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Katharina Freres: Risikomanagement im Kinderschutz

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 05.02.2024

Cover Katharina Freres: Risikomanagement im Kinderschutz ISBN 978-3-7799-7614-1

Katharina Freres: Risikomanagement im Kinderschutz. Urteils- und Entscheidungsfindung bei Kindeswohlgefährdung durch Fragilitätstests. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 246 Seiten. ISBN 978-3-7799-7614-1. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
Reihe: Edition Soziale Arbeit. .

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Thema

Einzuschätzen, ob das Wohl eines Kindes gefährdet ist, gehört zu den besonders herausfordernden Aufgaben des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) des Jugendamts. Doch bisher ist nur wenig darüber bekannt, wie die Fachkräfte Einschätzungen zur Gefährdung des Kindeswohls vornehmen. Das herauszuarbeiten, ist Gegenstand dieser ethnographischen Studie. Es zeigt sich, dass die Fachkräfte dabei weder statistische Diagnosebögen noch diagnostische Verfahren des Fallverstehens nutzen. Stattdessen nutzen sie ein Risikomanagement, bei dem sie auf effiziente interaktive Entscheidungsheuristiken zurückgreifen. Diese Entscheidungsheuristiken haben auch nicht-intendierte Auswirkungen auf die betroffenen Familien.

Autor:in

Katharina Freres, Dr. phil., hat am Fachbereich Erziehungswissenschaften, Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Universität Koblenz-Landau als wissenschaftliche Mitarbeiterin gelehrt und geforscht. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Arbeitsfeldern des Kinderschutzes und der Erziehungshilfen

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei der Veröffentlichung um die 2022 eingereichte Dissertation der Autorin.

Aufbau und Inhalt

Da es sich um eine Dissertation handelt, folgt der Aufbau des Buches wissenschaftlichen Standards. Dementsprechend werden in einem ersten Abschnitt zunächst dis bhisherigen Forschungsergebnisse dargestellt, was sich im direkten Themenbezug als sehr übersichtlich darstellt. Wege zur Entscheidungsfindung in der Jugendhilfe im Allgemeinen und im Kinderschutz speziell sind bisher nahezu gar nicht erforscht. Es folgt die Darstellung der Forschungsmethodik und die Zusammenstellung der Stichprobe – ein für eine wissenschaftliche Arbeit von der Bachelorthesis bis zur Dissertation enorm wichtiger Teil, der für geneigte Leser*innen aber auch übersprungen werden könnte. Und dann kommt es zum spannenden Teil, in dem die Darstellung der Ergebnisse im Fokus steht. Dafür definiert die Autorin zunächst genauer das Untersuchungsfeld. Dieser Teil startet mit einer Beschreibung der Institution Allgemeiner Sozialer Dienst und deren Struktur und Aufgabe. Und wie genau sieht eigentlich das Vorgehen bei einer Gefährdungsmeldung wegen des Verdachtes auf Vernachlässigung oder Misshandlung aus?

Was sich anschließend in den Ergebnissen zeigt, dürfte Fachkräften in der Praxis sehr bekannt vorkommen – obwohl es eigentlich nicht der Intention der gesetzlichen Normierung der Kindeswohlgefährdung entspricht. Es wird nämlich deutlich, dass sich die Fachkräfte bei der Beurteilung einer Kindeswohlgefährdung am bereits eingetretenen Schaden – man möge an dieser Stelle den juristischen, sehr unemotionalen Terminus entschuldigen – orientieren. Dabei muss es eigentlich um die Prognose eventueller zukünftiger Schädigungen gehen, die dem Kind drohen. Aber Maßnahmen zur Abwehr von Kindeswohlgefährdungen sollen eben bewusst keine Bestrafung für vergangene Taten sein, sondern die jungen Menschen vor zukünftigen Ereignissen schützen. Die Fachkräfte der Jugendämter müssen also bei vielen unbekannten Variablen in einer Familie hellseherisch tätig werden. Im weiteren Verlauf spürt die Autorin dann der Frage nach, wie Schädigung durch die Fachkräfte gerechtfertigt wird. Ein weiterer Aspekt, der sicherlich noch viel Potenzial für weitere Forschung bietet, wird ebenfalls beleuchtet: Inwiefern schädigt die Vorgehensweise der Fachkräfte eventuell sogar mehr als die familiären Strukturen selbst? Produzieren sie in guter Absicht also auch Schädigungen des Kindeswohls?

Im Diskussionsteil vergleicht die Autorin unter anderem ihre Ergebnisse mit denen von Gerd Grigerenzer, der in der Medizin untersucht hat, wie Ärzt*innen zu ihren Entscheidungen kommen.

Diskussion

Die Thematik ist hochspannend, da kaum bekannt ist, wie ASD-Fachkräfte in der Praxis zu ihren Entscheidungen kommen – übrigens nicht nur im Kinderschutz. Da ist es mehr auf sinnvoll auf die Forschungen von Gerd Gigerenzer zurückzugreifen, der für die Medizin genau untersucht hat, wie Ärzt*innen zu ihren Entscheidungen kommen und welche Folgen das hat. Es ist der Forscherin zu gratulieren, dass sie sich an dieses schwere Feld herangewagt hat, denn ähnlich wie in der Medizin können auch im Kinderschutz (gut gemeinte) Entscheidungen fatale Folgen für die Betroffenen haben. Schließlich stellt sich in vielen Kinderschutzfällen immer wieder die Frage, was perspektivisch den größeren Schaden anrichtet – die Herausnahme des Kindes oder der Verbleib des Kindes in der Familie. Spannend ist die Erkenntnis, dass sich die Fachkräfte oft am bereits eingetretenen ‚Schaden‘ orientieren bei ihren Entscheidungen, während der Gesetzestext eigentlich verlangt, eine Prognose über zukünftige Schädigungen vorzunehmen. Ohne zu urteilen – und das ist die Stärke dieser Forschungsarbeit – stellt Katharina Freres anhand konkreter Fallkonstellationen und Hausbesuchen Vorgehensweisen der Fachkräfte bei Überprüfungen des Kindeswohls dar und lässt die Leser*innen mit dem einen oder anderen Fragezeichen bezüglich des eigenen Handelns zurück: Produziert die Vorgehensweise manchmal sogar selbst Schädigungen?

Fazit

Dieses Buch ist inhaltlich so wertvoll, dass es eigentlich jeder ASD-Fachkraft bekannt sein sollte, um einen Beitrag zur Reflexion des eigenen Handelns zu liefern. Denn nur wer sich und sein Handeln gerade im Kinderschutz permanent hinterfragt, kann es schaffen, trotz des Machtgefälles zwischen Fachkraft und Eltern in einen guten Kontakt zu kommen, um Kindeswohlgefährdungen abzuwenden.

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Es gibt 38 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 05.02.2024 zu: Katharina Freres: Risikomanagement im Kinderschutz. Urteils- und Entscheidungsfindung bei Kindeswohlgefährdung durch Fragilitätstests. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7614-1. Reihe: Edition Soziale Arbeit. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31418.php, Datum des Zugriffs 05.03.2024.


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