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Birger Hartnuß: Gemeinsam gestalten

Rezensiert von Ursula Stegemann, Prof. Dr. Gisela Jakob, 06.02.2024

Cover Birger Hartnuß: Gemeinsam gestalten ISBN 978-3-943001-81-5

Birger Hartnuß: Gemeinsam gestalten. Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement: Das Handbuch für Studium und Praxis. Apollon University Press (Bremen) 2023. 255 Seiten. ISBN 978-3-943001-81-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Studienbücher - 5.

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Thema

Das vorliegende Handbuch dient als Leitfaden für Angehörige sozialer Berufe zur theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft. Traditionell ist die Zusammenarbeit von freiwillig und ehrenamtlich Engagierten und beruflichen Mitarbeiter:innen durch Vorbehalte und Spannungen geprägt. Im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen manifestiert sich jedoch zunehmend die Notwendigkeit einer Annäherung zwischen Sozialer Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Das Handbuch eröffnet auf anschauliche Weise theoretische Zugänge und methodische Konzepte für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Autor

Für das vorgelegte Handbuch kann Birger Hartnuß auf fundierte Kenntnisse zu bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft, auf fachliches Wissen zur Sozialen Arbeit und auf Lehrerfahrungen zurückgreifen. Zusätzlich zu wissenschaftlichen Zugängen verfügt er aufgrund seiner verschiedenen beruflichen Tätigkeiten, aktuell als Leiter der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, über vielfältige Erfahrungen zu Engagementförderung und -politik. In dem Handbuch kommen diese unterschiedlichen Perspektiven auf sehr gelungene Weise zum Tragen, indem wissenschaftliche und praktische Bezüge zwischen Engagement und Sozialer Arbeit herausgearbeitet werden.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch basiert auf der Weiterentwicklung zweier Studienbriefe an der Apollon Hochschule, die den Studierenden die Auseinandersetzung mit bürgerschaftlichem Engagement ermöglichen sollen. Dementsprechend ist der Band als sorgfältig konzipiertes Studienbuch angelegt. Am Beginn jedes Kapitels werden Lernziele angegeben, Begriffe und Zusammenhänge werden mit Beispielen erläutert, Übungs- und Prüfungsaufgaben sollen dazu beitragen, eigenständig Aufgaben zu bearbeiten und das erworbene Wissen im Selbststudium zu vertiefen. Der systematische Aufbau und eine klare und verständliche Sprache eröffnen auch den Leser:innen Zugänge, die bislang mit dem Thema nicht vertraut sind.

Aufbau

Das Handbuch besteht aus sieben Hauptkapiteln plus Einleitung, Schlussbetrachtung und einem ausführlichen Anhang. Im ersten Teil des Bandes geht es um grundlegendes Wissen zu bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft sowie deren Bezügen zu Sozialer Arbeit. Begriffe werden erläutert, vorliegende empirische Daten präsentiert und Formen und Organisationsstrukturen vorgestellt.

Der zweite Teil des Handbuchs, ab dem fünften Kapitel, ist auf Fragen der praktischen und politischen Gestaltung ausgerichtet, indem Konzepte und Methoden der Engagementförderung und des Freiwilligenmanagements vorgestellt und engagementpolitische Strukturen erläutert werden.

Konzeption und Aufbau des Handbuchs zielen darauf, dass die Leser:innen zusätzlich zum Erwerb theoretischen Wissens in die Lage versetzt werden sollen, Methoden der Engagementförderung anzuwenden und ein modernes Freiwilligenmanagement in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit aufzubauen.

Inhalt

Im ersten Kapitel erfolgt zunächst eine theoretische und historische Einführung in Begriffe und Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements und in das Konzept Zivilgesellschaft, bevor anschließend ausgewählte empirische Daten zur Engagementbeteiligung und zur Organisationsentwicklung vorgestellt werden. Dem Handbuch liegt dabei ein Verständnis von Engagement zugrunde, das nicht nur Hilfe und Unterstützung umfasst, sondern die Tätigkeiten in ihren vielfältigen Ausprägungen und in ihrer Bedeutung für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht. Über freiwillige, unentgeltliche und öffentlich sichtbare Aktivitäten hinausgehend hat bürgerschaftliches Engagement einen „demokratiepolitischen Mehrwert“ (S. 24). Es ermöglicht den Engagierten – auf unterschiedliche Weise und abhängig von den jeweiligen organisatorischen Rahmenbedingungen – Teilhabe, Mitsprache und Mitgestaltung von Gesellschaft und ist essenziell wichtig, um gesellschaftliche Krisen und Umbrüche wie etwa während der Corona-Pandemie oder infolge von Fluchtbewegungen zu bewältigen.

Ausgehend von diesem grundlegenden Verständnis werden im zweiten und dritten Kapitel des Handbuchs die vielfältigen Formen und Felder bürgerschaftlichen Engagements vorgestellt. Das Spektrum reicht dabei von klassischen Ehrenämtern in Vorständen und kommunalen Ämtern über freiwilliges Engagement in Organisationen und Bewegungen, helfenden und personenbezogenen Tätigkeiten, Freiwilligendiensten und Selbsthilfe bis hin zu unterschiedlichen Ansätzen der Bürgerbeteiligung und Corporate Citizenship als gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen.

Bezüge zwischen Sozialer Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement werden in dem Handbuch zunächst in Handlungsfeldern wie der Kinder- und Jugendarbeit, dem Gesundheitswesen, der Alten- und Behindertenhilfe und in der Migrationsarbeit herausgearbeitet. Birger Hartnuß unterscheidet dabei drei Varianten von Engagement: die direkte Mitarbeit in Einrichtungen und Organisationen, um Angebote für Menschen bereitzustellen; Tätigkeiten, die Organisationsabläufe unterstützen, sowie Leitungs- und Repräsentationsaufgaben.

Wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und Engagement theoretisch zu bestimmen, dann kann derzeit nur von einer Leerstelle und einem Theoriedefizit ausgegangen werden. In zentralen Konzepten wie der Lebensweltorientierung, des Empowerments oder der Demokratiepädagogik gibt es zwar Anknüpfungspunkte an zivilgesellschaftliche Perspektiven. Auch die ausgeprägte Orientierung an Partizipation etwa in der Kinder- und Jugendhilfe oder die Debatte um eine an Menschenrechten orientierte Soziale Arbeit sowie das Konzept des Welfare-Mixes bieten Anschlussmöglichkeiten. Eine theoretisch fundierte Bestimmung des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement als zentralem Handlungsmodus in der Zivilgesellschaft steht allerdings noch aus – so die Schlussfolgerung des Autors im vierten Kapitel.

Im zweiten Teil des Handbuchs, im fünften und sechsten Kapitel, werden anschließend verschiedene Methoden und Strategien zur Förderung von Engagement in Organisationen vorgestellt: Civic Education als Ansatz zum Lernen von Verantwortungsübernahme bereits in Kindheit und Jugend; Qualifizierung als Voraussetzung für reflektiertes Handeln und persönliche Lernerfahrungen der Engagierten; die Entwicklung einer passenden Anerkennungskultur sowie Öffentlichkeitsarbeit, um sich als Organisation zu präsentieren und Engagierte zu gewinnen.

Von zentraler Bedeutung für die Engagementförderung ist das Konzept des Freiwilligenmanagements als Teil der Organisationsentwicklung. Birger Hartnuß betont, dass es dabei nicht nur um einzelne Maßnahmen geht, sondern dass die Implementation dieses methodischen Ansatzes einen zivilgesellschaftlichen Umbau der Organisationen erfordert und alle Organisationsebenen betrifft. Zielsetzung ist die Entwicklung einer engagementfreundlichen Organisation.

Im Fokus des sechsten Kapitels steht dann die operative Ebene der Freiwilligenkoordination, ausgehend von der Angebotsentwicklung über die Ansprache und Gewinnung von freiwillig Engagierten bis hin zu ihrer Einbindung, Anerkennung und Verabschiedung. Die einzelnen Schritte werden anhand von Beispielen und Checklisten erläutert und lassen sich sehr gut nachvollziehen.

Vor der Gewinnung Engagierter sollte zunächst im Team eine Verständigung über Bedarf, Umfang, Rahmenbedingungen und mögliche Einsatzorte Engagierter erfolgen. Der Abschnitt „Freiwillige begrüßen, einarbeiten, begleiten und halten“ (S. 161 ff.) behandelt die Bedeutung eines guten Empfangs und einer gründlichen Einführung der ‚neuen‘ Freiwilligen. Während der Tätigkeit bedarf es einer guten Begleitung, weiterführenden Qualifizierung und Anerkennung sowie auch Möglichkeiten der Partizipation für interessierte Engagierte, die an organisatorischen Entscheidungsprozessen beteiligt werden möchten. Um Missverständnisse und Konflikte in der Zusammenarbeit zwischen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen zu bearbeiten, muss es Kommunikationsräume und Gelegenheiten geben, um diese Störungen zu benennen und zu bearbeiten.

Diskussion

Das Handbuch erfüllt verschiedene Funktionen:

  • Es bietet eine fundierte und differenzierte Einführung in Konzepte, Formen und Organisationsstrukturen von bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft und ist deshalb für Personen wie Studierende, die sich erste Zugänge zum Thema erarbeiten, besonders geeignet.
  • Außerdem kommt dem Handbuch das Verdienst zu, theoretische und praktische Bezüge zwischen Sozialer Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement herauszuarbeiten und auch auf Lücken bei der theoretischen Fundierung und der empirischen Forschung hinzuweisen.
  • Als weitere Funktion vermittelt das vorliegende Handbuch fachliches Wissen zu Methoden und Strategien des Freiwilligenmanagements als umfassendem Prozess der Organisationsentwicklung, in den die hauptberuflichen Mitarbeiter:innen unbedingt einbezogen werden müssen und der finanzielle und personelle Ressourcen erfordert.

Konzeption, Aufbau und Sprache des Handbuchs zeugen von der fachlichen Expertise des Autors, sodass das Verhältnis von Sozialer Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement differenziert und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Bei manchen Ausführungen hätte man sich als Leser:in weitere Hinweise auf Dilemmata und Ambivalenzen gewünscht, die mit dem Thema verbunden sind. Dies betrifft etwa eine mangelnde Diversität bei den Engagierten in zivilgesellschaftlichen Organisationen, Herausforderungen, die sich aus sogenanntem unzivilen Engagement für soziale Organisationen und berufliche Mitarbeiter:innen ergeben oder auch das Problem der Indienstnahme von Engagement als kostengünstige Dienstleistung durch Politik und Organisationen. Diese Aspekte verweisen darauf, dass die Diskussion um Soziale Arbeit und Engagement noch am Anfang steht und unbedingt weitergeführt werden sollte. Das vorliegende Handbuch vermittelt dafür einen sehr guten Auftakt.

Fazit

Dem Handbuch kommt sowohl für die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Verhältnis von Sozialer Arbeit und Zivilgesellschaft als auch für die praktische Integration von bürgerschaftlichem Engagement in sozialen Organisationen eine zentrale Bedeutung zu. Als Handbuch für Studierende gehört es in die Ausbildungs- und Studiengänge für soziale Berufe.

Rezension von
Ursula Stegemann
Referentin für freiwilliges Engagement der Diakonie Hessen
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Prof. Dr. Gisela Jakob
bis 9/2023 Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt

Es gibt 1 Rezension von Ursula Stegemann.
Es gibt 2 Rezensionen von Gisela Jakob.

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Zitiervorschlag
Ursula Stegemann, Gisela Jakob. Rezension vom 06.02.2024 zu: Birger Hartnuß: Gemeinsam gestalten. Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement: Das Handbuch für Studium und Praxis. Apollon University Press (Bremen) 2023. ISBN 978-3-943001-81-5. Reihe: Studienbücher - 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31256.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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