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Bernd Rudow, Bernd Fischer: Gesundheit, Belastung und Arbeitszufriedenheit von früh­pädagogischen Fachkräften

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 15.01.2024

Cover Bernd Rudow, Bernd Fischer: Gesundheit, Belastung und Arbeitszufriedenheit von früh­pädagogischen Fachkräften ISBN 978-3-8309-4729-5

Bernd Rudow, Bernd Fischer: Gesundheit, Belastung und Arbeitszufriedenheit von frühpädagogischen Fachkräften. Theorie - Diagnostik - Prävention - Gesundheitsförderung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. 282 Seiten. ISBN 978-3-8309-4729-5. 37,90 EUR.

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Autoren

Bernd Rudow, Dr. rer.nat. habil., war als Professor für Psychologie in verschiedenen Bereichen, überwiegend in der Arbeitspsychologie, an diversen Hochschulen tätig, sowohl in der damaligen DDR als auch seit 1988 an westdeutschen Hochschulen. Seine berufliche Haupttätigkeit hat er an der Hochschule Merseburg getätigt mit einer Professur für Arbeitswissenschaften (1995-2013).

Bernd Fischer, Dr. phil., war freiberuflich in der Ausbildungs- und Berufsforschung tätig und ist als Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten tätig.

Entstehungshintergrund

Die Arbeitsbelastung von Erzieher:innen ist immer mal wieder Thema, insbesondere wenn eine neue Studie zu diesem Thema erscheint, aber meistens dauert die Diskussion darum nicht lange. Dabei hat die frühkindliche Bildung einen enormen Stellenwert eingenommen. Mit diesem Buch werden die verschiedenen Studien und Einflussfaktoren systematisch zusammengetragen.

Aufbau und Inhalt des Buches

Das Buch hat 8 Abschnitte:

  1. Gesundheit und Belastungen von frühpädagogischen Fachkräften – ein bildungspolitisches, wissenschaftliches und individuelles Problem
  2. Das Belastungs-Ressourcen-Beanspruchungs-Modell als Rahmen der Gesundheitsforschung bei frühpädagogischen Fachkräften
  3. Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit
  4. Arbeitszufriedenheit
  5. Ergebnisse empirischer Studien zur Gesundheit, Belastung, Beanspruchung und Arbeitszufriedenheit von frühpädagogischen Fachkräften
  6. Die BEA-Studie
  7. Prävention und Gesundheitsförderung in frühpädagogischen Berufen
  8. Fazit und Ausblick auf Forschung und Praxis

Das 1. Kapitel Gesundheit und Belastungen von frühpädagogischen Fachkräften – ein bildungspolitisches, wissenschaftliches und individuelles Problem ist die Skizzierung der wesentlichen Inhalte und Fragestellungen des Buches. Es geht um folgende Ziele (S. 21 f.).:

  • Vorstellung theoretischer Modelle oder Konzepte zur Gesundheit, Belastung und Arbeitszufriedenheit im frühpädagogischen Kontext
  • Empirische Befunde zur Gesundheit und Belastung in diesem Zusammenhang
  • Diagnostische Instrumente zur Erhebung von Arbeitsplatzsituationen
  • Vorstellung von Modulen zur Gesundheitsförderung resp. Stressbewältigung
  • Arbeits – und Gesundheitsschutz im Kita-Bereich
  • Gesundheitsbildung als relevantes Thema in der Aus- und Weiterbildung

Das Kapitel 2 Das Belastungs-Ressourcen-Beanspruchungs-Modell als Rahmen der Gesundheitsforschung bei frühpädagogischen Fachkräften basiert im Wesentlichen auf dem Belastungs-Ressourcen-Beanspruchungs-Modell (BR-Modell), das Bernd Rudow entwickelt wurde, ist schon bei Lehrkräften, bei Sozialarbeiter:innen und in der Krankenpflege angewendet worden. Das BRB-Modell „…ist als heuristisches Modell für die Belastungs-, Beanspruchungs- und Gesundheitsforschung, die betriebliche Gesundheitsförderung und den Arbeitsschutz zu verstehen. […] Das Modell weist eine empirische Evidenz auf, da Belastungen, Beanspruchungsreaktionen und -folgen sowie Ressourcen verschiedenster Art in mehreren Studien verifiziert worden sind. Die Module wurden jeweils ausdifferenziert in Belastungskategorien und -faktoren, in positive und negative Beanspruchungsreaktionen und -folgen sowie in Arbeits- und personale Ressourcen. Zudem wird die Sequenz unter Berücksichtigung der Ressourcen und deren Moderator- und Mediatorfunktion beschrieben“ (S. 23 f.). Daneben werden aber auch eine Reihe weiterer Modelle kurz angerissen, die in arbeitswissenschaftlichen Kontexten zum Einsatz kommen können bzw. genutzt worden sind. Das BRB-Modell setzt erst einmal bei den Belastungen an, wozu Arbeitsaufgaben und -organisation, Arbeitsplatz, -umgebung und -mittel, sozial-kommunikative Interaktionen, gesellschaftlich-kulturelle und private Lebensbedingungen und Persönlichkeitsmerkmale gehören. Dem schließen sich die Beanspruchungen an, die in negative Beanspruchungsreaktionen und positive Beanspruchungsreaktionen und -folgen unterteilt sind.

Kapitel 3 Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit stellt den Zusammenhang zwischen Gesundheit als Wohlbefinden, Arbeitsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit her. Grundlegende Begriffe wie Salutogenese werden erläutert. Dabei wird auch auf den Arbeitsplatz sowie Führungsverhalten von Vorgesetzten eingegangen.

Das leitet über zu Kapitel 4, was folgerichtig mit Arbeitszufriedenheit zu tun hat. Hier geht es um Konzepte zur Arbeitszufriedenheit und Facetten und Einflussfaktoren darauf, aber auch um diagnostische Instrumente.

Einen Überblick über verschiedene Studien zu den Ergebnissen empirischer Untersuchungen zur Gesundheit, Belastung, Beanspruchung und Arbeitszufriedenheit von frühpädagogischen Fachkräften bietet Kapitel 5 und folgt der Unterteilung des BRB-Modells. Die Folgen der Beanspruchungsreaktionen wie Ermüdung, Stress, Burn-out sowie weitere Erkrankungen und Gesundheitsstörungen werden ausdrücklich abgebildet. Gerade im Hinblick auf Burn-out und andere Folgen der Beanspruchung kritisieren die Autoren die vorliegenden Studien, dass diese häufig auf der Subjektivität der Befragten beruhen. „Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten zur Diagnostik von Burn-out, die bei Erzieherinnen Anwendung fanden. Oft erfüllen sie aber nicht die psychometrischen Gütekriterien. […] Bei den Studien zur Gesundheit und Belastung von Erzieherinnen sollten nicht nur subjektive Verfahren (Fragebögen und Interviews), sondern auch objektive Verfahren (physiologische und biochemische Verfahren) eingesetzt werden. Wenn Fragebögen genutzt werden, dann sollten sie eine ausreichende Reliabilität und Validität aufweisen“ (S. 124 f.).

Daher haben die Autoren die BEA-Studie (mit Unterbrechung durch Corona) durchgeführt. BEA steht für Belastungen von Erzieherinnen durch die Arbeit. Die Autoren schränken selber ein, dass die Unterbrechungen durch Corona für die Studie problematisch sein können und sehen diese auch nicht als repräsentativ an, da die Auswahl der Stichprobe eher zufällig als systematisch erfolgte. Dennoch liegen der Studie etwas über 1.000 Aussagen zugrunde, sodass man zumindest von einem breiten Bild sprechen kann. Auf der Grundlage des BRB-Modells werden die Daten systematisch ausgewertet. „Insgesamt ist die von den Erzieherinnen berichtete psychische Belastung nur moderat und die Arbeitszufriedenheit hoch. Die Untersuchungen der Effekte der von personenbezogenen und strukturellen Variablen und die mithilfe der Clusteranalyse aufgedeckte Typologie der Arbeitszufriedenheit zeigen aber auch, dass es Merkmale der Tätigkeit gibt, die die Belastung erhöhen und die Arbeitszufriedenheit beeinträchtigen, und dass Personengruppen bestehen, deren Arbeitszufriedenheit sich negativ auf ihre Tätigkeit als Fachkraft auswirkt. Hier entsteht Handlungsbedarf in Bezug auf die Verringerung der Belastung und auf die Verbesserung der Arbeitszufriedenheit“ (S. 167).

Um ein gutes Arbeiten in den Kitas zu ermöglichen, sind Prävention und Gesundheitsförderung in frühpädagogischen Berufen von großer Relevanz, was Gegenstand von Kapitel 7 ist. Neben der Klärung wesentlicher Begrifflichkeiten geht es auch besonders um den Arbeitskontext, beginnend bei der Arbeitsorganisation über die Raumgestaltung hin zu Gesundheitszirkel und Gesundheitsbildung. Selbstverständlich darf dabei Work-Life-Balance nicht fehlen.

Das Buch schließt mit einem Fazit und Ausblick auf Forschung und Praxis (Kapitel 8) und stellt fest, dass es hier Nachholbedarf bzw. die Entwicklung von präventiven Ansätzen bedarf, aber auch Träger in der Pflicht sind. Grundsätzlich muss das Thema mehr in Aus- und Weiterbildung verankert werden, so auch in frühpädagogischen Studiengängen. Auch fehlen weitere Studien, insbesondere Längsschnittuntersuchungen.

Diskussion

Das Buch weist eine Merkwürdigkeit auf: „Bernd Fischer schrieb als ausgewiesener Methodiker das sechste Kapitel im vorliegenden Buch. Die übrigen Kapitel verfasste Bernd Rudow. Beide Autoren zeichnen für den gesamten Inhalt verantwortlich“ (S. 10). Die verschiedenen Instrumentarien zur Einschätzung der Arbeitssituation werden zumindest ansatzweise dargestellt, sodass interessierte Menschen diese weiterverfolgen könnten, denn die jeweiligen Vor- und Nachteile aus Sicht der Verfasser werden aufgezeigt. Dass die Autoren den Schwerpunkt auf das eigene Instrumentarium legen und (auch gut) begründen, ist legitim, zumal sie auch in der Gesamtauswertung frühere Studien mit einbeziehen.

An einer Stelle im Buch (S. 188) gibt es einen Verweis auf ein Raumkonzept einer spezifischen Firma, das als besonders modular und flexibel angepriesen wird. Da Bernd Rudow dazu ein unveröffentlichtes Gutachten (gemäß Nachweis im Literaturverzeichnis) verfasst hat, stellt sich hier die Frage des ungetrübten Blicks, andererseits könnte aber auch aus dieser Kenntnis heraus ein Hinweis auf eine Innovation sein. Da auf das Raumkonzept nicht weiter eingegangen wird, sondern der Werbetext dazu zitiert wird, erscheint es ein wenig seltsam. Weil es aber im sonstigen Verlauf des Buches keine weitere Rolle einnimmt, ist es nicht von großer Relevanz.

Der Fachkräftemangel als zusätzliche (schon vorhandene und weiter absehbare) Belastung der Mitarbeitenden in frühpädagogischen Berufen wird nicht weiter berücksichtigt, was aber zu umfassenden Beanspruchungen führen wird. Das mündet häufig in einem Präsentismus (S. 59) aufgrund der hohen intrinsischen Motivation der Mitarbeitenden, bis es dann irgendwann gar nicht mehr geht und Zustände wie Burn-out erreicht sind. Dem Buch hätte ein Stichwortverzeichnis gut getan, das fehlt leider.

Fazit

Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über die Arbeitssituation von frühpädagogischen Fachkräften. Dabei werden sowohl ältere Studien berücksichtigt und einbezogen wie auch eine eigene (nicht repräsentative) Erhebung angeführt und umfassend ausgewertet. Auch wenn die Erhebung zu dem Schluss kommt, dass sich die meisten Mitarbeitenden wohlfühlen und auch gut motiviert sind, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation personell und von den Belastungsgrenzen mehr als angespannt ist. Ein Buch für Studierende in den frühpädagogischen Studiengängen, das im Hinblick auf die eigene Berufstätigkeit und den Umgang mit den Belastungen, insbesondere auch mit den aufgezeigten Zusammenhängen, auf jeden Fall in Veranstaltungen zur Berufsorientierung gehört.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Es gibt 86 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler.

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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 15.01.2024 zu: Bernd Rudow, Bernd Fischer: Gesundheit, Belastung und Arbeitszufriedenheit von frühpädagogischen Fachkräften. Theorie - Diagnostik - Prävention - Gesundheitsförderung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. ISBN 978-3-8309-4729-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31286.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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