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Katharina Henz, Claudia Bernt: 99 ½ Tipps für Paartherapeut:innen

Rezensiert von Prof. Dr. Konrad Weller, 09.02.2024

Cover Katharina Henz, Claudia Bernt: 99 ½ Tipps für Paartherapeut:innen ISBN 978-3-525-40016-6

Katharina Henz, Claudia Bernt: 99 ½ Tipps für Paartherapeut:innen. Die wichtigsten Konzepte, Tools und Interventionen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-525-40016-6. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.

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Thema

Die vorgelegten Tipps zur strukturierten Prozessgestaltung von Paartherapie fußen maßgeblich auf dem von Arnold Retzer 2004 verfassten Standardwerk Systemische Paartherapie sowie auf dem von Ulrich Clement im gleichen Jahr publizierten Konzept der Systemischen Sexualtherapie sowie auf umfänglicher Erfahrung der Autorinnen in therapeutischer Praxis und Weiterbildung. Die Autorinnen ordnen ihren systemischen Ansatz im Kanon paartherapeutischer Ansätze wiefolgt ein: „Paartherapie ist wie Psychotherapie vielgestaltig: … Die Wirkung der unterschiedlichen Ansätze ist ähnlich, bei den Konzepten und Herangehensweisen gibt es aber beträchtliche Unterschiede. So stellt etwa die emotionsfokussierte Paartherapie die Bindungssicherheit in den Fokus … In der integrativen Verhaltenstherapie für Paare steht emotionale Akzeptanz im Vordergrund … Imago-Paartherapie versucht den Partner:innen zu helfen, verletzte Kindanteile zu heilen bzw. zu integrieren … In der von uns praktizierten systemischen Paartherapie steht die Idee einer positiven Musterbrechung im Zentrum. Wir gehen davon aus, dass Paare Muster koproduzieren: manchmal bekömmlichere, manchmal weniger bekömmliche. Diese weniger bekömmlichen Muster zu identifizieren, zu unterbrechen und zu transformieren ist die Kernidee unserer Arbeit.“ (12)

Autorinnen

Katharina Henz und Claudia Bernt sind systemische Einzel-, Paar- und Familienpsychotherapeutinnen mit weiteren Qualifikationen (Organisationsberatung, Sexual- und Traumatherapie). Sie arbeiten in eigenen Praxen in Wien, unterrichten an verschiedenen Hochschulen und bieten Weiterbildung in Paartherapie an dem von ihnen im Jahr 2020 gegründeten Wiener Systemischen Zentrum an (www.paarcurriculum.com).

Entstehungshintergrund

Das vorgelegte Buch enthält eine komprimierte und klug portionierte Darstellung von Lehrinhalten des von den beiden Autorinnen seit einigen Jahren angebotenen Wiener Paarcurriculums, einer „Weiterbildung für Psychotherapeut:innen und Berater:innen aller Schulen zum Thema Paartherapie und -beratung“ (11).

„Unser Ziel war es, genau das Buch zu schreiben, das wir am Beginn unserer Arbeit als Paartherapeutinnen selbst gern gehabt hätten. Insofern ist dieses Buch in erster Linie für Anfänger:innen geschrieben, für Personen, die gerade im beraterischen oder therapeutischen Kontext starten, Paare professionell zu begleiten. Aber auch Fortgeschrittene … finden in unserem Buch möglicherweise die eine oder andere Anregung, die sie gern mal ausprobieren möchten.“ (11)

„Unser Anliegen ist es, die nützlichsten unter den in der Praxis erprobten Konzepten auszuwählen, sie mit einem roten Faden zu verbinden und mit vielen Beispielen und Fallvignetten zu veranschaulichen.“ (12)

Aufbau

Auf sechs einleitenden Seiten erläutern die Autorinnen die Entstehungsgeschichte des Buches, ordnen es in der paartherapeutischen Literatur ein, beschreiben das Zwiebelprinzip ihres Arbeitens (eine Abfolge von acht hierarchischen Handlungs- bzw. Interventionsebenen, die klient:innenzentriert nicht immer alle bearbeitet werden müssen).

Die Tipps bestehen aus knappen, ein- bis maximal achtseitige Haltungs- und Handlungsvorschlägen, die oft resümierend „Auf den Punkt gebracht:“ werden, und in denen die Autorinnen Beispiele (Fallvignetten oder Formulierungen für Interventionen) aus ihrer reichhaltigen Praxis einbringen sowie ihre best practice unter der Rubrik „Wir machen das so:“.

Den Abschluss des Buches bildet ein 15-seitges prototypische Fallbeispiel einer Paartherapie über neun Sitzungen sowie eine Übersicht über zitierte Literatur.

Inhalt

Den roten Faden der 99 ½ Tipps bildet das Zwiebelprinzip: „Den Kern bildet die Haltung der Therapeut:innen, also ein Mix aus professionellen Grundeinstellungen und Überzeugungen. Mit dieser Haltung (1) treten wir Paaren gegenüber und investieren erstmal viel Energie in die Auftragsklärung (2). In einem nächsten Schritt bemühen wir uns um eine Kontextualisierung und Normalisierung (3) des vom Paar geschilderten Problems. Wenn das für das Paar noch keine zufriedenstellende Änderung bewirkt, versuchen wir, das Interaktionsmuster (4) des Paares zu erkennen, sichtbar zu machen und zu unterbrechen. Ist immer noch keine Zielerreichung in Sicht, schalten wir die nächste Ebene dazu: das zirkuläre Arbeiten mit Persönlichkeitsanteilen (5). Falls die problematische Koproduktion besonders hartnäckig ist, ist es mitunter sinnvoll, die biografischen Muster (6) der Partner:innen sichtbar zu machen und wechselseitig um Verständnis für lebensgeschichtliche Prägungen zu werben. Erst wenn all diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, machen wir eine Prozessevaluation (7): Wurde das paartherapeutische Ziel erreicht? Wenn nicht, wie optimistisch sind alle Beteiligten bezüglich einer Verbesserung? Sollte man nicht auch über Trennungsbegleitung nachdenken? Egal ob es dann in Richtung Stabilisierung oder Trennung geht, der letzte Schritt ist das Beenden der Paartherapie (8).“ (13 f.)

Zentrales Moment der verschiedenen Tipps zur Eröffnung und Strukturierung einer Paartherapie ist die Auftragsklärung. Die Autorinnen unterscheiden „

  • Clearing-Aufträge (Helfen sie uns herauszufinden, ob wir überhaupt noch ein Paar sein wollen oder ob Trennung nicht die bessere Option ist.),
  • Verbesserungsaufträge (Helfen Sie uns, die Beziehungsqualität zu verbessern!),
  • Lernaufträge (Helfen Sie uns, zu lernen, anders mit Konflikten umzugehen.),
  • Erkundungsaufträge (Helfen Sie uns herauszufinden, wie unsere Sexualität wieder lustvoll werden kann.),
  • Erkenntnisaufträge (Helfen Sie uns herauszufinden, warum wir fortwährend in dieselben Fallen tappen.).“ (41)

Allein neun Tipps (24-32) sind verschiedenen Fragetechniken gewidmet, denn „Fragen sind die zentrale Interventionsform in der Systemischen Therapie.“ (65) Erläutert werden lineare, zirkuläre, strategische und reflexive Fragen, solche, die Unterschiede verdeutlichen (Skalierungs-, Rangreigen-, Prozentfragen), lösungsorientierte (Verbesserungs-) Fragen und problemorientierte (Verschlimmerungs-)Fragen und schließlich externalisierende Fragen. Resümierend präsentieren die Autorinnen ihre beide Lieblingsfragen: „Die Paarforschung sagt, dass es zwei aussagekräftige Faktoren über das Gelingen einer Paartherapie gibt: erstens die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und zweitens die Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, sich jeweils zwei Fragen zu stellen: 1) ‚‘Was an meinem Partner oder meiner Partnerin ist so zauberhaft, dass ich nichts unversucht lassen will, um die Beziehung zu verbessern, sogar Paartherapie?‘ 2) ‚Selbst wenn mein:e Partner:in sein oder ihr Verhalten derzeit nicht ändert, welchen Spielraum habe ich selbst noch, um die Beziehung zu verbessern?‘“ (81)

Fünf Tipps (53 – 57) widmen sich der Arbeit mit individuellen biografischen Erfahrungen, die erst dann begonnen wird, wenn die unmittelbar lösungsorientierten Interventionen nicht ausreichen. „In der Paartherapie sind biografische Exkurse wahrscheinlich jene Bestandteile, die am nächsten an klassischer Psychotherapie sind.“ (143) Ziel ist das Erkennen kindlicher verletzter Anteile, „… die negative Erlebnisse aus der Vergangenheit in die Gegenwart der Paarbeziehung hineintragen. … Beide Teile des Paares erhalten dadurch Gelegenheit, zu erkennen, dass sie durch ihr Verhalten diese inneren, verletzten Anteile des Gegenübers erneut aktivieren, aber nicht ihre Entstehung an sich ursächlich verantworten.“ (146) Konkrete Methoden dazu sind die Arbeit mit dem Systembrett, mit Stühlen, mit Genogramm, das Bauen von Affektbrücken sowie die Arbeit mit dem inneren Kind.

Wenngleich die meisten methodischen Tipps Interventionen innerhalb der Sitzungen mit dem Paar betreffen, halten die Autorinnen fest: „Die eigentliche Veränderung findet jedoch gar nicht im Therapieraum statt, sondern zwischen den Sitzungen bzw. nach der Therapie. … Damit der Transfer von der Sitzung in den Alltag bestmöglich gelingt, bieten wir mit Hausaufgaben aktive Unterstützung an.“ (152) Hierunter fallen fokusverändernde Beobachtungsaufgaben, lösungsorientierte und verhaltensverändernde Übungen oder hypnosystemische Aufgaben (Tipp 60–64).

Mehrere Tipps betreffen den häufigen Beratungsanlass „Affären“. Auch auf verschiedene Konstellationen von Trennungsprozessen und methodische Zugänge zu ihrer Begleitung wird in sechs Abschnitten eingegangen.

Breiten Raum nehmen die 21 Tipps zum Thema Sexualität und Intimität ein. Sie betreffen die ebenso problemwürdigende wie ressourcenorientierte Exploration, kognitive bzw. verbale Übungen (persönliches sexuelles Profil, ideales sexuelles Szenario) sowie Körperübungen (nonverbale Einladung, Umarmung, Streicheln, Blickkontakt, Dancing Shiva, synchrones Atmen).

Die Autorinnen plädieren für Offenheit und Neutralität in Bezug auf sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und jenseits traditioneller monogamer Treue gelebter Beziehungsvielfalt ihrer Klientel: „Für uns ist es selbstverständlich, dass Beziehungskonstellationen so bunt wie der Regebogen sind, und selbstverständlich gelten alle unsere Tipps für Paartherapie unabhängig von der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität der Partner:innen.“ (235)

Die abschließenden Tipps betreffen verschiedene Aspekte und Vorgehensweisen bei der Beendigung der Therapie und konkret die Gestaltung der letzten Stunde.

Diskussion

Wenngleich die Autorinnen ganz überwiegend aus der systemischen Literatur bekannte theoretisch-konzeptionelle und methodisch-praktische Erkenntnisse darstellen, so enthält doch das vorgelegte Kompendium einen erheblichen Mehrwert; es besticht durch Konkretheit, durch Fokussierung auf das jeweils Wesentliche, es ist ein übersichtliches und praktikables Nachschlagewerk. Es basiert auf systemischen Grundhaltungen (nichtpathologisierendes, ressourcen- und lösungsorientiertes Denken) und es verortet Paartherapie historisch-konkret: „Auch Paartherapie ist eingebunden in den laufenden gesellschaftlichen Wandel. In den letzten Jahrzehnten haben neue Diskurse (etwa zu Geschlecht, Gender, Queerness, etc.) auch neue Impulse für die Paartherapie gebracht: weg von der heteronormativen Eheberatung (ein Mann und eine Frau kommen in die Paartherapie) und mono-normativen Paartherapie (eine Beziehung besteht immer aus zwei Personen) hin zur deutungsoffeneren und Vielfalt bejahenden Beziehungstherapie.“ (235)

Fazit

Das vorgelegte Buch ist ein gut begründeter, reflektierter und pointierter Leitfaden für alle Phasen eines Paar-Therapieprozesses und zudem ein reichhaltiges und zum Ausprobieren anregendes Methoden-Buffett.

Rezension von
Prof. Dr. Konrad Weller
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Zitiervorschlag
Konrad Weller. Rezension vom 09.02.2024 zu: Katharina Henz, Claudia Bernt: 99 ½ Tipps für Paartherapeut:innen. Die wichtigsten Konzepte, Tools und Interventionen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-525-40016-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31332.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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