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Ewald Rahn: Umgang mit Borderline-Patienten

Cover Ewald Rahn: Umgang mit Borderline-Patienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. 3. Auflage. 143 Seiten. ISBN 978-3-88414-361-2. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.

Reihe: Basiswissen - 3.
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Einführung in die Themenstellung

Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen sind im Regelfall ambulant psychotherapeutisch zu behandeln. Werden im Fall schwerer Störungen stationäre Behandlungen erforderlich, besteht im Vergleich zu anderen Patientengruppen ein erhöhtes Risiko ungünstiger Therapieverläufe. Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen stellen das Interaktionsverhalten und das interpersonale Erleben der Betroffenen einen erheblichen Komplikationsfaktor dar. Die Interaktion zum Helfer steht nicht außerhalb der Störungsdynamik, sondern wird durch diese moderiert. Charakteristisch für Therapiebeziehungen bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen ist das Schwanken zwischen idealisierter Hilfeerwartung und enttäuschter Entwertung, sowie das Springen zwischen intensiver Sehnsucht nach Bindung und expansivem Drang nach Selbstbestimmung und Distanz. In der therapeutischen Interaktion mit Borderline-Patienten ist das Auftreten entsprechender Interaktionsstörungen unvermeidbar. Im komplexen Beziehungsgeflecht stationärer Behandlungssettings können sich diese Störungen allerdings zu permanenten Krisen aufschaukeln, die den Therapieprozess in einen Zirkel führen. Prognostisches Wissen über die erwartbaren Interaktionsprobleme kann den einzelnen Helfer, das Team und den Patienten entlasten und die Prozesssteuerung verbessern. Indem die generelle Störungstendenz der Interaktion antizipiert wird, kann fehlerhaften Attributionen der Beziehungskrisen entgegengewirkt und eine hilfreiche Haltung in der Interaktion unterstützt werden.

Entstehungshintergrund des Buches

Anliegen des Buches ist, solch interaktionsrelevantes Wissen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Verfügung zu stellen. Der Autor, Nervenarzt und Psychotherapeut, ist stellvertretender Leiter der Westfälischen Klinik in Warstein. Den Fallbeispielen des Buches ist eine profunde Kenntnis der Borderline-Pathologie und der assoziierten Behandlungsprobleme anzumerken. Zugleich wird Respekt und Verständnis den Menschen gegenüber spürbar, die unter dieser komplizierten Störung leiden. Von Ewald Rahn ist im gleichen Verlag ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige erschienen.

Aufbau und Inhalte

Einführend geht Rahn in knapper Form auf psychologisches Grundlagenwissen zur Persönlichkeitsorganisation ein, um die Auswirkungen von Borderlinestörungen zu skizzieren. Verschiedene Auftrittsformen der Symptomatik werden anhand von Fallbeispielen illustriert. Der Autor übersetzt die diagnostischen Kriterien der Störung in drei alltagsbezogene Beeinträchtigen. Unterschieden werden

  1. Schwierigkeiten der Betroffenen, "mit sich selbst zurechtzukommen",
  2. Schwierigkeiten, auf Situationen "angemessen emotional zu reagieren",
  3. Suche nach eindeutigen Beziehungen, "die alles durcheinander bringt".

Aus den Beeinträchtigungen resultieren störungstypische Verhaltensmuster; Rahn geht auf selbstverletzendes und therapiegefährdendes Verhalten der Betroffenen ein, auf das Problem chronischer Suizidalität und auf häufige begleitend auftretende Störungsbilder. In der zweiten Hälfte des Buches liegt der Schwerpunkt auf Fragen der Behandlung. Die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungssettings werden diskutiert. Klar befürwortet werden ambulante und zielorientierte Behandlungsvereinbarungen. Die unerfüllte Sehnsucht der Betroffenen nach idealen Beziehungserfahrungen führt in der Therapie oft zu einem Punkt, an dem das Beziehungserleben in Enttäuschungswut zu kippen droht. Störungsspezifische Therapieansätze berücksichtigen diesen möglichen Komplikationsfaktor. Eine aktive therapeutische Distanzregulation kann das Krisenrisiko und deren Auswirkungen auf die Beziehung verringern. Rahn umreisst Eckpunkte einer störungsspezifischen Therapiestrategie, kurz diskutiert werden auch medikamentöse Behandlungsansätze. Das Schlusskapitel des Buches geht auf praktische Fragen ein, die in der Arbeit mit Borderline-Patienten auftauchen. Wie kann eine günstige Reaktion auf die Entwertung anderer Helfer aussehen? Wie kann die eigene emotionale Resonanz im Umgang mit dem Patienten genutzt werden? Welche Grenzen sind bei der Beziehungsgestaltung zu beachten? Auch gegenüber solch praxisnahen Anliegen gibt das Buch erfreulicherweise keine vermeintlich einfachen Ratschläge. Die Strategie der Beantwortung liegt im Reflektieren der Problemstellung, der Klärung verschiedener Aspekte, dem Versuch emotionaler Verengung entgegenzuwirken, mehr Gelassenheit zu ermöglichen und Orientierungslinien des Veränderungsprozesses aufzuzeigen.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch steht in der Reihe "Basiswissen des Psychiatrie Verlages" und hat nicht den Anspruch, erschöpfend über Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu informieren. Es will Helfern helfen, sich auf die Arbeit mit Borderline-Patienten einzustellen. Dies gelingt dem schmalen, gut lesbaren Buch nicht zuletzt durch die vielen Fallbeispiele. Erfahrene Helfer werden ihre eigene, häufig herausfordernde Praxiserfahrung wiederfinden und Anregungen für die Beziehungsgestaltung bekommen. Noch unerfahrenen Helfern kann das praxisnahe Buch ein Gefühl für die Belastungen und Komplikationsrisiken in der Arbeit mit Borderline-Patienten vermitteln und entscheidende Ansatzpunkte eines günstigen Therapieprozesses aufzeigen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 20.12.2005 zu: Ewald Rahn: Umgang mit Borderline-Patienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. 3. Auflage. ISBN 978-3-88414-361-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3132.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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