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Mike Laufenberg, Ben Trott (Hrsg.): Queer Studies

Rezensiert von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, 13.10.2023

Cover Mike Laufenberg, Ben Trott (Hrsg.): Queer Studies ISBN 978-3-518-29908-1

Mike Laufenberg, Ben Trott (Hrsg.): Queer Studies. Schlüsseltexte. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2023. 576 Seiten. ISBN 978-3-518-29908-1. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2308.

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Thema

Mike Laufenberg und Ben Trott präsentieren eine Auswahl akademischer Texte der Queer Theory. Es handelt sich um oftmals weniger bekannte Texte, die erstmals deutschsprachig verfügbar gemacht werden.

Der Band löst das 2003 im selben Verlag erschienene Buch „Queer denken“ von Andreas Kraß ab, das seinerzeit eine Auswahl queerer Schlüsseltexte bereitstellte. Die Produktivität der Queer Studies insgesamt wird durch die neue Textauswahl erkennbar; gleichzeitig wird die in der Bundesrepublik Deutschland mangelhafte Institutionalisierung der Queer Studies offensichtlich.

Autoren

Dr. Mike Laufenberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Arbeitsgebiete sind u.a. Wandel und Krise von Wohlfahrtsstaat, Arbeit und Familie; Geschlechter- und Sexualitätsverhältnisse, Queer Studies; feministische politische Ökonomie; Ungleichheits-, Armuts- und Rassismusforschung.

Prof. Dr. Ben Trott ist Gastwissenschaftler am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft der Leuphana Universität Lüneburg. Arbeitsgebiete sind u.a. soziale und politische Philosophie und Theorie; queer Theorie, Transgender Studies und Gender Studies; Globalisierung und politische Ökonomie; soziale Bewegungen.

Die Übersetzungen aus dem Englischen stammen von Thomas Atzert und Zacharias Wackwitz.

Aufbau und Inhalt

An einen einführenden Überblicksbeitrag schließen sich insgesamt zwölf ausgewählte Aufsätze der Queer Studies an. Wenn auch teils älter, verhandeln sie aktuell intensiv diskutierte Themen der Queer Theory, dabei insbesondere Reflexionen zu Rassismus, Behinderung sowie marxistischen Perspektiven.

Inhaltsbeschreibung

Ben Trott und Mike Laufenberg setzen in ihrer Einführung in den Band eine Konferenz im Januar 1990 als Beginn der Queer Theory. Teresa de Lauretis, Professorin an der University of California, hatte für diese Konferenz den subkulturell gebräuchlichen Begriff „queer“ mit „Theorie“ verknüpft und „verband ihre Wortschöpfung damit, ‚eine andere Art des Denkens über das Sexuelle‘ innerhalb der feministischen Theorie und der Gay and Lesbian Studies einzufordern“ (S. 7). Die Herausgeber beschreiben die wissenschaftliche Entwicklung des theoretischen Zugangs bzw. der wissenschaftlichen Disziplin, punktuell bringen sie die wissenschaftlichen Entwicklungen mit Aktivismus und Kritiken außerhalb der Akademie in Verbindung.

Schwerpunkt der Betrachtungen in der Einführung – und der im Band ausgewählten Texte – sind die produktiven Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Die theoretischen Aushandlungen in der Bundesrepublik Deutschland werden demgegenüber kurz angerissen und einzelne aktuelle akademische Vertreter*innen benannt (S. 31). Inhaltlich liegt der Fokus auf für aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten bedeutsamen queer-theoretischen Reflexionen zu Rassismus, Behinderung und Marxismus. Zur Auswahl der Texte führen Trott und Laufenberg aus: „Die Entscheidung darüber, welche Schlüsseltexte wir in diesen Band aufnehmen, war nicht einfach. Bei einem Versuch, die Leser*innen mit den Analysen, theoretischen Innovationen, Polemiken und Debatten vertraut zu machen, die die anglophonen Queer Studies geprägt haben, waren wir bemüht, Theoretiker*innen und theoretische oder politische Traditionen einzubeziehen, die bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit als andere in der deutschsprachigen Rezeption der Queer Studies erfahren haben“ (S. 30).

Bei ihrem Überblick über das Forschungsfeld gelangen sie zum Ergebnis: „Die Queer Studies sind gut gewappnet, um zu der Analyse und Theoretisierung [der] andauernden Krisen […] und der daraus resultierenden Prekarität beizutragen“ (S. 94).

Die Zusammenstellung der Aufsätze beginnt mit der starken Einleitung von Eve Kosofsky Sedgwicks Band „Epistemology of the Closet“ (1990) in einer gekürzten Fassung. Sie leitet darin her, „dass ein Verständnis von nahezu jedem Aspekt der modernen westlichen Kultur nicht bloß unvollständig, sondern auch in seiner wesentlichen Substanz in dem Maße beschädigt sein muss, wie es eine kritische Analyse der modernen Definition von homo-/​heterosexuell nicht einbezieht“ (S. 100). Sie reflektiert die Auswirkungen der binären und klar identifizierten Entgegenstellung von „Heterosexualität“ und „Homosexualität“ und plädiert für komplexere Perspektiven.

Wird mit dem Text von Sedgwick ein Zugang zu einem Verständnis von „queer“ eröffnet, so knüpft der sich anschließende Aufsatz „Punks, Bulldaggers und Welfare Queens: Das radikale Potential queerer Politik?“ (1997) von Cathy J. Cohen mit einer Kritik an „queer“ – insbesondere queerer Politik – an: „In vielen Fällen hat queere Politik – anstatt die vermeintlichen Kategorien und Binaritäten sexueller Identität zu destabilisieren – dazu beigetragen, die simple Dichotomie zwischen dem Heterosexuellen und allen ‚Queeren‘ zu verfestigen“ (S. 135). Damit sei es nicht möglich, ein Verständnis von Macht, von privilegierten und marginalisierten Positionen zu erlangen, gerade die Herrschaftskategorien race, Klasse und Geschlecht gerieten aus dem Blick.

Dass eine solche kritische Reflexion nicht zu simpel bleibt, gelingt mit dem sich anschließenden Essay Judith Butlers „Lediglich kulturell“ (1997). Butler argumentiert darin gegen eine Dichotomie des „materialistische[n] Projekt[s] des Marxismus“ vs. eines „kulturelle[n] Fokus“ (S. 175). Sie führt aus: „Während Kämpfe um Klasse und race als ganz und gar ökonomisch und feministische Kämpfe zuweilen als ökonomisch und manchmal als kulturell begriffen werden, werden queere Kämpfe nicht nur als kulturell begriffen, sondern als etwas, das die ‚lediglich kulturelle‘ Form versinnbildlicht“ (S. 185). Butler wendet sich in dem 1998 erschienenen Essay gegen solche Marginalisierung queerer Perspektiven und weist auf notwendige queere materialistische Reflexionen hin.

Die Leerstellen bzw. erforderlichen Reflexionen queerer Theoriebildung hinsichtlich Rassismus und Behinderung werden in den folgenden Beiträgen vertieft. „Desidentifizierungen performen“ (1999) von José Esteban Muñoz wendet sich dabei den Identitätsbildungen Marginalisierter zu und fokussiert u.a. auf die Herausforderungen für Queers of Color; „Zwangsabilität und queere/​behinderte Existenz“ (2002) von Robert McRuer rückt queer-behinderte Perspektiven ins Zentrum.

Aufbauend auf Interviews mit Aktivist*innen widmet sich Ann Cvetkovich in „Das Erbe des Traumas, das Erbe des Aktivismus: Die Lesben bei ACT UP“ (2003) dem Aids-Aktivismus zu und thematisiert die mit Aids verbundenen „Traumata“ (S. 265). Aktivist*innen kommen bei Cvetkovich zu Wort. In einer der Passagen scheint die Lücke zwischen Aktivismus und rein theoretischer Befassung auf. Kim Christensen, eine der Aktivist*innen bei ACT UP, wird entsprechend zitiert: „Letztes Semester (hielt ich) für eine Freundin einen Kurs in den Gay Studies über ACT UP. Die Teilnehmenden waren zu 90 Prozent offen schwule und lesbische junge Leute, und ein Gutteil von ihnen hatte noch nie etwas von ACT UP gehört. Diejenigen, bei denen das anders war, hatten sehr bizarre Vorstellungen von dem, was wir getan hatten“ (S. 302) (Siehe auch: [1].) Cvetkovich folgert aus den Interviews: „Zu Beginn meiner Untersuchung hing ich an der Idee, Aktivismus sei nicht nur eine Antwort auf Traumata, sondern könne aufgrund seiner emotionalen Intensität und der mit ihm verbundenen Enttäuschungen auch selbst traumatisch wirken. […] Letztlich jedoch haben die Interviews meine ursprüngliche Idee infrage gestellt. Wie die obigen Äußerungen zeigen, können sich alle Interviewten, egal wie problematisch ihre Erfahrungen bei ACT UP auch gewesen sein mögen, an etwas erinnern, das von Bedeutung ist und bleibt, und sie betonen nachdrücklich die transformative Kraft von ACT UP.“ (S. 304).

Während sich auch der Aufsatz „Die differentiellen Visionen queerer Migrationsmanifeste“ (2013) von Karma R. Chávez explizit der Relevanz von Aktivismus zuwendet und politische Manifeste von Queers of Color untersucht, gehen die übrigen Beiträge von der aktivistischen Konkretheit ab und widmen sich analytisch Marginalisierungen auch innerhalb queerer Theoriebildung (Beiträge von Roderick A. Ferguson, Lee Edelman und Gayatri Copinath) sowie marxistisch-materialistischen Reflexionen (Beiträge von Roderick A. Ferguson, Kevin Floyd und Petrus Liu).

Den Band beschließen Textnachweise und knappe biografische Informationen zu den Autor*innen.

Diskussion

„Queer Studies: Schlüsseltexte“ ist eine innovative Zusammenstellung von queer-theoretischen Perspektiven, die in der Bundesrepublik Deutschland bislang nur randständig im Blick waren. Gerade die Verknüpfungen von queer hin zu rassistischen Diskriminierungen sowie die Reflexionen im Hinblick auf das Geschlechter- und das Klassenverhältnis sind in der deutschsprachigen Rezeption noch marginal. Die zum größeren Teil älteren Texte aus den 1990er-Jahren – nur zwei der aufgenommenen Beiträge sind aus den letzten zehn Jahren – machen deutlich, wie produktiv queere Theoriebildung in dieser Hinsicht schon seit Längerem ist. Das trifft dabei auch auf den deutschsprachigen Raum zu.

Gewiss weil hierzulande queer insgesamt und die wissenschaftliche Disziplin Geschlechterforschung (inkl. Queer Theory) im Besonderen politischen Attacken unterliegt, haben Mike Laufenberg und Ben Trott für die Auswahl der Texte den akademischen Bezug der Autor*innen zentral gesetzt und gegenüber Aktivismus abgegrenzt. Queer Theory wird als klassische wissenschaftliche Disziplin vorgestellt. Das wird bereits ab der ersten Seite ihrer Einführung deutlich – Bezüge zu Aktivismus scheinen mehr nebensächlich auf, statt dass er als konstituierend auch für theoretische Reflexionen einbezogen wird. Gerade im Hinblick auf Queer Theory ließe sich die Geschichte anders beginnen – bei Aktivismus (u.a. bei ACT UP) und nicht bei der von Teresa de Lauretis organisierten Konferenz. So ist es bedauerlich, dass die Textauswahl ausschließlich hochrangige Würdenträger*innen akademischen Betriebs einbezieht und, sofern überhaupt, Aktivismus erst durch den Filter akademischer Interpretation zugänglich wird.

Wie produktiv gerade Queer Theory – auch mit den aktivistischen Beteiligten – eigentlich ist und auch andere Formen von Theoriebildung zulässt, wird etwa mit Projekten der Oral History (u.a. [1]) und innovativen aktivistischen politischen und politisch-künstlerischen Beiträgen deutlich (für einen exzellenten aktuellen Zugang: [2]). Ein größerer Teil innovativer queerer Theoriebildung im deutschsprachigen Raum und international findet in subkulturellen Kontexten statt – und wird erst später von dem akademischen Betrieb aufgegriffen (und leider oft angeeignet und „assimiliert“ – als wissenschaftlich zitierbar gelten dann nur noch die akademischen Texte).

Fazit

„Queer Studies: Schlüsseltexte“ ist ein wichtiger Band zur richtigen Zeit: Queer Theory wird vor dem Hintergrund aktueller politischer Attacken als akademisches Fach präsentiert. Der Nachholbedarf im Hinblick auf die Verankerung an den Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland wird offensichtlich. Es wäre aber günstig gewesen, die Relevanz auch aktivistischer Beiträge deutlicher zu machen – und beispielhafte Texte in die Sammlung von Schlüsseltexten aufzunehmen.


[1] Weitere aktivistische Perspektiven zeigt das „ACT UP Oral History Project”, online: https://actuporalhistory.org (Zugriff: 24.9.2023).

[2] Rena Onat (2023): Queere Künstler_innen of Color: Verhandlungen von Disidentifikation, Überleben und Un-Archiving im deutschen Kontext. Bielefeld: Transcript Verlag.

Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Professur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung
Hochschule Merseburg
FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Es gibt 65 Rezensionen von Heinz-Jürgen Voß.

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ISSN 2190-9245