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Wilfried Hosemann, Sebastian Sierra Barra (Hrsg.): Jahrbuch der Systemischen Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Jutta Harrer-Amersdorffer, 30.11.2023

Cover Wilfried Hosemann, Sebastian Sierra Barra (Hrsg.): Jahrbuch der Systemischen Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7799-7515-1

Wilfried Hosemann, Sebastian Sierra Barra (Hrsg.): Jahrbuch der Systemischen Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit digital: Von der Website bis zur Demokratie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7515-1.

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Thema

Im Jahrbuch der Systemischen Sozialen Arbeit befassen sich die AutorInnen mit der Digitalisierung und Digitalität in der Sozialen Arbeit. Im Rahmen von sechs verschiedenen Artikeln werden verschiedene Perspektiven zur Digitalisierung in der Sozialen Arbeit aufgegriffen und reflektiert.

Herausgeber

Hosemann, Wilfried lehrte Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der Hochschule Coburg. Sierra Barra, Sebastian ist seit 2018 Professor für Organisationsentwicklung an der Evangelischen Hochschule Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Jahrbuch ist das Ergebnis vorangehender Diskussionsprozesse der DGSSA (Deutsche Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit). Es dient der periodischen Zusammenfassung des Arbeitsprozesses und soll als Grundlage für den gedanklichen Austausch mit KollegInnen dienen (aus der Einleitung paraphrasiert).

Aufbau

Das Herausgeberwerk umfasst insgesamt acht Beiträge. Das Jahrbuch startet mit einer Begrüßung und Einleitung der beiden Herausgeber. Als ersten inhaltlichen Beitrag stellen Hanna Maria Schäfer, Elenore Ploil und Gudrun Cyprian unter dem Titel „Im Focus digitaler Schnittflächen“ Zugänge zur Online Beratung in der Sozialen Arbeit vor. Daran anschließend präsentiert Matthias Scheibe Erkundungsperspektiven für eine internetbezogene Jugendarbeit. Die praxisorientierten Beiträge werden durch den Artikel von Robert Wanjura und Vanessa Wendel mit ihren Reflexionen zu einer Beratungsapp als Akteur Sozialer Arbeit abgerundet.

Mit Fragen zur Transformation des Sozialen und des Sozialstaats setzt sich Joachim K. Rennstich auseinander. Hierauf folgen kritische Perspektiven zur Sozialen Arbeit im digitalen Sozialen von Wilfried Hosemann. Sebastian Sierra Barra beendet mit einem Beitrag zu digitalen Zuständen und der Notwendigkeit des Neuentwurfs der Demokratie den inhaltlichen Teil. Die Beiträge werden in einem Fazit von Hosemann und Sierra Barra abschließend reflektiert.

Inhalt

Nach den einleitenden Worten der beiden Herausgeber eröffnen Schäfer, Ploil und Cyprian das Jahrbuch mit ihren Gedanken zu digitalen Schnittflächen. Als eine Aufgabe der Sozialen Arbeit definieren die Autorinnen, die Unterstützung der Chance zur digitalen Teilhabe. So sollte jeder Mensch das Recht auf eine individuelle Entscheidung zur Nutzung digitaler Angebote haben. Die Autorinnen beschreiben die Notwendigkeit zur Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, damit die Profession auch künftig handlungs- und anschlussfähig bleibt. Das Wissen, das dazu gebraucht wird, sollte sich aus der Sozialen Arbeit selbst generieren und mit Hilfe der entsprechenden Infrastruktur umgesetzt werden. Als ein mögliches Praxisbeispiel für die Weiterentwicklung wird das Beratungssetting gewählt. Hierzu entwickeln die Autorinnen Perspektiven zur besseren Auffindbarkeit von Beratungsangeboten. Diese Erkenntnisse gründen die Autorinnen auf den gewonnenen Daten einer Bachelorarbeit der Hochschule RheinMain im Fachbereich Sozialwesen.

Matthias Scheibe konzentriert sich in seinem Beitrag auf die internetbezogene Jugendarbeit. Der Beitrag behandelt die Rolle des Internets in der Jugendarbeit und betont dessen Integration in den Alltag digitaler Natives. Es werden Unterschiede im Internetzugang und -gebrauch zwischen verschiedenen Gruppen im Digital Divide thematisiert. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft werden hervorgehoben, insbesondere das Potenzial des Internets zur Verbesserung der sozialen Teilhabe. Der Autor schlägt Maßnahmen für Fachkräfte in der Jugendarbeit vor, um die Chancen für ihre Zielgruppe zu erhöhen, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Digitalisierungsgrade. Der Beitrag streift auch die Herausforderungen internetbezogener Ungleichheiten und die Notwendigkeit kritischer Reflexion. Insgesamt wird im Beitrag die komplexe Beziehung zwischen Jugendlichen, dem Internet und gesellschaftlichen Strukturen erkundet. Scheibe plädiert für einen durchdachten und inklusiven Ansatz in der Jugendarbeit. Daran anschließend geht der Autor auf diverse Praxisbeispiele ein. Seine Beispiele werden abschließend anhand der Akteur-Netzwerk-Theorie reflektiert und zentrale Fragestellungen für die künftige Weiterarbeit abgeleitet.

Robert Wanjura und Vanessa Wendel setzten sich in ihrem Artikel mit dem Titel „Mensch und Technik“ mit der Fragestellung auseinander, wie eine Beratungsapp im Beratungsprozess interpretiert und diskutiert werden kann ohne in die Dichotomie von Fluch oder Segen der Digitalisierung zu verfallen. Dazu behandelt der Beitrag zunächst die Verlagerung von Beratung in den digitalen Raum und die damit verbundene Notwendigkeit einer erweiterten Definition und Anpassung fachlicher Anforderungen. Digitale Kommunikationspraktiken werden in der Sozialen Arbeit genutzt, und die digitale Beratung bietet flexible Bearbeitungszeiten, Anonymität und erweiterte Arbeitsfelder. Datenschutz ist dabei von zentraler Bedeutung, und seit Mai 2018 regelt eine EU-Verordnung den Schutz persönlicher Informationen. Abschließend wird die Frage nach den Potenzialen einer App als aktivem Teil der Beratung für global vernetzte Individuen aufgeworfen. Hier werden neben der zentralen Auseinandersetzung mit Fragen des Datenschutzes auch weitere Fragestellungen der Nutzung, wie beispielweise in welchen Zeiträumen NutzerInnenprofile reflektiert werden, aufgeworfen. Zentral bleibt auch die Diskussion um den Umgang mit Nähe und Distanz im Beratungsprozess, welche von den AutorInnen gerade für den digitalen Kontext aufgeworfen werden.

Im Beitrag „Fragen zur Transformation des Sozialen und des Sozialstaates“ geht Joachim K. Rennstich darauf ein, dass sich durch die Digitalisierung der Gesellschaft eine zentrale Transformation innerhalb dieser vollzieht, die zu neuen Herausforderungen und Ungleichheiten führt, welche kritisch und aufmerksam zu reflektieren sind. Im Beitrag wird die Notwendigkeit betont, bestehende Kompetenzen in der Sozialen Arbeit an neue gesellschaftliche Realitäten anzupassen. Rennstich plädiert in diesem Zusammenhang für eine kontinuierliche akademische Weiterbildung, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Herausforderungen, die sich aus der gesellschaftlichen Partizipation und eigenständigen Agency ergeben, erfordern eine ständige Erweiterung der Kompetenzprofile der Fachkräfte – gerade mit Blick auf die wachsende Digitalität und die damit verbundenen neuen Realitäten. Die Professionalität in der Sozialen Arbeit erfordert eine reflektierte Wissensvermittlung und die Integration von lebenslangem Lernen in die reguläre Ausgestaltung von Programmen und Unterstützungsangeboten. Im Beitrag wird dabei die Bedeutung systemischer gesellschaftlicher Transformationen unterstrichen und betont, dass die Soziale Arbeit inmitten eines digitalen Kapitalismus Einfluss auf die Neuverteilung von Ressourcen und Bedeutung gewinnen oder aber auch verlieren kann.

Wilfried Hosemann setzt an dieser gesamtgesellschaftlichen Perspektive an und greift in seinem Beitrag unter dem Titel „Zu den kritischen Perspektiven der Sozialen Arbeit im digitalen Sozialen“ die Frage auf, auf welche Probleme die Digitalisierung eine gesellschaftliche Lösung ist. Im Beitrag werden unter anderem die weitreichenden Konsequenzen der Digitalisierung für die Soziale Arbeit, insbesondere im Hinblick auf sich wandelnde Kommunikationsformen und soziale Beziehungen aufgegriffen. Dabei betont Hosemann, dass die Digitalisierung herkömmliche Vorstellungen von Person und sozialer Verankerung herausfordert, da soziale Interaktionen zunehmend digitalisiert werden. Die Bedeutung von Schlüsselbegriffen wie Mensch, Geschlecht und Individuum erfährt im Zeitalter der Digitalisierung eine Neubewertung. Die Auswirkungen digitaler Kommunikationsformen auf die Entwicklung von Persönlichkeiten und die Lebenswelt stehen im Mittelpunkt fachlicher Diskussionen. Besondere Aufmerksamkeit wird unter anderem daraufgelegt, wie die Digitalisierung die Lebenswelt derjenigen, mit denen die Soziale Arbeit interagiert, maßgeblich verändert hat. Ausgehend von der Begriffsgeschichte von „Persona“ verdeutlicht der Autor, wie die Konzeption der Person mit sozialer Verlässlichkeit und Interaktion verknüpft ist. Es wird darauf hingewiesen, dass digitale Technologien, insbesondere Algorithmen, die Lebenswelt in verschiedenen Bereichen beeinflussen und prägen. Im Beitrag werden die Herausforderungen für die Soziale Arbeit zentral hervorgehoben, die in digitalen sozialen Räumen aktiv werden muss, auch wenn professionelle AkteurInnen möglicherweise wenig Erfahrung mit digitaler Kommunikation haben. Schwierigkeiten ergeben sich, wenn Form und Inhalt der Internetkommunikation außerhalb der Lebensformen der SozialarbeiterInnen liegen. Abschließend stellt Hosemann die Bedeutung einer Anpassung der Sozialen Arbeit an diese neuen Herausforderungen ins Zentrum, da nur unter Berücksichtigung dieser Entwicklungen Soziale Arbeit auch künftig effektiv arbeiten kann.

Sebastian Sierra Barra lädt im inhaltlich abschließenden Kapitel zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit der Themenstellung der Digitalität und einer Neukonzeption der Demokratie ein. Im Beitrag plädiert der Autor für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Digitalisierung unter Vermeidung von Technoskeptizismus oder Technoeuphorie. Es betont, dass die Debatte nicht auf Verteidigung oder Ablehnung beschränkt sein sollte, sondern ein umfassendes Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Technologie erfordert. Dabei wird die Privatisierung der Technologieentwicklung durch Plattformmonopole als Demokratiedefizit kritisiert, wofür es alternative Ansätze – gerade auch Ansätze der Beteiligung – benötigt. Die Soziale Arbeit steht vor der Herausforderung, sich weder gegen noch rein anwendungsorientiert für digitale Technologien zu positionieren. Es wird darauf hingewiesen, dass technologische Entwicklungen nicht nur als Hard- und Software, sondern als soziale Entwicklung betrachtet werden sollten. Das Demokratieverständnis muss sich auf die Organisation von Lebenszusammenhängen im mikrophysikalischen Bereich erstrecken. Der Autor spricht sich für die Schaffung anpassungssensibler Projekt-Demokratien aus, um Datenströme in neue technologisch eingebettete Öffentlichkeiten zu übersetzen. Er fordert, die Debatte, um Digitales in Richtung Lebensdienlichkeit zu lenken und die Ressource Möglichkeit für lebensdienlichere Zukünfte zu nutzen. Soziale Arbeit kann in diesem Prozess eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung dieser Entwicklungen zugeschrieben werden.

Diskussion

Das Jahrbuch setzt an einer zentralen gegenwärtigen Fragestellung der Sozialen Arbeit an. Der zunehmende Umgang mit digitalen Formaten und deren Auswirkung auf Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit hat gerade in den vergangenen Jahren (auch pandemiebedingt) eine neue Relevanz erhalten. Dies spiegelt sich auch in dem Herausgeberwerk von Hosemann & Sierra Barra wider. Die sechs Beiträge setzen an divergierenden Zugängen im Umgang mit Digitalität und Digitalisierung in der Sozialen Arbeit an und tragen zur Erweiterung des Horizonts von Profession und Disziplin Sozialer Arbeit bei. Gleichzeitig zeigt das Werk auch die Vielgestaltigkeit der Thematik. So verdeutlichen die Beiträge vielgestaltige Argumentationslinien und Richtungen auf, die es im weiteren Nachdenken über das Digitale zu berücksichtigen gilt. Die Beiträge setzten an divergierenden Leveln an und beleuchten einerseits konkrete Praxisansätze, wie beispielsweise die Beiträge von Schäfer, Ploil und Cyprian oder Scheibe. Anderseits wird die professionstheoretische und gesamtgesellschaftliche Entwicklung durch die Beiträge von Rennstich, Hosemann und Sierra Barra in den Blick genommen. Dadurch entsteht ein erster Einblick und die LeserInnen werden eingeladen sich tiefer mit der Thematik auseinanderzusetzen. Eine leitende Struktur ist im Herausgeberwerk nicht zu erkennen, was sich sowohl durch die Struktur des Jahrbuchs als Ergebnis eines Diskussionsprozesses als auch durch die Komplexität der Themenstellung erklären lässt.

Fazit

Das Jahrbuch bietet eine Übersicht über die vergangene Arbeit der DGSSA und bietet den LeserInnen einen guten Einblick über gegenwärtig diskutierte Zugänge in Theorie und Praxis. Das Herausgeberwerk ist gerade wegen den vielgestaltigen Perspektiven lesenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Jutta Harrer-Amersdorffer
Professorin für Theorie und Handlungslehre der Sozialen Arbeit, Technische Hochschule Nürnberg
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Es gibt 15 Rezensionen von Jutta Harrer-Amersdorffer.

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ISSN 2190-9245