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Michael Görtler (Hrsg.): (Keine) Zeit für Soziale Arbeit?

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 07.03.2024

Cover Michael Görtler (Hrsg.): (Keine) Zeit für Soziale Arbeit? ISBN 978-3-7841-3603-5

Michael Görtler (Hrsg.): (Keine) Zeit für Soziale Arbeit? Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 60 Seiten. ISBN 978-3-7841-3603-5. D: 9,00 EUR, A: 9,30 EUR.
Eine Auseinandersetzung von Michael Görtler in der Reihe Soziale Arbeit kontrovers des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

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Thema

Dieses Buch erscheint in einer Reihe des Verlags, die auf einer Kooperation mit dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge beruht. Dabei handelt es sich um die Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“, in der in knapper, handlicher Form Orientierungshilfen zur Verfügung gestellt werden, was gleichzeitig zum Diskurs einladen soll.

Autor

Michael Görtler, Prof. Dr., ist Professor für Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg

Entstehungshintergrund

Mit diesem Kompendium soll ein kurzer Überblick über eine wesentliche Thematik der Sozialen Arbeit gegeben werden, hier ist Zeit der inhaltliche Gegenstand.

Aufbau und Inhalt

Das Buch unterteilt sich auch in dieser Kürze in 5 Kapitel.

Die Hinführung in Kapitel 1 greift die bestehende (und bekannte) Praxis auf, dass sich Mitarbeitende in sozialen Berufen einer Zeitknappheit ausgesetzt sehen, beginnend bei zu vielen Aufgaben über hohen Dokumentationsaufwand bis hin zu Fehlern aufgrund permanenter Hektik. „Zugrunde liegt die These, dass in der Sozialen Arbeit Zeitdruck herrscht, der gesellschaftlich bedingt ist, also aus einer Ökonomisierung und Beschleunigung der Arbeitswelt und damit auch der sozialen Arbeit resultiert – und nicht aus einem defizitären Umgang der Fachkräfte mit Zeitpunkt. […] Der Fokus dieser Reflexion ist aber auf die zeitlichen Herausforderungen in der Praxis der sozialen Arbeit gerichtet, die sich aus den Rahmenbedingungen ergeben, die von den Fachkräften selbst nur indirekt, d.h. durch politisches Handeln, beeinflusst werden können“ (S. 8).

Der theoretische Hintergrund wird im Kapitel 2 skizziert. Ganz kurz werden Geistes- und Naturwissenschaften erwähnt, um dann die Psychologie ebenfalls in aller Kürze aufzugreifen. Daran schließen sich ebenso knapp Ausführungen zur Pädagogik an, um dann die Soziologie als Referenz heranzuziehen. Schließlich kommt die Sprache auf die Soziale Arbeit, wobei Michael Görtler (zu Recht) hier ein Desiderat feststellt. Daher skizziert er Zeit als eine knappe Ressource Sozialer Arbeit aus verschiedenen Perspektiven: aus einer zeitökologischen Perspektive und aus einer systemtheoretisch-konstruktivistischen Perspektive. Dem tatsächlichen Handeln in der Praxis folgend, lässt sich Zeit auch als Abfolge beruflichen Tuns beschreiben. Das skizziert er am Beispiel von Bildung als Prozess und Beratung als Prozess. Das ist eingebettet in die These der Beschleunigungsgesellschaft, die auf Hartmut Rosa zurückgeht.

Neben den theoretischen Zugängen gibt es auch empirische Befunde, die in Kapitel 3 angeführt werden. Verschiedene ausgewählte Studien (auch branchenübergreifend) kommen zu dem Ergebnis, „dass der Zeitdruck in der Regel auf die gleichen oder ähnliche Ursachen zurückgeführt wird, etwa (zu) wenig Personal, (zu) viele Aufgaben oder Projekte, die gleichzeitig oder ungeplant zu erledigen sind, (zu) kurze Fristen für die Erledigung dieser Aufgaben oder Projekte oder (zu) viele Störungen und Unterbrechungen während der Arbeit daran“ (S. 25). Eine eigene Studie des Autors zeigt auf, welche Problematiken sich aus dem Zeitdruck im Berufsalltag ergeben, hier am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe. Das bekannte Credo ‚pädagogisches Handeln braucht Zeit‘ wird deutlich an den Items Zeit für Qualität, Zeit für Beziehungsarbeit und Gespräche und Zeit für Krisen und Konflikte. Das steht im Widerspruch zu den Ursachen von Zeitdruck, die da sind: (zu) viele Aufgaben und (zu) wenig Personal. Das wiederum hat Folgen, was sich unter anderem in Fehlern ausdrücken kann, was zu Mehrarbeit führt, was negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Fachkräfte hat, und was sich auch negativ auf die Beziehung zu den Klient*innen auswirkt.

Wie soll nun mit Zeit umgegangen werden? Darum geht es in Kapitel 4, indem der Autor zwei Ansätze zum Umgang mit Zeit in der Sozialen Arbeit angesichts der Herausforderungen aufzeigt. Der erste Ansatz ist die Zeitkompetenz, wobei ist hier um die Form der gelingenden Bewältigung von situativen Anforderungen geht. Eine Möglichkeit dabei ist das Zeitmanagement, wozu es vielfältige Schemata gibt. Eine andere Möglichkeit ist ein ökologischer Umgang mit der Zeit, wo es um das Verhältnis von Geschwindigkeit und Entschleunigung geht oder die Zeitkompetenz als Orientierung am Prinzip der Nachhaltigkeit. „Resümierend sind die (letzteren, Einschub MT) Definitionen für die soziale Arbeit anschlussfähig, weil sie Zeit als soziale Ressource begreifen. Dabei zielen sie nicht auf ein Zeitmanagement im Sinne einer effizienten und effektiven Verwaltung von Zeit mittels ökonomisch orientierter Methoden, Verfahren und Techniken ab, sondern auf einen kompetenten Umgang mit Zeit, welche die Zeitlichkeit von Mensch und Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt“ (S. 42). Gerade im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit gewinnt Zeitpolitik erheblich an Bedeutung, weil es neben der Arbeitszeit auch ein Recht auf Eigenzeit geben sollte.

Als Konsequenzen für die Soziale Arbeit ergibt sich (Kapitel 5), dass Zeit nicht nur eine große Relevanz für die Soziale Arbeit hat, sondern dass das Bewusstsein für den Umgang mit Zeit bei den Fachkräften und Mitarbeitenden in der Sozialen Arbeit noch viel stärker geweckt werden muss. Dabei geht es nicht um ein ökonomisches Verständnis von Zeit, sondern um einen sozialwissenschaftlichen Blick, der die argumentative Kompetenz für einen gesellschaftlich-konstruktiven Umgang mit Zeit mit sich bringt.

Diskussion

Michael Görtler greift hier ein sehr relevantes und wichtiges Thema der Gegenwart auf, das nicht nur im Hinblick auf die Soziale Arbeit große Bedeutung hat, sondern es ist ein generelles gesellschaftliches Thema, das auch Auswirkungen auf die Soziale Arbeit hat. Insbesondere auf dem Hintergrund der Diskussionen um Carearbeit und deren gesellschaftliche wie auch sozialpolitische Anerkennung zeigt sich die Dringlichkeit, mit der diese Thematik umfassend diskutiert werden müsste. Es ist sehr bedauerlich, dass unter den herrschenden Effizienzvorgaben eine inhaltliche Verständigung kaum möglich ist, was umso mehr darauf hinweist, dass sich Soziale Arbeit hier eindringlich in die Diskussion einmischen muss. Zum einen geht es um den wesentlichen Inhalt Sozialer Arbeit, nämlich die Beziehungsqualität zu den Klient*innen und zum anderen geht es um die Fürsorge für die Mitarbeitenden, damit sie ihre anspruchsvolle berufliche Aufgabe gut erledigen können. Die von Michael Görtler skizzierten Forschungsdesiderate sollten umgehend bearbeitet werden.

In dieser Übersichtlichkeit ist es hoffentlich nicht nur ein Buch, das Studierenden einen schnellen Überblick über die Thematik gibt, sondern sich auch in der Praxis weit verbreitet, damit diejenigen, die genau unter diesem Druck stehen, sich das Bewusstsein verschaffen, welche weiteren Dimensionen das Thema hat und wie man dem argumentativ begegnen kann. Implizit richtet sich das Buch damit auch an die Entgeltverhandelnden und Geschäftsführungen in der Sozialen Arbeit, hier einen Teil zu guten Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden beizutragen.

Warum Michael Görtler seine eigenen (veröffentlichten) Arbeiten zu dieser Thematik nicht als Referenz im Literaturverzeichnis ausweist, lässt sich aus dieser Perspektive nicht beantworten, aber sie hätten es verdient, zumal er aus Sicht des Rezensenten einer der ganz wenigen Personen ist, die sich mit dem Thema Zeit in der Soziale Arbeit überhaupt befasst.

Fazit

Hier liegt ein sehr lesenswertes Buch vor, das in seiner Kürze das Thema gut umreißt und aufzeigt, welche Brisanz dahinter liegt.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Es gibt 89 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler.

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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 07.03.2024 zu: Michael Görtler (Hrsg.): (Keine) Zeit für Soziale Arbeit? Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3603-5. Eine Auseinandersetzung von Michael Görtler in der Reihe Soziale Arbeit kontrovers des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31278.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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