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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Auf dem Weg zur inklusiven Kinder- und Jugendhilfe

Rezensiert von Elisabeth Hartmeyer, 23.11.2023

Cover  Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Auf dem Weg zur inklusiven Kinder- und Jugendhilfe ISBN 978-3-7841-3590-8

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Auf dem Weg zur inklusiven Kinder- und Jugendhilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 104 Seiten. ISBN 978-3-7841-3590-8.

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Thema

Was bereits vor dem Inkrafttreten des SGB VIII diskutiert und gefordert worden war soll nun durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG), welches im Juni 2021 zu zahlreichen Neuerungen insb. des SGB VIII geführt hat, im Rahmen eines Stufenmodells ab dem Jahr 2028 umgesetzt werden: die sog. „Große Lösung“ oder inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Hierunter versteht man die einheitliche sachliche Zuständigkeit für alle Kinder und Jugendlichen ohne und mit Behinderung und unabhängig von einer eventuellen seelischen, geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung. Der vorliegende Band erörtert bestehende Herausforderungen für die Praxis, stellt die Ausgestaltung einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe in unterschiedlichen Hilfe-Settings vor und geht auch auf konkrete Beispiele gelungener Inklusion ein.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind in der Wissenschaft und Praxis mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendhilfe befasst. Sie stammen überwiegend aus den Wohlfahrtsverbänden, der Politik oder sind Lehrende an Hochschulen für angewandte Wissenschaften.

Entstehungshintergrund

Das Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit wird als Vierteljahresheft im Auftrag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. herausgegeben. Der hier zu besprechende Band ist als Heft 3 des Jahrgangs 2023 erschienen.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Beitrag beschreibt Heike Schmid-Obkirchner den Weg zur inklusiven Kinder- und Jugendhilfe, wie er durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit dem Prozess „Gemeinsam zum Ziel: Wir gestalten die Inklusive Kinder- und Jugendhilfe!“ bereitet wird. Neben der bestehenden Rechts- und Datenlage erläutert Schmid-Obkirchner die Problematik der Unterscheidung zwischen behinderungsbedingten und erzieherischen Bedarfen gerade im Kindes- und Jugendalter und die sich daraus ergebenden Definitions- und Abgrenzungsprobleme. Das Ziel liege in der Überwindung jener Schwierigkeiten, die sich bei der Zuständigkeitsbestimmung für Leistungen der Eingliederungshilfe de lege lata ergeben: „Die inklusive Lösung hat den Vorteil, dass Kinder und Jugendliche ganzheitlich individuell gefördert werden können, da sowohl behinderungsbedingte als auch erzieherische Bedarfe berücksichtigt und aus einem System gedeckt werden können“ (S. 7 f.). Sodann beschreibt Schmid-Obkirchner den Weg zur „Großen Lösung“, wobei sie zunächst die durch das KJSG bedingten Änderungen, u.a. die Implementation des Verfahrenslotsen ab 1. Januar 2024 in § 10b SGB VIII sowie die vorrangige Zuständigkeit des öffentlichen Jugendhilfeträgers für Leistungen der Eingliederungshilfe, die allerdings abhängig ist vom Inkrafttreten eines weiteren Bundesgesetzes. Schließlich beschreibt Schmid-Obkirchner den Beteiligungsprozesses des BMFSFJ, der sich aus den Bausteinen „Forschung“, „Beteiligung der Fachöffentlichkeit“ sowie „Beteiligung von Expertinnen und Experten in eigener Sache“ zusammensetzt. Begonnen hat dieser am 27. Juni 2022, die Ergebnisse werden im Dezember 2023 vorgestellt und diskutiert werden. Die gewonnen Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Erarbeitung des Gesetzentwurfs zur gesetzlichen Verankerung der inklusiven Lösung.

Im zweiten Beitrag stellt Daniel Kieslinger die aus einer inklusiv weiterzuentwickelnden Kinder- und Jugendhilfe abzuleitenden Anpassungsprozesse dar, wobei das bundesweite Modellprojekt Inklusion jetzt! – Entwicklung von Konzepten für die Praxis Ausgangs- und Referenzpunkt bildet. Kieslinger beschreibt die notwendigen Handlungsbedarfe in der fachlich-pädagogischen Dimension anhand unterschiedlicher Schwerpunkte. Zunächst nennt er Ansätze wie der Schlüsselprozess sozialpädagogischer Leistungen im Kontext der Hilfe zur Erziehung – die Hilfeplanung – inklusiv ausgestaltet werden kann und wie das KJSG hierzu bereits zu konkreten Veränderungen geführt hat. Den Befund, dass insbesondere junge Menschen mit Behinderungen ein deutlich erhöhtes Risiko haben, Opfer von Gewalt zu werden, erörtert Kieslinger unter der Überschrift „Inklusiver Kinderschutz“ (S. 21). Auch hier nennt er bereits eingetretene Verbesserungen und weitere Handlungsbedarfe. Hinsichtlich der erforderlichen Partizipation und Teilhabe der Adressatinnen und Adressaten am Hilfeprozess beschreibt Kieslinger sodann Leerstellen, Verbesserungsbedarfe und institutionelle Hindernisse, wobei er drei wesentliche Handlungsbedarfe ableitet (S. 23). Vor dem abschließenden Fazit und Ausblick nimmt Kieslinger schließlich die Organisationsebene in den Blick und fragt nach den Herausforderungen für freie und öffentliche Träger.

Sindy Becker und Bärbel Valentin wollen mit dem dritten Beitrag zum Weiterdenken anregen und Partizipation im Alltag der Hilfe zur Erziehung inklusiv und über das Hilfeplanverfahren hinaus verankern. Sie geben hierzu einen Einblick in den Alltag der Licher Jugendhilfeeinrichtung Evangelische Stiftung Arnsburg (ESTA). Unter der Prämisse, dass der Partizipationsgrad einen elementaren Einfluss auf die individuelle Entwicklung zu haben schient (S. 30), nennen die Autorinnen einige Beispiele, wie sich in der Praxis passende Lösungen finden lassen, z.B. durch die Schaffung von Beteiligungsmechanismen u.a in Selbstvertretung und bei der Personalauswahl, regelmäßige Reflexion und gute Kooperation mit den Jugendämtern.

Die Perspektive der Eltern von Kindern mit Behinderung bringt Janina Jänsch in dem vierten Beitrag ein. Neben einem großen Informations- und Beratungsbedarf, Hilfestellung bei den Antragsformularen oder bei der Frage der Zuständigkeit an bestimmten Schnittstellen, bestehen hier zahlreiche Herausforderungen. Jänsch benennt neben den Sorgen der Eltern hinsichtlich des avisierten Zuständigkeitswechsels vom Träger der Eingliederungshilfe zu jenem der Kinder- und Jugendhilfe aber auch Chancen, die die inklusive Lösung für Eltern von Kindern mit Behinderung mit sich bringt, wie z.B. die Zusammenführung unterschiedlicher Fachlichkeiten in multiprofessionellen Teams.

Auf die Auswirkungen der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe auf den Bereich der Kindertagesbetreuung blickt Timm Albers in Beitrag fünf. Neben der Frage, wie eine inklusive und an Kinderschutz orientierte Pädagogik in der Kindertagesbetreuung gestaltet sein muss, fragt er nach den Kompetenzen, Einstellungen und handlungsleitenden Orientierungen seitens der Fachkräfte und zuletzt danach, wie Inklusion als Impuls für einen langfristig angelegten Qualitätsentwicklungsprozess genutzt werden kann. Im Fazit plädiert Albers für eine breitere Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit Angeboten im Sozialraum und dem Bereithalten von Angeboten der Fachberatung und Supervision zur Unterstützung frühpädagogischer Fachkräfte sowie einer aktiven Beteiligung von Kindern entsprechend ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen.

Wie sich die inklusive Kinder- und Jugendhilfe auf die Frühförderung auswirkt, untersucht Armin Sohns im sechsten Beitrag. Hierbei schafft er zunächst ein Verständnis für das komplexe System der Frühförderung nach dem SGB IX, der sich mit den Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe überschneidet. Neben dem Fundament erläutert Sohns auch das Klientel der Frühförderung und ihre Definition als Komplexleistung und benennt schließlich Sorgen aber auch Hoffnungen der Frühforderung hinsichtlich der Großen Lösung (S. 61 f.).

Dass die Große Lösung bereits heute möglich ist, wenn man Prozesse, Strukturen und Personal auf die Rechtsgrundlage der SGB VIII und IX ausrichtet, zeigt Martin Albinus anschaulich am Beispiel der Stadt Braunschweig und ihrem Weg hin zu einem Haus der Eingliederungshilfe.

Die Perspektive junger Menschen mit geistigen Behinderungen auf Angebote der Kinder- und Jugendarbeit bringen Katharina Przybylski und Gunda Voigts im siebten Beitrag ein. Ihr Beitrag gibt das Ergebnis einer qualitativen Befragung von jungen Menschen mit geistigen Behinderungen des Praxisforschungsprojekts „Mit den Augen von Jugendlichen – Was braucht inklusive Jugendarbeit“ wider. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten geben die Autorinnen einen spannenden und differenzierten Einblick, was den befragten Jugendlichen wichtig ist und was verändert werden müsste. Das Fazit der Befragung bekräftigt schließlich ein Ergebnis des 13. Kinder- und Jugendberichts aus dem Jahr 2009: Junge Menschen mit Behinderung sind in erster Linie junge Menschen. Um ihre individuelle Interessen ernst zu nehmen und zu berücksichtigen bedarf es der Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern, verständliche und zugängliche Information und Unterstützungsmöglichkeiten.

Wie schulische Inklusion gelingen kann, stellt Andreas Lampert im achten Beitrag am Beispiel des Modellprojekts „Integrationshilfen in Schulen“ in Jena dar. Aus unterschiedlichen Perspektiven – z.B. dem Rollenverständnis professioneller Akteure und Akteurinnen – diskutiert er die These: Inklusion erfordert veränderte Formen der Organisation professioneller Kooperation und veranschaulicht, dass Inklusion nur im Zusammenwirkung aller Beteiligten gestaltet werden kann.

Im letzten Beitrag stellen Karin Tiesmeyer und Stefan Benning das Projekt „BeWEGt – Wegbegleitende Beratung von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen“ vor. Leitfrage ist hierbei, inwiefern das Recht aus Sicht der Familien realisiert wird und welche Handlungsbedarfe sich ggf. zeigen, um die Beratungssituation zu verbessern.

Diskussion

Es ist einerseits beachtlich, wie viele Modell- und Forschungsprojekte das je Ihrige beitragen, um auf dem Weg zur „Großen Lösung“ nicht nur zum Ziel zu gelangen, sondern auch alle Protagonisten – insbesondere auch die Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen und ihre Familien – daran zu beteiligen. Andererseits ist ein solcher Zugang nicht zuletzt deshalb wichtig, weil der inklusive Ansatz gerade kein Automatismus ist. Im Gesetz findet er sich bislang (nur) in § 10 Abs. 4 S. 2 SGB VIII, der ab 1.1.2028 gelten soll und abhängig ist vom Erlass eines weiteren Bundesgesetzes, das die organisatorischen, haushaltsrechtlichen und personalpolitischen Bedingungen der Übernahme der Gewährleistung sämtlicher Eingliederungshilfen an junge Menschen unabhängig von der Form der Behinderung zum 1.1.2027 regeln soll.

Fazit

Das vorliegende Heft benennt „just in time“ neben bereits gelungenen Ansätzen auch bestehende Herausforderungen für den Gesetzgeber sowie die Verantwortlichen vor Ort und gibt einen vertieften Einblick in den status quo, den es weiter auszubauen gilt. Nicht zuletzt der Beteiligungsprozess des BMFSFJ, der im Dezember 2023 zu seinem Abschluss kommt, soll eine fundierte Erkenntnisgrundlage für die Konzeption eines Gesetzesentwurfs vorlegen, mit dem die „Große Lösung“ steht und fällt. Die im vorliegenden Band enthaltenen Beiträge stimmen diesbezüglich zumindest positiv.

Rezension von
Elisabeth Hartmeyer
Professorin für Recht im Sozial- und Gesundheitswesen Katholische Hochschule Freiburg Catholic University of Applied Sciences Staatlich anerkannte Hochschule
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Es gibt 2 Rezensionen von Elisabeth Hartmeyer.

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Zitiervorschlag
Elisabeth Hartmeyer. Rezension vom 23.11.2023 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Auf dem Weg zur inklusiven Kinder- und Jugendhilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3590-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31375.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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