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Annette Riedel, Sonja Lehmeyer u.a. (Hrsg.): Moralische Belastung von Pflegefachpersonen

Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 11.12.2023

Cover Annette Riedel, Sonja Lehmeyer u.a. (Hrsg.): Moralische Belastung von Pflegefachpersonen ISBN 978-3-662-67048-4

Annette Riedel, Sonja Lehmeyer, Magdalene Goldbach (Hrsg.): Moralische Belastung von Pflegefachpersonen. Hintergründe – Interventionen – Strategien. Springer (Berlin) 2023. 215 Seiten. ISBN 978-3-662-67048-4. D: 37,37 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 44,50 sFr.

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Thema

Der Band beschäftigt sich mit den vielfältigen Momenten moralischen Belastungserlebens von Pflegefachpersonen. Die AutorInnen möchten, unter anderem begründet mit dem ICN-Ethikkodex, in dem Pflegefachkräfte für eine ethische Pflegepraxis zuständig und verantwortlich sind (ICN 2023, S. 13) für dieses Thema die Bereitschaft wecken und eine Auseinandersetzung anstoßen. Konkret soll es darum gehen, der Genese nachzuspüren, die Bedingungen für moral distress zu erkennen und aufbauend auf dieses Wissen Konzepte und so Entlastungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Herausgeberinnen

Annette Riedel ist Professorin für Pflege an der Hochschule Esslingen im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Pflege mit dem inhaltlichen Schwerpunkt auf ethische Fragen, zudem ist sie Mitglied im Deutschen Ethikrat und damit die erste Pflegewissenschaftlerin in diesem Gremium, Sonja Lehmeyer ist Professorin für Pflegewissenschaft ebenfalls an der Hochschule Esslingen, Magdalene Goldbach war Mitarbeiterin in dem Projekt zu moralischem Belastungserleben und leitet inzwischen das Klosterhospiz Schwäbisch Gmünd.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist ein Ergebnis eines vom Land Baden-Württemberg geförderten zweijährigen Forschungsprojekts, das in Zusammenarbeit mit einem großen Träger der Altenhilfe, der Samariterstiftung, durchgeführt wurde. Für diesen Band konnten die Herausgeberinnen zudem noch weitere AutorInnen gewinnen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort, in dem die Herausgeberinnen deutlich als AdressatInnenkreis Verantwortliche in der Pflege sowie Lehrende in der Ausbildung und in den Hochschulen benennen, wird in der Einleitung umfassend und übersichtlich in die Thematik eingeführt und die dreigliedrige Struktur des Werkes vorgestellt.

In Teil I geben die Herausgeberinnen in zwei Kapiteln eine Einführung über Theorien und Konzepte sowie die im Zusammenhang von moral distress zu beachtenden weiteren Phänomene, wie das der Resilienz oder der Frage nach der Entstehung und dem Effekt von moralischem Belastungserleben. Im ersten Kapitel dieses Teils wird das Phänomen beschrieben und eingeordnet. Die Autorinnen betonen dabei stets, dass das Erleben moralischer Belastung die Pflegefachkraft als Person in ihrer Integrität trifft und es auf politischen, gesellschaftlichen, edukativen, organisationalen Ebenen Anstrengungen bedarf, um für den Schutz und Minderung derselben zu sorgen. Dazu formulieren sie als Forderungen an Politik und Verantwortliche sechs Thesen. Im zweiten Kapitel wird die Komplexität der Entstehung von moralischem Belastungserleben und deren Folgeerscheinungen in einem eigens dazu entwickelten grafisch und übersichtlich dargestellten Modell präsentiert. Mit vielen Beispielen aus der Praxis wird deutlich, wo und wie Irritationen beim moralischen Kompass von Pflegefachkräften entstehen und wie das Modell helfen kann, solche Situationen zu erkennen und durch schützende institutionelle Rahmungen entgegengewirkt werden kann.

Teil II widmet sich in fünf Unterkapiteln, „praxisorientierten Interventionen zur Prävention und Reduktion“ von moralischem Belastungserleben. Zentral hierbei ist das in Kapitel drei (es werden die Kapitel durchgezählt) ausgeführte Erlernen und der Einsatz von Ethikkompetenz und die Implementierung von Maßnahmen, die eine Ethikkultur in den Einrichtungen zum Standard werden lassen. Um organisationsethische Prozesse auf den Weg zu bringen, braucht es, dies ist die Hauptbotschaft des nächsten Kapitels, partizipative Prozesse. Ein solches Vorgehen ist, jedoch in Einrichtungen des Gesundheitswesens noch kaum üblich. Daher bedeutet dies immer auch, eine grundlegende Veränderung der Organisation und das Anstoßen eines Organisationsprozesses. Besonders hervorzuheben ist im darauffolgenden Kapitel 5 das spezifisch für und in der jeweiligen Einrichtung zu entwickelnde Instrument des Wertekompasses, das moralisches Belastungserleben zu erkennen vermag. Die Prozesse dazu und der Umgang damit wird grafisch sehr übersichtlich und argumentativ nachvollziehbar vorgestellt und könnte als Blaupause für Institutionen dienen, die sich diesem Phänomen zum Schutz und der Stärkung ihrer MitarbeiterInnen annehmen wollen. Als Möglichkeit moralisches Belastungserleben zu reduzieren, wird anschließend in Kapitel 6 das Mitarbeitendengespräch vorgestellt, in dem offensiv dieses Thema Raum erhält. Auch hier wird wieder grafisch, nun mit einem Flussdiagramm der idealtypische Ablauf präzisiert. Dies wird ergänzt durch einen Leitfaden zur Gesprächsführung und einem Element für die Nachbereitung. Das letzte Kapitel des zweiten Teils widmet sich der „Implementierung von Interventionen zur Prävention und Bearbeitung moralischen Belastungserlebens“ und nutzt dabei das Implementation of Change Model von Richard Grol und Michel Wensing und geht hier alle sieben, diesem Konzept zugrundeliegenden Schritte beispielhaft durch.

Teil III fokussiert Strategien und berufspolitische Fragen. Den ersten Beitrag dazu verfasst die Schweizer Medizinethikerin Heidi Albisser Schleger, und diskutiert ein Modell, nach dem neben der Förderung der Ethikkompetenz der Pflegefachkräfte auf der Organisationsebene eine die Ethik koordinierende Person und ein hierarchieübergreifendes Ethikkomitee installiert ist. Daniel Gregorowius und Ruth Baumann-Hölzle präsentieren in Kapitel 9 Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt, bei dem Menschen mit geistiger und körperlicher Erkrankung sowie eingeschränkter Kommunikation und die Herausforderungen für Pflegefachkräfte und ihr moralisches Belastungserleben untersucht wurde. Durch ihre Studie können sie Lösungsansätze formulieren, wie die nach Fort- und Weiterbildung, nach Casemanagement oder ethischen Fallbesprechungen. Diese könnten dann dazu führen, dass Einrichtungen der Gesundheitspflege Inklusion als Querschnittsthema umsetzen. Im letzten Kapitel, bei dem wie auch schon in drei anderen Karen Klotz als Projektmitarbeiterin Mitautorin ist, wird die berufspolitische Perspektive eröffnet. Annette Riedel, Sonja Lehmeyer, Karen Klotz und Magdalene Goldbach sprechen den noch zu installierenden Pflegekammern als Vertretungsorgane von Pflegefachkräften die Aufgabe und Rolle zu, auf Rahmenbedingungen in der Pflege hinzuwirken und so moralische Belastungen reduziert werden können. Sehr Leser*innenorientiert schließt das Werk mit einem, einen Überblick verschaffenden Verzeichnis weiterführender Literatur und einem Stichwortregister.

Diskussion

Sich dem Thema des moralischen Belastungserlebens in aller Ernsthaftigkeit, wissenschaftlich fundiert, theoriebasiert und lösungsorientiert anzunehmen, war schon lange hinfällig. Damit reagieren die Herausgeberinnen auf die gesellschaftlichen Herausforderungen in der Pflege und die Diskrepanz der Ansprüche, die Pflegefachkräfte an ihre Arbeit haben, und die Möglichkeiten, die ihnen strukturell und durch die politischen Rahmenbedingungen gegeben sind. Ethikkompetenz auf allen Ebenen zu stärken und in den Organisationen zu verankern, ist die Antwort auf die Situation in der Pflege und wird wiederholt als notwendige Forderung formuliert. Dies begründen die AutorInnen theoretisch fundiert und empirisch untermauert. Sie entwickeln Instrumente, wie den Wertekompass und geben somit Handreichungen, dass Ethikkompetenz erreicht werden kann.

Fazit

Dieses Werk ist eine kluge, wegweisende und außerordentliche Arbeit, die ein alltägliches Thema ernst nimmt und mittels Interventionen auf hervorragende Wege aufzeigt, wie Kompetenzzuwachs möglich sein kann. Gerade die Kapitel, die die Instrumente aufzeigen wie den Wertekompass oder Implementierungsschritte vorstellen sollten von Leitungskräften und politischen AkteurInnen, die dafür Sorge tragen, auch die Ressourcen bereitzustellen, gelesen und in die Umsetzung gebracht werden – aber wie in der Studie mehrfach betont: partizipativ. 

Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
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Es gibt 20 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt.

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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 11.12.2023 zu: Annette Riedel, Sonja Lehmeyer, Magdalene Goldbach (Hrsg.): Moralische Belastung von Pflegefachpersonen. Hintergründe – Interventionen – Strategien. Springer (Berlin) 2023. ISBN 978-3-662-67048-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31309.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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