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Patrick Arnold, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Soziale Arbeit im Fußball

Rezensiert von Dr. rer. medic. Tobias Falke, 08.12.2023

Cover Patrick Arnold, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Soziale Arbeit im Fußball ISBN 978-3-7799-6588-6

Patrick Arnold, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Soziale Arbeit im Fußball. Theorie und Praxis sozialpädagogischer Fanprojekte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 294 Seiten. ISBN 978-3-7799-6588-6. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Sportfans im Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Forschung.

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Thema

Die Publikation beschäftigt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Fanprojekten in Fußballvereinen. Sie hat den Anspruch sich umfassend der Dokumentation und Analyse der Bedeutung des Handlungsfeldes für die Soziale Arbeit zu widmen und beschreibt sich selbst als Grundlagenwerk für die Fansozialarbeit.

Herausgeber:innen und Autor:innen

Herausgegeben wird das Buch von Patrick Arnold und Prof. Dr. habil. Jochem Kotthaus. Patrick Arnold ist als Diplom Sozialarbeiter und Sozialpädagoge geschäftsführend bei der Landearbeitsgemeinschaft der Fanprojekte in NRW e.V. tätig.

Jochem Kotthaus lehrt an der Fachhochschule Dortmund und hat unter anderem in der Sportsoziologie einen Schwerpunkt seines Wirkens.

Durch die Einbindung von Akademiker:innen und Praktiker:innen als Autor:innen gemeinsam in diesem Band nähern sich die Herausgebenden mit einem weiten Blick den Fanprojekten und angrenzenden Themen.

Entstehungshintergrund

Mit diesem Werk möchten die Herausgeber zu einem intensiven und vertieften sozialpädagogischen Diskurs anregen, wohlwissend, dass die Publikation weder abschließend noch vollumfänglich die Fanprojekte und Fansozialarbeit erfassen kann und dass trotz gemeinsamer Grundlinien auch Diskrepanzen zwischen den einzelnen Beiträgen ein breites Spektrum abbilden.

Aufbau

Das Buch beleuchtet auf knapp 290 Seiten das Thema der Fansozialarbeite strukturiert in vier Teilen. Ergänzend findet sich ein ausführliches Abkürzungsverzeichnis.

Die Schwerpunkte sind die Grundlagen der Fanarbeit (4 Beiträge), die Arbeit an und mit Diskriminierungsformen (5 Beiträge), Bildungsarbeit (4 Beiträge) und Fanprojekte als klassische Querschnittsarbeit (4 Beiträge)

Inhalt

Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen Beiträge wird an dieser Stelle in Artikel stellvertretend für jeden inhaltlichen Teil näher betrachtet.

Dies sind in den jeweiligen Teilen

  1. Soziale Arbeit mit Fußballfans. Fanprojekte als Institution und professionelle Praxis. (Kotthaus, J,/Templin, D.) S. 49 - 69
  2. Zur Analyse von und zum Umgang mit Sexismus im Fußball. Perspektiven aus der Fanarbeit (Hagel, A./Schrey, S.) S. 103–113
  3. Vielfalt statt Verdrängung. Erinnerungskultur im Fußball an den Beispielen des Hamburger Sport-Vereins und der Stadt Bochum im Nationalsozialismus (Scholz, P./Kopp, G.) S. 202 - 220
  4. Onlinebasierte Suchtprävention und Suchtberatung mit Fußballfans. Das Projekt SubFAN. (Arasteh-Roodsary, L./Arnold, P./Deimel, D.) S. 249 - 258

1) Soziale Arbeit mit Fußballfans

Dieser Buchbeitrag setzt direkt im ersten Satz mit dem Beginn des Zeitalters der Fußballbundesliga in 1963 an und stellt mit einer Einordnung der Geschichte der Bundesliga in soziale Bezüge (Geschlechterverhältnisse im Stadion, Professionalisierung des Sports). Die Autor:innen beschreiben „Fanprojekte als therapeutische Institution“ und beziehen sich hier auf soziologische Grundlagen. Anhaltspunkte zur Beschreibung soziologischer Dimensionen finden sich in diesem Beitrag hauptsächlich in systemisch orientierter Denkweise und Betrachtung. Durch eine analytische sowie theoretische Annäherung werden die handelnden Institutionen und ihre Subjekte (Personen) beschrieben und in Sinnzusammenhänge, die auch soziale Interventionen fordern, gesetzt.

Die Bearbeitung der sozialen Probleme im Kontext des Fußballs stellt einen weiteren Schwerpunkt des Artikels dar. Die Bearbeitung abweichenden Verhaltens durch unterschiedlich motivierte und legitimierte Sozialarbeiter:innen wird Beispielhaft und durch Interviewauszüge verdeutlicht präsentiert.

Um in der Fanarbeit wirksam und akzeptiert tätig zu sein, bedarf es einer hohen Akzeptanz. Wie eine solche zu erlangen und aufrecht zu erhalten ist, wird ebenso praktisch beschrieben als auch in den Kontext diverser Beziehungen nach innen zu Fanszene als auch nach außen (z.B. zur Polizei) gesetzt.

Diese und andere Herausforderungen in der Identitätsstiftung und Herausbildung eines professionellen Selbstverständnisses für Mitarbeitende in der Fanarbeit beschreiben die Autor:innen mit weiterem forschungsbedarf versehen und runden so ihre Sicht auf diejenigen, die die Fanszene sozialarbeiterisch professionell bearbeiten ab.

2) Zur Analyse von und zum Umgang mit Sexismus im Fußball. Perspektiven aus der Fanarbeit

Die Erfahrungen von Personen, die von Sexismus und sexualisierter Gewalt betroffen sind, stehen im Mittelpunkt dieses Beitrags. Die Autorinnen nähern sich definitorisch und kategorisierend dem Sexismusbegriff und beschreiben eingehend männlich dominierte Bereiche in einem Fußball, der Frauen unterordnet und ausschließt. In mehreren Bereichen des aktiven Fußballs und der Fanarbeit wird ein Zuwachs an weiblichen Akteurinnen konstatiert, wobei die bloße Anwesenheit noch nicht als veränderungswirksam beschrieben wird (S. 106). Konkret werden mehrere Ansätze eröffnet, wie Frauen in der Fanarbeit sichtbarer und zielorientierter wirken können. Als zentrales Merkmal wird die Vernetzung sowohl mit externen Akteur:innen um den Fußball herum, als auch direkt in der „Lebenswelt Fußball“ (S. 108) beschrieben und mit konkreten Beispielen belegt. Der Artikel schließt mit Appellen an die kontinuierliche Bearbeitung, Erforschung und Auseinandersetzung des Themas Sexismus im Fußball, um die hoffnungsvollen Grundlagen aufgreifen zu können.

3) Vielfalt statt Verdrängung

Dieser Artikel nimmt die seit Beginn der 2000er Jahre wahrnehmbare Aktivität der Fußballvereine in der Erinnerungsarbeit in den Blick. Gedanken zur Politisierung des Sports, zu den Herausforderungen der Abgrenzung von Lokal- und Vereinspatriotismus sowie Nationalismus (S. 203). Die Autor:innen stellen dar, wie es aus ihrer Sicht gelingen kann mit vielfältiger Erinnerungsarbeit den Sport und sein Umfeld in die lokale Erinnerungsarbeit einzubeziehen und einer Verantwortung gerecht zu werden. Diese Verantwortung erwächst aus Kontinuitäten, die Vereine, Sponsoren aber auch Verbände und insbesondere einzelne Funktionäre in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg prägten (S. 204). Hier entsteht für die Leser:innen ein Bild struktureller Probleme, die durch die Nicht-Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung durch das Schweigen der Vereine und Verbände lange Zeit virulent weiter wirken konnte. Der Artikel zeigt die Schwierigkeiten und Versäumnisse z.B. beim Hamburger SV beim Umgang mit Nationalsozialisten in der direkten Nachkriegszeit und die begonnene multimethodische Aufarbeitung ab dem Jahr 2007 (S. 207).

Ein weiterer Teil des Artikels nimmt den VfL Bochum und seine Vorgängervereine in den Blick. Auch hier konstatieren die Autor:innen der Verein habe diese Zeit „bis heute nicht kritisch und umfassend untersucht“ (S. 212). Wie sich der Verein seit 2015 mit der Geschichte des Nationalsozialismus im Bochumer Fußball beschäftigt, wird praxisnah beschrieben.

Im letzten Teil ihres Artikels stellen Scholz und Kopp umfassende Eindrücke und Thesen zu den Tendenzen, Errungenschaften und Versäumnissen der Erinnerungsarbeit im Kontext des Fußballs dar. Insbesondere die Würdigung des Motivs der „Tradition“ und einem paradoxen Umgang mit „Traditionsarbeit“ (S. 216) sowie Chancen der Gedenkstättenarbeit fernab von Schule nehmen hier Raum ein, bevor die Autor:innen abschließend mannigfaltige potentielle weitere Ansätze für die Erinnerungsarbeit im Fußball darstellen.

4) Onlinebasierte Suchtprävention und Suchtberatung mit Fußballfans. Das Projekt SubFAN

Die Autor:innen Laura Arasteh-Roodsary, Patrick Arnold und Daniel Deimel beleuchten die Fußballszene in ihrer Funktion als Teil von Jugendkultur und fokussieren hier auf (kritischen) Substanzmittelkonsum. Mit ihrer Feststellung, dass die Prävalenz für den Drogenkonsum in der Fußballkontext gegenüber der Durchschnittsbevölkerung erhöht ist, sowie einer signifikanten Verbindung von Substanzkonsum und Gewalt legitimiert sich eine besondere Aufmerksamkeit, die durch weitere wissenschaftliche Ergebnisse gestützt wird (S. 252). Hier wird ein Bedarf identifiziert, der die bisherigen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit mit aktiven Fußballfans ergänzt. Im Artikel werden neben dem Online- Beratungsportal auch die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte und der partizipative Ansatz des Konzeptes beleuchtet. Die Darstellung der geplanten Evaluation schließt den Beitrag ab.

Diskussion

Obwohl auch immer einzelne Projekte und Personen beschrieben werden, verleiht das Buch den Lesenden einen Blick aus einer Perspektive heraus, die auch grundlegende Tendenzen deutlich erkennen lässt, Schwerpunkte verdeutlicht und klare Forderungen an die weitere Bearbeitung seines Themas hat. Die größeren Kapitel des Buches erleichtern eine strukturelle Orientierung, wobei jeder Buchbeitrag für sich eine sehr individuelle Färbung mit sich bringt. Herangehensweisen und Forderungen der Autor:innen lassen stark vermuten, dass oftmals nicht nur ein wissenschaftliches oder professionelles Interesse zugrunde lag, sondern, dass hier „Betroffene“ schreiben, was die Leser:innen sicherlich auch an vielen Stellen in die Faszination und Vielfältigkeit des Handlungsfeldes mitnimmt. Die Wechsel der Perspektiven, Akteur:innen und Blickwinkel (mal die Fans als substanzkonsumierende Person, manchmal die Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden der Fanprojekte, manchmal die historische Dimension,…) macht das Buch spannend und anspruchsvoll zugleich.

Wenn an irgendeiner Stelle Kritik geäußert werden kann, dann vielleicht derartig, dass durch die vielfältigen Beiträge „nebeneinander“ zwar die Breite und Tiefe aufgezeigt wird, die Konflikte jedoch (dadurch, dass die Beiträge sich nicht aufeinander beziehen) durch die Leser:innen weitergedacht werden müssen und nicht im Buch selbst aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Insgesamt ist das Buch „sympathisch“ weil authentisch, offen und kritisch und damit eine Empfehlung für Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen.

Fazit

Dieses Buch sieht die aktive Fanszene nicht als Rahmung des „eigentlichen Sports“, sondern beleuchtet fundiert und vielfältig die Fanarbeit im Fußball und die dort vorrangig bearbeiteten Themen. Den Herausgebern ist es gelungen Theorie und Praxis auf unterschiedlichen Ebenen zu verbinden ohne sowohl die Breite als auch den wissenschaftlichen Tiefgang des Themas aus dem Blick zu verlieren. Ein schönes Buch für alle, die Wissen wollen, was sich eigentlich „wirklich“ hinter der sozialen Fanarbeit verbirgt.

Rezension von
Dr. rer. medic. Tobias Falke
M.A. gesundheitsfördernde Soziale Arbeit; Kliniksozialdienst und Qualitätsmanagementbeauftragter in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie; systemischer Coach, Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen, ehrenamtlich sozialpädagogischer Leiter in einem Fußballverein, SRH Hochschule Hamm
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Es gibt 3 Rezensionen von Tobias Falke.

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Zitiervorschlag
Tobias Falke. Rezension vom 08.12.2023 zu: Patrick Arnold, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Soziale Arbeit im Fußball. Theorie und Praxis sozialpädagogischer Fanprojekte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6588-6. Reihe: Sportfans im Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31257.php, Datum des Zugriffs 26.02.2024.


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