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Daniel Kieslinger, Judith Owsianowski (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. Marion Baldus, 06.03.2024

Cover Daniel Kieslinger, Judith Owsianowski (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe ISBN 978-3-7841-3609-7

Daniel Kieslinger, Judith Owsianowski (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Finanzierung, Organisationsentwicklung, Qualität. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 348 Seiten. ISBN 978-3-7841-3609-7. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

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Thema

Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe. Sie kann nicht an einzelne Teilbereiche wie Schule, Bildung oder Arbeit delegiert werden. Sie geht alle an. Inklusion ist Auftrag und Prozess zugleich. Strukturen, Systemlogiken und Handlungspraktiken, die eine gleichberechtigte Teilhabe verhindern oder erschweren, gehören auf den Prüfstand. Mit der Reform der Kinder- und Jugendhilfe durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) in 2021 hat der Gesetzgeber hier einen wichtigen Impuls für ein zentrales Handlungsfeld der Sozialen Arbeit gesetzt. Flankiert um die für 2028 geplante Gesamtzuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe für alle junge Menschen, zielt das Gesetz auf den Umbau bisher getrennt operierender Systeme zu einem gemeinsamen, inklusiven System, das nicht mehr zwischen Zuständigkeiten für Kinder mit oder ohne spezifische Behinderungen unterscheidet. Welche Konsequenzen sich daraus für Organisationen, Strukturen, Konzeptionen und Handlungspraktiken ergeben und wie diese bewältigt werden können, ist Gegenstand des vorliegenden Bandes. In insgesamt 15 Beiträgen werden rechtliche, organisationale, praktische und wissenschaftliche Perspektiven der Reform des Kinder- und Jugendhilferechts beleuchtet. Innovationspotenziale werden ebenso aufgezeigt wie Risiken im Management und Herausforderungen bei der Herstellung und Sicherung von Qualität und Partizipation.

Herausgeber:innen

Herausgeber:innen des Bandes sind Daniel Kieslinger und Judith Owsianowski.

Daniel Kieslinger ist für den Bundesverband der Caritas Kinder und Jugendhilfe (BVkE) in Freiburg tätig, Judith Owsianowski für den Evangelischen Erziehungsverband e.V. (EREV) mit Sitz in Hannover. Beide zusammen bilden die Projektleitung des Modellprojekts „Inklusion jetzt! – Entwicklung von Konzepten für die Praxis“, das am 31. März 2024 nach vier Jahren Laufzeit zum Abschluss kommt. Mitgewirkt im Modellprojekt haben 61 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie Eingliederungshilfe.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen des Modellprojekts „Inklusion jetzt! – Entwicklung von Konzepten für die Praxis“ sind bereits mehrere Veröffentlichungen erschienen. Während die ersten von Carolyn Hollweg und Daniel Kieslinger (2021, 2022, 2023) in der Reihe „Beiträge zu Inklusion in den Erziehungshilfen“ herausgegebenen Publikationen Fragen der Inklusiven Hilfeplanung, der Partizipation und der Übergänge und Schnittstellen thematisierten, fokussiert der von Kieslinger und Owsianowski vorgelegte Band 5 auf Entwicklungs- und Handlungsbedarfe und das Zusammenspiel von Qualität und Wirkung im Kontext inklusiver Leistungserbringung.

Aufbau und Inhalt

Die Struktur des Buches orientiert sich an einer Dreigliedrigkeit. Flankiert von einem Vorwort von Henriette Harms vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., und der Einleitung von Kieslinger und Owsianowski, ist der Band in drei Teile segmentiert. Zusammen mit dem Autorenverzeichnis, das die insgesamt 25 Autor:innen aus Wissenschaft, Verbänden, Consulting und Praxis mit Kurzinformationen zu ihren Tätigkeitsbereichen vorstellt, umfasst der Band 343 Seiten.

Teil 1 ist überschrieben mit „Möglichkeiten und Entwicklungsbedarfe einer inklusiven Leistungserbringung“. Hierunter werden sechs verschiedene Beiträge subsumiert, die sich mit rechtlichen, finanziellen, organisationalen Aspekten und einem Praxisbeispiel der Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) befassen. Exemplarisch kann an dieser Prozessbeschreibung nachvollzogen werden, wie zwei zunächst getrennt operierende Organisationseinheiten – die Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD), zuständig für SGB VIII und SGB IX, und die ehemalige Jugendhilfetochter NRD Orbishöhe GmbH, zuständig für ambulante, teilstationäre, stationäre und schulische Kinder- und Jugendhilfe – zu einem neuen Geschäftsbereich „Kinder, Jugend und Familie“ fusionierten. Einblicke in Teamprozesse, Leitbilddiskussionen, Fortbildungsmaßnahmen und inklusive Angebotsentwicklungen verdeutlichen Stationen eines umfassenden Transformationsprozesses detailliert und anschaulich.

Teil 2 trägt den Titel „Inklusive Organisationsentwicklung“. In wiederum sechs Beiträgen werden, startend mit dem Index für Inklusion als Orientierungs- und Umsetzungshilfe für eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe, Fragen der Angebotsentwicklung, der Verwaltungsprozesse, des Risikomanagements, der „Koopkurrenz“ und der praktischen Umsetzung eines inklusiven Angebots in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung behandelt. In dieser zweiten Prozessbeschreibung wird ein weites Verständnis von Inklusion zugrunde gelegt, das nicht auf Behinderung fokussiert, sondern heterogene individuelle Lebenslagen (psychische Erkrankung, Behinderung, Traumatisierung durch sexuelle Gewalt, Vernachlässigung und Misshandlung, Fluchterfahrung, Leben auf der Straße usw.) zum Ausgangspunkt passender Hilfsangebote macht. Stationen der Vorbereitung, Entwicklung und Implementierung einer inklusiven Kinderwohngruppe der Stiftung Overdyck, die sich an diesem Grundverständnis orientiert, werden Schritt für Schritt nachgezeichnet.

Im 3. Teil des Bandes geht es um „Qualität und Wirkung in einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe“. Drei Beiträge bilden diesen letzten Part des Buches. Im Vordergrund stehen Analysen, Kritik und Reflexion. Im ersten Beitrag werden Qualitätsentwicklungsvereinbarungen (QEV) als Steuerungsinstrument auf ihre Sinnhaftigkeit und Erfüllbarkeit hin untersucht. Im zweiten Beitrag wird die Fokussierung auf Wirkung, Wirksamkeit und Wirkungskontrolle im Kontext des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) kritisch reflektiert. Der dritte Beitrag befasst sich zunächst mit der Qualitätsdebatte, die sich durch Uneinheitlichkeit, Interessenabhängigkeit und Relationalität auszeichnet, um anschließend Anforderungen an zukünftige QEV aufzuzeigen und die Bedeutung beteiligungsorientierter Verfahren zur (Selbst-)Evaluation hervorzuheben. Deutlich wird in allen drei Beiträgen, wie wichtig es ist, Fragen der Qualität, Qualitätsentwicklung und Qualitätsbewertung – auch aus Sicht der Adressat:innen – auf die Agenda zu setzen und Aspekte von Wirkung und Wirkungskontrolle wie sie bspw. im „Qualitätsdialog“ zwischen Leistungsträger und Leistungserbringer im SGB IX praktiziert wird, zu problematisieren.

Diskussion

Bücher zum Thema Inklusive Kinder- und Jugendhilfe werden dringend gebraucht. 15 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) ist Inklusion in vielen Lebensbereichen bisher nicht angekommen. Inklusion ist mehr Desiderat als Selbstverständlichkeit. Deutschland wurde dies in aller Dringlichkeit mit dem zweiten Staatenbericht des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Sommer 2023 erneut bescheinigt. Nach wie vor fehle, so mahnt der Fachausschuss, die systematische Überprüfung bestehender Gesetze, Politiken und Verwaltungspraktiken hinsichtlich ihrer Konformität mit Verpflichtungen aus der UNBRK. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Behinderung bislang noch nicht als Querschnittsthema in allen Bereichen der Regierung und der Gesellschaft verankert sei.

Die Neuausrichtung des SGB VIII hat lange auf sich warten lassen. Nach einem ersten Scheitern des Gesetzesvorhabens im Jahr 2016 gingen weitere fünf Jahre ins Land, bis die Reform vorlag. Das ist nicht nur ein lange überfälliger, sondern auch weiterhin langwieriger Reformprozess. In drei Stufen erst geht es zur inklusiven Lösung. In 2024 werden „Verfahrenslotsen“ als Ansprechpartner:innen für junge Menschen mit Behinderung und ihre Eltern beim Jugendamt installiert. In 2028 erfolgt – sofern das dafür notwendige Bundesgesetz rechtzeitig vorliegt – die Zusammenführung der Leistungen zur inklusiven Lösung. Bis dahin bleibt die Eingliederungshilfe weiterhin Anlaufstelle für junge Menschen mit körperlicher oder kognitiver Beeinträchtigung.

Vor diesem Hintergrund sind Modellprojekte wie „Inklusion jetzt! – Entwicklung von Konzepten für die Praxis“, die im Vorgriff auf die inklusive Lösung über Strategien, Transformationen, Übergänge, Konzeptionen, Organisationsentwicklung und Finanzierungsbedarfe nachdenken, wegweisend. In ihnen kommen engagierte und erfahrene Akteur:innen beider Systeme zu Wort, multiplizieren ihr Wissen, entwickeln Neuorientierungen und entwerfen ressort-übergreifende inklusive Angebote.

Mit Band 5 der Reihe „Beiträge zur Inklusion in den Erziehungshilfen“ legen Daniel Kieslinger und Judith Owsianowski Zeugnis von der Relevanz des Modellprojekts und seiner Ergebnisse ab. Indem Umsetzungsbedarfe aufgezeigt, Spannungsfelder zwischen Organisationsentwicklung und Finanzierung problematisiert und Anfragen an Qualität und Wirkung in einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe aufgeworfen werden, leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur Vorbereitung auf eine Zukunft, die Inklusion nicht als Vision, sondern als Normalität entwirft. Wenngleich die Qualität der einzelnen Beiträge durchaus unterschiedlich ist und zuweilen etwas enttäuscht (zum Beispiel der Beitrag „All inclusive in der Jugendhilfe?“), handelt es sich bei dem Buch um eine wichtige Orientierungs- und Arbeitshilfe für alle Akteur:innen im Feld der Eingliederungshilfe, Kinder- und Jugendhilfe, in Ämtern, Verbänden und Politik. Besonders hilfreich sind dabei die Praxis- und Prozessberichte, die Transformationsprozesse von ehemals getrennt agierenden zu kooperierenden Leistungserbringer:innen nachzeichnen. Sie können als exemplarische Verfahrenswege für eigene Vorhaben der Organisationsentwicklung gelesen werden. Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes stehen für sich und erschließen sich auch ohne den Gesamtkontext. Inhalt und Volumen von 343 Seiten lassen sich folglich auch sinnvoll in kleineren Einheiten rezipieren.

Fazit

Der Sammelband „Inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Finanzierung, Organisationsentwicklung, Qualität“ von Kieslinger und Owsianowski ist äußerst lesenswert, gut strukturiert und von hoher Informationsdichte. Die Lektüre kann orientierend wirken bei der Aufgabe, das inklusive Paradigma zügig und inspiriert in die Praxis umzusetzen.

Rezension von
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
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Es gibt 13 Rezensionen von Marion Baldus.

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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 06.03.2024 zu: Daniel Kieslinger, Judith Owsianowski (Hrsg.): Inklusive Kinder- und Jugendhilfe. Finanzierung, Organisationsentwicklung, Qualität. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3609-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31376.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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