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Jim Wilson, Arist von Schlippe (Hrsg.): Spielerisch mit ernsten Themen umgehen

Rezensiert von Prof. Dr. Ines Herrmann, 15.12.2023

Cover Jim Wilson, Arist von Schlippe (Hrsg.): Spielerisch mit ernsten Themen umgehen ISBN 978-3-525-40823-0

Jim Wilson, Arist von Schlippe (Hrsg.): Spielerisch mit ernsten Themen umgehen. Kindern und Familien therapeutisch begegnen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. 104 Seiten. ISBN 978-3-525-40823-0. D: 13,00 EUR, A: 14,00 EUR.
Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten.

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Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

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Autor, Herausgeber und Thematik

Jim Wilson ist ein schottischer Familientherapeut, Ausbilder und Berater mit systemischem Hintergrund, der seit über 40 Jahren in verschiedenen Einrichtungen im Vereinigten Königreich tätig ist. Unter anderem war er Vorsitzender des „Family Institute“ in Cardiff, Wales und Direktor des „Centre for Child Studies“ am „Institute of Family Therapie“ in London.

Die Buchreihe „Leben. Lieben. Arbeiten: Systemisch Beraten“, die von den beiden bekannten deutschen Systemikern Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe herausgegeben wird, vermittelt in übersichtlichen Bänden (mit jeweils weniger als 100 Seiten) systemisches und kontextspezifisches Grundlagenwissen zu lebensweltlichen Themen.

Im vorliegenden Band geht es insbesondere um die systemische Haltung beim Beziehungsaufbau in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei schwerwiegenden Problematiken, die anhand von ausgewählten Falldarstellungen sensitiv dargestellt wird. Die im Titel benannten „ernsten Themen“ nehmen hochschwellige Aufträge in den Blick und reflektieren diese mit zeitlichem Abstand: u.a. ein aus den Medien bekannter Fall der Kindeswohlgefährdung mit Todesfolge, oder aber die Suche einer Jugendlichen mit Migrationshintergrund nach einer neuen Geschlechtsidentität oder auch der Umgang mit der Therapieverweigerung eines Jugendlichen, welche positiv für den Interventionsverlauf genutzt werden konnte.

Das Vorwort zum Band wurde von Arist von Schlippe verfasst, der seit langer Zeit mit dem Autor in fachlicher Verbindung steht und auch die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche verantwortet.

Hintergrund

Das Anliegen: Kreativität und spielerisch ersthafte Praxis

Mit dem Auftrag und Anliegen, ein kurzes und praxisorientiertes Buch zu verfassen, bezieht sich der Autor auf Kernideen und Praktiken seiner über 40-jährigen therapeutischen Praxis, die er für sich selber als nützlich und prägend empfunden hat. Wie ein roter Faden ziehen sich die Variablen Kreativität und spielerische Ernsthaftigkeit der Praxis durch den gesamten Band, werden immer wieder herausgearbeitet, ausgeleuchtet und sensitiv am Fall beschrieben. Dabei wird klar, dass Ernsthaftigkeit und spielerische Praxis keinesfalls Gegensätze sind, sondern im Gegenteil in einem lebendigen, ja, vielleicht sogar tänzerisch-tastendem Verhältnis zu einander stehen und sich immer wieder neu und emotional konstituieren.

Jim Wilson betont, dass dies keine Therapeuteneigenschaften sind, sondern Beziehungsvariablen, die im Beteiligungskontext zwischen Therapeuten und Ratsuchenden entstehen und wachsen und damit eine ganz wesentliche Komponente für den nächsten Schritt als auch für den Therapieerfolg darstellen.

Aufbau

Der handliche und leichte Band enthält nach Vorwort und Einführung 76 Textseiten, gefolgt von einem Literaturverzeichnis und Kurzinformation zum Autor. 

Der Text ist in drei Abschnitte unterteilt:

  • I. Kontext,
  • II. Systemische Beratung,
  • III. Zum Schluss,

die sich in insgesamt 5 Kapitel mit jeweiliger Untergliederung aufteilen:

  1. Spielerisch ernsthaft sein – worauf es ankommt
  2. Begegnung mit Kindern: Schritte auf dem Weg zu einer ko-kreativen Praxis
  3. Das Repertoire: Methoden, Möglichkeiten und Grenzen der Kreativität
  4. Spielerisch mit ernsten Themen umgehen: Zwei Illustrationen
  5. Hoffnung aus kleinen Anfängen.

Die Kapitel 2 bis 4 im Abschnitt II. Systemische Beratung bilden den Hauptteil des Bandes und folgen einer fachlichen systemischen Logik, die schrittweise vorgeht und am Ende mit zwei Fall-Illustrationen praktisch verdeutlicht wird.

Zur Orientierung für den Leser sind am jeweiligen Seitenrand die Abschnittsbezeichnungen „Kontext“, „Beratung“ und „Ende“ aufgedruckt. Des Weiteren gibt es kurze dunkel hinterlegte Textabschnitte, in denen „Randbemerkungen“ abgedruckt sind. Hier reflektiert der Autor direkt zum zuvor Gesagten und gibt Beispiele, um seine fachlichen Aussagen mit Leben und Praxis zu füllen.

Inhalt

Der Einstieg ins erste Kapitel beginnt sofort mit der harten Realität der Ermordung eines Kindes im häuslichen Kontext: dem Fall Arthur Labinjo-Hughes im Jahr 2021. Obwohl der Fall sozialarbeiterisch betreut wurde, konnte dem Kind nicht geholfen werden. Die systemische Arbeit im Kontext war hier nicht gelungen. Zu dem Jungen konnte keine hilfreiche Verbindung hergestellt werden.

Jim Wilson reflektiert und beschreibt anhand eines Erstkontakts in einem eigenen Fall diese sensitive Schnittstelle: ein aussichtsloses Muster erkennen und die Richtung verändern, den passenden Moment dafür zu finden und abschätzen können, wie groß die Herausforderung sein wird. Er gibt weitere Beispiele aus der eigenen Praxis, an denen er zeigt, wie das gelingen kann. Dabei geht er der Frage nach: Ist spielerisch-ernsthaft vorzugehen ein Widerspruch?

Der Autor hebt hervor, dass Praxis keine technische Anwendung von manualisierten Vorschriften ist Letzteres kann im Gegenteil berufliche Überheblichkeit hervorrufen und kritische Selbstreflexion verhindern. Mit einer ernsthaft-spielerischen Herangehensweise und Haltung ist stattdessen die Fähigkeit des Einlassens, Ideen zu entwickeln und Improvisierens verbunden. „Die Verbindung mit dem Klienten ist wie ein Tanz der Intimität, und jeder Mensch hat sein eigenes Maß für den Grad der emotionalen Verbindung, der sich für ihn sicher anfühlt“ (S. 29). Der Verbindungsaufbau ist ein komplexes Geschehen – Jim Wilson betont am Ende des ersten Kapitels, „dass jegliche Therapeutische Praxis eine multisensorische Beziehungsarbeit mit dem Klienten ist“ (S. 31).

Wie kann Veränderung in Gang gebracht werden? Am Beginn des zweiten Kapitels Begegnung mit Kindern: Schritte auf dem Weg zu einer ko-kreativen Praxis startet Jim Wilson mit einem Zitat von Daniel Stern zum Gegenwartsmoment und steigt hiermit direkt in Systemische Beratung als gelebte Praxis ein. Im weiteren Vorgehen zeigt er in vier Schritten ausführlich den Weg zum „eigentlichen Ziel“, nämlich Verbundenheit, auf:

Schritt 1: Lernen Sie, die Welt aus anderen Perspektiven zu sehen

Schritt 2: Seien Sie vorbereitet

Schritt 3: Führen Sie den Prozess

Schritt 4: Schlagen Sie eine Brücke zwischen Eltern und Kind, wo es möglich ist: Hören Sie auf die Musik

Allerdings betont Jim Wilson, dass diese Schritte nicht als lineare Abfolge, Schablone gedacht sind, sondern als Weg, gemeinsam nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Er richtet sich nun direkt an den Leser, spricht ihn mit „Sie“ an und bezieht sich selbst ein: „Die Schritte weisen auf Bedingungen hin, die uns helfen, das Beste aus unseren Anfängen in Begegnung mit Kindern zu machen, die sich in Schwierigkeiten befinden“ (S. 35).

Es folgen eine Fülle von Praxisvorschlägen: Erfragen Sie …, Versuchen Sie …, Erläutern Sie…, Vertrauen Sie…, Bewahren Sie … und es werden Fragen formuliert, die das Geschehen vorbereiten, begleiten und reflektieren sollen und somit die Begegnung Schritt für Schritt vorantragen. Jim Wilson leitet so durch den explorativen Prozess, der durchaus theoretisch begründet ist und auf reflexivem kritischen Denken basiert. Er sieht therapeutisches Handeln als gegenseitige Humanisierung und ermutigt zur Erweiterung des eigenen Repertoires an Fähigkeiten durch kreatives Einlassen auf die Familien.

Das dritte Kapitel ist direkt auf das Tun ausgerichtet: Das Repertoire: Methoden, Möglichkeiten und Grenzen der Kreativität. Ausgehend von der Perspektive des Kindes sucht und beschreibt der Autor mögliche Wege zur kreativen Verbindung mit Kindern, die Lebendigkeit, Spiel und die Mehrdimensionalität von Erfahrungen im Blick behalten. Kann man Spiel ernst nehmen? Diese Frage bindet zurück an den Titel und Ausgangspunkt des Bandes und greift die Reflexion über das WIE und die passende Haltung wieder auf: „Aber – und das ist die Essenz dieses Buches – das Vorhandensein eines spielerischen Geistes in Verbindung mit einer ernsthaften Absicht ist eine Kombination, die den Therapeuten die Möglichkeit gibt, dem Repertoire ihrer Praxis neues Leben einzuhauchen“ (S. 64).

Wann und wo kann man seine eigene Praxis reflektieren, seine eigenen Fähigkeiten ein- und wertschätzen? In Weiterbildung, Supervision, Workshops und Austausch mit KollegInnen: das Überdenken der Fachsprache, der Umgang mit Diagnosen, sich Zeit nehmen zum Nachdenken, kreative Risiken eingehen, um aus der eigenen Komfortzone herauszutreten. Jim Wilson gibt am Ende des dritten Kapitels eine Anleitung zu einer Übung zur Selbstreflexion über die eigenen Fähigkeiten und deren Entwicklung.

Spielerisch mit ernsten Themen umgehen – auch im vierten Kapitel bleibt das Anliegen des Bandes im Fokus, hier mit einem ausführlichen Blick in die Praxis des Autors. Anhand zweier Fälle, die Jim Wilson im Verlauf skizziert und so nebeneinanderstellt, wird der individuelle therapeutische Prozess, der Verbindungsaufbau und die daraus folgenden Schritte, die erreichten Veränderungen und individuellen Entwicklungen der Protagonisten erkennbar.

Im ersten Fall geht es um die 14-jährige muslimische Yasmin, die gemeinsam mit ihrer Mutter Beratung sucht, weil sie sich ängstlich und depressiv fühlt und schulische Probleme hat. Im Prozessverlauf kristallisiert sich der Wunsch nach einer anderen Geschlechtsidentität heraus, der mithilfe weiterer Ansprechpartner Schritt für Schritt respektvoll angegangen wird.

Im zweiten Fall steht der 15-jährige Jason mit ähnlicher Fragestellung im Fokus, der jedoch bereits in der ersten Sitzung sehr emotional deutlich macht, dass nicht er, sondern seine Mutter nach einem Todesfall in der Familie Hilfe benötigt. Letztlich gelingt eine Zusammenarbeit, von der alle Familienmitglieder profitieren und eine positive Entwicklung nehmen können.

Beide Fallillustrationen enden mit einem Postskriptum und einer Reflexion des Autors: „Hoffnung und realistischer Optimismus sind enge Verbündete von Kreativität“ (S. 91).

Am Ende steht Reflexion und Hoffnung aus kleinen Anfängen. Mit einem Zitat von Václav Havel beginnt das fünfte und letzte Kapitel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, egal wie es ausgeht“ (S. 94). Spielerische Vorstellungskraft, die Bereitschaft zu experimentieren und rigoros zu denken, Mut zu Überraschung und Ungewissheit zu haben sowie um die Bedeutung des „Gegenwartsmoments“ zu wissen – das alles sind Aspekte einer ernsthaft spielerischen therapeutischen Haltung, die Jim Wilson hier noch einmal in Kürze und Prägnanz heraushebt. Er bindet zurück an den Anfang des Bandes, an den Tod des kleinen Arthurs und an Yasmins und Jasons Geschichte, deren Fähigkeit, eigene Lösungsideen einzubringen. Er schließt mit der Erkenntnis, dass Praxis ein Prozess ist, kreative Risiken einzugehen und sich auf Beziehungen einzulassen und dabei ebenso politische und organisatorische Strukturen im Blick zu haben und zu reflektieren.

Diskussion

Es gibt wenig zu diskutieren an diesem Band. Es ist ein Haltungs- und Erfahrungsbuch das für sich steht: übersichtlich, angemessen emotional, differenziert reflektierend. Die geschilderten Praxiserfahrungen sind nicht nachahmbar, sondern höchst individuell und dienen hier sehr nützlich und klar dem Verdeutlichen der systemisch-therapeutischen Haltung: spielerisch mit ernsten Themen umzugehen.

Im Ergebnis steht Entwicklung im Sinne einer positiven Veränderung – bei den Ratsuchenden als auch beim Therapeuten.

Fazit

Das Buch liest sich flüssig und am Stück, gegebenenfalls auch kapitelweise, und dient der Reflexion und Selbstvergewisserung der eigenen Praxis, der eigenen Haltung. Ein Buch für eine Atempause. Ein Buch, um lebendig und nahbar zu bleiben, die Verbindung zu halten zu sich und den Ratsuchenden. Ein Buch das Mut macht und Lust, zur Praxis zurückzukehren.

Rezension von
Prof. Dr. Ines Herrmann
Dipl. Psych., Dipl. Päd., Systemische Familienberaterin und -therapeutin (DFS), Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit / Schwerpunkt Beratung an der FH Erfurt
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Es gibt 8 Rezensionen von Ines Herrmann.

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Zitiervorschlag
Ines Herrmann. Rezension vom 15.12.2023 zu: Jim Wilson, Arist von Schlippe (Hrsg.): Spielerisch mit ernsten Themen umgehen. Kindern und Familien therapeutisch begegnen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-525-40823-0. Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31337.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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