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Simone Leiber, Sigrid Leitner u.a. (Hrsg.): Politische Einmischung in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Monika Götsch, 24.01.2024

Cover Simone Leiber, Sigrid Leitner u.a. (Hrsg.): Politische Einmischung in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-17-040812-8

Simone Leiber, Sigrid Leitner, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Einmischung in der Sozialen Arbeit. Analyse- und Handlungsansätze. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2023. 231 Seiten. ISBN 978-3-17-040812-8. 34,00 EUR.
Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - [Band 47].

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Thema

Das Lehrbuch will Studierenden und Fachkräften Sozialer Arbeit die Grundlagen theoretischer und praxisorientierter Auseinandersetzung mit den politischen (Handlungs-)Möglichkeiten Sozialer Arbeit vermitteln. Dafür stellt das Buch, so die Herausgeber:innen einen „Werkzeugkoffer“ bereit um sowohl die politische Einmischung Sozialer Arbeit legitimieren und analysieren als auch konkrete Interventionen im Sinne von Anwaltschaft und Empowerment realisieren zu können.

Herausgeber:innen

Die Herausgeber:innen Prof. Dr. Simone Leiber und Prof. Dr. Sigrid Leitner sowie Dr. Stefan Schäfer, die weitgehend auch die Autor:innen des als Sammelband aufgebauten Lehrbuchs sind, lehren Sozialpolitik, politische Theorien und politische Bildung in Studiengängen der Sozialen Arbeit.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist der Sammelband vor dem Hintergrund einer Ringvorlesung an der Universität Duisburg-Essen zum Thema „Soziale Arbeit als politische Akteurin“ und ist zudem inspiriert durch Impulse aus der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) bzw. der Sektion „Politik Sozialer Arbeit“. Darüber hinaus erhielten die Autor:innen des Sammelbands die Möglichkeit sich über das Thema in einem Workshop auszutauschen.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier Teile gegliedert und führt im ersten Teil in die theoretischen Grundlagen ein, im zweiten Teil wird dies in Bezug auf vier zentrale Phasen des Politikzyklusmodells weiter ausgeführt. Beispielhaft werden dann im dritten Teil die Einmischungs(un)möglichkeiten sozialer Arbeit bezogen auf verschiedene politische Handlungsebenen konkretisiert. Der vierte Teil diskutiert abschließend die Erkenntnisse aus dem Sammelband und schließt mit einem Ausblick. Das Buch ist in der Reihe „Grundwissen Sozialer Arbeit“ (Hrsg. v. Rudolf Bieker) bei Kohlhammer (Stuttgart) erschienen und entsprechend didaktisch aufbereitet mit Lernzielen, Zusammenfassungen, Übungsaufgaben und Infoboxen. In den Kapiteln werden zudem anhand von konkreten Praxisbeispielen die entsprechenden Theorien und Handlungsansätze erklärt.

Inhalt

Einführung und theoretische Grundlagen

Die (historische) Einführung in die theoretischen Grundlagen im ersten Teil fokussiert den politischen Auftrag sozialer Arbeit und begründet dies anhand verschiedener Theorien wie Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, kapitalismus- und machtkritischen sowie feministischen und internationalen Ansätzen. Darauf aufbauend werden die Bedingungen für politisches Handeln Sozialer Arbeit mit dem „Policy-Practice-Engagement-Modell“ erläutert und aufgezeigt, welche Funktionen Soziale Arbeit als sich politisch einmischende Profession z.B. als Interessenvertretung oder in der politischen Bildung haben können.

Politische Einmischung Sozialer Arbeit entlang des Politikzyklus

Der zweite Teil orientiert sich am Modell des policy cycle, wonach politische Prozesse die fünf Phasen Problemdefinition, Agenda Setting, Politikformulierung, Politikimplementation und Politikevaluation aufweisen. Diese wurden bereits im ersten Teil definiert und werden hier nun beispielsweise bezüglich aktivierender Sozialpolitik bzw. Langzeitarbeitslosigkeit konkretisiert. Deutlich gemacht wird hier, dass Soziale Arbeit nicht nur auf gesellschaftlich und politisch diskutierte Probleme reagiert, sondern Soziale Arbeit selbst durch Problematisierungen bestimmter Lebenslagen und Verhaltensweisen politische Probleme (mit) erzeugt. Im Weiteren wird aufgezeigt, wann und wie bestimmte Probleme politische Relevanz erhalten (können) und welche „Reformideen“ sich beispielsweise in Form von Gesetzen oder Gesetzesänderungen warum durchsetzen können. Dabei wird auf die Komplexität der Einflüsse von meinungsstarken Koalitionen, von politischen „Schocks“ (wie dem Ukraine-Krieg) und dem nationalen Politiksystem hingewiesen. Bezüglich der Politikimplementation wird herausgestellt, dass Soziale Arbeit nicht einfach nur Ausführende des staatlichen Auftrags ist, sondern sich mit den aus gesetzlichen Vorgaben resultierenden, teilweise dilemmatischen, Handlungsspielräumen auseinandersetzen muss. Dies geht mit dem Plädoyer einher, in der sozialarbeiterischen Praxis Problemlagen nicht als Einzelfälle, sondern deren strukturelle Bedingtheit wahrzunehmen.

Arenen politischer Einmischung Sozialer Arbeit

An konkreten Beispielen wird im dritten Teil aufgezeigt, wie politische Einmischung sozialer Arbeit auf verschiedenen Ebenen der Politik geschieht. Zugleich werden damit auch die für die soziale Arbeit relevanten Spezifika der unterschiedlichen Politikfelder sowie Gesetzgebungsprozesse erläutert. Beispiele sind die Jugendhilfepolitik/​Kommunalpolitik (Walter Eberlei), Gemeinwesenarbeit/​politisches Empowerment (Hille Richers), Wohlfahrtsverbände/Gesetzgebungsprozesse auf Bundesebene (Sigrid Leitner) und Internationale Instrumente/​UN-Kinderrechte/​Staatenberichtsverfahren (Judit Costa und Katja Neuhoff). Birgit Jagusch und Christoph Gille adressieren in ihrem Beitrag zur politischen (Jugend-)Bildung die Soziale Arbeit als Profession, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzt bzw. einsetzen muss und beschreiben zugleich, wie Soziale Arbeit in der politischen Jugendbildung Widerstand gegen (subtile) Angriffe der extremen Rechten leisten kann. Ein wenig beachteter Aspekt politischer Einmischung Sozialer Arbeit wird schließlich von Sigrid Leitner und Klaus Stolz dargestellt, wonach Sozialarbeitende auch politische Mandatsträger:innen sein können. Sie erläutern dies anhand von politischen Biografien verschiedener Sozialarbeitenden und kommen zu dem Schluss, dass zwar eine Entfremdung vom früheren Berufsfeld stattfindet, sie aber zugleich der Soziale Arbeit und ihrem anwaltschaftlichen Anspruch für marganinalisierte Gruppen in der politischen Arbeit verbunden bleiben.

Diskussion

Ein großer Verdienst dieses Lehrbuchs ist es, das Politische Sozialer Arbeit zu fokussieren, aus unterschiedlichen Perspektiven zu erläutern und damit zugleich (demokratische) Politikprozesse zu erklären. Entsprechend wendet sich dieses Buch auch gegen Tendenzen ökonomisierter Logiken von Eigenverantwortung und der psychologisierenden Individualisierung von „Schicksalen“ der Einzelnen – gesellschaftliche Diskurse, die ebenso von der Sozialen Arbeit re-produziert werden. Vielmehr werden die politische Verantwortung und die Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten politischer Einmischung Sozialer Arbeit als maßgeblich für die Profession dargestellt: Soziale Arbeit als politische Akteurin. Dementsprechend werden relevante Fragen aufgeworfen, die im Studium Sozialer Arbeit oft zu kurz kommen, wie bspw., was überhaupt ein politisches Problem ist, wie Soziale Arbeit selbst politische Probleme herstellt und wie Sozialarbeitende von der Politik abhängig sind, wie sie in das politische Geschehen konkret eingreifen und dieses mitgestalten können. In der Folge werden Soziale Arbeit, Politik und Gesellschaft in ihren Interdependenzen charakterisiert und nicht als getrennte Sphären begriffen. Hervorzuheben ist, dass nicht nur klassische, für die Soziale Arbeit wichtige Politikfelder erläutert werden, sondern auch politische Bildung und insbesondere Politik als Beruf(ung) für Sozialarbeitende Eingang in dieses Lehrbuch gefunden haben.

Die Kapitel bauen sehr gut aufeinander auf, grundlegende Definitionen werden zunächst verständlich erklärt, bevor differenziert auf konkrete Aspekte politischer Einmischung eingegangen wird. Fraglich bleibt, ob die didaktische Struktur des „Werkzeugkoffers“, mit der Wissen einfach angeeignet werden kann, ohne dass Lesende/​Studierende vielleicht auch um eine eigene Position ringen müssten, nicht verwertungslogischen (Ausbildungs-)Prinzipien folgt, Logiken, gegen die sich dieses Buch eigentlich positioniert.

Fazit

Das Wissen um die Interdependenz von Politik und Sozialer Arbeit bzw. die Einmischungs(un)möglichkeiten Sozialer Arbeit in politische Prozesse ist für die Profession äußerst relevant und wird dennoch wenig fokussiert. Das Lehrbuch regt entsprechend nicht nur Studierende, sondern auch Lehrende zu einer informativen, differenzierten und gewinnbringenden Auseinandersetzung mit dem Politischen Sozialer Arbeit an.

Rezension von
Prof. Dr. Monika Götsch
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Es gibt 1 Rezension von Monika Götsch.

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Zitiervorschlag
Monika Götsch. Rezension vom 24.01.2024 zu: Simone Leiber, Sigrid Leitner, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Einmischung in der Sozialen Arbeit. Analyse- und Handlungsansätze. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2023. ISBN 978-3-17-040812-8. Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - [Band 47]. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31292.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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