Universität Halle-Wittenberg, und Vorsitzende von eec deutschland, sowie Vorstandsmitglied im Verein „Early Excellence – Zentrum für Kinder und ihre Familien“. Sie ist tätig im Feld Organisationsberatung, Evaluation und Weiterbildung.

Prof. Dr. Frauke Hildebrandt ist Professorin für Forschung und Praxisentwicklung in der Pädagogik der Kindheit. Stellvertretend leitet sie den kooperativen M. A.-Studiengang „Frühkindliche Bildungsforschung“ der Fachhochschule Potsdam und der Universität Potsdam.

Die Autor:innenschaft des Sammelbandes ist im Rahmen der Themengebiete aus theoretischer wie praktischer Perspektive von breiter Erfahrung gekennzeichnet.

Aufbau und Inhalt

Im Sammelband „Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern“ kommen auf 251 Seiten Autor:innen aus Theorie und Praxis zusammen, um die Bedeutung qualitativ hochwertiger Interaktionen zwischen Kindern und Erwachsenen für die kindliche Entwicklung stärker in den Fokus zu rücken. Bereits im Titel des Sammelbandes wird deutlich, dass es zum einen um Erkenntnisse geht, also um die Frage danach, was wir wissen und was wir wissen sollten; zum anderen wird auch mit Blick auf das Inhaltsverzeichnis die Praxisnähe im Sinne von Anregungen deutlich. In einer kurzen Einleitung wird neben der grundsätzlichen Denkrichtung des Werkes auch ein grober Überblick über den Inhalt vorgestellt.

Die Beiträge sind in vier Kapitel gegliedert. „1. Wie Dialoge gelingen können“ nimmt in vier Beiträgen eine zunächst eher übergeordnete theoretische Perspektive ein, schließt dann jedoch mit einem konkreten Beitrag zur Bewältigung kindlicher Konfliktsituationen. Der zweite Abschnitt stellt in vier Beiträgen das kindliche Explorieren und Imaginieren in den Mittelpunkt, bevor ein zwei Beiträge umfassendes Kapitel sich mit kognitiv-feinfühligen Interaktionen befasst. „4. Kognitiv anregende Dialoge in der Praxis führen“ ist mit drei Beiträgen das letzte inhaltliche Kapitel. Das Werk schließt mit der Vorstellung der Autor:innen.

Kapitel „1. Wie Dialoge gelingen können“ beginnt mit einem Beitrag, der als „Schlüsseltext“ (S. 10) für den Band benannt wird. Sabine Hebenstreit-Müller legt mit dem Titel „Mit Kindern denken – warum braucht Selbstbildung pädagogische Anregung?“ einen Fokus auf Sustained Shared Thinking als Schlüsselvariable für Qualität in der Kindertagesbetreuung. Sustained Shared Thinking wird dabei als lehr- und lernbarer Prozess gerahmt, der auf vertrauensvollen Beziehungen basiert und Aufmerksamkeit und feinfühliges Verhalten der Fachkräfte voraussetzt. Deutlich macht die Autorin hier die Verbindung von Selbsttätigkeit bzw. Selbstbildungsprozessen und gemeinsamem Denken stark. Als Gelingensbedingung wird hier ein Ernstnehmen von Kindern und Erwachsenen definiert.

Mit „Selbstbildung, Abrichtung oder Dialog – Wie kommen Kinder in den,Raum der Gründe‘?“ überschreiben Frauke Hildebrandt und Kristina Musholt ihren Beitrag, der sich mit dem Verhältnis von Autonomieentwicklung und (Selbst-)Bildungsprozessen und der Rolle der Erwachsenen kritisch auseinandersetzt.

„Mit kleinen Kindern über Gründe sprechen“ von Ramiro Glauer behandelt die Notwendigkeit, auch mit jungen Kindern über Begründungen zu sprechen, ihre Gründe ernst zu nehmen und gemeinsam nachzudenken. Dies setzt er in Zusammenhang mit kindlicher Autonomie („epistemische Autonomie“, S. 56).

„Konflikte in der Kita – Hintergründe und Praxistipps“ schließt das erste Kapitel. Der Beitrag von Frauke Hildebrandt und Bianka Pergande nimmt Ergebnisse aus einem Projekt der Forscherwelt Blossin auf, die die Erfahrungen von Kindern mit Konflikten und Ausgrenzung beschreiben und dabei auch die Rolle der Erwachsenen in den Blick nehmen. Im letzten Punkt ergeben sich Unterschiede zwischen Kindern, die zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Kita besuchten, und Kindern, die bereits die Schule besuchten. Im Folgenden wird nach Gelingensfaktoren für einen „guten Umgang mit Konflikten in der Praxis“ (S. 74) gefragt. Es wird ein Fallbeispiel geschildert und mittels fünf verschiedener möglicher Reaktionen der Fachkraft/​Szenarien mehr oder weniger konstruktives pädagogisches Handeln dargestellt. Der Beitrag endet mit einer klaren Gegenüberstellung von unangemessenem und angemessenem pädagogischen Handeln.

Kapitel „2. Explorieren und Imaginieren“ beginnt mit „Exploration verstehen – zum Zusammenhang von Erkunden, Erklären und Lernen“ von Karoline Lohse. Die Autorin nimmt hier zunächst Forschungsbefunde zum frühkindlichen Explorationsverhalten in den Blick, um dann über die Frage „Wie und was lernen Kinder durch Exploration?“ (S. 88) auf den Einfluss von Interaktionen zu kommen. Sie kommt zu dem Schluss, dass bisher die „Beschreibung der geeigneten pädagogischen Anregungen und Interaktionsformate für den Kontext kindlicher Exploration“ (S. 93) als Desiderat zu betrachten ist, kann jedoch aus anderen Lernkontexten mögliche Faktoren schlussfolgern.

Im Folgenden schreibt Caroline Wronski in „Imaginieren und nachdenken über Möglichkeiten“ über die Möglichkeiten, mittels geeigneter Fachkraft-Kind-Interaktionen Imagination und ihre Weiterentwicklung zu unterstützen. Sie schlägt den Begriff der „shared Imagination“ (S. 113) im Anschluss an den bekannten Begriff des „shared Thinking“ vor. Wronski sieht in diesem Themenfeld weiteren Forschungsbedarf.

Auf das Thema des Umgangs mit Ungewissheit und (Noch-Nicht-)Wissen geht Karsten Manske unter der Überschrift „Ungewissheit konstruktiv erleben – wie können Erwachsene Kinder darin unterstützen?“ ein.

Die Frage nach Möglichkeiten der Unterstützung in mathematischen Vorläuferfähigkeiten durch Gespräche nimmt Jan Lonnemann in seinem Beitrag „Zahlen begreifen – Wie Gespräche Kinder in ihrer numerischen Entwicklung unterstützen“ auf.

Kapitel „3. Kognitiv-feinfühliges Interagieren“ befasst sich zunächst mit „Kognitiv feinfühlige Interaktionen in der Kita – Eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe“ (Alexander Scheidt); der zweite Beitrag nimmt „Einstellungen zum Thema Interaktion – Mit Cognitive-Affective Maps wahrnehmen und reflektieren“ (Jasmin Luthardt) in den Blick. In diesem zweiten Beitrag stellt die Autorin das aus der Kognitionspsychologie stammende Konzept des Cognitive-Affective Mapping (CAM) als Instrument der Team- und Selbstreflexion dar. Die Methode kann Einstellungen erfassen und visualisieren, um sie der (gemeinsamen) Bearbeitung zugänglich zu machen.

Kapitel „4. Kognitiv anregende Dialoge in der Praxis führen“ nimmt abschließend Bezug auf die drei Dialogkontexte Kinder im Grundschulalter, Kinder im Krippen- und Kindergartenalter und Fortbildung.

In diesem Kontext beschreibt Claudia Kearney-Wagner aus praktischer und persönlicher Perspektive ein nachlassendes Frageverhalten von Kindern im Grundschulalter und lotet in „Kognitiv anregende Dialoge mit Grundschulkindern – Was tun, wenn Kinder aufhören, Fragen zu stellen?“ auch Interaktionsmöglichkeiten der Fachkräfte aus, die das gemeinsame Denken und Fragen (wieder) stärken können.

Katrin Macha und Tina Marusch zeigen in „Miteinander denken und entscheiden – Der dialogisch-partizipative Morgenkreis“ die Möglichkeit der Umsetzung eines so gestalteten Alltagselements auf.

Die Qualitätskriterien in Bezug auf die Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte sind das Thema des Beitrages „Nachdenken mit Kindern – Kriterien guter Fortbildungen“ von Ruben Maué.

Das Werk schließt mit der Vorstellung aller Autor:innen.

Diskussion

Im Sammelband „Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern“ wird die Bedeutung der Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen im Sinne gemeinsamer Denk- und Aushandlungsprozesse herausgestellt. Der Zusatz auf dem Cover „Aus Forschung und Praxis“ spiegelt dabei nur das halbe Anliegen des Bandes, der sich ebenso mit Anregungen für Praxis (im Sinne konkreter Handlungsimpulse) und auch Forschung (im Sinne der Benennung von Desideraten) befasst. Die Beiträge werden diesem Ansinnen durchaus gerecht, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise. Komplexere, im Kern theoretisch orientierte Beiträge sind ebenso vertreten wie ebenso anspruchsvolle, jedoch wesentlich konkretere und praxisorientierte Beiträge. So ist beispielsweise einer der beiden zentralen Beiträge des Werkes mit „Selbstbildung, Abrichtung oder Dialog – Wie kommen Kinder in den,Raum der Gründe‘?“ (Frauke Hildebrandt und Kristina Musholt) überschrieben. Der Beitrag setzt sich mit dem Verhältnis von Autonomieentwicklung und (Selbst-)Bildungsprozessen und der Rolle der Erwachsenen darin kritisch auseinander und ist dabei inhaltlich wie sprachlich durchaus anspruchsvoll. Der inhaltliche Anspruch wird auch im vergleichsweise leicht zugänglichen Beitrag von Claudia Kearney-Wagner „Kognitiv anregende Dialoge mit Grundschulkindern – Was tun, wenn Kinder aufhören, Fragen zu stellen?“ gehalten. Hier ist jedoch die zugrunde liegende Frage in Erfahrungen und Impulse an die Praxis eingebettet. Die spannende Differenz der Beiträge spiegelt das komplexe Verhältnis zwischen Praxis und Theorie wider und vermag so auf eindrucksvolle Weise die Verbundenheit beider Felder im Subtext aufzunehmen.

Die Gestaltung des Bandes ist unkonventionell und übersichtlich, die Teilung in vier Abschnitte, die in der Einleitung als „Kapitel“ benannt werden (S. 9), ist thematisch nachvollziehbar. Die farbliche Markierung an den Seitenrändern, die je nach Abschnitt in der Höhe variiert, gibt zusätzliche Orientierung. Am Anfang jedes Beitrages steht ein prägnant formuliertes Abstract, das die Leser:innenfreundlichkeit zusätzlich erhöht.

Fazit

Das Werk ist für alle mit dem Feld der Kindheit befassten Zielgruppen interessant, zeigt es doch einerseits spannende theoretische Zugänge auf und nimmt gleichwohl konkrete Praxiserfahrungen auf. Dabei werden diskussionswürdige und -anregende Themen aufgegriffen, die nicht allein vor dem aktuellen Hintergrund der Qualitätsdebatte in allen Bereichen der Bildung, Betreuung und Erziehung relevant sind, sondern die auch im Kontext des Ausbaus der Betreuungsansprüche wichtig werden. Die Beiträge eignen sich dabei besonders für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften, für Lehrende und Studierende.

Rezension von
Dipl. Päd. Nicole Dern
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Justus-Liebig-Universität Gießen
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Es gibt 8 Rezensionen von Nicole Dern.

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Zitiervorschlag
Nicole Dern. Rezension vom 04.03.2024 zu: Sabine Hebenstreit-Müller, Frauke Hildebrandt (Hrsg.): Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern aus Forschung und Praxis. Was mit Kindern GmbH (Berlin) 2022. ISBN 978-3-96791-010-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31204.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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