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Aline Dittmann-Wolf: Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 26.01.2024

Cover Aline Dittmann-Wolf: Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz ISBN 978-3-7799-7636-3

Aline Dittmann-Wolf: Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 278 Seiten. ISBN 978-3-7799-7636-3. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.

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Thema

Welche Rolle nimmt die Rechtsmedizin für die Kinder- und Jugendhilfe im Kinderschutz ein? Mit dieser Frage setzt sich die Studie empirisch auseinander und nutzt als forschungsmethodischen Zugang Expert*inneninterviews mit Jugendamtsfachkräften und Rechtsmediziner*innen sowie Fokusgruppen. Die sich zeigende positive ›Begegnung‹ von Rechtsmedizin und Jugendamt irritiert bestehende Annahmen über die Kooperation zwischen Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe. Gleichzeitig weisen die Befunde auf Weiterentwicklungsbedarfe bezogen auf die „Begegnung“ beider Professionen im Kinderschutz hin.

Autorin

Dr. phil. Aline Dittmann-Wolf ist Diplom- Sozialpädagogin und war mehrere Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe, u.a. im Bayerischen Landesjugendamt, als wissenschaftliche Referentin im Deutschen Jugendinstitut München sowie als Lehrbeauftragte der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf tätig. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte beziehen sich auf die Kinder- und Jugendhilfe, wobei ihr besonderes Interesse dem Kinderschutz gilt. Aktuell arbeitet sie in der Kinder- und Jugendpsychosomatik des Klinikums Traustein.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei dem Buch um die Dissertationsschrift der Autorin, die sie an der Universität Hildesheim unter dem Titel „Die Rolle und der Beitrag der Rechtsmedizin für die Kinder- und Jugendhilfe im Kinderschutz“ eingereicht hat. Die Disputation fand am 01.02.2023 statt.

Aufbau und Inhalt

Neben den üblichen Formalia untergliedert sich die Veröffentlichung in drei Hauptbereiche, die hier einzeln dargestellt werden sollen.

Bezugspunkte, Forschungsstand, Untersuchungsdesign und methodisches Vorgehen

Zunächst werden Rollen und Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe auf der einen Seite sowie der Rechtsmedizin auf der anderen Seite im medizinischen Kinderschutz dargestellt, bevor die Autorin auf Begegnung und Zusammenarbeit von Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz eingeht sowie die Herausforderungen in der Kooperation zwischen Jugendamt und Medizin im Allgemeinen beziehungsweise der Rechtsmedizin im Speziellen eingeht. Wie im Rahmen einer Dissertation üblich wird im weiteren Verlauf der (übersichtliche) Forschungsstand zum Zusammenwirken und dem Einfluss von Medizin und Jugendamt im Kinderschutz untersucht. Es folgt ein kleiner Exkurs, der sich „Professionelle Besonderheiten“ (Anführungszeichen im Original) der Kinder- und Jugendhilfe und der (Rechts-)Medizin widmet. Als Nächstes betrachtet Aline Dittmann-Wolf, inwiefern die Rechtsmedizin durch das Jugendamt in Kinderschutzfällen einbezogen werden und welchen Einfluss diese Hinzuziehung im Verfahren hat. Der nächste Unterabschnitt mag für Leser*innen, die an praktischen Erkenntnissen interessiert sind, erst einmal verhältnismäßig unwichtig wirken, ist er aber keinesfalls, beschreibt er doch das Vorgehen bei der vorliegenden Untersuchung und ist verpflichtender Bestandteil einer jeden wissenschaftlichen Arbeit. Es werden das Untersuchungsdesign und das methodisches Vorgehen beschrieben, wobei in der vorliegenden Forschung das Wissen von Expert*innen als zentrales Element betrachtet wird: Jugendamtsmitarbeitende und Rechtsmediziner*innen als Expert*innen? Das Wissen der Expert*innen, Feldzugang und Sampling, „Fundierende Experteninterviews“ und Fokusgruppe – die Datenerhebung, Sekundäranalyse, Aufbereitung und Analyse sowie die Kritische Reflexion des Forschungsprozesses sind die einzelnen Themenblöcke.

Ergebnisse der empirischen Analyse

Der für Praktiker*innen wohl bedeutendste Teil des Buches stellt die Ergebnisse der Interviews – belegt durch zahlreiche Zitate der Gesprächspartner*innen – dar und bietet so einen ersten Einblick, wie die Kooperation von Jugendamt und Rechtsmedizin in der Praxis ablaufen kann. Zunächst wird dargestellt, welche Indikationen überhaupt zu einem Kontakt zwischen Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz führen können beziehungsweise aus welcher Perspektive beide Professionen jeweils darauf schauen. Danach folgt die Darstellung der Begegnung der Fachkräfte und wie sie jeweils empfunden werden beziehungsweise wie es im weiteren Prozess weitergeht. Es schließt sich die spannende Frage an, welche Besonderheiten in der Begegnung durch die Fachkräfte erkannt wurden – sind es „entfernte Kooperationspartner*innen“ oder „außergewöhnliche Kooperationspartner*innen“? Und welche Bedeutung hat überhaupt die Rechtsmedizin und ihrer Expertise für den Kinderschutz? Ist es letztlich eine; „Friedliche Koexistenz“ mit klaren Zuständigkeitsbereichen mit punktuell vulnerablen Grenzen? Zum Ende setzt sich Dittmann-Wolf noch mit dem Professionsverständnis der Sozialen Arbeit und daraus folgenden (Status-)Unsicherheiten der Jugendamtsfachkräfte auseinander.

Theoretische Anschlüsse und Fazit

Was aber folgt nun aus den Ergebnissen der Forschung? Diesen Fragen widmet sich die Autorin im letzten inhaltlichen Abschnitt unter anderem unter der plakativen Überschrift „Viel Wirbel um wenig“, wobei sie professionstheoretische Überlegungen zur Begegnung von Jugendamt und Rechtsmedizin anstellt. Im Anschluss daran beleuchtet Aline Dittmann-Wolf ihre Ergebnisse noch unter kooperations- und organisationstheoretischen Aspekten.

Diskussion

Wenn Fachkräfte aus Jugendämtern und Rechtsmediziner*innen aufeinandertreffen, geht es in der Regel um massive Formen von Kindeswohlgefährdungen beziehungsweise sogar schon eingetretene körperliche Schäden der Kinder. Spuren müssen gesichert werden, Verletzungsmuster auf Plausibilität hinsichtlich der Schilderungen der Beteiligten überprüft werden. Zwar ist diese Kooperation nur ein Baustein im Kinderschutz, aber dafür in den Fällen, in denen die Zusammenarbeit erfolgt, ein besonders wichtiger. Oft entstehen Reibungsverluste im Kinderschutz, wenn Sozialarbeiter*innen mit anderen Professionen zusammenarbeiten. Oft gibt es Missverständnisse über Aufgaben und Vorgehensweisen oder Möglichkeiten. Anhand von neun qualitativen Interviews gelingt es Aline Dittmann-Wolf in ihrer Dissertation zum einen die Notwendigkeit einer gelungenen Kooperation im Kinderschutz der beiden Professionen darzustellen, zum anderen zeigt sie aber auch Fallstricke auf sowie Möglichkeiten, diese zu umgehen. Dabei ist es spannend, anhand der Zitate nachzuvollziehen, mit welchen Unterschieden Sozialarbeiter*innen und Rechtsmediziner*innen auf den Kinderschutz und die Zusammenarbeit blicken. Wer für seine eigene Praxis lernen möchte, wie Kooperation gelingen kann, dem sei diese Forschungsarbeit wärmstens ans Herz gelegt.

Fazit

Mediziner*innen und Sozialarbeiter*innen sind oft keine guten Beispiele, wenn es um gelingende Kooperation geht. Gerade in der Jugendhilfe und hier insbesondere im Kinderschutz ist die aber von immenser Bedeutung, um Kinder und Jugendliche gut und sinnvoll schützen zu können. Umso schöner und vor allem wichtiger ist es, dass es der Autorin gelingt, den Leser*innen aufzuzeigen, wie es besser funktionieren kann – insofern ein lesenswertes Buch, das hoffentlich als eine Art Bedienungsanleitung für die Möglichkeit verstanden wird, gute Kooperationen im Kinderschutz zu leben.

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 26.01.2024 zu: Aline Dittmann-Wolf: Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7636-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31265.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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