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Adrian Papenhagen: Eine Stufentheorie der Migrationsethik

Rezensiert von Dr. Hermann Müller, 04.09.2025

Cover Adrian Papenhagen: Eine Stufentheorie der Migrationsethik ISBN 978-3-7560-1667-9

Adrian Papenhagen: Eine Stufentheorie der Migrationsethik. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2024. 550 Seiten. ISBN 978-3-7560-1667-9. 129,00 EUR.
Reihe: Ethik in den Sozialwissenschaften | Ethics in the Social Sciences - 7.

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Thema

Migration ist in den letzten Jahrzehnten in Teilen der Bevölkerung, in den Medien und in politischen Parteien zu einem strittigen Thema geworden. Nach 2015 ist die Diskussion heftiger geworden. Die neue Regierung unter Friedrich Merz will eine härtere Flüchtlingspolitik durchsetzen. In der Diskussion geht es auch um die Frage, ob bestimmte Migranten-Gruppen an der Grenze abgewiesen oder aus dem Land ausgewiesen werden sollten. Welche Politik moralisch gerechtfertigt ist, ist eine Frage der Migrationsethik. Dabei geht es u.a. um Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern, um in Seenot geratene Flüchtlinge im Mittelmeer und Flüchtlinge, die sehr lange auf eine Entscheidung über die Asylberechtigung warten müssen. Die Gruppe der Migranten in Deutschland ist wesentlich größer und vielfältiger. Dazu gehören zum Beispiel ausländische Ehepartner deutscher Staatsbürger, Russlanddeutsche mit ihren deutschen oder nicht deutschen Ehepartnern, Asylberechtigte. Leute, die als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen und hier schon lange leben.

Der Autor

Dr. Adrian Papenhagen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Lehrstuhl für christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik der katholischen theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Es handelt sich um die Veröffentlichung der Dissertation des Autors.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit gliedert sich in drei größere Teile mit jeweils mehreren Kapiteln. Der Teil A wird Einleitung genannt. Er hat einen Umfang von über 100 Seiten. Es geht zum einen zum Stand der Forschung und Methodik zur Sozialethik. Verschiedene Arbeiten und Ansätze anderer Autoren werden skizziert und diskutiert. Vor diesem Hintergrund wird die eigene Methodik des Autors skizziert und begründet. In Teil B werden 5 Stufen der Migrationsethik vorgestellt. Begonnen wird mit abstrakteren Ebenen, die von einzelnen Realitäten abstrahierten. In der 5. Stufe wird dann auf die starke Stellung der Nationalstaaten zur Migrationsordnung eingegangen. Im Teil C. geht es um Akteure der Gerechtigkeit, unter anderem Staaten, Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürger.

Vorwort

Hier weist der Autor kurz auf die polarisierende und emotional aufgeladene Stimmung in der Gesellschaft zur Migration ab 2014 hin, die für ihn ein Anlass für Reflexion und diese Dissertation war.

Teil A. Einleitung

Der Teil A gliedert sich in vier Kapitel mit jeweils einigen Unterkapiteln: Fragestellung, Probleme, Methodologie und Methodik, Egalitaristisch -autonome Gerechtigkeit.

Die Diskussion mit dem Höhepunkt 2015 wird zu Beginn der Einleitung noch einmal skizziert. Die Konflikte führten auch zu einer Vielzahl von wissenschaftlichen Projekten in mehreren Disziplinen. Eine Migrationsethik solle diesen Reichtum an neuen Einblicken stellen. Dies soll die Stufentheorie ermöglichen. Hauptaugenmerk der Arbeit sei die Migrationsethik, nicht die Integrationsethik. Dort, wo es erforderlich sei, werde auch auf die Integrationsethik eingegangen.

Fragestellung

Die Aufgabe sei, Migration als speziellen Interaktionsbereich menschlichen Handels ethisch zu reflektieren, wobei man sich vor allem auf Institutionen im weitesten Sinne beziehe. Es gehe um gerechte Migration und gerechte Zustände, wobei auch globale Gerechtigkeitskriterien herangezogen werden müssten. Es geht dabei auch darum, „politische Möglichkeitsspielräume“ (S. 21) zu berücksichtigen, um realistische Vorschläge zu entwickeln und zu bewerten.

Probleme

Eines der Probleme entstehe, wenn es darum geht, sozialethische Handlungsempfehlungen zu geben, die konkret und praxisrelevant sind. Wichtig sei, die „Komplexität des Machtgefüges einzubeziehen“ (S. 23). Es geht u.a. um die Einbeziehung von Erkenntnissen anderer wissenschaftlicher Disziplinen und um Ansätze zur ethischen und praktischen Orientierung, die sich gegenseitig ausschließen.

Methodologie und Methodik

Hier wird die Stufentheorie des Autors skizziert. Begonnen wird auf der ersten Stufe mit einer abstrakten Ebene, die geeignet sei, Urteile über ethnisch gerechtfertigte Ansprüche zu fällen. Mit jeder weiteren Stufe wird die Theorie stärker tatsachensensitiv, was eher eine Umsetzbarkeit der Theorie in der Praxis ermöglicht. Der Grad der Tatsachensensitivität nimmt also mit jeder Stufe zu. Das methodische Verfahren, das der Autor vorstellt, bezeichnet er auch „realistisch-demokratische Iteration“. In mehreren Durchgängen wird ein Prozess wiederholt. Er führt aus: „dass jede Wiederholung des diskursiven Prozesses niemals dasselbe hervorruft. Jede Wiederholung im demokratischen Sinne setzt eine Norm, ein Gesetz in einen neuen Kontext.“ (S. 54). Das Kapitel enthält auch eine umfangreiche Diskussion anderer Ansätze und Kritiken an normativen ethischen Theorien und Gerechtigkeitstheorien in diesem Bereich, auf die im Einzelnen hier nicht eingegangen werden können.

Egalitaristisch- autonome Gerechtigkeit.

Mit egalitaristisch ist gemeint, dass alle Menschen als Gleiche behandelt werde, was ein Konstitutiv für Gerechtigkeit ist. Die Autonomie jeder Person stelle einen zentralen Wert der Gerechtigkeit dar. Begonnen wird mit dem Thema Ungerechtigkeit. Die internationalen Flucht- und Migrationssysteme seien ungerecht. Während für Menschen aus bestimmten Ländern alle Türen offen stünden, führte Migration für andere zu Ausbeutung, Versklavung und Tod. Hingewiesen wird auf eine Kritik von Joseph Carens, der das Regime mit dem Feudalismus vergleicht. Während der Feudalismus die Adeligen mit Privilegien ausstattet, seien heute die Lebenschancen stark vom Geburtsort abhängig. „Die Analogie zwischen aktueller Migrationssituation und dem feudalen System provoziert, da sie die vermeintlich gerechte Staatenordnung infrage stellt“ (S. 85). Eingegangen wird dann näher u.a. auf Begriffe wie egalitaristische Gerechtigkeit, moralische Gleichheit im Gegensatz zu Diskriminierung, auf die Begründung moralischer Gleichheit aus christlicher Perspektive und formale Gleichheit und Unparteilichkeit. Näher eingegangen wird auch auf Autonomie, Grundfreiheiten, Grundrechte, Rechtfertigung, Freiheitseinschränkungen und andere Themen.

Teil B

In diesem Teil werden die fünf Stufen der Migrationsethik vorgestellt und diskutiert.

1. Stufe: Freie Mobilität

Die erste Stufe „Freie Mobilität“ ist die abstrakteste Stufe. Ausgegangen wird von einer Weltgesellschaft. Abstrahiert wird von „erstens von realen Beherrschungsstrukturen, zweitens von den fluchtauslösenden Ereignissen, drittens von der ökonomischen Ungleichheiten, viertens von der Existenz der Nationalstaaten und ihrer Grenzen“ (S. 115/116).

Es entsteht so ein utopisches Gesellschaftsmodell, in dem es keine Migration geben kann, weil es keine Landesgrenzen gibt, wohl aber gibt es das Recht auf Bewegungsfreiheit gibt. Eingegangen wird auf mögliche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Hierzu könnte die kollektive Assoziationsfreiheit gehören. Gemeint ist, das Recht einer Gemeinschaft zu entscheiden, wen sie aufnimmt und wen nicht. Als Beispiel wird ein Ort benommen, der Exclucity genannt wird. Dieses Recht der Gemeinschaft sei abzuwägen mit dem Anspruch einzelner Menschen auf Einreise. In dem fiktiven Beispiel argumentiert der Ort mit seinen kulturellen Wert der Region. Die kulturellen Besonderheiten sollten erhalten bleiben. Der Autor meint: „Kulturelle Vielfalt wird nicht in den Räumen, in denen Bewegungsfreiheit möglich ist, automatisch nivelliert“ (S. 137). Als Beispiel nennt er Kiel und Kempten. Trotz Bewegungsfreiheit hätten sich die kulturellen Unterschiede nicht vollständig angeglichen. Als Gegenbeispiel wird die Entwicklung eines Fischerdorfes skizziert, das sich durch Zuzug und Tourismus stark verändert (s. S. 39/49).Während bei dem kleinen Fischerdorf ein Ausschluss eher gerechtfertigt sei, sei das bei einer größeren Stadt anders. Ein weiteres fiktives Beispiel: ein privater Computer- und Informatikclub, der nur Jungen aufnimmt. Der Club ist sehr erfolgreich und daher würden viele Clubmitglieder an einer Universität studieren. Das kann zur Benachteiligung von Nicht-Mitgliedern führen. Das Spannungsverhältnis zwischen Bewegungsfreiheit und Assoziationsfreiheit wird deutlich. Die Abwägung und Beurteilung wird stark vom Einzelfall abhängen. Eingegangen wird auf weitere Gründe, die die Einschränkung von Bewegungsfreiheit rechtfertigen können. Hierzu gehören Abriegelungen wegen Naturkatastrophen und Maßnahmen zur Bekämpfung einer Pandemie. Hier dürften die Einschränkungen nur solange gelten, wie die Gefahr besteht. Ein weiteres Beispiel ist der Schutz eines Naturreservats. Allgemein seien Einschränkungen nur in Ausnahmefällen zu rechtfertigen.

2. Stufe „Freie Migration“

 In dieser Stufe wird von der Existenz von historisch gewachsenen Nationalstaaten ausgegangen. Dabei wird abstrahiert von „ – erstens von den nicht-idealen Rechtfertigungsstrukturen im Inland, zweitens von den fluchtauslösenden Ereignissen, drittens von ökonomischen Ungleichheiten“ ( S. 150).

Die Einwanderungspolitik kann von jedem Staat selbst ausgewählt werde. Sie kann restriktiv bis liberal sein. In einem Modell gibt es den Stadtstaat „Exclucity“ mit einer sehr restriktiven Einwanderungspolitik und die internationale Organisation „Liberamotu“ die die hohe Bedeutung der Bewegungsfreiheit betont und Gründe verlangt, die Einschränkungen rechtfertigen. Im Folgenden werden Begründungen für die Einschränkung der Bewegungsfreiheit dargestellt und diskutiert. Die meisten dieser Begründungen werden zurückgewiesen. Der Autor stellt fest: „Unter den Umständen der zweiten Stufe mit vorwiegend egalitärer Ressourcenverteilung zwischen den Ländern bleibt die Bewegungsfreiheit primär“ (S. 185).

Eingegangen wird auch auf Einwanderungsrechte, Integration und Einbürgerung. „Die Gewährung bloßen Aufenthalt bei gleichzeitigem weitgehendem Ausschluss von der sozioökonomischen Welt würde ebenfalls zu einer ungerechtfertigten Ungleichheit führen“ (S. 186). Als Beispiel wird das deutsche Zuwanderungsgesetz genannt, das unter anderem die Zuwanderung von Personen aus anderen EU-Staaten regelt. Das Gesetz sei wie ein Vertrag organisiert. Zum Schluss dieses Kapitels zur Stufe 2 wird auf ideale „Container-Modelle“ der politischen Philosophie eingegangen, Sie werden zurückgewiesen, weil sie von vielen realen Problemen abstrahieren.

Stufe 3 „Ökonomische Migration“

Auf dieser Stufe wird davon ausgegangen, dass sich die Länder auf dieser Erde hinsichtlich ihres Wohlstandes und wohlfahrtsstaatlicher Ausstattung unterscheiden. Es gibt wohlhabende Länder und ärmere Länder und damit einen „Ortsbonus“(S. 194). Abstrahiert wird weiterhin von:

  • „Erstens von den realen Beherrschungstrukturen im Inland
  • Zweitens von den fluchtauslösenden Ereignissen“ (S. 196).

Einwohner ärmerer Länder würden eine restriktivere Immigrationspolitik kritisieren, weil sie ihre Bewegungsfreiheit beschränkt. Reichere Länder würden befürchten, dass sich Immigration negativ auf den Wohlstand auswirkt. Migration könne sich aber auch negativ auf die Herkunftsstaaten auswirken, wenn vor allem hoch qualifizierte Personen in ein wohlhabendes Land auswandern.

In einem Unterkapitel wird die „mikroökonomische Entscheidung“ von Bürgerinnen und Bürgern behandelt. Hierzu gehören unter anderem Kosten-Nutzen-Modelle, Konsumentscheidungen, Beziehungen und Netzwerke im Zielland, kollektive Familienentscheidungen, Ungewissheit und psychologische Kosten. Der Autor plädiert für komplexere Modelle. „Die Reduktion der komplexen Entscheidungsmodelle auf einen Faktor wird den wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet nicht gerecht“ (S. 211).

Es folgt ein Unterkapitel zu ökonomischen Effekten der Migration. Zunächst werden die Effekte auf das Einwanderungsland behandelt, dann die Effekte auf das Auswanderungsland und danach die Effekte für die Weltwirtschaft.

Zu den Effekten im Einwanderungsland gehören Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Hierzu werden theoretische Überlegungen und Modelle skizziert und diskutiert. Nach einem einfachen Modell sinken durch Einwanderung die Löhne oder die Arbeitslosigkeit steigt. Dabei würde das verfügbare Kapital als konstant angenommen. Der Faktor Kapital könne aber auch als variabel angenommen werden, zum Beispiel, indem auf die Immigration folgende Investitionen angenommen werden. Einbezogen wird auch die Qualifikationsstruktur der Bevölkerung und der Neu-Ankömmlinge. Der Autor stellt unter anderem fest: „Grundsätzlich und vor allem in kurzer Frist sind ökonomisch-theoretisch betrachtet, diejenigen heimischen Arbeitskräfte am ehesten als Verlierer der Einwanderung zu bezeichnen, die sehr gut durch Einwander:innen ersetzbar sind“ (S. 216). Dazu gehören Geringqualifizierte. Eingegangen wird danach auf Studien und Forschungsergebnisse. Einige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Immigration auf die Durchschnittslöhne und die Arbeitslosenquote mittel- bis langfristig entweder keinen oder einen leicht positiven Effekt hat. Die unerwartete Ankunft vieler Migrantinnen und Migranten könnte dagegen zunächst negative Arbeitsmarkteffekte haben. In seiner Bewertung kommt der Autor zu dem Schluss: „Die derzeitige Einwanderung besitzt kaum oder gar keine Auswirkungen auf die durchschnittlichen Einkommen oder Arbeitslosenquote des Einwanderungslandes“ (S. 220). Er sehe keine Rechtfertigung für eine sozialpolitische Orientierung der Einwanderung.

Behandelt wird dann der Einfluss der Einwanderung auf den staatlichen Haushalt. „Die Magnet-Hypothese“ gehe davon aus, dass Einreisewillige wie ein Magnet angezogen werden, um intensiv sozialstaatliche Leistungen zu beanspruchen. Dies sei eine Hypothese, die nicht auf gesichertem Faktenwissen basiere. Eingegangen wird auf Studien, die dafür keinen Beleg finden. Dabei geht es häufig um EU-Staaten. Der Autor stellt fest. „Die oben betrachtete Empirie ist somit nicht imstande, vollständig zu klären, ob die Magnet-Hypothese bei offenen Grenzen zuträfe oder nicht“ (S. 225). Diese beziehe sich auf einen spezifischen Kontext, die Evidenz genüge nicht für die Formulierung allgemeiner Thesen (s. S. 228).

 In einem Unterkapitel werden Thesen und Untersuchungen zu kulturellen Effekten von Immigration auf das Einwanderungsland behandelt. Ausgegangen wird von der These, dass die Kultur eine wichtige Ursache für den ökonomischen Erfolg oder Misserfolg eines Landes sei. Die Immigration einer größeren Anzahl von Immigranten aus ärmeren Ländern könnte dann zu einer Belastung des Einreiselandes werden. Der Autor stellt fest: „Die besprochenen Themen besitzen nicht den nachweisbaren Effekt auf die Wirtschaft, die eine restriktive Einwanderungspolitik rechtfertigen könnte“ (S. 238). Als Beispiel wird Deutschland angeführt, wo 26 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.

Im nächsten Unterkapitel geht es um die Auswahl von Immigranten anhand ökonomischer Aspekte. Eingegangen wird auf einen Bericht des Statistischen Bundesamtes zum demografischen Wandel vor allem durch die „Babyboomer-Generation“. Danach würde das Erwerbspersonenpotenzial bis Mitte der 2030er Jahre sinken, wenn nicht jährlich 490.000 Menschen zwischen 20 und 66 Jahren zuwandern. Eingegangen wird auf die Steuerung von Migration. Wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften in bestimmten Segmenten des Arbeitsmarktes steige, kann man die Einreise der Personen erleichtern, die diesen Profilen entsprechen. Andererseits könne man durch restriktive Regeln einheimische Arbeitskräfte vor Verdrängung schützen. In einigen Analysen wird versucht zu berechnen, wie viele Jahre Eingewanderte welches Einkommen erzielen müssten, um die verursachten Kosten zurückzuzahlen. Der Autor stellt fest: „Die Erkenntnisse des letzten Kapitels entkräften viele Befürchtungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Konsequenzen der Einwanderung“ (S. 246).

Es folgt ein Unterkapitel zu Effekten im Auswanderungsland. Es ist gegliedert in Arbeitsmarkteffekte, fiskalische Effekte, Emigration hoch qualifizierter Arbeitskräfte und kulturelle Effekte. Der Autor weist daraufhin, dass die Daten- und Forschungslage zu Effekten in Herkunftsländern noch geringer ausfällt als bei den Einwanderungseffekten. Möglich sei, dass die Verringerung des Arbeitsmarktangebotes zu einer geringeren Arbeitslosenquote und höheren Löhnen führe, aber auch zur Fachkräftemangel. Auf verschiedene Studien wird zur Einkommensentwicklung und zum Qualifikationsniveau eingegangen. Die Ergebnisse sind unterschiedlich. Der Autor fest, dass die Effekte eher gering sind. Bei den fiskalischen Effekten geht es unter anderem um Kosten für die Ausbildung der jüngeren Emigranten und um Rücküberweisungen in das Herkunftsland. Insgesamt seien die Auswirkungen schwer zu beziffern. Im Abschnitt zu den Hochqualifizierten geht es den möglichen Verlust für das Herkunftsland („Brain Drain“) und um einen möglichen Gewinn („Brain Gain“), etwa wenn der Emigrant höher qualifiziert zurückkehrt. Der Autor stellt fest: „Quantitative Aussagen über die Stärke der Brain Effekte lässt der Stand der Forschung jedoch nicht zu“ (S. 257). Eine allgemeingültige Aussage zur Abwanderung hoch qualifizierter Personen sei, so der Autor, nicht möglich (S. 259/260). Eingegangen wird dann auf soziokulturelle Effekte. Hierzu gehören Auswirkungen auf die Familie, wenn ein Elternteil auswandert und die Kinder und der Ehepartner im Herkunftsland bleiben. Auch hierzu sei die Aussagekraft der Studien beschränkt. Eingegangen wird dann auf Effekte für den Handel; die Weltwirtschaft und die Migrantinnen und Migranten. Es wird hingewiesen auf Studien, die vorwiegend positive Aspekte sehen. Der Autor stellt fest: „Für stärkere Aussagen bezüglich des multifaktoriellen Migrationsgeschehens ist – wie oben mehrfach aufgezeigt, weitere empirische Forschung nötig“ (S. 269). Warnungen vor zu viel Migration werden als „populistisch“ zurückgewiesen (S. 269).

Es folgt ein Unterkapitel zur ethischen Auswertung. Eine These basiert auf der Feststellung einer extremen ökonomischen Ungleichheit zwischen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Chancen zwischen den Bewohnern der Länder. Ausgegangen wird von der Annahme, dass ein Ausgleich, zwischen den Ländern nur langfristig möglich wäre. „In einer Welt mit so stark unterschiedlich verteilten Chancen ist Bewegungsfreiheit eine notwendige Bedingung für die globale Verteilungsgerechtigkeit“ (S. 272/273). Es folgt eine fiktive Diskussion mit dem Staat „Exclucity“, der argumentiert, dass erhebliche Kosten entstünden, die man den Einheimischen nicht zumuten könne. Besonders die Ärmsten des Landes seien davon betroffen. Dies wird versucht, empirisch zu widerlegen, wobei an Darstellung aus dem vorherigen Unterkapitel angeknüpft wird. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die empirischen Grundlagen als Rechtfertigung für eine restriktive Ein- oder Ausreisepolitik nicht ausreichen (S. 283). Eingegangen wird dann auf einen weiteren Einwand. Danach besteht ein kollektives Eigentum das vor potentieller Überbeanspruchung durch Einwanderung zu schützen sei. Gegen diese Argumentation werden zwei Widersprüche aufzeigt. Es folgen dann weitere Einwände. Deutlich werden Unterschiede zwischen dem „kollektiven Eigentum“ der Gesellschaft und individuellen Eigentums. Am Ende dieses Abschnitts zur dritten Stufe wird eine sukzessive Öffnung aller Grenzen vorgeschlagen, da eine sofortige Öffnung ungeahnte negative Folgen haben könne. Dieser Prozess der sukzessiven Öffnung könne laufend evaluiert werden. Es geht unter anderem um die Besetzung offener Stellen in spezifischen Branchen. „Dabei werden nicht nur hoch qualifizierte Fachkräfte gesucht, sondern beispielsweise in Deutschland, ebenso Arbeitskräfte im Niedriglohn-Bereich oder mittleren Einkommensbereich“ (S. 301). „Arbeitgeber:innen“ könnten stärker involviert werden.

4. Stufe „Gerechte Fluchtordnung“

In dieser Stufe werden die Flüchtlinge in das Modell einbezogen. Im Unterschied zur freiwilligen Migration haben sich die Ansprüche zum Schutz der Refugees stärker etabliert. Der Begriff Refugee wird dabei sehr weit gefasst. „Formen von Krieg, extremer Armut, struktureller Diskriminierung, Verfolgung, staatlichen und politischen Versagens, die zu Flucht und Vertreibung führen, sind Teil dieses Modells.“ (S. 305). Es geht u.a. darum, sicherzustellen, dass einzelne Erstaufnahmestaaten nicht übermäßig belastet werden. Die strikte Unterscheidung zwischen freiwilligen Migrantinnen und Migranten einerseits und Refugee andererseits erweise sich jedoch als problematisch, „da beinah jegliche Migration bestimmt durch strukturelle globale Ungerechtigkeit als unfreiwillig zu bezeichnen ist“ (S. 308). Der Autor hält dennoch operable Kategorien für sinnvoll, um den Schutz der am stärksten Benachteiligten zu sichern. Vorgestellt und diskutiert werden vier Definitionen von „Flüchtlingen“. Die politische Definition in Erweiterung der Genfer Flüchtlingskonvention sei der engste Begriff. Es geht um die Verfolgung aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen der politischen Überzeugung“ (S. 319). Eine andere Definition geht von der „Illegitimität der Herkunftsstaaten“ aus. Gemeint ist ein Staat, der entweder Teile der Bevölkerung verfolgt oder die Grundbedürfnisse von Bevölkerungsgruppen nicht gewährleisten kann. Unterschieden werden verschiedene Gruppen oder Typen von Flüchtlingen und Geflüchteten. Hierzu gehören Binnenflüchtlinge innerhalb eines Landes, Flüchtlinge über internationale Grenzen, „autonome Geflüchtete“ und „heteronome Geflüchtete“. Im Zusammenhang mit den „autonomen Geflüchteten“ wird kurz auf Integration eingegangen. Zu den heteronomen Geflüchteten gehören Geflüchtete, die lange in einer perspektivlosen Situation, zum Beispiel in Lagern, leben. Zu den Flüchteten gehören Menschen, die sich auf der Flucht befinden. Der Statusende ist mit dem Asylverfahren gegeben. Eingegangen wird auch auf gefährliche Flucht, wobei einige dabei manchmal auch an Kriminelle geraten. Es folgt ein Unterkapitel zur globalen Staatsordnung und Legitimität. Angeknüpft wird u.a. wieder an die These vom illegitimen Staat nach Shacknoves, der die Menschenrechte von Teilen der Bevölkerung nicht sichern kann oder nicht sichern will. Im ersten Fall käme eine Notfallordnung im Land selbst infrage, im zweiten eine Fluchtordnung. Vorgestellt werden Typen von Flüchtlingen: Individuelles und kollektives Asyl, Fluchtort, temporäres und permanentes Refugium. Auf der globalen Ebene geht es um eine gerechte Verteilung der Lasten für die Aufnahme von Flüchtlingen und ihre Integration zwischen den Ländern. Ärmere Aufnahmeländer müssen finanziell entschädigt werden. Die Gelder sollten auch für neue Arbeitsplätze für die Flüchtlinge genutzt werden. Auf der lokalen Ebene geht es darum, zu vermeiden, dass die Unterstützung von Flüchtlingen zu einer Benachteiligung von Einheimischen, zum Beispiel ärmeren Einheimischen, führt. Vorteile des Modells der gerechten Fluchtordnung werden dargestellt. Es differenziert zwischen Aufnahmeländern und Geberländern, die wenige Flüchtlinge aufnehmen müssen, sich aber an den Kosten beteiligen sollen. Eine „faire Verteilung auf alle Länder“ wird als mögliche Alternative skizziert, dann aber als weniger geeignet verworfen. Auf das Ende des Geflüchtetenstatus durch Rückkehr, Integration in einen Aufnahmestaat und Resettlement (Wechsel von Erstaufnahmestaat in ein Drittland) wird eingegangen. Danach geht es um mögliche ökonomische Effekte der Fluchtmigration. Die ökonomischen Effekte sind andere als bei der Arbeitsmigration. Flüchtlinge erhalten zum Beispiel Sozialleistungen. Eingegangen wird auf historische Beispiele u.a. aus Frankreich nach dem Algerienkrieg und Deutschland nach 2015/2016. Der Autor befürchtet keine größeren ökonomischen Krisen durch Migration in den Aufnahmeländern. Zum Abschluss des Abschnitts zur Stufe 4 wird die Erweiterung der Fluchtordnung der Genfer Konvention skizziert. Unter anderem geht es um die Kategorien Hauptaufnahmeländer und finanzielle Geberländer. Zur Umsetzbarkeit stellt der Autor fest: „Selbst, wenn unterschiedliche Reformen der globalen Flucht- und Notfallordnung ethisch zu rechtfertigen und somit wünschenswert sind, scheint es im Kontext der gegenwärtigen internationalen politischen Umstände eher unrealistisch, derart weitreichende Neuregelungen der Genfer Flüchtlingskommission zu erzielen“ (S. 392).

Stufe 5 „Realistischen Migrationssystem“

Hier geht es um Macht und Beherrschungsstrukturen sowie die Dominanz der Nationalstaaten, die versuchen, Beschränkungen staatlicher Autonomie durch globale Institutionen zu verhindern. Zwischen den Staaten gebe es „eine extrem unterschiedliche Ressourcen- und Machtverteilung“ (S. 397). Eingegangen wird auf verschiedene überregionale Organisationen und Kooperationen, die aber relativ wenig Einfluss haben oder von den Staaten abhängig sind. Der Autor stellt fest: „Alle Versuche ändern nichts an der Tatsache, dass die wohlhabendsten Nationalstaaten die zentralen Akteure sind, die wenige Anreize haben, einen Teil ihrer autonomen Handlungsfähigkeit auf diesem Gebiet abzugeben“ (S. 407). Festgestellt wird ein Trend zum Nationalstaat in dieser Frage. Eingegangen wird u.a. auf Beispiele aus Ungarn, Großbritanien vor dem Brexit und den USA unter Trump und auf rechtspopulistische Parteien in Europa. Hingewiesen wird auf „pushbacks“ (Zurückweisungen von Asylbewerbern an der Grenze), die als klare rechtliche Verfehlungen bezeichnet werden. Gerechtfertigt wird diese Politik mit einer Sicherheitsbedrohung. Darauf wird dann näher eingegangen. Begonnen wird mit einer möglichen Bedrohung kollektiver Identitäten im Aufnahmeland. Der Autor stellt fest, dass eine solche Bedrohung essentieller Optionen der autonomen Lebensgestaltung ein absoluter Ausnahmefall sei. „Eine selektive Einwanderungskontrolle kann nicht mit einer hypothetischen Bedrohung der Identität gerechtfertigt werden“ (S. 414). Anschließend geht es um die Frage, inwieweit die Aufnahme und Integration von Geflüchteten den Wohlstand eines Aufnahmestaats bedrohen können.Möglich seien Schockreaktioen auf dem Arbeitsmarkt, auch würde die Aufnahme und Integration hohe Kosten verursachen. Trotzdem gebe es keine Bedrohung „da trotz erheblicher einwanderungsbedingter Belastungen keine ernsthafte Bedrohung des Wohlstandes festzustellen war“ (S. 416). Eingegangen wird dann auf eine mögliche Bedrohung der inneren Sicherheit und Ordnung. Festgestellt wird, dass in den Jahren 2015/16 die Straftaten anstiegen, wobei die Anzahl nicht-deutscher Tatverdächtiger überproportional anstieg. Gründe werden u.a. in der Perspektivlosigkeit, in einem Leben in der Schwebe, bis über den Antrag entschieden wird, und nicht erfolgreicher Integration gesehen. Hinzu kommen terroristische Anschläge. Der Autor kommt zu dem Ergebnis: „Zusammenfassend kann aber keine statistisch extreme allgemein-gesellschaftliche Bedrohung festgestellt werden, die in ethischer Hinsicht generelle (also gegenüber einer gesamten Gruppe) einschränkende Einwanderungsmainahmen rechtfertigen würde“ (S. 420). Schwerkriminellen und Terroristen kann die Einreise verweigert werden. Eingegangen wird dann auf „konstruierte Sicherheitsbedrohung“. Gemeint sind dabei absichtliche Formen der Konstruktion. Beispiele sind die Politik von Trump und Zitate von Alice Weidel. Hingewiesen wird auf die zentrale Rolle einiger Medien wie Bild und Fox News. „Rassistische“ [1] Vorurteile prägten die Konstruktion der Sicherheitsbedrohung. Produziert würden horrende Prognosen und Schreckensszenarien. Angenommen würden zum Beispiel extreme Migrationszahlen. Viktor Orban warne vor vielen Millionen Flüchtlingen aus Afrika. Das könne, so der Autor, zu einer Überforderung der Nationalstaaten führen. Der Autor geht dann auf verschiedene Statistiken zur Fluchtbewegung aus Afrika ein und kommt zu dem Ergebnis, dass es für diese Annahme keine empirische Grundlage gäbe. Eine entsprechende Entwicklung sei sehr unwahrscheinlich. Es folgt ein Unterkapitel zu den Maßnahmen der Einwanderungspolitik. Auch wenn das Recht der Nationalstaaten auf Ausschluss von Flüchtlingen als Tatsache akzeptiert werde, könnten einzelne Maßnahmen ungerecht oder unmoralisch sein. Zu den Maßnahmen gehören unter anderem bestimmte Flüchtlingscamps, in denen Menschenrechte nicht eingehalten werden können, Haftverwahrung und „Militarisierung“ an den Grenzen. Optionen werden abgelehnt, wenn sie grundsätzlich unmoralisch, unverhältnismäßig oder nicht notwendig sind. Eingegangen wird auch auf Asylverfahren. Festgestellt wird, dass innerhalb der EU bei Personen, die aus demselben Herkunftsland kommen, die Anerkennungsraten der EU-Länder unterschiedlich seien. Eingegangen wird auch den Status der Duldung nach einem abgelehnten Asylantrag. Sie führten zu der Angst der Betroffenen, doch bald abgeschoben zu werden. Es folgt das Kapitel zur „realistischen globalen Staatenordnung“. Wohlhabende Nationalstaaten verfolgen danach zwei Strategien der Einwanderungspolitik: Selektion und Restriktion. Die Selektion meint, dass die Arbeitskräfte angeworben werden, deren Aufnahme langfristig ökonomischen Nutzen verspricht. Deren Aufnahme wird liberalisisiert. Restriktion verfolgt das Ziel, die Zahl der irregulären Eingewanderten möglichst gering zu halten. Diskutiert werden verschiedene Aspekte wie rechtliche Konflikte, internationale Reputation und „Abschiebestau“. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die reale Staatenordnung ungerecht ist. Er fordert, dass jeder Staat einen gerechten Anteil übernehmen soll. Es bestünden jedoch, so der Autor, für die Staaten wenig Anreize, weitere Kosten zu übernehmen. Im letzten Unterkapitel zur Stufe 5 folgen Überlegungen zu einem gerechteren Migrationsregime, wobei von der Selbstständigkeit der Nationalstaaten und der zentralen Stellung wohlhabender Nationalstaaten ausgegangen wird. Zunächst geht es um bilaterale Abkommen zwischen Herkunftsstaaten und Einreisestaaten. So kann es zum Beispiel Visaerleichterungen in die Aufnahmestaaten geben und im Gegenzug kann der Herkunftsstaat die Rücknahme abgelehnter Bewerber zusagen. Danach geht es um Seenotrettung bei gleichzeitiger Entlastung der Mittelmeerstaaten, die die Flüchtlinge erst einmal aufnehmen müßten. Dann geht es um unkooperative Staaten. Die „Flüchtlingskrise“ könne zur Stärkung rechtsnationaler Parteien führen und den Druck auf die Regierung erhöhen. Eingegangen wird auf die Krise in Polen durch Flüchtlingsströme aus Belarus nach Polen.

Teil C – Akteurinnen der Gerechtigkeit.

In diesem dritten und letzten Abschnitt geht es um die Frage, welche Rechte, Aufgaben und Pflichten Akteur:innen der Gerechtigkeit im Hinblick auf ein gerechtes Migrationsregime zuzuweisen wären. Es geht dabei um fünf Gruppen: Nationalstaaten, Wissenschaft, Migrantinnen und Migranten, Bürgerinnen und Bürger und Kirchen. Begonnen wird mit den Nationalstaaten.

Nationalstaaten

Hier werden zunächst in der Stufe 5 skizzierte Vorschläge wie bilaterale Abkommen, Seenotrettung angeführt. Es wird aber auch festgestellt: „Schlussendlich widerfährt Migran:innen und Refugees weit mehr Unrecht als die Handlungsvorschläge bekämpfen würden“ (S. 494). Die Frage sei daher, ob weitreichende Lösungen durchsetzbar seien. Angesprochen wird der Ausbau von Institutionen, die die Machtverhältnisse verschieben könnte. Entsprechende Anreize für die Regierungen könnten erhöht werden. Andere Akteurinnen und Akteure könnten den außen- und innenpolitischen Druck erhöhen.

Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation

 Begonnen wird mit der Philosophie und Sozialethik. Die Diskussionen hierzu finden auf unterschiedlichen Ebenen statt, die den 5 Stufen zugeordnet werden können. In den ersten Ebenen wird von bestimmten Tatsachen abtrainiert. Diese Ebenen werden wichtig für die Diskussion bewertet, böten aber kaum politische umsetzbare Lösungen vor dem Hintergrund der realistischen Gelegenheiten an. Viele Philosophen und Ethiker bewegen sich auf diesen abstrakteren Ebenen. Der Autor fordert, dass „die migrationsethisch arbeitenden Disziplinen sich stärker in Richtung der Debatten auf den unteren Stufen“ (S. 500). verlagern sollten. Danach wird auf sozialwissenschaftliche Disziplinen eingegangen. Sie könnten Fakten zur Flucht und Migration erarbeiten. So seien „konstruierte Sicherheitsbedrohungen für den Wohlstand zu entlarven“ (S. 502). Anschließend geht es um interdisziplinäre Forschung und Zusammenarbeit. Plädiert wird für eine sukzessive Öffnung der Grenzen für Migration und eine wissenschaftliche Begleitung, um ungewollte negative Effekte frühzeitig erkennen zu können. Diskutiert wird auch, ein Beratungsgremium aus Sozialwissenschaftlern und Ethikern zu gründen.

Migrantinnen und Migranten

Sie können gegen unterschiedliche migrationsbezogene Ungerechtigkeiten demonstrieren. Flüchtlinge können Staaten, die ihren Pflichten nicht nachkommen, unter Druck setzen, indem sie zum Beispiel die Grenze irregulär überqueren oder aus dem Lagerleben ausbrechen.

Bürgerinnen und Bürger

Der Autor sieht hier eine moralische Verantwortung für ungerechte Institutionen, die zu Tod und Leiden an den Grenzen führen und zur Ausgrenzung innerhalb des Landes führen. Bürgerinnen und Bürger können demonstrieren und Druck auf die Politik ausüben. Eine besondere Verantwortung besitzen Personen, die innerhalb des Fluchtregimes Funktionen ausführen.

Kirchen

Von der „Deutschen Bischofskonferenz“ (Katholische Kirche) und der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ in Zusammenarbeit mit der AG „Christlicher Kirchen in Deutschland“ gab es 2021 ein gemeinsames Kirchenwort. Die Überschriften aus diesem Papier werden genannt, um zu zeigen, um welche Themen es ging. In dem Papier wurde auch auf die Bekämpfung von Fluchtursachen „im Kontext der Klimapolitik, Friedenspolitik und der Entwicklung zu mehr globaler Gerechtigkeit“ (S. 518) hingewiesen. Auf die Unterstützung der Betroffenen durch ehrenamtliche Helfer und kirchliche Organisationen wie Caritas und Diakonie weist der Autor hin.

Zusammenführung

Abgeschlossen wird der Abschnitt C und der Band mit einer kurzen Zusammenführung. Eingegangen wird noch mal auf die Bedeutung der Stufen mit unterschiedlichen jeweils unterschiedlichen Abstraktionsniveaus.

Diskussion

In einer wirtschaftlich globalisierten Welt konkurrieren Staaten miteinander um den besseren Wirtschaftsstandort [2]. International tätige Unternehmen werden dort investieren, wo sie sich höhere Gewinne versprechen. Es geht unter anderem um Lohnkosten, Unternehmenssteuern, Zahl und Qualifikation der Arbeitskräfte, Technologie, Energiepreise und Rohstoffpreise. Kapitalflucht kann zu Nachteilen führen und Wohlstand gefährden. Das ist ein Grund dafür, dass Staaten nicht auf das Recht verzichten wollen, über Migration selbst zu bestimmen. Bei der Arbeitsmigration ist dies relativ einfach. Man lässt die Arbeitskräfte ins Land, die die Unternehmen haben wollen. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, könnten sie ausreisen. Wenn sie länger im Aufnahmeland arbeiten, erwerben sie jedoch ein Bleiberecht. Bei den Flüchtlingen ist dies schwieriger. Ende 2024 waren es in Deutschland 3,4 Millionen Flüchtlinge. Sie verursachen zunächst Kosten für Unterkunft, Unterhalt und Integration. Wenn die Integration nicht oder nur unzureichend gelingt, und die Flüchtlinge bleiben dürfen, verursacht das später noch einmal hohe Kosten. Viele sind dann auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Die Staaten sind jedoch eher bestrebt, Kosten zu senken. Es muss geprüft werden, ob sie ein Asylrecht haben. Auch wenn sie keinen Asylstatus bekommen, kann man sie häufig nicht zurückschicken. Das könnte unmoralisch sein, wenn es sich zum Beispiel um ein Kriegsgebiet handelt.

Wichtig ist auch die konkrete wirtschaftliche Situation eines Landes. In den 60er Jahren gab es in Westdeutschland Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote lag meistens unter 1 %. Es gab auch einen Mangel an Arbeitskräften. Daher wurden „Gastarbeiten“ aus anderen Ländern massenweise angeworben. Viele von ihnen blieben in Deutschland. Auch die Aufnahme von Flüchtlingen wäre kein Problem gewesen. Diese Situation hat sich ab Mitte der 70er Jahre geändert. Schon 1973 kam der Anwerbestopp. Die Arbeitslosenquote ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen und liegt zurzeit über 6 %. Ob sich daran etwas ändert, ist fraglich. Zwar werden bestimmte Fachkräfte gesucht. Aber die gesamte Nachfrage nach Arbeitskräften ist davon abhängig, wie sich die Wirtschaft entwickelt.

 Es ist richtig, wenn die Migrationsethik wirtschaftswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt. Aber sichere wissenschaftliche Prognosen zu den zukünftigen Auswirkungen der Migrationspolitik und Flüchtlingspolitik eines Landes sind nicht möglich. Die zitierten Studien beziehen sich auf Entwicklungen in der Vergangenheit. Damit lässt sich weder die These belegen, dass die Kosten und Risiken nicht hoch sind und zumutbar, noch die Gegenthese, dass die Kosten und Risiken zu hoch sind. Man kann die konjunkturelle Entwicklung nicht vorhersagen [3]. Man kann auch zukünftige Flüchtlingsströme nicht vorhersagen. Politikerinnen und Politiker müssen in eine offene Zukunft hinein entscheiden. Sie können häufig die Folgen ihrer Entscheidungen nicht sicher einschätzen, müssen aber trotzdem entscheiden. Oevermann, spricht von „Entscheidungszwang“ (Oevermann 1981 S. 8 und, 1996 S 124). Jahre später kann man vielleicht die Folgen seiner Entscheidungen evaluieren. Aber dann sind einige Folgen bereits eingetreten.

Die Zureise von neuen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten und Flüchtlingen hat für unterschiedliche Gruppen im Aufnahmeland unterschiedliche Folgen. Hierzu gehört räumliche Segregation in Stadtteilen. Die neu Zugereisten sammeln sich in einzelnen Stadtteilen. Dort wohnen einheimische Deutsche und Personen mit Migrationshintergrund, die schon besser integriert sind. Einige von Ihnen ziehen in andere Stadtteile. Die soziale Struktur des Viertels kann sich so ändern. Wenn in einigen Grundschulen viele Schülerinnen und Schüler schlecht Deutsch sprechen, kann das zu Nachteilen für alle führen. Es gibt auch unterschiedliche Interessen. Unternehmen können zum Beispiel auch an der Zuwanderung junger Geringqualifizierte interessiert sein, die dann aber unter anderem ältere Einheimische mit geringer Qualifikation, verdrängen könnten [4].

 Der Band enthält viele wichtige Anregungen für eine gerechte Migrationsordnung und eine gerechte Fluchtordnung. Aber der Autor stellt auch fest, dass auf auf der Stufe 5 keine gerechte Fluchtordnung geben kann, selbst dann nicht, wenn ein paar Verbesserungen, die der Autor vorschlägt, umgesetzt würden. Die Fluchtordnung aus der Ebene 4 wäre gerechter. Aber vor dem Hintergrund der Konkurrenz zwischen den Ländern ist eine Umsetzung unwahrscheinlich. Wohlhabende Länder werden auch nicht daran interessiert sein, ärmere Aufnahmestaaten finanziell und wirtschaftlich zu unterstützen. Das verursacht Kosten und könnte potenzielle Konkurrenten fördern.

Wichtig wäre eine Bekämpfung von Fluchtursachen. Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen es Kriege oder Bürgerkriege gab oder noch gibt. Die USA und manchmal einige andere NATO-Staaten waren häufig daran beteiligt, indem sie selbst Kriegspartei waren oder Bürgerkriegsparteien militärisch unterstützten. „Die USA haben seit 2001 in sieben mehrheitlich muslimischen Ländern militärisch interveniert oder sie mit Drohnen angegriffen: Afghanistan, Irak, Somalia, den Jemen, Pakistan, Libyen, Syrien. In welchem dieser Länder haben sich anschließend die Lebensbedingungen der Bewohner verbessert, zeichnen sich Stabilität und Sicherheit ab? Gibt es eine einzige militärische Intervention des Westens, die nicht Chaos, Diktatur, neue Gewalt zur Folge gehabt hätte?“ (Lüders, Wer den Wind sät. S. 10). Eine weitere Ursache ist die wirtschaftliche Ungleichheit in der Welt. Armut in den Ländern entsteht nicht zufällig. Sie entsteht zum Beispiel auch, wenn Unternehmen aus reicheren Staaten Waren billiger produzieren können und dies in ärmere Länder exportieren. Damit können sie einheimische Konkurrenten auf dem einheimischen Markt der ärmeren Staaten verdrängen. Wenn beide Probleme nicht angegangen werden, können immer neue Flüchtlingswellen entstehen. Durch Migration und Fluchtordnung können die Probleme nicht gelöst werden.

Einige rechtskonservative Parteien und Organisationen dramatisieren die Entwicklung, was man an ihrer Rhetorik erkennen kann. Das Land sei überfordert, die Überfremdung nehme zu. Es drohe eine Islamisierung. Die Kosten seien nicht tragbar und die Kriminalität steige. Man fühlt sich nicht mehr sicher. In vielen Medien wird dagegen die Situation verharmlost. Die Kosten seien nicht so hoch. Kriminalität von Flüchtlingen wird verschwiegen oder kleingeredet. Beide Positionen sind problematisch. Die erste Position fördert Ausländerfeindlichkeit und Panik. Die zweite Position ist für viele Bürgerinnen und Bürger unglaubwürdig. Sie wissen, dass die Kosten relativ hoch sind. Sie wissen, dass es kriminelle Flüchtlinge gibt. Es gibt einige Angriffe von Jugendlichen mit Messern und sexuelle Übergriffe. Es gibt auch manchmal Bandenkriminalität und Terroranschläge auf Märkte durch Flüchtlinge, die sich radikalisiert haben. Die mündigen Bürgerinnen und Bürger müssen sich mit diesen Probleme befassen. Das muss nicht zu einer restriktiveren Migrationspolitik führen. Man kann auch bestimmte Kosten und Risiken in Kauf nehmen.

Fazit

Der Band enthält viele wichtige Anregungen und Vorschläge für eine gerechte Migrationsordnung und eine gerechte Fluchtordnung, auf die man in der politischen Diskussion zurückgreifen. Eine ausreichende Umsetzung der Vorschläge würde aber tiefgreifende Veränderungen auf internationaler Ebene erfordern.

Literatur

Ambos, Kai (2022), Doppelmoral. Der Westen und die Ukraine, Frankfurt am Main: Westend

Lüders, Michael (2019, aktualisierte Auflage) Wer den Wind sät, Was westliche Politik im Orient anrichtet, München: C H Beck

Oevermann, Ulrich. (1981) Ulrich Oevermann, Mitschrift eines Vortrages „Profes­siona­li­sie­rung der Pädagogik“ im SS 1981 im Institut für Sozialpäd­agogik und Erwachsenenbildung der FU Berlin,

Oevermann, Ulrich (1996). Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionellen Handelns. In Combe, A. & Helsper, W. (Hrsg.). Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 70–182). Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Rezensent: Dr.Hermann Müller, Hildesheim, Rentner, vorher an der Universität Hildesheim, Institut für Organisations- und Sozialpädagogik 


[1] Der Begriff ist wissenschaftlich ungenau. Neben der Zugehörigkeit zu einer Menschenrasse können auch religiöse und kulturelle Vorurteile gemeint sein.

[2] Die Zollpolitik von Trump ist dafür ein Beispiel. Aber alle Staaten verfolgen dieses Ziel.

[3] Diese ist von mehreren Entwicklungen abhängig. Hierzu gehören: technologische Entwicklung, Rohstoffpreise, Energiepreise, Zölle, Qualifikationsstruktur der Arbeitskräfte und einiges mehr.

[4] Allgemein geht es um Personen mit „Vermittlungshemmnisse“ unter anderem wegen des Alters, Behinderungen, fehlender Schulabschluss. Sie sind häufig arbeitslos oder prekär beschäftigt.

Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
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Es gibt 38 Rezensionen von Hermann Müller.

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ISSN 2190-9245