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Umut Akkus: Radikal religiös

Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 12.02.2024

Cover Umut Akkus: Radikal religiös ISBN 978-3-7799-7489-5

Umut Akkus: Radikal religiös. Eine Jugendkultur zwischen Moderne und Tradition? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 267 Seiten. ISBN 978-3-7799-7489-5. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Reihe: Jugendforschung. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779967682.

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Thema

Das Buch untersucht die Motive und Faktoren religiöser Radikalisierung von jungen Menschen sowie die zugrundeliegende Verwurzelung in einer entsprechenden Jugendkultur.

Autor

Der Autor Umut Akkus ist im November 2023 auf die Professur für Jugend und Jugendarbeit im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda berufen worden. Zuvor studierte er Sozialwissenschaften und Soziologie an den Universitäten Duisburg-Essen und Bielefeld und war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. 2022 promovierte er zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.) an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation wurde von der Universität Bielefeld als Dissertationsschrift angenommen.

Aufbau

Die zentralen Fragestellungen der Arbeit sind:

  • Welche Ursachen und Faktoren sind für eine religiös motivierte Radikalisierung junger Menschen verantwortlich?
  • Werden die Bedingungen für eine radikal-religiöse Jugendkultur im Prozess der religiös motivierten Radikalisierung erfüllt?
  • Ist die radikal-religiöse Jugendkultur ein modernes Phänomen oder eine traditionsverwurzelte Erscheinung?

Die Beantwortung dieser Fragen erfolgt in fünf Kapiteln:

  1. Traditionelle Orientierungen in komplexen Zeiten
  2. Die Herausforderungen in der Jugend
  3. Radikalismus – Versuch einer Differenzierung
  4. Aktueller Forschungsstand
  5. Die Studie

Inhalt

Das erste Kapitel befasst sich mit der Beschreibung der Moderne und den Versuchen, sich in modernen, komplexen, flexibilisierten gesellschaftlichen Strukturen zu orientieren. Der Autor versteht Moderne als stetigen Prozess der Erneuerung und setzt sich mit den unterschiedlichen Rezeptionen des Begriffs „Moderne“ auseinander. Ohne die Folie der „Tradition“ ist Moderne nicht möglich (Lessenich 2017). Insbesondere wird die Orientierung an Traditionen herausgearbeitet. „Denn Traditionen verkörpern fundamentale Ordnungen, auf die sich auch moderne Perspektiven rückbesinnen, um die Gegenwart zu begründen und zu legitimieren.“ (13)

Im zweiten Kapitel wird nachgezeichnet, wie sich eigenständige Begriffe von Jugend, Jugendphase, Jugendkulturen begründeten. Im Anschluss an den historischen Exkurs werden jugendliche Lebenswelten im modernen Zeitalter beschrieben. Besonderes Gewicht wird auf die Herausforderungen der Identitätsbildung in der Moderne gelegt, im speziellen bei der muslimischen bzw. muslimisierten Jugend. Akkus bedient sich des Begriffs der „Hybridität“, um den besonderen Identitätsbildungsprozess von Menschen mit Migrationserfahrung zu verstehen.

Kapitel 3 widmet sich der Analyse von Radikalismus in Abgrenzung zu Fundamentalismus und Extremismus. Der Autor weist auf die verschiedenen Erscheinungsformen von Radikalismus hin: Radikalismus als Widerstandsbewegung, als Bewältigungsstrategie, als Folge von Sinnsuche und Orientierungsfindung, als kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Verhältnissen. Um den Prozesscharakter von Radikalisierung zu zeigen, werden die Radikalisierungsmodelle von Moghaddam (2005), Silber und Bhatt (2007) Precht (2007) und Borum (2011) kurz vorgestellt. Alle vier Radikalisierungsmodelle gehen von der Annahme aus, „dass dem Radikalisierungsprozess eine Phase der Präradikalisierung vorausgeht.“ (96) Die besondere Bedeutung der Präradikalisierung zeigt der Autor an den Feldern Erziehung und Sozialisation, Peergruppen und Freundescliquen, gesellschaftlicher Einfluss und Medienwirkung auf.

Im Kapitel 4 wird ein Überblick über den aktuellen Stand der Jugendforschung hinsichtlich jugendlicher Wertorientierungen, jugendlicher Religiosität und religiöser Radikalisierung gegeben.

Im Kapitel 5 werden die Ergebnisse der vom Autor durchgeführten Interviews mit zwanzig jungen Menschen muslimischen Glaubens präsentiert. „Der Fokus lag dabei auf jenen Jugendlichen, die radikalere religiöse Weltsichten und Einstellungen vertraten und diese in ihren Lebensalltag integrierten.“ (123) Die methodische Vorgehensweise, die Rekrutierung der Interviewten, ihre demografischen Daten, der Leitfaden, die Auswertung werden gemäß den Anforderungen an eine Dissertation genau beschrieben. Die Auswertung erfolgt narrativ unter Verwendung zahlreicher Verbatims auf fast einhundert Seiten und ist untergliedert in „Gemeinschaft“, „Szenenspezifisches“, „Aktivität und Engagement“, „Freizeitaktivitäten und Mediennutzung“, „Erziehung und Sozialisation“, „Krisenbewältigung“, „Diskriminierung und Ausschluss“, „Schlüsselmomente und biografische Brüche“.

Im Fazit beantwortet der Autor die eingangs gestellten Fragestellungen. Pflichten und Rituale sind eine besondere Stütze in einer enttraditionalisierten Gesellschaft. Der religiöse Fundamentalismus ist trotz Vergangenheitsbezug weniger ein traditionelles als vielmehr ein modernes Phänomen. Die Ursachen religiöser Radikalisierung liegen nach Akkus in der Synthese mehrerer Faktoren:

  • religiöse Sozialisation auf Respekt, Gehorsam und Frömmigkeit
  • die religiöse Orientierung hilft bei der Bewältigung von Sinn- und Lebenskrisen
  • Diskriminierungserfahrungen führen zu sozialem Rückzug und zur vertikalen Verwurzelung in der Religion
  • Prägende Ereignisse mit vorbildlichen Persönlichkeiten

Welchen Mehrwert haben nun die Studienergebnisse? Religiöse Radikalisierung ist multifaktoriell. Der Blick muss deshalb auf größere Zusammenhänge gerichtet werden. Es muss eine Änderung der gesellschaftlichen Diskurskultur erfolgen. „Die seit Jahrzehnten geführten und bis heute zu keinem Ergebnis gekommenen politischen Debatten darüber, ob der Islam und die Muslim*innen zu Deutschland gehören oder nicht, verstärken das Gefühl der Ablehnung und Nicht-Zugehörigkeit.“ (243) Es muss eine Kultur der Teilhabe gelebt werden. Pädagogisch kann das in der Meinung des Autors in den Handlungsfeldern Kita, Schule und Quartier vorangebracht werden.

Diskussion

Es handelt sich um eine Dissertationsarbeit, die den akademischen Regeln der Abfassung einer solche Arbeit folgt. Die definitorischen Erörterungen sind daher zwangsläufig notwendig, erfolgen aber andererseits verkürzt (Fundamentalismus, Radikalismus, Extremismus auf neun Seiten). Spannend sind die Ausführungen zum Prozess der Präradikalisierung. Der Buchtitel suggeriert eine generelle Auseinandersetzung mit religiösen Jugendkulturen, de facto ist es jedoch eine Auseinandersetzung mit religiös radikalisierten muslimischen Jugendlichen. Die Auswahl der zwanzig befragten Jugendlichen ist hoch selektiv. Eine breite Erörterung über die Reichweite der Erkenntnisse auf der Basis der zwanzig Interviews wäre wünschenswert gewesen. Insgesamt liefert die Arbeit jedoch einen aufschlussreichen und lohnenswerten Einblick in religiös-migrantische hybride Identitäten.

Fazit

Umut Akkus hat eine lesenswerte Arbeit zur religiös basierten Radikalisierung migrantischer -vornehmlich muslimischer- Jugendlichen verfasst. Sein Fazit für eine bessere Kultur der Teilhabe ist allein aufgrund der Lektüre des Buches voll und ganz zu unterstützen.

Literaturhinweise

Randy Borum (2011): Radicalization into violent extremism II. A review of conceptual models. An empirical research. In: Journal of Strategic Security 4

Rolf Lesssenich (2017): Tradition. In: Ludger Kühnhardt, Tilman Mayer (Hrsg.): Bonner Enzyklopädie der Globalität. Springer: Wiesbaden, S. 1051–1060

Fathali M. Moghaddam (2005): The staircase to terrorism. A psychological explanation. American Psychologist. Vol. 60. No. 2

Thomas Precht (2007): Home grown terrorism and Islamist radicalisation in Europe. From conversion to terrorism. Research report. https://www.justitsministeriet.dk/sites/​default/​files/​media/​Arbejdsomraader/​Forskning/​Forskningspuljen/2011/2007/Home_grown_terrorism_and_Islamist_radicalisation_in_Europe_-_an_assessment_of_influencing_factors__2_.pdf (Abgerufen am 28.01.2024)

 Mitchell D. Silber, Arvin Bhatt (2007): Radicalization in the west. The homegrown threat. New York City Police Department. City of New York

Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Präsident des European Consumer Debt Network, Mitglied der Financial Services User Group der Europäischen Union
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Es gibt 16 Rezensionen von Dieter Korczak.

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Zitiervorschlag
Dieter Korczak. Rezension vom 12.02.2024 zu: Umut Akkus: Radikal religiös. Eine Jugendkultur zwischen Moderne und Tradition? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7489-5. Reihe: Jugendforschung. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779967682. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31284.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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