Annina Böhm-Fischer, Luzi Beyer (Hrsg.): TraM Traumatisierte minderjährige Geflüchtete verstehen und unterstützen
Rezensiert von Prof. i.R. Dr. Peter Bünder, 10.10.2023
Annina Böhm-Fischer, Luzi Beyer (Hrsg.):TraM -- Traumatisierte minderjährige Geflüchtete verstehen und unterstützen. Ergebnisse eines Interdisziplinären Entwicklungsprojekts. Logos Verlag (Berlin) 2023. 91 Seiten. ISBN 978-3-8325-5610-5. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Thema
Dieses kleine Buch bietet als abschließender wissenschaftlicher Projektbericht einen Ein- und Überblick in die Thematik von minderjährigen begleiteten und unbegleiteten Geflüchteten und deren traumatische Erfahrungen, sowie auch wertvolle Hinweise für einen angemessenen Umgang mit dieser Problematik durch Fachkräfte und andere soziale Bezugspersonen.
Autorinnen
Annina Böhm-Fischer ist Dipl.-Psychologin und arbeitet als Dozentin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Luzi Beyer ist Dipl.-Psychologin und arbeitet als Professorin für Methoden der quantitativen Forschung im Sozial- und Gesundheitswesen an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.
Aufbau und Inhalt
Das vorliegende Buch gliedert sich in acht Kapitel:
- Das Projekt TraM und Zielsetzung des Projekts
- Künstliche Intelligenz (KI) im Kontext von Selbst-Screening und Gesundheit
- Funktionen der Künstlichen Intelligenz (KI) innerhalb der TraM Health App
- Der Systementwicklungsprozess im TraM Projekt
- Die Entwicklung der TraM App
- Diagnostisches Fallverstehen mit jungen geflüchteten Menschen
- Ethnische, legale und soziale Implikationen (ELSI) bei der Verwendung von künstlicher Intelligenz in der Diagnose von vulnerablen Gruppen
- Fazit und Ausblick
Ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie weiterführende Informationen und Publikationen im TraM Projekt runden das Werk ab.
Das 1. Kapitel thematisiert den Entstehungszusammenhang des Projektes. Da minderjährige begleitete und vor allem unbegleitete Geflüchtete eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung psychosozialer Auffälligkeiten darstellen, fokussierte die 16-köpfige Forschungsgruppe auf die Frage, was gesellschaftlich getan werden muss bzw. was noch fehlt, um diesen jungen Menschen einen gelingenden Integrationsprozess zu ermöglichen. Nachdem im 2. Kapitel sehr kurz über die Bedeutung Künstlicher Intelligenz im Kontext von Gesundheit informiert wird, fokusssiert das 3. Kapitel auf die Bedeutung der KI innerhalb des TraM-Projektes durch die Entwicklung einer eigenen Health App. Die entsprechenden Analysen erfolgten über die Smartphones der einzelnen jungen Geflüchteten zwischen 14 und 22 Jahren, die nach 2014 nach Deutschland geflüchtet sind. Da ein hoher Anteil der minderjährigen Geflüchteten während der Flucht enorme Strapazen bis hin zur Traumatisierung erfahren haben, vermittelt Kapitel 4 kurz den Prozess der Entwicklung der Funktionen dieser Health App, um niederschwellige Hilfsangebote aufbauen zu können. Kapitel 5 thematisiert die Fragestellungen zur notwendigen Datenerhebung, die sich im Hinblick auf die gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes (DS-GVO) ergeben und vermittelt einen Einblick in die praktizierten Maßnahmen. Kapitel 6 fokusssiert – mit dem größten Seitenumfang – auf das eingesetzte diagnostische Fallverständnis. Dafür erfolgte die Erarbeitung eines zielgruppenspezifischen Diagnostikmodells, welches als besonderes Teilprojekt in Form eines Praxisforschungsprojektes konzipiert wurde, welches auf der Grundlage einer engen Kooperation mit 6 Praxiseinrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe entstand. Ausführlich werden hier die wichtigsten Ergebnisse skizziert. Kapitel 7 thematisiert sehr kurz die ethnischen, legalen und sozialen Implikationen (ELSI) bei der Nutzung der künstlichen Intelligenz in der Diagnose von vulnerablen Gruppen. Hierfür wurde – auf der Basis bereits vorliegender Fragebögen zu ELSI – ein eigener Fragebogen mit 21 Fragen entwickelt, die kurz skizziert werden. Deutlich wird, dass hier noch ein großer Handlungsdedarf gegeben ist.
Kapitel 8 schließlich zieht ein sehr kurzes Fazit zum Projekt.
Diskussion
Es ist beeindruckend, wie es dieser Projektgruppe gelingt, ein solch intensives wissenschaftliches Forschungsvorhaben in einer sehr verdichteten Form von nur 73 inhaltlichen Seiten verständlich und nachvollziehbar vorzustellen. Von daher benötigen Lesende aber sicherlich ein gutes Maß an Zeit und Konzentration, um die m.E. wichtigen Forschungsergebnisse aufnehmen und ggf. in der eigenen Praxis nutzen zu können.
Gewiss hätte es speziell den Kapiteln zur Thematik der künstlichen Intelligenz im Zusammenhang mit Gesundheit gutgetan, wenn diesen Inhalten etwas mehr Raum zugesprochen worden wäre. Als Maßstab für eine sinnvolle Ausführlichkeit hätte dabei Kapitel 6 dienen können.
Für Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit minderjährigen Geflüchteten arbeiten, bietet dieses kleine Werk viele wertvolle Informationen und Hinweise, die in der eigenen Praxis hilfreich sein können, um Ideen für die eigene Umsetzung in den praktischen Alltag zu bekommen.
Fazit
Das vorliegende Buch ist sehr engagiert geschrieben. Es lädt Lesende, die sich in der Thematik vertiefen oder sich ihr annähern wollen, ein, sich auf eine nachvollziehbare Weise mit diesem komplexen Thema zu beschäftigen. Auch wenn es als Forschungsbericht verfasst wurde, können durchaus auch interessierte Studierende von diesem Buch sehr profitieren. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.
Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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