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Daniel Moßbrucker: Direkt vor unseren Augen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 03.01.2024

Cover Daniel Moßbrucker: Direkt vor unseren Augen ISBN 978-3-426-27905-2

Daniel Moßbrucker: Direkt vor unseren Augen. Wie Pädokriminelle im Internet vorgehen – und wie wir Kinder davor schützen | Vom führenden deutschen Darknet-Experten. Droemer Knaur (München) 2023. 304 Seiten. ISBN 978-3-426-27905-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Kaum ein Thema erschüttert Menschen so sehr wie sexualisierte Gewalt gegen Kinder – und kaum ein Thema wird so häufig verdrängt. Dabei schätze die UN schon 2009, dass weltweit in jeder Sekunde 750.000 Pädokriminelle online sind – Tendenz steigend. Daniel Moßbrucker ist investigativer Journalist und einer der führenden Experten zu Fragen der digitalen Überwachung und des Darknets. Mit seinem Sachbuch legt er erstmals im deutschsprachigen Raum eine systematische und datengestützte Recherche in pädokriminellen Zirkeln im Darknet vor. Er klärt darüber auf, wie Pädokriminelle im Internet vorgehen und wie Eltern ihre Kinder mit diesem Wissen bestmöglich schützen können. Denn die Gefahren lauern oft dort, wo Eltern sie am wenigsten erwarten: So werden harmlose Schnappschüsse aus dem Familien-Alltag von Kriminellen aus WhatsApp, Instagram & Co. gestohlen und im Darknet verbreitet oder auf ausländischen Plattformen im normalen Internet hochgeladen. Das Buch bietet konkrete Hilfestellung und praktische Tipps, die im Alltag umsetzbar sind:

  • Sollte ich Fotos vom Kinder-Geburtstag auf Instagram teilen?
  • Ist es gefährlich, wenn unser Sohn abends eine Stunde sein Lieblingsspiel am Laptop spielt?
  • Und vor allem: Ab wann ist es möglich, mit meinem Kind über diese Gefahren zu sprechen? Und wie?

Moßbrucker plädiert für eine zeitgemäße Medienbildung von Kindern durch Eltern, die ein realistisches Bild von den Gefahren im Netz haben. Sein Ratgeber für Eltern bildet außerdem den Einstieg in die notwendige Debatte zur Pädokriminalität im Internet und ist zugleich ein Appell an Politik und Gesellschaft, dem Thema endlich die Aufmerksamkeit und Informiertheit zu schenken, die es verdient.

Autor

Daniel Moßbrucker arbeitet als Journalist zu den Themen Überwachung, Datenschutz und Internet-Regulierung. Seine Beiträge werden regelmäßig von überregionalen Medien und dem TV-Politikmagazin Panorama veröffentlicht. Für die Recherchen und die Datenaufbereitung zum Thema Kindesmissbrauch erhielt er 2022 mit einem Team von NDR und DER SPIEGEL den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. Daniel Moßbrucker lebt in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Der Autor zeigt in seinem Buch, an welchen Orten im Internet – aber auch in der realen Welt – Pädokriminelle vorgehen und welche Strategien sie dabei anwenden. Das wird ergänzt durch sein umfassendes Hintergrundwissen über diese Szene sowie die Darstellung der rechtlichen Grundlagen. Damit werden die Grundlagen gelegt, damit erwachsene mögliche Gefahren für Kinder und Jugendliche besser einschätzen und erkennen können. Das Buch gliedert sich in drei Teile, bei denen es durchaus Sinn macht, sie in der entsprechenden Reihenfolge zu lesen. Ein Muss ist das fürs Verständnis allerdings nicht.

Teil I Vorbereitung

Der erste Teil gliedert sich in drei Unterkapitel. Zunächst gibt Daniel Moßbrucker mit der ersten Überschrift „Hilfe beginnt mit Hinsehen“ gleich die Stoßrichtung seines Buches vor. In dieser Einführung räumt er mit Mythen auf, benennt die Emotionen, die beim Thema Pädokriminalität entstehen und beschreibt am Beispiel des Tatkomplexes um den Campingplatz in Lüdge die große Relevanz des Themas. Eine große Schwierigkeit beim Annähern an die Thematik ist immer die Wortwahl, weswegen im Folgenden unter der Überschrift „Mit Worten kaum zu fassen“ Begriffe benannt und eine Grundhaltung vermittelt werden. Den Abschluss des ersten Teils bildet ein historischer Abriss über die Geschichte des Missbrauchs und die Rolle des Internets unter der Überschrift „Wellen der Aufklärung“.

Teil II Problemanalyse

Dieser Teil ist der umfangreichste des Buchs. Zum Einstieg versucht der Autor unter dem Titel „Durch die Augen der Gegner:innen“ einen Blick auf diejenigen Menschen zu werfen, die die Taten begehen, ihre Denk- und Sichtweisen zu beschreiben. Um das Smartphone als Werkzeug zum Machterhalt geht es im Anschluss im Kapitel „Gute Nacht, Liebling“, in dem zum Beispiel die Rolle von Vertrauen und Macht und die im Nahfeld lauernden Gefahren beschrieben werden. Inwieweit eben jenes Nahfeld auch im Internet errichtet werden kann, lässt sich anschaulich und eindrücklich im Kapitel „Zocken und nebenbei ein bisschen chatten“ nachlesen. Ähnlich gefährlich kann das Posten von Fotos von (eigenen) Kindern in den sozialen Netzwerken sein, die relativ schnell für dunkle Zwecke genutzt werden können, wie Daniel Moßbrucker im Kapitel „Gepostet, geteilt, geklaut“ beschreibt. Schwere Kost folgt anschließend, wenn im Kapitel „Das Geschäft mit dem Missbrauch“ deutlich wird, wie aus dem Leid von Kinder massive Profite geschlagen werden. Ein großer Faktor bei der Verbreitung von bildichen Darstellung sexualisierter Gewalt erfolgt über das Darknet, in dem es zahlreiche Foren gibt, die sich an Pädokriminelle wenden. Deren gigantisches Ausmaß steht im Mittelpunkt des Kapitels „Die finsteren Ecken im Darknet“. Aus dieser Realität stammt der Administrator, mit dem der Autor im Rahmen seiner Recherchen chattete. Entsprechende Transkripte der Chats inklusive kontextueller Rahmungen bilden das Abschlusskapitel dieses Teils, das mit „Sie könnten ein Forum zu Tode nerven“.

Teil III Lösungen

Was für Ansätze zur Verhinderung von pädosexueller Gewalt lassen sich nun aus den vorherigen Seiten ziehen? Zunächst legt Daniel Moßbrucker im Kapitel Freiheit und Sicherheit sind keine Gegensätze den Finger in so manch politische Wunde, wenn er beschreibt, dass Politiker*innen sich oft von Emotionen lenken lassen, anstatt vernünftige Gesetze und Richtlinien zu beschließen. Anschließend plädiert er im Kapitel „Senken Aufnahmen die Hemmschwelle?“ für einen Paradigmenwechsel in der Strafverfolgung, bevor er in „Da sind wir leider nicht zuständig“ Missstände bei Betreuung, Prävention und Schutzkonzepten benennt. Wie die Bundesländer Internetkonzernen die Stirn bieten wollen, lässt sich im Kapitel „Ausgetrickst von der Industrie“ nachlesen, bevor sich der Autor im Kapitel „Das Undenkbare denken lernen“ explizit an Eltern wendet. Hier versucht er, einen Weg aufzuzeigen, wie Eltern ein Umfeld schaffen, in dem tatenunwahrscheinlicher werden. Mit welchen Tipps und Tricks man sich und seine Kinder im Alltag im Internet schützen kann, findet sich im abschließenden Teil unter dem Titel „Digitale Selbstverteidigung gegen Pädokriminelle“.

Das Buch wird vervollständigt von einem Epilog, Informations- und Hilfsangeboten sowie einem Literaturverzeichnis.

Diskussion

Smartphones, Tablets, soziale Medien gehören seit fast einem Jahrzehnt zu unseren täglichen Begleitern – in der Geschichte der Menschheit nur ein minimaler Zeitraum, der aber in der Realität viele Möglichkeiten erschlossen aber auch Gefahren und Risiken hervorgebracht hat Denn – und das führt uns Daniel Moßbrucker eindrücklich vor Augen – mit dem digitalen Wandel hat sich auch das Risiko sexualisierter Gewalt erhöht, aber auch das Bewusstsein dafür geschärft. Das ist gut, aber Luft nach oben gibt es immer noch. Genau an dieser Stelle setzt das vorliegende Buch an. Denn es zeigt Eltern, Fachkräften aber auch Interessierten, dass sexualisierte Gewalt eben nicht nur den direkten körperlichen Übergriff meint – ganz im Gegenteil. Sie meint auch, und das in diesen digitalen Zeiten sogar noch viel mehr, sexualisierte Gewalt, ohne dass Täter*in und Opfer im selben Raum sind. Das muss in den Köpfen der Menschen ankommen, um dagegen kämpfen zu können. Denn nur, wer die Gefahren kennt, kann zumindest sein/ihr Bestes geben, einen Übergriff zu verhindern. Und so ist dieses Buch am Ende auch ein Weckruf. Ein Weckruf, der uns alle alarmieren soll, dem Thema endlich die Aufmerksamkeit zu schenken, die notwendig ist. Wohltuend – auch wenn der Begriff in diesem Kontext nur schwer über die Lippen kommen mag – ist an diesem Buch, dass es alarmiert ohne zu dramatisieren und blinden Alarmismus zu verbreiten.

Fazit

Das Risiko, Leser*innen mit solch einem Thema nicht zu informieren, sondern nachhaltig zu verstören, dürfte immens sein. Es ist Moßbruckers journalistischer Erfahrung zu verdanken, dass das aber zu keinem Zeitpunkt passiert. Trotz Klarheit und Deutlichkeit bleiben nach dem Lesen nicht Angst und Schrecken zurück, sondern jede Menge Erkenntnisgewinn – allerdings wohlwissen, dass man das Böse nie wird verhindern können. Nach der Lektüre dieses Buches sollten Leser*innen aber zumindest die Fähigkeit haben, genauer hinzuschauen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 249 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245