Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Karl August Chassé, Margherita Zander u.a.: Meine Familie ist arm

Rezensiert von Prof. Anne Parpan-Blaser, 27.06.2006

Cover Karl August Chassé, Margherita Zander u.a.: Meine Familie ist arm ISBN 978-3-531-14682-9

Karl August Chassé, Margherita Zander, Konstanze Rasch: Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2. Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-531-14682-9. 34,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-15641-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung

Über die Hälfte aller bundesdeutschen Kinder im Alter bis zu 10 Jahren lebte 2002 in Familien mit prekären Einkommensverhältnissen (75% Schwelle), davon 17,6%  unter der Armutsgrenze (50% Schwelle). Vor dem Hintergrund dieser Zahlen und einem Mangel an generalisierbarem Datenmaterial zu Armutsfolgen und Bewältigungsstrategien von Betroffenen gehen der Autor und die beiden Autorinnen anhand empirischer Daten der Frage nach, wie Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren Armut erleben und bewältigen.

Inhalt

Anhand von 14 Fallstudien befasst sich die Autorenschaft mit den folgenden Fragen:

  • Inwiefern unterscheiden sich die Lebenssituationen armutsbetroffener Kinder von dem, was als gesellschaftliche Norm gilt?
  • Wie erleben diese Kinder ihre Situation?
  • Wie wirken sich die Lebensverhältnisse auf die Kinder als soziale Akteure aus?
  • Wie vollzieht sich bei ihnen der Erwerb unterschiedlicher Kapitalformen (nach Bourdieu)?

Zur Analyse der Lebenschancen und Handlungsmöglichkeiten der Kinder wird im Weiteren das Lebenslagenkonzept nach Weisser erweitert und auf Kinder übertragen. Der Versuch die individuellen Spielräume der Kinder nicht nur in Verbindung mit der Lebenslage der Eltern und mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu betrachten sondern auch als eigenständige, gelingt meines Erachtens sehr gut.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine Neuauflage. Der 2003 erstmals erschienene Text wurde in Kapitel 1 (Armut in der Bundesrepublik) mit neueren Daten und Zahlen aktualisiert, in weiteren Teilen wurden Neuerscheinungen einbezogen. Kapitel 2 widmet sich der Kinderarmut als Forschungsthema, während in Kapitel 3 die 14 interviewten Kinder porträtiert werden. Kapitel 4 fasst die Ergebnisse der Studie zusammen, Kapitel 5 umfasst die Typologisierung und theoretische Einbettung der Lebenslagen und Bewältigungsmuster. In Kapitel 6 wird abschließend auf die sozialpädagogischen Konsequenzen aus dem Vorangehenden eingegangen.

Zielgruppen und Einschätzung

Das gut verständliche Buch richtet sich thematisch an Sozialwissenschafter und Sozialwissenschafterinnen im Bereich der Armutsforschung wie auch an Praxispersonen der Sozialen Arbeit und der Pädagogik. Die anschaulichen Fallbeschreibungen, die daraus hervorgehende Typologisierung der Lebenslagen von armutsbetroffenen Kindern und die theoretischen Schlüsse vermögen zu überzeugen. Weit weniger gehaltvoll sind die "sozialpädagogischen Konsequenzen" (vgl. S. 322), die daraus gezogen werden; sie sind wenig konkret und können kaum als handlungsleitend bei gezogen werden. Interessierte werden sich zudem am unvollständigen Literaturverzeichnis stören.

Fazit

Chassé/Zander/Rasch tragen im vorliegenden Buch wichtige Daten zur Betroffenheit von Kindern durch Armut in Deutschland zusammen und verdeutlichen gleichzeitig mit ihrer qualitativen Studie, was Armut für die betroffenen Kinder bedeutet und wie sie damit umgehen. Risikofaktoren und Ressourcen für die weitere Entwicklung werden deutlich.

Durch den dezidierten Einbezug der Kinderperspektive gelingt es zudem, den Anspruch der Multidimensionalität einzulösen und damit einen wertvollen Beitrag zur Armutsforschung zu leisten. Ob damit generalisierbare Daten hervorgebracht wurden, ist dennoch fraglich.

  • Erstens weil unklar bleibt, wann die Daten erhoben wurden, und wie es folglich um deren Aktualität steht.
  • Zweitens weil die Kriterien zum Sampling der Stichprobe den Lesenden verborgen bleiben.
  • Drittens - und darauf gehen der Verfasser und die beiden Verfasserinnen auch ein - weil die Untersuchung im neuen Bundesland Thüringen verortet ist und damit ganz bestimmte gesellschaftliche Transformationsprozesse in den Blick kommen.

Rezension von
Prof. Anne Parpan-Blaser
Dozentin Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit
Website
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Anne Parpan-Blaser.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anne Parpan-Blaser. Rezension vom 27.06.2006 zu: Karl August Chassé, Margherita Zander, Konstanze Rasch: Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 2. Auflage. ISBN 978-3-531-14682-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3141.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht