Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Mario Spiz, Maja Bandelier: Integrales Beziehungsstellen

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers, 07.02.2024

Cover Mario Spiz, Maja Bandelier: Integrales Beziehungsstellen ISBN 978-3-96543-322-9

Mario Spiz, Maja Bandelier: Integrales Beziehungsstellen. Das neue Modell der körperorientierten Systemaufstellung in Therapien, Supervisionen und Coachings. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2022. 135 Seiten. ISBN 978-3-96543-322-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Supplement.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Der Autor stellt eine von ihm entwickelte Möglichkeit vor, die bereits hinreichend bekannten Aufstellungstechniken systemischer Ansätze mit körpertherapeutischen Interventionen zu kombinieren. Zum Einsatz kommen dabei dafür angefertigte großformatige Pappröhren in verschiedenen Farben und Größen, die mit Hilfsmitteln zur Darstellung kombiniert werden können.

Entstehungshintergrund und Autor

Mario Spiz hat neben den oben bereits genannten Ausbildungen weitere therapeutische Ausbildungen und zahlreiche Fortbildungen absolviert. Nach über 30-jähriger Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen arbeitet er heute als Psychotherapeut, Supervisor und Coach. Als von ihm selbst entwickelte Methoden bezeichnet er die energetische Körper-Psychotherapie und das integrale Beziehungsstellen. Befürworter evidenzbasierter psychotherapeutischer Methoden treffen hier auf eine erfahrungsbasierte Methodik, die auch Methoden und Interventionen ohne fundierte wissenschaftliche Beweise nutzt.

Aufbau und Inhalt

Die Gliederung des Buches orientiert sich konsequenterweise wenig an wissenschaftlich methodischen Strukturen, sondern eher assoziativ an Themen, die sich offensichtlich in der Praxis des Verfassers als besonders wichtig oder vordringlich herausgestellt haben.

Nach einer Einleitung wird im Kapitel 1 „Integrales Beziehungsstellen als parallele, psychosomatisch orientierte Aufstellungspraxis“ vorgestellt. Hierbei geht es im ersten Absatz um den Mentalkörper und die damit verbundene Problematik, im zweiten Absatz um die fünf Bereiche der Körpersensorik. Beide Absätze werden durch ein Aufstellungsbeispiel mit Fotografien ergänzt.

Im Kapitel 2 geht es um „Integrales Beziehungsstellen und emotionale Körperwahrnehmung“, ebenfalls durch ein Fallbeispiel mit Fotografien ergänzt.

Im Kapitel 3 geht es um die „Beziehungswippe (bei Paaren) und verfestigte Polarität“, ebenfalls mit einem Fallbeispiel.

In Kapitel 4 geht es um „Linearer Verstand versus nicht lineare Körpersensorik und Energiefelder – zwei ungleiche Wertigkeiten und Zugänge“. Dieses Kapitel wird durch einen kommentierenden Text von Maja Bandelier ergänzt, was im weiteren Verlauf des Buches noch mehrfach passiert. Frau Bandelier wird als Expertin für energetische Psychotherapie vorgestellt. Die Textquellen werden im Einzelnen nicht erläutert.

Im Kapitel 5 geht es um „Die Folgen des Suchtfeldes der Vorfahren auf andere Generationen“ mit einem Aufstellungsbeispiel.

Kapitel 6 folgt mit „Wahrnehmungsressourcen als Nebenprodukt traumatischer Erfahrung“ mit einem Aufstellungsbeispiel, gefolgt von Kapitel 7 „Die Befreiung aus dem Sog des Familienfeldes“ mit zwei Aufstellungsbeispielen.

In Kapitel 8 „Auswirkungen dysfunktionaler Erziehungsprägungen“ folgt im ersten Absatz anhand von zwei Aufstellungsbeispielen eine Darstellung möglicher Folgen beim Fehlen eines ebenbürtigen Partners. Im zweiten Absatz folgt mit einem Aufstellungsbeispiel die Darstellung, wenn beide Elternteile dysfunktional agieren.

Im Kapitel 9 neun wird mit einem Aufstellungsbeispiel die „Komplexität von Individuen, ihre Geschichten, Einflüsse und Wechselwirkungen“ dargestellt.

Der Text endet mit dem Kapitel 10 über „Die Macht dysfunktionaler Prägungsmuster und Überlebensprogramme“, ebenfalls mit einem ergänzenden Text von Frau Bandelier über Traumebenen.

Das Buch endet mit einer kurzen Literaturangabe.

Diskussion

Die bereits benannte Besonderheit des Buches in seinem Herangehen an die Thematik wird durch einige Schwächen ergänzt. Die Kapitelstruktur ist uneinheitlich, beim Ansatz zu Aufzählungen bleibt es manchmal bei einem Punkt, was zur Klarheit nicht beiträgt (u.a.S. 58). Die offensichtliche Orientierung an spirituellen Ansätzen führt immer wieder zu einer höchst eigenwilligen Sprache mit eigenwilligen Wortschöpfungen, z.B. „Mentalkörper“ als Überbegriff für die Ebene des Denkens, Verstehens, kausalen Intellekts, linearer Logik und analytischen Denkens und dem damit verbundenen „mentalen Schatten“ (S. 14). Die im siebten Kapitel benutzten soziologischen Kategorien wie Rollen, Funktionen, Rang, Macht und Privilegien werden als analytische Kategorien im Text benutzt, als Quelle dafür wird nur ein einziger veralteter wissenschaftlicher Text benannt, der im Literaturverzeichnis nicht enthalten ist. Die immer wieder eingeschobenen Textteile von Frau Bandelier sind ohne Quellen angegeben. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass Frau Bandelier und ihre Arbeit für die Entstehung des Textes von großer Bedeutung sind.

Grundsätzlich orientiert sich die Vorgehensweise des Autos ja an verschiedenen Quellen, wobei die widerspruchslose Integration von Aussagen z.B. zur Nutzung der Ahnenreihe (nicht näher bekannte Vorfahren) als „energetische Ressource“ mir doch zu unkritisch ist. Überhaupt nicht gewürdigt werden die Unterschiede zwischen Therapie, Supervision und Coaching, die eindeutig vorhanden sind. Fragen zur Indikation bestimmter Techniken und Methoden werden in der Regel gar nicht erst gestellt. Schließlich stimmt mich die Patientenauswahl in den Falldarstellungen skeptisch. Hier dominieren gut ausgebildete, wahrscheinlich von wenig materiellen Sorgen geplagte und zum Teil umfangreich therapieerfahrene Personen. Als Fachmann im Bereich sozialer Arbeit frage ich mich reflexhaft, wie typische Klienten sozialer Arbeit – wie Multiproblemfamilien – auf diese Vorgehensweise reagieren würden.

Die in den Aufstellungen benutzten Röhren werden pragmatisch begründet, weil „ in dieser Art der Arbeit keine Gruppe mit mehreren Menschen für die Aufstellung benötigt wird“ (S. 22). Im Gegensatz zu den mir bekannten Formen von Aufstellungen, wo es nur um Personen geht, werden hier auch Gefühle, konkretisierte Prägungen und andere Erfahrungen visualisiert und konkretisiert. Das ist eine interessante und in den Falldarstellungen auch gut nachvollziehbare Vorgehensweise, die ich nur als ausgesprochen kreativ bezeichnen kann. Das gleiche gilt für die Verbindung dieser Aufstellungselemente mit körpertherapeutischen Interventionen, die ebenfalls in den Falldarstellungen gut erkennbar sind. M.E ist es sehr bedauerlich, dass die Integration körperlicher Erfahrungen nicht in allen psychotherapeutischen Methoden konsequent verankert ist. Weiterhin positiv fällt in den Fallschilderungen die differenzierte Analyse geschlechtsspezifischer Rollen, Machtverteilungen und defizitärer Verhaltensweisen auf, auch dies ist in vergleichbaren Falldarstellungen keineswegs immer selbst verständlich.

Fazit

Ein Buch, das vor allem nutzbar ist für Menschen, die mit dem Autor hinsichtlich seiner grundsätzlichen Annahmen und seiner methodischen Orientierung auch an anderen als klassisch wissenschaftlichen fundierten Ansätzen übereinstimmen. Wirklich überzeugend ist die Vorgehensweise in den Fallschilderungen, die trotz der Kürze kreativ, engagiert und souverän wirkt – und dies im Medium Buch, das im Regelfall deutlich weniger innere Beteiligung provoziert als andere Medien wie z.B. Videoaufnahmen.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers
Systemischer Familientherapeut, Ausbilder der GwG (GF, SV) .
Lehrer für besondere Aufgaben (Theorien und Methoden der Sozialarbeit) i.R.
Mailformular

Es gibt 19 Rezensionen von Gerd Schweers.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gerd Schweers. Rezension vom 07.02.2024 zu: Mario Spiz, Maja Bandelier: Integrales Beziehungsstellen. Das neue Modell der körperorientierten Systemaufstellung in Therapien, Supervisionen und Coachings. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2022. ISBN 978-3-96543-322-9. Reihe: Supplement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31349.php, Datum des Zugriffs 21.02.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht