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Ulrike Juchmann: Selbstfürsorge in helfenden Berufen

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 16.10.2023

Cover Ulrike Juchmann: Selbstfürsorge in helfenden Berufen ISBN 978-3-17-039802-3

Ulrike Juchmann: Selbstfürsorge in helfenden Berufen. Wie Achtsamkeit im Arbeitsalltag gelingt. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 147 Seiten. ISBN 978-3-17-039802-3. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

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Thema

Eine persönliche wie auch professionelle Grundeigenschaft von Sozialen ist Empathie im Sinne eines Ein- oder besser Mitfühlens in der Betroffenheitssituation der Klienten. Durch diese Fähigkeit gehen Soziale in Resonanz mit den Emotionen ihres Gegenübers. Da diese Berufsgruppe aber häufig mit Menschen konfrontiert ist, die emotionalen Belastungen ausgesetzt sind oder an psychischen Erkrankungen leiden, sind Soziale zugleich adäquaten Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut ausgesetzt. Auch diese Emotionen fühlen sie in unterschiedlicher Intensität mit. Wenn sie sich hierbei schlecht abgrenzen können, sich hernach nicht entlasten und den eigenen Körper und Geist nicht ausgleichen, kann das zu Mitgefühlsstress, allgemeiner Erschöpfung oder gar zu Burnout führen.

Das vorliegende Buch bietet eine erfahrungsbasierte Einführung in Achtsamkeit und Meditation. Es zeigt den Weg zu einer angemessenen Selbstfürsorge auf, enthält einen praxisnahen Achtsamkeitskurs mit begleitenden Handouts, Reflexionsübungen und Audiodateien. Zudem liefert die Autorin Ideen für die Fortsetzung der Übungspraxis und den Transfer in den Arbeitsalltag.

AutorIn und Entstehungshintergrund

Ulrike Juchmann ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin, systemische Lehrtherapeutin, Verhaltenstherapeutin, MBCT- und MBSR-Lehrerin (Achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung) in eigener Praxis. Sie leitet die Akademie für Achtsamkeit in Berlin und bietet Einzeltrainings, Kurse und Seminare an. Sie ist zudem als Dozentin, Supervisorin und Selbsterfahrungsanleiterin tätig.

Das Buch basiert auf umfangreichen Berufserfahrungen der Autorin und führt die Themen Achtsamkeit und Meditation im Kontext Selbstfürsorge und Fürsorge praxisnah zusammen.

Aufbau und Inhalt

Folgende vier Kapitel bestimmen den Aufbau des Buches:

Kapitel 1 _ Selbstfürsorge – Grundlagen aus Theorie und Praxis: Im Zusammenspiel mit erklärenden Aussagen von Klient:innen wird hier die Bedeutung von Selbstfürsorge umfassend beschrieben. Zu den Facetten dieser Kompetenz gehören u.a. Akzeptanz, gute Kommunikation mit mir selbst, Nein sagen können – aber auch „ein Schaumbad“ (vgl. 22). Eingebrachte Schreibübungen innerhalb des Textes sollen die eigenen Reflexionen der Lesenden anregen, z.B. über die eigenen früheren Beziehungserfahrungen. Dazu gibt es u.a. folgende Fragen als Impuls: Wie wurde Selbstfürsorge vorgelebt? Oder: Welche schönen Erfahrungen von Geborgenheit und Wohlbefinden gab es? (25).

Als zweiter Begriff steht „Achtsamkeit“ im Fokus des ersten Kapitels. Die Autorin schreibt dabei leicht verständlich mit Bezug zu alltäglichen Problemen: „Gefühle und Gedanken hängen oft miteinander zusammen und verstärken sich wechselseitig. Achtsamkeit hilft dabei, dieses Zusammenspiel zu erkennen und geschickt damit umzugehen. Wir denken viel, und leider hat unser Denken einen Negativdrall. Tendenziell denkt der Mensch mehr über Negatives, Herausforderndes und Ungeklärtes nach als über Schönes. Es ist wichtig, sich dieser Verzerrung bewusst zu werden“ (31 f.). Immer findet Juchmann den Weg, diese allmenschlichen Probleme für Fachkräfte in der sozialen Arbeitswelt zu konkretisieren, u.a. für den psychologischen Bereich oder Kräfte im medizinischen Sektor. 

Kapitel 2 _ Die Kunst des Übens – aus Hindernissen wachsen: Mit der didaktischen Ausrichtung auf die Fragestruktur „was“ und „wie“ gibt Juchmann konkrete Anregungen in Form kleiner Übungen, zumeist selbst konstruierte Hindernisse zu überwinden. Dazu gehören Trägheit, Unruhe, Verlangen, Ablehnung und Zweifel (55 f.). Diesen Hindernissen setzt sie folgende Heilmittel entgegen: Freundlichkeit, Neugier, Geduld, Humor und Vertrauen. In diesem Zusammenhang wird das Modell des „inneren Teams“ beschrieben, dessen Anteile in vielen Fällen Selbstfürsorge blockieren. Gemeint ist die Vielstimmigkeit meiner Persönlichkeitsstrukturen („Stimmen“), von denen die kritische, die helfende oder streng antreibende Stimme in den Hintergrund gestellt werden müssen, damit die hoffnungsvolle und die wohlfühlende Stimme Gehör findet.

Kapitel 3 _ Der Meditationskurs – Wege entstehen beim Gehen: Für das Gelingen solch einer vorab beschriebenen Umstrukturierung findet sich ein ausführlicher Kurs mit folgenden fünf Abschnitten und Übungen (die Übungsnamen stehen unten in Klammern):

  • (1) Körperachtsamkeit (Achtsame Bewegung, Body Scan),
  • (2) Fokus finden (Atemmeditation, Gehmeditation),
  • (3) Offenes Gewahrsein (Achtsames Hören, Gedankenbeobachtung), 
  • (4) Freundlichkeit mit mir selbst (Metta-Meditation, Achtsame Bewegung),
  • (5) Selbst-Mitgefühl (Mitgefühl Body Scan, Wohlwollendes Wesen).

Die Autorin bietet hier den bildlichen Vergleich mit einem Garten, der einen entsprechenden Weg entlangführt, den ich gehen kann, wobei Abweichungen und eigene Pausen erlaubt sind. Als Zeitplan für den Kurs werden fünf Wochen mit täglich je zwanzig Minuten angesetzt. Bestandteile sind die Theorieteile im Buch und die Übungen zur Selbstreflexionen, die Juchmann selbst eingesprochen hat. Diese Audiodateien sind via Download über einen Zugangscode verfügbar, der sich im Buch findet.

Kapitel 4 _ Selbstfürsorge und Fürsorge – Impulse für den Arbeitsalltag: Welche Werte bestimmen meine innere Haltung und wie kann ich meinen Wertekompass bestmöglich ausrichten? Diese Fragen stehen im Blickpunkt des letztens Kapitels. Die eigene Einstellung wird hier in Zusammenhang mit äußeren beruflichen Bedingungen gebracht, wie das Team (als Mitglied und Leitung) und die Institution. Weitere Fragen sind: Wie bringe ich Achtsamkeit in der helfenden Beziehung ein? Wie gestalte ich mein Zusammenspiel von Tun und Sein? Wie bleibe ich selbst stabil in Ausnahmesituationen? Auf dem Übergang in die neue Rolle formuliert Juchmann folgenden Abschluss als Zuversichtsmotto: „Jede Neuorientierung erfordert Mut. Und auch in Zeiten des Umbruchs braucht es Pausen und Erholung. Selbstfürsorge? Keine Zeit! Diese Ausrede lasse ich bei mir und bei anderen nicht mehr gelten!“ (133).

Illustrationen und zusammenführende Abbildungen unterstützen visuell das sprachlich dargebotene Wissen. Daneben gibt es als Zusatzmaterial zum Download die im Buch beschriebenen Arbeitsblätter und von der Autorin selbst eingesprochene Audiodateien, mit denen in angestrebten fünf Wochen mithilfe aller Unterlagen ein eigener Kurs durchgeführt werden kann. Ein Stichwortverzeichnis ist ebenso vorhanden.

Diskussion

Weil Grenzen in der Beziehung in helfenden Berufen immer mehr verschwimmen, müssen Soziale professionell fundierte Haltungen entwickeln und persönliche Grenzen setzen, um nicht innerlich auszubrennen. Das verlangt einerseits eine persönliche Kompetenz, andererseits stehen aber auch immer mehr die Träger als Organisationen in der Pflicht einer Beteiligung am Schutz ihrer Beschäftigten. Beim erwarteten Anstieg psychischer Belastungen und Erkrankungen müssen sich soziale Organisationen zukünftig fragen, was es kostet, die (Selbst-)Fürsorge ihrer Mitarbeitenden nicht zu unterstützen (vgl. Klein 2020).

Die Gründe für das helfende Engagement von Mitmenschen sind mannigfach: sie wollen nicht egoistisch wirken, sie möchten für ihre Hilfsbereitschaft gelobt werden, sie sind sehr leistungsorientiert. Das professionelle Kümmern um andere kommt für manchen Sozialen einer Berufung gleich. Es boomt daher auch der Markt an Publikationen, die sich dieser Problematik unter den Stichworten „Selbstfürsorge“ (vgl. Zito/Martin 2021) oder „Resilienz-Coaching“ (vgl. Engelmann/​Loffing 2023) annehmen.

Ulrike Juchmann bietet hier ein Rundumpaket. Sie liefert theoretische Einführungen, die sie mit Übungen (samt Arbeitsblättern und gar selbst eingesprochenen Audiodateien) garniert, um daraus einen Gesamtkurs zu formatieren, den die Lesenden in fünf Wochen absolvieren können. Dieses durchkomponierte und gute Angebot besticht durch einen akzeptablen Preis. Es liegt dann allein an der Selbstmotivation der Lesenden, hieraus den eigenen Gewinn zu ziehen.

Fazit

Der schmale Band ist zu empfehlen als praxisnahe Einführung in die Themenfelder Achtsamkeit, Meditation und damit zur Fürsorge sich selbst und den Adressat:innen gegenüber. Neben theoretischen Darstellungen gibt es viele Übungen und Anregungen, das eigene (Berufs-)Leben ausgeglichener und stressfreier zu gestalten.

Literaturangaben

Engelmann, B., Loffing, D. (2023): Mini-Handbuch Resilienz-Coaching. Mit umfangreichen Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim und Basel).

Klein, M. (2020): Eine kleine Einführung in die Betriebliche Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel).

Zito, D., Martin, E. (2021): Selbstfürsorge und Schutz vor eigenen Belastungen für Soziale Berufe. Mit Online-Materialien. Verlag Beltz Juventa (Weinheim und Basel).

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 43 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 16.10.2023 zu: Ulrike Juchmann: Selbstfürsorge in helfenden Berufen. Wie Achtsamkeit im Arbeitsalltag gelingt. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-039802-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31344.php, Datum des Zugriffs 20.07.2024.


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