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Astrid Podsiadlowski: Schwimmen ohne Weste

Rezensiert von Frau Prof. Sr. Erika Spieß, 05.10.2023

Cover Astrid Podsiadlowski: Schwimmen ohne Weste ISBN 978-3-200-09174-0

Astrid Podsiadlowski: Schwimmen ohne Weste. Wie Integration gelingen kann. Katharina Pölzl & Partner Verlag (Allerheiligen bei Wildon) 2023. 269 Seiten. ISBN 978-3-200-09174-0. D: 24,00 EUR, A: 24,00 EUR.

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Thema

Ausgangspunkt des Buches ist die Flüchtlingskrise in Deutschland 2015/2016. Damit wird die Einreise von über einer Million Flüchtlingen, Migranten und anderen Schutzsuchenden nach Deutschland in den Jahren 2015 und 2016 und die dadurch entstandene Situation für Staat und Gesellschaft bezeichnet. Sie ist Teil der europaweiten Flüchtlingskrise und erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 2015. Im Gesamtjahr 2015 erfolgte die Erstregistrierung von ca. 890.000 Schutzsuchenden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). (Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung, Migrationsbericht 2015).

Autor:in

Astrid Podsiadlowski wurde 1969 in München geboren. Seitdem ihre Mutter ihr von ihren Erfahrungen als Dolmetscherin in Ghana erzählt hatte, beschäftigte sie sich mit Fragen der interkulturellen Verständigung. Jede Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturräumen war für sie faszinierend und begleitete sie in ihrem Studium der Psychologie, Soziologie und interkulturellen Kommunikation. Während ihrer Promotion, Forschung und Lehre setzte sie sich immer eingehender mit Fragen der kulturellen Vielfalt und Integration, der kulturellen und kulturvergleichenden Psychologie auseinander.

Sie lebte und arbeitete in Singapur, in Hawaii, in Neuseeland, in den USA, in den Niederlanden und in Deutschland. Ihr jetziger Lebensmittelpunkt ist in Österreich, wo sie sich ganz speziell mit der Wahrung von Kinderrechten in der EU und „besonders mit Personengruppen, die häufig Diskriminierung und Ausschluss erfahren“ (S. 27) beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Als im Spätsommer 2015 die Zahl geflüchteter Menschen so sprungartig anstieg, begann sich Astrid Podsiadlowski als freiwillige Helferin zu engagieren, um mit ihren Erfahrungen und ihrem Fachwissen einen konkreten Beitrag für eine gelingende Integration zu leisten. Diese ganz praktische, persönliche Umsetzung erfolgte zusammen mit wichtigen Mitstreitenden, allen voran ihrer Familie, denn allen war klar, dass die Geflüchteten Unterstützung brauchten. Von diesen spannenden, herausfordernden und positiven Begegnungen und Lernerfahrungen möchte sie in ihrem Buch erzählen. Dabei richtet sie ein besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche. Sie verbindet damit auch eine hoffnungsfrohe Botschaft: Sie möchte zeigen, wie durch Kontakt auf Augenhöhe, durch das Ermöglichen positiver Erfahrungen und Begegnungen sowie durch Zuversicht und Kontinuität Integration gelingen kann.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einem Prolog, wieso dieses Buch geschrieben wurde. Es werden Ziele, Zielgruppen und Methoden beschrieben. Im 2. Kapitel folgen Ausführungen zu sozialen Beziehungen, interkulturellen Begegnungen und kultureller Vielfalt.

Die weitere Gliederung erfolgt entlang der Chronologie der Ereignisse:

  • Ankommen 
  • Helfen
  • Unterstützen
  • Freizeitaktivitäten
  • Kulturelles Lernen 
  • Kontinuität: Der Lernklub geht weiter 
  • Was kommt jetzt?

Im Epilog wird eine Vision der gemeinsamen Zukunft entworfen. Im Anhang (Annexe) folgen theoretische Ansätze der Sozialpsychologie und interkulturellen Kommunikation, die Beschreibung von Spielen sowie die Referenzen.

Inhalt

Im Prolog wird die Ausgangslage der Flüchtlingskrise im Spätsommer 2015 beschrieben. Die Autorin ist ihrem spontanen Impuls, Menschen in Not zu helfen, gefolgt und möchte von ihren Begegnungen und Lernerfahrungen erzählen. Sie sieht in den Erfahrungen, die sie über fünf Jahre bei der Betreuung von Geflüchteten gemacht hat, auch eine Bestätigung der wissenschaftlichen Theorien, mit denen sie sich als psychologische Forscherin beschäftigt.

In Kapitel 1 begründet sie, wieso sie das Buch geschrieben hat: Die Autorin möchte mit ihrer Expertise als Wissenschaftlerin und mit ihren persönlichen Erfahrungen zu einem „besseren Miteinander beitragen und vor allem Kindern, jungen Menschen und ihren Familien Mut zu positiven Erfahrungen machen und somit einen Beitrag dazu leisten, wie Integration gelingen kann“ (S. 29).

Ziele, die die Autorin mit ihrem Buch verfolgt, sind die Wissensvermittlung, Empathie zu erzeugen, Verständnis für Geflüchtete und Helfer zu entwickeln, Erfahrungen zu teilen und ermutigen, aktiv weiterzumachen. Zielgruppen sind Personen aller Altersgruppen, die sich als Freiwillige engagieren oder dies gerne tun möchten, die beruflich mit Geflüchteten und freiwilligen Helfern sowie mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Expert:innen, und nicht zuletzt die Geflüchteten selbst. Methoden, die sie anwendet sind Geschichten, Dialoge, Zitate, Zeichnungen, Checklisten, Tipps und Studien.

Im Kapitel 2 „sozialen Beziehungen, interkulturellen Begegnungen und kultureller Vielfalt“ werden zentrale theoretische Ansätze eingeführt, die dann im Anhang genauer erläutert werden. Es wird der Begriff der Integration erklärt sowie die verschiedenen Strategien der Akkulturation, des Hineinwachsens in eine andere Kultur. Die Autorin verweist auf den Anhang, indem sie die Theorien weiter erläutert: die Rolle der Kultur, den Begriff der kulturellen Vielfalt bzw. Diversität, der Gruppenzugehörigkeit und die „Kraft der Begegnung“ bzw. was positiver Kontakt bedeutet. Sozialpsychologische Theorien wie z.B. die Kontakthypothese stellt sie in einer alltagssprachlichen Version dar, die hilft, Begegnungen unter Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Astrid Podsiadlowski beschreibt die Chronologie der Ereignisse, die unterschiedliche Phasen der Freiwilligenarbeit während des Integrationsprozesses widerspiegeln. Wichtig war der Autorin herauszuarbeiten, dass nicht nur Integration, sondern die Form der Unterstützung einem Prozess entsprechen, der sich je nach Phase unterscheidet und nicht mit der Hilfe beim Ankommen aufhört.

Sie beginnt mit Kapitel 3 „dem Ankommen“: Sehr anschaulich und persönlich anrührend schildert sie ihre ersten Begegnungen mit den Geflüchteten, insbesondere der Kinder. Sie beschreibt in Kapitel 4 „Helfen“ die Anfänge ihres Engagements, Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten. Sie geht auch auf die Motive der Freiwilligen ein und illustriert diese an einigen Fallbeispielen. Bei Kapitel 5 „Unterstützen“ werden die Anfänge geschildert und dann die zentrale Idee des Lernklubs erläutert: Es geht um die Devise „Kinder helfen Kindern“. Hierbei war auch besonders die Tochter der Autorin daran beteiligt. Es wurde ein wöchentliches Treffen organisiert, bei dem Schüler:innen geflüchteten Kindern und Jugendlichen Unterstützung zunächst beim Erlernen der deutschen Sprache und dann in verschiedenen schulischen Fächern anboten. Viele praktische und organisatorische Probleme begleiteten das Projekt zu Anfang, für die sich aber meist Lösungsmöglichkeiten fanden.

Im Kapitel 6 „Freizeitaktivitäten“ werden verschiedene Freizeitaktivitäten geschildert, die mit den Kindern und Jugendlichen unternommen wurden, wie Segeln, Schwimmen, Eislaufen und ins Kino gehen. Es wird auch auf die Herausforderungen eingegangen, die dabei auftraten, wie z.B. dass es zu wenig Betreuungspersonen gab.

Im Kapitel 7 „Kulturelles Lernen“ geht es auch um brisante Themen wie das Schlagen als Erziehungsmaßnahme oder die Kopftuchdebatte. Die Autorin fasst ihre Erfahrungen so zusammen: „Was ich gelernt habe: Sich Zeit nehmen, Geduld….“(S. 165).

In Kapitel 8 „Kontinuität: Der Lernklub geht weiter“ werden einzelne Personen geschildert, die erfolgreich am Lernklub teilnahmen bzw. es werden auch solche geschildert, bei denen dies nicht gelang. Es gibt Hinweise auf die erforderliche Ausdauer und Organisation, die nötig sind, damit es weiter gehen kann und wie wichtig die Kontinuität dabei ist.

In Kapitel 9 „Was kommt jetzt?“ wird ein Resümee über 5 Jahre Integration in der Praxis gezogen, positive Beispiele werden berichtet, aber auch „Und wenn es nicht gut läuft?“ (S. 218).

In jedem Kapitel gibt es am Ende Tipps, wie Kinder und Jugendliche helfen und Freizeitaktivitäten gestalten können, wie kulturelles Lernen erfolgt und wie die Hilfe verstetigt werden kann.

Die Vision einer gemeinsamen Zukunft wird am Ende beschrieben: erfolgreiche Kinder von ehemals Geflüchteten, die ihre Abschlüsse machen und die Einladung zu multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Hochzeiten.

Diskussion

Die Illustrationen hat eine Schülerin des Lernklubs verfertigt, das ansprechende Layout stammt vom Verlag. All dies trägt dazu bei, dass das Buch gut lesbar ist und die so zur Anschauung gebrachte Methodenvielfalt das Buch lebendig und anschaulich macht.

Das Buch ist getragen vom Engagement und der Begeisterung seiner Autorin. Es ist ihr gelungen, abstrakte wissenschaftliche Theorien in Alltagssprache zu übersetzen.

Anknüpfend an die in diesem Buch festgehaltenen Erfahrungen und Erlebnisse ließe sich durchaus wieder wissenschaftlich anknüpfen, um z.B. die Ergebnisse zum Erfolg des Lernklubs zu evaluieren. Es fehlt auch nicht an einer kritischen Sicht der Dinge und die Autorin verweist auf die gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Berücksichtigung finden müssen. Insgesamt jedoch werden die Aktivitäten von der Autorin als für sie persönlich bereichernd und mutmachend für weiteres Engagement beschrieben.

Die Besonderheit dieses sehr persönlichen Erfahrungsberichtes ist, dass er zum Nachdenken anregt, teilweise berührend persönliche Schicksale von Geflüchteten berichtet und insgesamt Mut macht, sich als freiwilliger Helfer:in zu engagieren.

Fazit

Es handelt sich um ein sehr engagiert und subjektiv geschriebenes Buch zu einem aktuellen Thema. Es enthält wertvolle und gut aufbereitete Erfahrungen, Tipps und Anregungen. Es ist leicht lesbar, in einer verständlichen Sprache geschrieben und mit einer ansprechenden Gestaltung versehen.

Rezension von
Frau Prof. Sr. Erika Spieß
LMU-München
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Es gibt 1 Rezension von Erika Spieß.

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Zitiervorschlag
Erika Spieß. Rezension vom 05.10.2023 zu: Astrid Podsiadlowski: Schwimmen ohne Weste. Wie Integration gelingen kann. Katharina Pölzl & Partner Verlag (Allerheiligen bei Wildon) 2023. ISBN 978-3-200-09174-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31288.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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