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Carina Schilling: Familienzentren als Orte der Übersetzung institutioneller Erwartungen

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Otto, 25.03.2024

Cover Carina Schilling: Familienzentren als Orte der Übersetzung institutioneller Erwartungen ISBN 978-3-7799-7483-3

Carina Schilling: Familienzentren als Orte der Übersetzung institutioneller Erwartungen. Bewertung und Deutung von Kooperation und Vernetzung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 381 Seiten. ISBN 978-3-7799-7483-3. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR.
Reihe: Kindheitspädagogische Beiträge. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779962885. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779973171.

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Thema

Das Werk „Familienzentren als Orte der Übersetzung institutioneller Erwartungen. Bewertung und Deutung von Kooperation und Vernetzung“ stellt eine qualitative empirische Studie zu Familienzentren in Nordrhein-Westfalen vor, in der der Frage nachgegangen wird, wie die Einrichtungen mit Erwartungen der Umwelt an Kooperation und Vernetzung umgehen. Die Ergebnisse der Studie liefern einen Einblick in den aktuellen Status quo der Netzwerkarbeit von Familienzentren sowie Impulse für deren Weiterentwicklung hinsichtlich ihrer Kooperationspraxis im jeweiligen Sozialraum, was zu einer Verbesserung der Fördermöglichkeiten der Kinder in den Einrichtungen beitragen kann.

Autorin

Carina Schilling, Dr. phil. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe mit einem Fokus auf die Pädagogik der frühen Kindheit, der Organisationsforschung sowie dem Bereich der Kooperation und Vernetzung.

Entstehungshintergrund

Die Befunde der großen Schulleistungsvergleichsstudien wie PISA oder IGLU belegen, dass Kindertageseinrichtungen einen maßgeblichen Einfluss auf die Bildungslaufbahn von Kindern haben, indem sie herkunftsbedingten Chancenungleichheiten von Kindern entgegenwirken können. Sie gelten somit als „Optimierungsagenten“ kindlicher Entwicklung, an die die Erwartung geknüpft sind, erfolgreiche kindliche Bildungsbiographien ermöglichen zu können (Viernickel & Weltzien 2021, 117).

Eine Reaktion auf diese Erwartung an Kindertageseinrichtungen ist deren Ausbau zu sogenannten Familienzentren, welche sich durch eine stärkere Sozialraumorientierung, die Kooperation mit verschiedenen Partnern in der Umgebung der Einrichtung, der Bereitstellung von familienunterstützenden Angeboten sowie der Zusammenarbeit mit den Eltern bei der Förderung der Kinder auszeichnen. Familien sollen hierdurch zu Bildungspartnern gemacht werden, die die in den Einrichtungen initiierten Lern- und Bildungsprozess Einrichtungen weitergehend unterstützen. Das hierfür notwendige Wissen erhalten sie wiederum durch die Einbindung in die Familienzentren (Rauschenbach & Borrmann 2006).

Die Studie knüpft an diese Entwicklungen an und betrachtet diesen Ausbau exemplarisch vor dem Hintergrund der landesspezifischen Anforderungen und des Ausbaus von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren für das Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Aufbau und Inhalt

Das Werk gliedert sich in insgesamt acht Kapitel und ist wie folgt aufgebaut:

Die Einleitung stellt zunächst die Implementierung von Familienzentren als eine Folge der zunehmenden Erwartungen an das Feld der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE) dar. Diese Erwartungen sind insbesondere dadurch bedingt, dass große Schulleistungsvergleichsstudien wie PISA auf die besondere Bedeutung der frühkindlichen Bildung für das Ge- bzw. Misslingen von Bildungskarrieren verweisen.

Kapitel 2 gibt dann den bildungswissenschaftlichen sowie den -politischen Diskurs zur Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren wieder. Neben nationalen Diskurslinien an die Erwartungen von Potenzialen von Familienzentren liegt ein entsprechender Fokus vor allem auf den Entwicklungen des Bundeslands Nordrhein-Westfalen, welches den Untersuchungsgegenstand der Studie bildet.

Kapitel 3 stellt dann den empirischen Forschungsstand zu Familienzentren vor, wobei ein Fokus auf die Erwartungen an Familienzentren hinsichtlich Kooperation und Vernetzung liegt. Diesbezüglich zeigt sich grundsätzlich, dass hier eine diverse Befundlage zur Praxis der Vernetzung vorherrscht und Kooperationen von ganz unterschiedlicher Qualität sein können. Als Forschungsdesiderat stellt die Autorin insbesondere das Fehlen von Wissen über die konkrete Kooperations- und Vernetzungspraxen sowie die Vernetzung mit unterschiedlichen Akteur:innen, die auch jenseits von Grundschule und Frühförderung tätig sind, heraus.

Kapitel 4 umfasst die Darstellung der theoretischen Verortung der Studie. Die hier genutzte organisationstheoretische Perspektive kann aufzeigen, wie es zu „Brüchen in der organisationalen Übernahme von institutionellen Erwartungen“ (Schilling 2023, 14) an Familienzentren kommen kann. Dies verdeutlicht, dass regulierte Vorgaben zur Kooperations- und Vernetzungspraxis von den Akteur*innen in den jeweiligen Familienzentren ganz unterschiedlich umgesetzt und interpretiert werden können, woraus sich ein konkreter Forschungsbedarf zu diesen Dynamiken ableiten lässt.

In Kapitel 5 erfolgt dann die Vorstellung des qualitativen Forschungsdesigns, welches zur Untersuchung der Kooperations- und Vernetzungsstrukturen in Familienzentren genutzt wird. Konkret nutzt die Autorin egozentrierte Netzwerkkarten, kombiniert mit narrativen Interviews von Fachkräften, die mittels der qualitativen strukturalen Analyse (Herz, Peters, Truschkat 2015) ausgewertet werden.

Die empirischen Befunde der Auswertung von insgesamt elf Fällen werden dann in Kapitel 6 und 7 ausführlich dargestellt. Kapitel 6 umfasst die exemplarische Darstellung von drei Fallportraits von Familienzentren, die einen Einblick in die jeweilige Positionierung der Einrichtungen in ihrem Sozialraum sowie deren Kooperations- und Vernetzungsstrukturen ermöglichen. Kapitel 7 dient dann der Einordnung der fallspezifischen Befunde in den theoretischen Rahmen der Arbeit, indem konkrete Modi der Übersetzung der Erwartungen an die Kooperation dargestellt werden. Hierbei zeigen sich durchaus deutliche Unterschiede zwischen der Sozialraumorientierung und Vernetzung der untersuchten Einrichtungen, da man diesen einen ganz unterschiedlichen Wert für die Arbeit im jeweiligen Familienzentrum zuspricht.

Die Arbeit schließt im Kapitel 8 mit einer Einordnung der Befunde in den Gesamtzusammenhang der kindheitspädagogischen Forschung sowie einem Wegweiser für die Praxis von Familienzentren, welcher durch Reflexionsfragen für Fachkräfte ein Weiterentwicklungsangebot für die individuelle Einrichtung und deren Kooperations- und Vernetzungspraxis eröffnet.

Jedes Oberkapitel endet zudem mit einem Resümee oder Fazit, in welchem noch mal die Kernaussagen der jeweiligen Kapitel prägnant zusammengefasst werden.

Diskussion

Die Autorin legt ein Werk vor, welches den empirischen Forschungsstand zum Auf- und Ausbau von Familienzentren im Kontext der konkreten Kooperations- und Vernetzungspraxis deutlich bereichert. Hiermit greift sie ein wichtiges Forschungsdesiderat auf, da der Forschungsstand die gestiegene Bedeutung von Kooperation und Vernetzung im Kontext der frühkindlichen Bildung eindeutig belegen kann.

Die Dissertation von Carina Schilling ist durch das innovative qualitative Forschungsdesign insbesondere für Forschende im Bereich der Kindheitspädagogik sowie der Erziehungswissenschaft im Allgemeinen interessant, die bereits Erfahrungen in der qualitativen Sozialforschung haben und das Vorgehen entsprechend einordnen können. Hierbei ist die Beschränkung der Studie auf den Untersuchungskontext Nordrhein-Westfalen keinesfalls als Limitation hinsichtlich des Aussagegehalts der Befunde zu sehen, da in nahezu allen Bundesländern derzeit ein Auf- und Ausbau von Familienzentren zu verzeichnen ist und die in der Arbeit generierten Befunde somit auch Impulse für die gesamte Bundesrepublik bieten können.

Besonders wertvoll erscheint die finale Einordnung der Ergebnisse in den Gesamtzusammenhang der kindheitspädagogischen Forschung. Daneben bietet das Werk im Fazit auch für Berufspraktiker:innen wichtige Impulse, da hier beispielhafte Reflexionsfragen rund um die Themen Vernetzung und Kooperation angeboten werden, die zur Weiterentwicklung der individuellen Einrichtung genutzt werden können.

Insbesondere durch die Reflexionsfragen für Fachkräfte der frühen Bildung, die selbst in Familienzentren tätig sind, hat das Werk obgleich seines ausgeprägten wissenschaftlichen Charakters Relevanz für die pädagogische Praxis.

Fazit

Die Autorin zeigt durch ihre empirische Studie exemplarisch für das Bundesland Nordrhein-Westfalen, welche Erwartungen an die Organisation Familienzentren herangetragen werden. Trotz des regionalen Fokus der Untersuchung ist die Studie auch über das Bundesland Nordrhein-Westfalen hinaus für Forschende im Bereich der frühkindlichen Bildung von Interesse, da die Autorin einerseits ein innovatives, qualitatives Forschungssetting nutzt und dies anschaulich darstellt und anderseits die Befunde zu Familienzentren auch Impulse für deren Gestaltung in anderen Bundesländern bieten kann.

Literatur

Herz, A.; Peters, L. & Truschkaz, I. (2015): How to do strukturale qualitative Analyse? Die qualitative Interpretation von Netzwerkkarten und erzählgenerierenden Interviews. Forum Qualitative Sozialforschung Forum: Qualitative Social Research, 16(1). https://doi.org/10.17169/​fqs-16.1.2092

Rauschenbach, T. & Bormann, S. (2010): Wenn die Privatsache Kinderbetreuung öffentlich wird. Zur neuen Selbstverständlichkeit institutioneller Kinderbetreuung. In: Cloos, P & Karner, B. (Hrsg.): Erziehung und Bildung von Kindern als gemeinsames Projekt. Zum Verhältnis familiarer Erziehung und öffentlicher Kinderbetreuung. Baltmannsweiler. Schneider Verlag. 11–25.

Viernickel, S. & Weltzien, D. (2021): Kindertageseinrichtungen als Optimierungsagenten und -adressaten. In: Frühe Bildung 10 (3), S. 117–118.

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Otto
Professor für Kindheitspädagogik
Website
Mailformular
https://orcid.org/0000-0002-1313-8768

Es gibt 5 Rezensionen von Stephan Otto.

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Zitiervorschlag
Stephan Otto. Rezension vom 25.03.2024 zu: Carina Schilling: Familienzentren als Orte der Übersetzung institutioneller Erwartungen. Bewertung und Deutung von Kooperation und Vernetzung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7483-3. Reihe: Kindheitspädagogische Beiträge. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779962885. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779973171. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31220.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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