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Anke Elisabeth Ballmann: Satt und sauber reicht nicht!

Rezensiert von Alexandra Großer, 05.01.2024

Cover Anke Elisabeth Ballmann: Satt und sauber reicht nicht! ISBN 978-3-466-31209-2

Anke Elisabeth Ballmann: Satt und sauber reicht nicht! Sofortmaßnahmen für Kitas und Eltern gegen den Notstand in der frühen Bildung. Kösel-Verlag (München) 2023. 235 Seiten. ISBN 978-3-466-31209-2. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,76 sFr.

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Thema

Kitas kommen derzeit immer mehr an ihre Grenzen und laufen Gefahr zu Aufbewahrungsanstalten für Kinder zu werden, an deren Tagesende Eltern ihre Kinder nur noch satt und sauber empfangen. In diesem Buch beschreibt Anke Elisabeth Ballmann, was die Notlage, in die Kitas geraten sind, mit den Kindern macht, worin qualitativ gute Bildung in Kitas besteht und welche Sofortmaßnahmen Kitas und Eltern einleiten können.

AutorIn

Anke Elisabeth Ballmann ist Pädagogin, Psychologin und Autorin. Sie lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg zu den Themen „Schule und Familie“. Sie ist Gründerin des Instituts „Lernmeer“, Coachin, Fort- und Weiterbildnerin für Eltern und pädagogische Fachkräfte.

Aufbau

Das Buch enthält zwischen Einleitung und Nachwort drei Teile:

  • Teil 1 – Bildung – (K)ein Kinderspiel,
  • Teil 2: Bildung – Lernen und Aufblühen und
  • Teil 3: Bildung – Die Basis für ein gutes Leben.

Jeder Teil ist in mehrere Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel enthält Sofortmaßnahmen für Eltern beziehungsweise Kitas.

Inhalt

Teil 1: Bildung – (K)ein Kinderspiel

Kapitel 1: Chancengleichheit – Kitas und das Recht auf Förderung

Die Autorin beginnt mit der Geschichte des Kindergartens und greift die, noch heute aktuelle, Sicht Fröbels „auf Kinder und dem Auftrag von Kitas“ auf. Bereits Fröbel zeigte, was eine gute Kita ausmacht und welche Aufgaben die Erziehenden haben. Bis heute gültig und weiterhin aktuell. Im weiteren Verlauf erläutert die Autorin die Entwicklung der Kindergärten von Betreuungseinrichtungen zu Bildungseinrichtungen mit unterschiedlichen Ansätzen und Bildungsplänen der Länder, die sich mit ihren Bildungsbereichen in den individuellen Konzeptionen der Kindertageseinrichtungen widerspiegeln. Sie moniert, dass die sozial-emotionale Entwicklung zugunsten anderer Förderbereich vernachlässigt wird, die „von erheblicher Bedeutung für die weitere Entwicklung und auch für die Bewältigung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule ist“ (S. 31).

Ballmann erörtert des Weiteren, dass Bildungschancen von Kindern noch immer vom „sozialen Status, der Wohngegend und dem Bildungsabschluss“ (S. 34) der Eltern abhängen.

Sie warnt vor destruktiven Kindheiten, denn diese können den Weltfrieden gefährden. Damit zeigt sie auf, wie Gewalt und Vernachlässigung in der „Kindheit auf erwachsene Menschen“ (S. 44) wirken können und fordert so schnell wie möglich Reformen. Denn wir alle müssen lernen „mit einer veränderten Welt umzugehen“ (ebd.). Deshalb fordert sie „neue Bildungswege“ (ebd.), „andere Wege“ (ebd.) zu gehen.

Kapitel 2: Das spielende Kind – Bildung als wertvollstes Nebenprodukt

Ballmann hebt das Spiel der Kinder in diesem Kapitel hervor. Sie zeigt auf, welchen Einfluss das Spielen „auf die menschliche Gehirn- und Persönlichkeitsentwicklung“ (S. 47) hat, als auch, welche Fähigkeiten und Kompetenzen Kinder im Spiel erwerben. „Spielen ist es, was den Menschen bildet, nicht starre Lehr- und Bildungspläne“ (S. 48) so ihr Credo. In ihren Ausführungen geht sie auf die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung im Zusammenhang mit Spielen von Kindern ein. Des Weiteren zeigt sie auf, wie Eltern und Fachkräfte in Kitas das Spiel der Kinder unterstützen können. Hier gilt es vor allem den Tagesablauf zu hinterfragen sowie Raum und Zeit zu schaffen, um Kinder genügend Spielerfahrungen zu ermöglichen. Ein Hauptaugenmerk richtet Ballmann in ihren Ausführungen auf das Rollenspiel, in dem sie auf die Ergebnisse der Studie von Hwang und Hughes (2010) eingeht. Die Forscher fanden heraus, „dass die Kinder der Rollenspielgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant höhere kreative Fähigkeiten hatten. Insbesondere zeigten die Kinder in der Rollenspielgruppe eine höhere Fähigkeit zur Ideenbildung, sie waren flexibler im Denken und fanden originellere Lösungen für Probleme“ (S 59). Als Sofortmaßnahme rät die Autorin Eltern, ihre Kinder möglichst viel spielen zu lassen und ermutigt gleichzeitig Kitas dazu, „dass Kinder, das Recht der Kinder auf Spiel in vollem Umfang genießen“ (S. 62) und ausüben sollten. „Dieses Recht“, so die Autorin, trägt dazu bei, „Benachteiligung zu beseitigen, indem es Kinder in die Lage versetzt, ihre Potenziale vollständig zu entfalten“ (ebd.).

Teil 2: Bildung – Lernen und Aufblühen

Kapitel 3: Wie funktioniert Entwicklung? Theoretische Hintergründe und frühpädagogische Konsequenzen

In diesem Kapitel befasst sich die Autorin damit, welche Bildung Kinder brauchen und welche Bildung Menschen brauchen, „die mit Kindern zu tun haben“ (S. 80), damit „Bildungswelten“ (ebd.) entstehen, „in denen Kinder aufblühen“ (ebd.). Anhand verschiedener Theorien (Lerntheorie, Psychoanalyse, Entwicklungstheorie und ökologischer Theorie) geht sie diesen Fragen nach.

In ihren Ausführungen zeigt sie auf, dass vor allem der Behaviorismus noch immer großen Einfluss auf die Pädagogik und didaktische Vermittlung von Wissen in Kita und Schule hat. Obwohl bereits bekannt ist, das diese Lerntheorie schon lange überholt ist und gerade die Belohnungssysteme, die in Kitas und Schulen noch immer eingesetzt werden, den Kindern schaden.

Demgegenüber stellt sie die soziale Lerntheorie. Anhand des Modelllernens legt sie dar, wie Kinder gesellschaftlich sozialisiert werden. Neben Freuds und Eriksons Persönlichkeitstheorie stellt Ballmann Piagets Modell der kognitiven Entwicklung vor, die Jerome Brunner weiterentwickelte. Mit Lev Vygotsky als „bedeutendsten Vertreter des Sozialkonstruktivismus“ (S. 96) uns seiner Idee des „Scaffolding“ (ebd.) schließt sie ihre Ausführungen ab. Im Abschnitt „Sofortmaßnahmen für Kitas“ (S. 98) erklärt sie anhand des Beispiels „Kuchen backen“ (S. 99), welche Bildungspotenziale allein in Vorbereitung und anschließender Zubereitung stecken. Dafür, so Ballmann, braucht es Mut sich auf Alltagssituationen mit den Kindern einzulassen und sich von „stressigen, einengenden Programmen und Pflichtveranstaltungen“ (S. 98) zu trennen.

Kapitel 4: Lernwelten – Das Wechselspiel von Anlage und Umgebung

Welchen Einfluss hat die Kita auf die Entwicklung eines Kindes? Welche Rolle spielt die Kita dabei? „Was ist angeboren, was erworben?“ (S. 101). Sind einige Eingangsfragen zu diesem Kapitel. Antworten findet die Autorin in der Verhaltensgenetik, Hirnforschung und Entwicklungspsychologie. In ihren Ausführungen geht sie auch auf mögliche Zusammenhänge zwischen Wohnumfeld und Entwicklung der Kinder ein.

Kapitel 5: Können alle Primaballerina werden? – Intelligenz, Begabung & Co.

Zu Beginn des Kapitels klärt die Autorin die Begriffe „Intelligenz, Begabung und Talent“ (S 117). Im Zusammenhang der „neun verschiedenen Intelligenzen“ (S. 119) von Howard Gardner (2011) legt die Autorin dar, wie durch Beobachtung die Begabungen von Kindern erkannt werden können, damit Kinder durch Unterstützung ihre Talente darin entwickeln können. Neben Förderung braucht es Bildungskapital, ökonomisches Kapital und kulturelles Kapital. Sowie es Menschen braucht, die Kindern den Zugang zum Kulturkapital erschließen.

Anhand des Sozio-Top-Ansatzes von Albert Ziegler (2012) beschreibt Ballmann genauer, wie Umweltbedingungen und „die Entstehung von Begabung“ (S. 126) zusammenhängen, wie die verschiedenen Soziotope zusammenwirken und Bildung entweder verhindert oder ermöglicht. Am Ende des Kapitels, und damit auch Teil 2 des Buchs, fasst Ballmann den Soziotop-Ansatz zusammen: „Wenn Samen auf unfruchtbaren Boden fällt, wird nichts wachsen, und wenn der Boden fruchtbar ist und niemand pflanzt etwas, wächst auch nichts“ (S. 131). Für Eltern und Kitas bedeutet dies, das Spielen der Kinder zu fördern und ihnen „spezielle Umgebungen und Aktivitäten“ (ebd.) bereitzustellen, „die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen“ (ebd.).

Teil 3: Bildung – Die Basis für ein gutes Leben

Kapitel 6: Märchenwälder und Bildungspläne – Welche Pädagogik für welches Kind?

In diesem Kapitel befasst sich Ballmann mit den verschiedenen pädagogischen Ansätzen. Neben der Montessori-Pädagogik, Waldorf-Pädagogik, Freinet-Pädagogik und Reggio-Pädagogik geht sie skizzenhaft auch auf die Pikler-Pädagogik und Pädagogik der Waldkindergärten ein. Neben den Reformpädagogischen Ansätzen erwähnt die Autorin ebenfalls die Konzepte der offenen Arbeit und Lernwerkstätten. Allen Konzepten gemeinsam ist „eine kindzentrierte und partizipative Pädagogik […], die die individuellen Bedürfnisse und Interessen der Kinder berücksichtigt“ (S. 152). Ebenfalls betonen sie die Lernumgebung sowie den Raum als dritten Pädagogen.

Kapitel 7: Familie oder Fremdbetreuung? – Risiken und Nebenwirkungen

In diesem Kapitel setzt sich die Autorin kritisch mit der außerfamiliären Betreuung von Kindern bis zu zwei Jahren auseinander. In ihrer Argumentation bezieht sie sich auf neuere wissenschaftliche Erkenntnisse, die „stark darauf hin deuten, dass außerfamiliäre Betreuung von Kindern unter drei Jahren mit mehr Risiken als Vorteilen einhergeht (vgl. Ansari & Crosnoe, 2021)“. In ihren Ausführungen bezieht sie ebenfalls ein, dass inzwischen auch von pädagogischen Fachkräften „Kritik an außerfamiliärer Betreuung“ (S. 159) geübt wird, indem „Kitas zu reinen Verwahranstalten werden, die auf die Bedürfnisse der Kinder kaum reagieren können“ (S. 159). Dies weist auf den Personalmangel und Notstand hin, der in vielen Kitas Alltag ist. Die Gefahr, sieht Ballmann darin, dass Kinder, die über acht Stunden von ihren Eltern getrennt sind, oft keine emotionale Sicherheit erfahren, sondern „Verlust, Sehnsucht, Trauer und nicht selten Angst“ (ebd.), weil in Kitas oft „Zeit und ausgebildetes Personal“ (ebd.) fehlt. Neben ihren kritischen Ausführungen, macht sie Eltern Mut, genauer hinzuschauen und sich gegen alle gesellschaftlichen Strömungen selbst zu entscheiden, wann, wie und ob sie ihr Kind außerfamiliär betreuen lassen möchten. Auch ihr ist bewusst, dass Eltern oft keine Wahl haben, vor allem Ein-Eltern-Familien und die Betreuung in der Familie wenig wertgeschätzt wird, was zu zusätzlichem Druck auf Eltern führt.

Kitas arbeiten in der momentanen Situation oft unter extremen Personalmangel. Ballmann sieht als einzige Chance, die Kitas haben „wenn es nicht nur um Verwahrung der Kinder gehen soll“ (S. 172) die Kinderzahlen und Öffnungszeiten zu reduzieren. In diesem Zusammenhang weist die Autorin ebenfalls darauf hin, dass Kita-Schließungen rechtlich problematisch sein können. Doch warnt sie gleichfalls davor, dass Personal, welches permanent am Limit arbeitet, unzufrieden, häufig krank ist und oft innerlich bereits gekündigt hat. Es sind oft die Kinder, die unter dieser Situation leiden, keine Wahl haben und deren Wohlergehen gefährdet ist.

Ballmann zeigt mit ihrer kritischen Auseinandersetzung auf, dass die Diskussion um Kitas oft „ideologisch diskutiert“ (S. 176) und nicht „wissenschaftlich fundiert“ (ebd.) geführt wird. „Zudem wird die Frage der außerhäuslichen Kinderbetreuung nur rein quantitativ behandelt, aber nicht qualitativ“ (ebd.) Sie kritisiert, dass es oft um fehlende Betreuungsplätze geht, nicht jedoch „um die Kinder selbst“ (ebd.), und „ihr Wohlbefinden“ (ebd.). Sie stellt die Frage, welche politischen Interessen hinter der außerfamiliären Betreuung tatsächlich stehen. Sicher ist, „es braucht die politisch-gesellschaftliche Reform des Ganzen und eine Norm der Familienvollzeit, die sich nicht am Achtstundentag für alle orientiert“ (ebd.).

Des Weiteren führt sie aus, dass die „Qualität der Kita [...] der wichtigste Faktor für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung“ (S. 180) der Kinder ist. Die Qualität, die hier gefordert ist, sinkt oftmals aufgrund dessen, dass das „Kita-System vor dem Kollaps steht“ (S. 181) und es kaum zu schaffen ist „Kindern und deren Bedürfnissen gerecht“ (ebd.) zu werden. Am Ende des Kapitels bleibt die Frage: „Familie oder Fremdbetreuung?“ (S. 182). Eine „einfache Antwort“(ebd.) darauf gibt es nicht. „Vielmehr muss es unser Ansporn sein, Kindern das Beste aus beiden Welten zur Verfügung zu stellen, damit sie sich optimal entwickeln können“ (ebd.).

Kapitel 8: Abenteuer Einschulung – Wie der Übergang von der Kita in die Schule gelingt

Der Übergang von der Kita in die Schule ist für Eltern und Kinder ein wichtiger Schritt, der eine neue Stufe in der Entwicklung der Kinder darstellt, und von allen Beteiligten gut vorbereitet und begleitet werden sollte.

Ein Augenmerk liegt hier auf der Kooperation zwischen Kita, Schule und Eltern. Der Übergang von Kita in die Schule ist mit „neuen Leistungsanforderungen“ (S. 187) und der Anpassung des Kindes „an eine neue Umgebung und neue Menschen“ (ebd.) gebunden. Die Autorin erläutert, dass das „Schulsystem oft viel zu wenig Rücksicht“ (ebd.) darauf nimmt und „im schlimmsten Fall die Transition misslingt“ (ebd.). Anhand des Transitionsansatzes erklärt sie, welchen Herausforderungen Kinder beim Übergang in die Schule gegenüberstehen und wie Eltern, Kita und Schule Kinder dabei unterstützen können, diese Herausforderungen zu bewältigen.

Diskussion

Anke Elisabeth Ballmann ist das Spiel der Kinder ein Herzensanliegen, welches sich durch fast alle ihre Kapitel des Buchs zieht. Durch die Berücksichtigung verschiedener Konzepte und Ansätze zeigt sie auf, worin ungleiche Bildungschancen für Kinder bestehen können. In ihren Ausführungen, vor allem in den Sofortmaßnahmen für Eltern und Kitas finden sich wertvolle Hinweise, wie Pädagog*innen und Eltern Kindern wertvolle Bildungsgelegenheiten bieten können ohne viel Aufwand. Immer wieder betont die Autorin, dass es keine vorgefertigten beziehungsweise starren Bildungsprogramme braucht, damit Kinder sich selbst bilden, sondern viel mehr Menschen, die sie in ihrer Entwicklung mit ihren Bedürfnissen, ihren Interessen, Begabungen und Fähigkeiten unterstützen und begleiten. Klar formuliert sie die Aufgabe von pädagogischen Fachkräften, die sich seit Fröbel nicht wesentlich verändert haben, Kindern eine aktive ansprechende Lernumgebung zu schaffen, die sie zur Selbsttätigkeit und Kooperation mit anderen einlädt. Besonders interessant fand ich die Erläuterungen zu Albert Zieglers Soziotop-Ansatz, die aufzeigen, wie Bildung durch die Umgebung und Handlungen der Menschen verhindert oder gefördert werden kann. Ein wertvoller Gedanke, der noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

In Kapitel 7 zieht Ballmann hauptsächlich Studien anderer Länder für ihre Argumentation heran, betont jedoch immer wieder, dass die Ergebnisse, „nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragbar“ (S. 161) sind. Und zunächst mutet es so an, als ob außerfamiliäre Betreuung sich per se ungünstig auf Kinder unter drei Jahren auswirkt. Ihre Argumentation und ihre Kritik sollen nachdenklich machen und aufrütteln. Sie legt bewusst den Finger in die Wunde eines Kita-Systems das vor dem Kollaps steht. Sie stellt die Frage, was aus Kindern wird, die permanent von einer Stresssituation in die andere geraten. Die pädagogischen Fachkräfte sind gestresst, weil erschöpft, und mit Personalmangel konfrontiert, die Eltern sind gestresst, weil sie bei reduzierten Öffnungszeiten oder Kitagruppenschließungen schnell eine andere Betreuung für ihre Kinder finden müssen. Was wohl aus diesen kleinen Kindern für große Menschen werden, die so früh Stress erfahren.

Folgt man der Argumentation Ballmanns scheint es politisch gesehen eher um wirtschaftliche Interessen zu gehen, und schon lange nicht mehr um die Kinder selbst und deren Wohl, sondern darum Kita-Plätze um jeden Preis zu schaffen, mit Personalmangel und mangelhaftem Personal (vgl. S. 182). Außen vor bleiben in den Ausführungen die Kitas, die trotz Personalmangel, bedürfnisorientiert und partizipativ arbeiten, die sich durch hohe Interaktionsqualität und feinfühlige Menschen auszeichnen. Es gibt sie, diese Kitas, die trotz allen Widrigkeiten „Kinder in Bildung baden“ (S 196). Dies ist, neben aller Kritik, die Anke Elisabeth Ballmann am momentanen Zustand in den Kitas und der Politik äußert, ihr Anliegen und Ziel: Bildung und Betreuung neu zu denken und Kinder in „Bildung zu baden, zu Hause, in Kitas und in Schulen“ (ebd.) eine „gerechte Bildungslandschaft zu schaffen, in der alle Kinder die bestmöglichen Bildungschancen bekommen“ (S. 199). Einen neuen Weg, einen „Neustart“ (S. 197) zu wagen ist dringend geboten und sollte am besten sofort passieren. Die Autorin selbst ist zuversichtlich, dass es gelingt, auch wenn es noch Jahrzehnte dauern wird, denn die „Welt ist im Wandel, Haltungen ändern sich, Verhalten ändert sich, … in den Kitas ist viel in Bewegung, und wir sind insgesamt auf einem guten Weg“ (S. 198), trotz allem braucht es Sofortmaßnahmen. Dafür müssen wir uns alle einsetzen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, dass „die engagierten Fachkräfte die Kitas … verlassen“ (S. 199), welches zu noch mehr Personalmangel führt und vor allem fehlendem Fachwissen in den Kitas. Manche Ansichten der Autorin mögen unpopulär sein und polarisieren, ich glaube jedoch, dass wir genau dieses Hinterfragen brauchen, um Kita neu zu denken.

Fazit

Auf dem Cover des Buchs ist eine Empfehlung von Prof. Dr. med. Oliver Katz zu lesen „Unbedingt lesenswert!“. Diese Empfehlung möchte ich gerne weitergeben. Denn dieses Buch rüttelt auf, macht nachdenklich und zeigt auf, wie gute Bildung trotz widriger Umstände gelingen kann. Es macht Mut auch unkonventionelle Wege zu gehen und sich für die Rechte der Kinder auf Spiel, Bildung, Erholung und Freizeit einzusetzen.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 27 Rezensionen von Alexandra Großer.

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Zitiervorschlag
Alexandra Großer. Rezension vom 05.01.2024 zu: Anke Elisabeth Ballmann: Satt und sauber reicht nicht! Sofortmaßnahmen für Kitas und Eltern gegen den Notstand in der frühen Bildung. Kösel-Verlag (München) 2023. ISBN 978-3-466-31209-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31319.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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