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Sigrid Betzelt, Ingo Bode u.a.: Organisierte Zerrissenheit

Rezensiert von Volker Fenchel, 05.12.2023

Cover Sigrid Betzelt, Ingo Bode u.a.: Organisierte Zerrissenheit ISBN 978-3-8376-6722-6

Sigrid Betzelt, Ingo Bode, Sarina Parschick, Andreas Albert: Organisierte Zerrissenheit. Emotionsregimes und Interaktionsarbeit in Pflege und Weiterbildung. transcript (Bielefeld) 2023. 264 Seiten. ISBN 978-3-8376-6722-6. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
Reihe: Arbeit und Organisation - 14.

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Thema

Dieses Buch thematisiert die Bedeutung von Emotionen im Bereich personenbezogener sozialer Dienste. Am Beispiel der Altenpflege und der öffentlich geförderten Weiterbildung wird in Form von qualitativen Fallstudien untersucht, wie alltägliche Belastungen emotional erlebt und verarbeitet werden. Dabei wird eine Zerrissenheit bei den Beschäftigten konstatiert, die kritische Effekte auf mehreren Ebenen zur Folge hat.

Autor:innen

Sigrid Betzelt ist Professorin für Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin.

Ingo Bode ist Professor für Sozialpolitik am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel. Dort ist auch Sarina Parschick als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und Andreas Albert in gleicher Funktion an der HWR Berlin.

Entstehungshintergrund

Die Rolle von Emotionen im Arbeitsleben bzw. in Organisationen ist bekanntermaßen ein Stiefkind der Forschung. Die vorliegende Studie hat zum Ziel, diese Thematik in einem Bereich näher zu erforschen, in dem die Bedeutung von Emotionen einen besonderen Stellenwert einnimmt, nämlich in der Altenpflege und der öffentlich geförderten Weiterbildung. Beide Branchen stehen immer mal wieder im Fokus der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, was während der Corona-Pandemie in besonderem Maße für die Pflege behauptet werden darf. Das Forschungsprojekt „Emotionsregimes und Solidarität in der Interaktionsarbeit“, in dessen Rahmen die Studie durchgeführt wurde, begann jedoch bereits im Jahr 2020.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden ersten Kapitel wird das der Studie zu Grunde liegende Forschungsinteresse skizziert und der diesbezügliche Forschungsstand zusammengefasst. Im zweiten Kapitel werden das Studiendesign und die Methodik beschrieben. Das Sample bestand aus einer stationären Einrichtung der Altenpflege, einem ambulanten Pflegedienst, einem deutschlandweit tätigen Weiterbildungsträger sowie einem Träger der Jugendberufshilfe. Mit Führungskräften und Beschäftigten wurden problemzentrierte Interviews durchgeführt, ergänzt durch Gruppendiskussionen, Dokumentenanalysen und Interviews mit Expert:innen. Bei aller Unterschiedlichkeit ist den vier Organisationen gemeinsam, dass sie als soziale Dienstleistungsunternehmen – zumindest partiell – durch finanzielle Leistungen der Sozialversicherung bzw. durch Steuergelder finanziert werden.

Das dritte Kapitel „Der Blick ins Feld: Regulierungen, Organisationsverhältnisse und Praxiserleben“ gibt in ausführlicher Form Material aus den Interviews wieder, die mit Beschäftigten und Führungskräften geführt wurden. Die einzelnen Befunde der Untersuchung werden am Ende des Kapitels zusammengefasst und systematisiert.

Aus der Fülle dieser Befunde kann an dieser Stelle nur auf einige wesentliche eingegangen werden. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass sich alle untersuchten Organisationen mit hohen Anforderungen seitens der Kostenträger konfrontiert sehen. Die institutionell vorgegebenen Qualitätsstandards erweisen sich durchweg als nur schwer erreichbar, insbesondere vor dem Hintergrund chronischen Personalmangels. Verstärkt werden diese Belastungen dadurch, dass die Klienten von diesen institutionellen Erwartungen abweichende individuelle Bedürfnisse und Bedarfe haben. An dieser Stelle sei eine Passage aus der Studie zitiert: „Vielfach wird der 'mismatch' zwischen Leistungserwartungen und institutionell mitverursachten Restriktionen […] als belastend erfahren – der Eindruck, dass bestehende Reglements den Beschäftigten 'Knüppel zwischen die Beine werfen' erweist sich als Quelle negativer Gefühle“ (S. 173). Bei der Bewältigung dieser widersprüchlichen Anforderungen und Spannungsfelder kommt dem Management eine zwiespältige Rolle zu, die in der Studie unter Rückgriff auf Foucaults Gouvernementalitätsbegriff kritisch bewertet wird. Die obere Hierarchieebene changiert zwischen einem einnehmenden und disziplinierenden Verhalten mit der Folge eines inkonsistenten Umgangs mit den Gefühlen der Beschäftigten. Die mittlere Hierarchieebene, die in direktem Kontakt zu den Beschäftigten steht, vermittelt in ihrer Sandwichposition mit einer Mischung aus „entgegenkommendem“ und „ko-disziplinierendem“ Verhalten. Die Beschäftigten erfahren diese Praxis als verunsichernd und ihnen bleibt dabei nichts anderes übrig, als tentativ Lösungen zu suchen, die eine gewisse Viabilität versprechen – in der Studie werden diese auch als Notlösungen bezeichnet. Die Angst vor Sanktionen, weil die formellen Erwartungen nicht eingehalten wurden, ist dabei ständig im Hintergrund vorhanden. Die entsprechenden Folgen hinsichtlich der Motivation und Identifikation mit der Arbeit liegen auf der Hand. Hinzu kommen Effekte im Hinblick auf eine schleichende Entsolidarisierung im Betrieb, und zugleich ein Solidaritätsdefizit von Politik und Gesellschaft. „Diese Diskrepanzen […] produzieren ein Spektrum negativer Gefühle von Ungerechtigkeitsempfindungen, latenter bis manifester Versagens- und Verlustängste […] Frustration und Ärger gegenüber Prüfinstanzen, Medien und >der Politik< im Allgemeinen“ (S. 180). So kommen die Autoren am Ende des Kapitels zu der Diagnose eines „Dauerzustands organisierter Zerrissenheit“, der von den genannten Institutionen und Akteuren systematisch organisiert und reproduziert wird.

Eine „Diskussion der Ergebnisse und übergeordnete Erkenntnisse“ erfolgt im vierten Kapitel. Dabei werden drei Aspekte thematisiert: die Gefahren der Resilienzdebatte im Hinblick auf die Individualisierung dieser Belastungen, die Diskussion vorhandener Solidaritätsblockaden und schließlich die Frage nach Entfremdungstendenzen. Das fünfte Kapitel stellt die Frage nach „Chancen auf Veränderung“ und setzt dabei an dem zuvor beschriebenen Grundwiderspruch an, dass staatlich intendierte Ziele mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen nicht erreicht werden können. Zur Lösung dieses Widerspruchs werden Stellschrauben für sozialpolitisch wirksame Interventionen diskutiert, die aus Sicht der Autoren einen sozialpolitischen Paradigmenwechsel zur Voraussetzung haben. Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick.

Diskussion

Dem Rezensenten sind aus jahrzehntelanger beruflicher Tätigkeit beide Bereiche – Pflege und Weiterbildung – bestens bekannt. Die Besonderheit ihrer personenbezogenen Dienstleistungen liegt darin, dass die individuelle Situation der Klienten und deren Mitwirkung(-smöglichkeiten) bei der Erbringung der Dienstleistung einen zentralen Einfluss auf das Ergebnis haben. Diese auch als Ko-Produktion bekannte Eigenschaft wird zumindest in der Pflege schon länger kritisch diskutiert und dabei auf die schiere Unmöglichkeit der Realisierung standardisierter Soll-Kriterien hingewiesen. So haben unter anderem Fritz Böhle und Kollegen die Pflegearbeit schon vor 25 Jahren als situatives Handeln charakterisiert. Leider findet diese kritische Diskussion kaum die Aufmerksamkeit der relevanten Akteure, übrigens auch in der Pflegewissenschaft. Diese hält beharrlich an linearen Indikatorensystemen als Grundlage für die Qualitätsmessung von Pflegearbeit fest und bietet damit der Politik ein Modell von Qualität, aus dem mit bester Absicht verbindliche Prüfkriterien abgeleitet werden. Diese werden dann nicht selten von bürokratisch übersteuerten Prüfinstanzen mit einem gelinde gesagt asymmetrischen Auftreten auf ihre Einhaltung überprüft. Der Rezensent kann die in der Studie benannten negativen emotionalen Folgen, aus einer Vielzahl von Berichten von Weiterbildungsteilnehmern – unabhängig von Trägerschaften! – nur bestätigen. Es ist dringend ein anderes Verständnis von Qualität geboten, das aber auch die Perspektive der betroffenen Menschen berücksichtigt, für die die Dienstleistungen erbracht werden (Stichwort "User Participation"). Nur wenn sinnstiftende Arbeit ermöglicht wird, kann dem Mangel an gut qualifizierten Arbeitskräften entgegengewirkt werden. Aber es geht nicht nur um die beiden Branchen im Rahmen der Daseinsvorsorge. Die Autoren zeigen auf, dass hier auch eine destabilisierende Wirkung im Hinblick auf das Demokratieverständnis der Beschäftigten ausgeht. Vor diesem Hintergrund ist eine anschließende Lektüre von Axel Honneths aktueller Studie zum „arbeitenden Souverän“ zu empfehlen.

Fazit

Dieses Buch wirft ein überfälliges Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in der Pflege und der öffentlichen Weiterbildung. Es geht dabei nicht um Befindlichkeiten, sondern um extern induzierte unzumutbare Arbeitsbedingungen, die nicht nur die Beschäftigten schädigt, sondern auch die Menschen, für die diese ihre Arbeit erbringen – und damit hat die Studie ein Thema auf den Tisch gebracht, das die ganze Gesellschaft angeht. Sie zeigt einen dringenden Handlungsbedarf auf politischer Seite auf, entsprechende Ansatzpunkte sind aufgezeigt, ebenso die mittel- und langfristigen Folgen des Nichthandelns. Grundlegende Reformen sollten dringend initiiert werden und dabei wäre weitere Forschung zu diesem Thema unabdingbar.

Rezension von
Volker Fenchel
Diplom-Gerontol., M.A.; Senior Referent für Pflege in der Abteilung Fort- und Weiterbildung an der Hans-Weinberger-Akademie der AWO e.V. in Augsburg und Trainer für My Home Life Deutschland
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Es gibt 2 Rezensionen von Volker Fenchel.

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Zitiervorschlag
Volker Fenchel. Rezension vom 05.12.2023 zu: Sigrid Betzelt, Ingo Bode, Sarina Parschick, Andreas Albert: Organisierte Zerrissenheit. Emotionsregimes und Interaktionsarbeit in Pflege und Weiterbildung. transcript (Bielefeld) 2023. ISBN 978-3-8376-6722-6. Reihe: Arbeit und Organisation - 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31227.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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