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Dorett Funcke, Franziska Krüger (Hrsg.): Die Ökonomisierung des Sozialen

Rezensiert von Dr. Dagmar Brand, 18.03.2024

Cover Dorett Funcke, Franziska Krüger (Hrsg.): Die Ökonomisierung des Sozialen ISBN 978-3-7799-6991-4

Dorett Funcke, Franziska Krüger (Hrsg.): Die Ökonomisierung des Sozialen - Vergesellschaftungsdynamiken in der Familie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 286 Seiten. ISBN 978-3-7799-6991-4. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
Reihe: Qualitative Familienforschung. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779936978.

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Thema und Entstehungshintergrund

Hervorgegangen sind die Beiträge dieses Sammelbandes aus einer interdisziplinären Tagung des Netzwerks Qualitative Familienforschung an der FernUniversität in Hagen. Im Fokus standen hier größtenteils empirische Arbeiten aus dem Bereich der qualitativen Familienforschung, deren Gemeinsamkeit ist, „dass sie […] Theorietraditionen, die immer schon über ein Konzept der Autonomie der Familie verfügen […] kritisch zu hinterfragen versuchen“ (ebd. S. 9).

Der Sammelband ist erschienen in der Reihe „Qualitative Familienforschung“, die mit den Bänden einen Überblick über die Forschung zum Gegenstand Familie anzielt. Die hier versammelten Forschungsarbeiten stammen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen; das Gemeinsame ist ihr qualitativer Forschungszugang.

Herausgeberinnen

Dorett Funcke, Dr. phil., ist Professorin für Mikrosoziologie an der FernUniversität Hagen (Ernsting’s family-Stiftungsprofessur) und vertritt die Arbeitsschwerpunkte Bildungsprozesse und Sozialisation, Paar- und Familiensoziologie, Methodologie erfahrungswissenschaftlicher Forschung, rekonstruktive Verfahren der Sozial- und Kulturforschung, Kinderschutz und Transferforschung sowie Public Sociology und Wissenschaftskommunikation.

Franziska Krüger, M. A. Soziologie, ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrgebiet Ernsting’s family-Stiftungsprofessur für Mikrosoziologie an der FernUniversität Hagen mit den Schwerpunkten Paar- und Familiensoziologie, Geschlechtertheorie, Sozialisations- und Generationenforschung und fallrekonstruktive Sozialforschung tätig.

Aufbau

Der Sammelband vereinigt Beiträge, die zeittypische Entwicklungen und Phänomene in Familien beschreiben und andererseits Befunde an theoretische Überlegungen rückbinden, die in der Lage sind, die Eigenlogik der Sozialform Familie zu berücksichtigen. Hieraus ergibt sich eine Aufteilung des Bandes in vier Teile:

  1. Der erste Teil versammelt unter der Überschrift „Eigenlogiken und Strukturbesonderheiten der Familie“ zwei Beiträge, die sich empirisch der Familiengründung vor dem Hintergrund familienpolitischer Instrumente und Orientierungen widmen sowie einen Beitrag, der implizite Deutungen der Familie im familienpolitischen Programm einer Partei untersucht hat.
  2. In Teil II werden in drei Beiträgen empirische Untersuchungen und „daraus hervorgehend theoretische Reflexionen der Bedingungen, Besonderheiten und Praktiken der Sozialisation und Erziehung in der Familie der neuen Mittelschicht“ (S. 11) eingeordnet.
  3. Im Teil III „Familie unter Druck. Gesellschaftliche Krisen, ihre Bewältigung und Folgen in Familien“ fragen die Autor*innen in zwei Beiträgen danach, wie Familien die Bewältigung der Folgen gesellschaftlicher Krisen gelingt und welche Bedingungen hierbei von Bedeutung sind.
  4. Der vierte Teil „Familie – eine moderne Zumutung? Über ihre Widerstandsfähigkeit und Nicht-Ausrottbarkeit“ beinhaltet einen Beitrag, der in essayistischer Form dem Phänomen nachgeht, dass Familie im Diskurs um ihre Stabilität „als eine dem Untergang geweihte Lebensform“ (S. 13) eher kritisch betrachtet wird, sich demgegenüber aber in der sozialen Realität und gewünschten Existenzform „eine beharrliche Konstanz“ (S. 13) feststellen lässt.

Gerahmt werden die Teile des Sammelbandes durch eine Einleitung und Übersicht über die Beiträge, verfasst von den beiden Herausgeberinnen des Sammelbandes.

Inhalt

Einleitend thematisieren Dorett Funcke und Franziska Krüger unter der Überschrift „Gesellschaftliche Einflussdimensionen und die Familie als Ort autonomer Lebenspraxis“ die zunehmende Verstaatlichung von Familie und ordnen dieses Phänomen historisch ein. Aus diesem Kontext heraus fragen die Autorinnen, wie es um die Autonomie der Familie bestellt ist und beschreiben Familie als „riskante Angelegenheit“ (ebd. S. 9).

Teil 1 wird durch den Beitrag von Christian Gräfe „Familiengründung in Paarbiographien. Zur Rekonstruktion der Wechselwirkungen von Strukturbildungsprozessen und wohlfahrtsstaatlichen Regulierungen“ eröffnet. In diesem Aufsatz stellt der Autor anhand einer fallrekonstruktiven Studie zur Familiengründung bei heterosexuellen Paaren das Verhältnis von familialen Bildungsprozessen und „externen“ staatlichen Institutionen ins Zentrum der Betrachtung. Im Ergebnis kann gezeigt werden, dass intersubjektive Interpretation und praktische Adaption familienpolitischer Leistungen abhängig vom erreichten Strukturierungsgrad der Beziehungsstrukturen im Übergang zur Elternschaft sind (ebd. S. 43). Einschränkend betont der Autor jedoch, dass die Differenzierungslinie entlang des Strukturierungsgrades nur für verschiedene Milieus der Mittelklasse nachgewiesen wurde, mit dem Sample jedoch Fragen bezüglich Wechselwirkungen in elementaren ökonomischen Zwangslagen u.a. nicht beantwortet werden können.

Im nachfolgenden Beitrag von Dorett Funcke, der den Titel „Tektonische Verschiebungen im Bereich der Familie“ trägt, berichtet die Autorin von empirischen Befunden als Resultat eines fallrekonstruktiven Forschungsprozesses, die sich „wie beiläufig … immer wieder aufdrängten und sich schließlich zu einem Forschungsergebnis über den Untersuchungsgegenstand verdichteten, das den Status einer zufälligen Entdeckung hat“ (ebd. S. 48). Die fallübergreifende Gemeinsamkeit, die hier in solch überraschender Weise zutage tritt, ist, dass alle Fälle die Norm der Kernfamilie teilen: „Das zeigt sich zum Beispiel in den Repräsentationen der Fälle von sich als Familie, ebenso an den komplexen Begründungen, mit denen von der Kernfamilie Abweichendes normalisiert wird“ (ebd. S. 53). Die hier untersuchte gleichgeschlechtliche Inseminationsfamilie wird dementsprechend beschrieben als „eine zeittypische Ausprägung der Kernfamilie“ (ebd. S. 53). Als weitere fallübergreifende Gemeinsamkeit traten zudem in allen Fällen die gleichen sozialen Phänomene auf, die auf „Verschiebungen im Bereich von Familie hindeuten“ (S. 55), wie u.a. eine starke Kindzentrierung. Abschließend folgert die Autorin aus den Resultaten unter anderem, dass der Begriff der Kernfamilie als Leitkategorie einer theoriegeleiteten Familiensoziologie vor allem dann zu nutzen ist, wenn Familienhandeln in solchen Familienkonstellationen untersucht werden soll, die äußerlich nicht mit der Kernfamilie übereinstimmen (ebd. S. 83) und diskutiert schließlich die Resultate als Ausdruck einer abnehmenden Diffusität in Familie aufgrund ihrer steigenden gesellschaftlichen Integration.

Den ersten Teil des Sammelbandes beschließt der Aufsatz von Stefan Kutzner mit dem Titel „Familie heute: Zweckfreier Begegnungsraum oder Leistungsgemeinschaft?“, der die Ergebnisse der Untersuchung des Bildes von Familie und der zugrundeliegenden Werte der familienpolitischen Orientierung in der Partei Bündnis 90/Die Grünen darstellt. Zunächst wird ausgehend von der Forschungsfrage der Begriff des Deutungsmusters dargelegt und in den Kontext der Familienpolitik und den Kontext politischer Parteien als Träger von Deutungsmustern eingeordnet. Daran anschließend kann der Autor anhand einer Deutungsmusteranalyse der familienpolitischen Vorstellungen der Partei zeigen, dass sich der Familienpolitik der Grünen ein Menschenbild zuordnen lässt, das „dem homo oeconomicus und damit auch neoliberalen Weltbildern entspricht“ und nach dem „jeder Mensch von vornherein ein rationales Wesen [ist], das sich über seine Interessen bewusst und auch in der Lage ist, sie angemessen und mit rationalen Mitteln zu verfolgen“ (ebd. S. 110). Das Problematische sieht der Autor in der Übertragung dieses Menschenbildes auf – in Entwicklung befindliche – Kinder und Jugendliche, wenn Familien- wie auch Bildungspolitik „nichts anderes als Zuteilung von Ressourcen zugunsten der weniger gut gestellten Personen, in dem Falle Kindern und Jugendlichen“ ist (ebd. S. 111). Abschließend beantwortet der Beitrag die Frage, inwiefern dieses Deutungsmuster auch relevant für familiäre Lebensführungspraktiken in der akademischen Mittelklasse ist und kann zeigen, dass dort Familie nicht „um ihrer selbst willen existent“ (ebd. S. 113) ist, sondern ein Vehikel zur Statussicherung.

Der zweite Teil des Sammelbandes wird mit dem Beitrag von Olaf Behrend eröffnet, der die Überschrift „Kooperation oder moralisches Handeln als individuelle Extraleistung?“ trägt und zunächst eine familientheoretische Position beschreibt, die davon ausgeht, dass „Familie den Zusammenhang von Lebenspraxis, Erfahrung und Handlungssubjektivität konstituiert und dass kulturelle Veränderungen … wesentlich in der Familienkultur und deren Wandel begründet sind“ (ebd. S. 119). Daran schließt eine Skizze des ersten demografischen Wandels und der Entstehung der Mittelschicht an. Auf dieser Grundlage stellt der Autor anhand von Interviewausschnitten Erziehungsziele von Mittelschicht und Arbeitermilieu gegenüber und kommt damit der Bedeutung der unterschiedlichen Erziehungsziele hinsichtlich des Zugangs zu Spiel und Kooperation auf die Spur. Die Grundhaltung der Kooperation und moralische Urteilsfähigkeit werden hierbei als Folge von Teilhabe an Kooperation unter Gleichen begriffen – oder aber als individuelle kognitive Leistung, was der Autor als akademischen Ausdruck der Mittelschichtkultur deutet und weiterführend diskutiert.

Der nachfolgende Beitrag „Über Passung und Überanpassung. Pädagogische Interaktionsformen in der Familie zwischen Alltag und Didaktisierung“ von Dominik Krinninger richtet den Blick auf die Familie als „eine Akteursgemeinschaft sozialer Praktiken im Kontext ihrer gesellschaftlichen Umgebung“ (ebd. S. 149) und damit auf die soziale Situiertheit in zwei Dimensionen. Zur ersten Dimension, der gesellschaftlichen Einbindung der Familie in Ordnungen der Bildung, Betreuung und Sorge, rezipiert der Beitrag unter Rückgriff auf entsprechende Diskursanalysen Befunde, die verdeutlichen, mit welchen normativen Erwartungen heutige Familien konfrontiert sind (ebd. S. 150). Zum Zweiten skizziert der Beitrag eine heuristische Figur, um die Möglichkeiten und Bedingtheiten von Familien bei der Gestaltung ihres Zusammenlebens abbilden zu können. Das anschließend exemplarisch vorgestellte empirische Material in Form von zwei ethnografischen Miniaturen zeigt, dass sich die je spezifische Ordnung nicht automatisch aus der Lage einer Familie ergibt, sondern dass dabei „Konstituierungsprozesse durch die familialen Akteure“ (ebd. S. 155) von Bedeutung sind.

Andreas Wernet stellt im letzten Aufsatz des zweiten Teils unter der Überschrift „Verschämtes Prestige. Sozialisatorische Interaktion im Spannungsfeld familialer Autonomie und sozialer Distinktion“ Befunde aus einem Forschungsprojekt zum Schüleraustausch dar. Die in diesem Kontext geführten Familiengespräche werden im Beitrag als Protokolle familialer Interaktion gelesen und geben einen Einblick in die familialen Binnendynamiken. Daraus lässt sich eine Prestigeorientierung feststellen, die innerfamiliale Erwartungen moderiert und einen „Mechanismus der Bearbeitung der Erwartungsenttäuschung“ bereitstellt (ebd. S. 180), was darin zum Ausdruck kommt, dass die Teilnahme am Schüleraustausch als familial-sozialisatorisches Prestige der „zwanglosen Weitergabe“ (ebd. S. 183) verbucht wird. Die „Verschämtheit“ ist laut Wernet der „beschwichtigenden Enttäuschungsbearbeitung“ (ebd. S. 186) im Fall der prestigeversagenden Entscheidung gegen einen Schüleraustausch geschuldet. Der Beitrag plädiert resümierend dafür, die Integration sozialstruktureller Platzierungsinteressen in den Binnenraum familialer Sozialisation nicht reproduktionstheoretisch in Kategorien der Distinktion zu beschreiben, sondern in Kategorien eines „fragilen sozialisatorischen Familienprojekts“ (ebd. S. 186).

Teil III wird durch den Beitrag von Michael Corsten, Christina Lokk und Laura Maleyka eröffnet und trägt den Titel „Re-Traditionalisierung oder moralökonomische Emotionsbalance?“. Der Beitrag widmet sich dem familialen Alltag vor und während der Coronakrise und stellt Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit berufstätigen Eltern mit Kindern im Kleinkindalter dar. Unter Verwendung soziologischer Narrationsanalysen wurden alltagsorientierende Deutungsmuster zur Bearbeitung der Änderungen des Familienalltags interpretiert. Anhand einer Reihe von Episoden aus einer Gruppendiskussion mit Müttern aus dem akademischen Milieu konnten dabei Kompositionsfiguren des Erzählens nachvollzogen und ein damit einhergehendes, die erzählte Praxis orientierendes Deutungsmuster für die verschiedenartigen Aspekte des dargestellten Familienalltags offengelegt werden. Im Ergebnis kann so ein moralökonomisches Deutungsmuster des Familienalltags vor und während der Coronapandemie herausgearbeitet werden, das nicht nur ein egalitäres Rollenmodell stützt, sondern auch der Emotionsbalance des Paares dient. Ausgehend von dem Deutungsmuster eines familiären Arrangements wird geschlussfolgert, dass die These der Re-Traditionalisierung nicht haltbar erscheint, wenn sich – wie gezeigt – die Mütter „strikt an einem egalitären Rollenmodell der formell gleichen zeitlichen Aufteilung familiärer Sorgebeiträge“ (ebd. S. 239) orientieren.

Im zweiten Beitrag dieses Teils stellt Heike Ohlbrecht unter der Überschrift „Zwischen Eigensinn und Disziplinarmacht. Die Familie im Spannungsfeld von Gesundheit, Medikalisierung und Ökonomisierung“ die Leistungen von Familien für die Produktion und Aufrechterhaltung der Gesundheit ihrer Mitglieder in den Mittelpunkt. Familie ist, so die Autorin, „die wichtigste Produzentin von Gesundheit“ (ebd. S. 242), obgleich diese Leistungen kaum wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Das Thema Gesundheit eignet sich, so die Autorin, deshalb in besonderem Maße, um das Verhältnis von staatlicher Intervention und familialem Eigensinn sowie Autonomie genauer zu charakterisieren. Angesichts dessen, dass im Zuge des gesellschaftlichen Wandels zunehmend mehr Phänomene mit Krankheitswert entdeckt und als behandlungsbedürftig gelten, bekommen Fragen der Therapeutisierung und Medikalisierung mehr Raum. Dieser Umstand stellt Familien vor besondere Herausforderungen und zeigt, dass Gesundheit zu Familienaufgabe wird und „Medikalisierung/​Therapeutisierung zu legitimen Mitteln der Zielerreichung im Rahmen eines medizinisch-therapeutisch-pädagoigschen Komplexes“ (ebd. S. 256).

Der Beitrag des vierten Teils, in dem Michael Winkler „Die befremdliche Macht der Familien“ unter die Lupe nimmt, wird eingeleitet mit Überlegungen zum Fortbestand von Familie unter krisenhaften Vorzeichen. In essayistischer Form stellt der Autor seine Positionen dar und vertritt dabei die Ansicht, dass sich „der Fortbestand von Familie … darin gründet, dass das Leben von Familie noch niemals wirklich selbstverständlich war“ (ebd. S. 264). Daraus formuliert er die Leitthese, dass Familien deshalb bestehen, „weil … keiner so recht weiß, worum es sich dabei handelt, von allen ökonomischen Notwendigkeiten“ einmal abgesehen (ebd. S. 264). Fortfolgend wird im Beitrag ein Bild skizziert, das auf der einen Seite die Skepsis gegenüber dem Fortbestand von Familie deutlich werden lässt, aber auf der anderen Seite die beharrliche Konsistenz der Familie sowohl als gelebte Realität als auch als gewünschte Existenzform zeigt. Besonders interessant erscheint dabei der Gedanke, dass und wie aus dem Interesse der Selbsterhaltung heraus „familienbesorgte und zugleich familienkritische sozial- und bildungspolitische, professionelle Deutungen“ (ebd. S. 273) von Familie gepflegt werden, um davon als Hilfeinstanzen zu profitieren. Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für das Nachdenken über die Natur der Familie, „wie sie sich in all ihrer Diversität zeigt, nicht über ihre Ökonomie, sondern über das, was man ihre moralische Ökologie nennen könnte“ (ebd. S. 277).

Diskussion

„Die Ökonomisierung des Sozialen – Vergesellschaftungsdynamiken in der Familie“ schafft einen umfassenden Überblick über zeittypische Phänomene und Veränderungen in Familien, wenngleich auch in den Einzelbeiträgen jeweils recht enge Ausschnitte der familialen Praxis beleuchtet werden können.

Den Beiträgen ist gemeinsam, dass sie sehr detailliert und nachvollziehbar Resultate aus der Forschungspraxis präsentieren, sodass gerade qualitative Forschung nicht als Blackbox erscheint, sondern der gesamte Forschungsprozess – vor allem aber der Teil der Datenanalyse und -interpretation – transparent gemacht werden kann. Das werden sicher nicht nur qualitativ Forschende zu schätzen wissen, sondern auch für Studierende in diesem Feld hat der Sammelband in diesem Sinne einen regelrechten Lehrbuchcharakter. Dasselbe gilt für die theoretische Ein- und Rückbindung der referierten Forschungsergebnisse: Auch hier ist es bemerkenswert, da keineswegs selbstverständlich, wie souverän, umfassend und vielfältig in allen Beiträgen dieser Teil der Darstellung gelingt. Auch die in einigen Aufsätzen angeschobene Generalisierung der Befunde ist in diesem Kontext als vorbildhaft einzuordnen. Als zwar kleiner, aber dennoch wertvoller und von Studierenden sicher ebenfalls hoch geschätzter Bestandteil, kann der in der Einleitung skizzierte historische Abriss zur Familie gelten.

Irritierend, da etwas willkürlich anmutend, mag hingegen die Einteilung des Bandes in die oben genannten vier Teile und die Zuordnung bzw. Anordnung der Beiträge erscheinen. Der Sammelband würde auch ohne diese Strukturierung nichts von seiner Übersichtlichkeit und Deutlichkeit einbüßen, zumal die aussagekräftigen Überschriften dafür sorgen, dass sich die behandelten Thematiken bruchlos aufeinander beziehen lassen.

Fazit

Kurz und knapp: Sämtliche Beiträge beinhalten eine nachvollziehbare Analyse und Argumentation und führen teils zu überraschenden Einsichten, immer jedoch liefern sie weiterführende und anschlussfähige Überlegungen, die nicht nur in der Fachdisziplin selbst, sondern interdisziplinär eine gewinnbringende Diskussion anschieben können. Der Sammelband ist damit ein weiterer wichtiger Baustein im Bereich der qualitativen Familienforschung – und darüber hinaus.

Rezension von
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Es gibt 12 Rezensionen von Dagmar Brand.

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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 18.03.2024 zu: Dorett Funcke, Franziska Krüger (Hrsg.): Die Ökonomisierung des Sozialen - Vergesellschaftungsdynamiken in der Familie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-6991-4. Reihe: Qualitative Familienforschung. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779936978. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31341.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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