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Helga Dill, Malte Täubrich u.a.: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 12.02.2024

Cover Helga Dill, Malte Täubrich u.a.: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen ISBN 978-3-7799-7650-9

Helga Dill, Malte Täubrich, Peter Caspari, Tinka Schubert, Gerhard Hackenschmied u.a. u.a.: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen. Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 504 Seiten. ISBN 978-3-7799-7650-9. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR.

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Thema

Im Zentrum des Buches steht die Analyse jahrelanger bzw. jahrzehntelanger Karrieren sechs verschiedener Kleriker, die zum Teil schon früh des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden. Die Studie liefert nicht nur ein erschütterndes Bild über die gravierenden Versäumnisse der Bistumsverantwortlichen, sondern nimmt auch ein bisher vernachlässigtes Thema besonders in den Blick: die Dynamiken in Kirchengemeinden, wo sich die destruktiven Folgen sexualisierter Gewalt hartnäckig reproduzieren – Solidarität mit dem beschuldigten Gemeindepfarrer, Schweigen, Ausgrenzung Betroffener, Abwehr von Schuldgefühlen. Vertiefte Analysen zur Priesterausbildung im Bistum Essen liefern zudem Erklärungsansätze für die Befunde. Überdies werden Chancen und Widersprüche der institutionellen Präventionsarbeit diskutiert.

AutorInnen

Die Autor*innen sind Forscher*innen des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung in München, dessen Geschäftsführerin Helga Dill ist. Ihr Team kooperierte bei der Untersuchung der Aufarbeitungsstudie mit Dissens-Institut für Bildung und Forschung e.V., Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch dokumentiert die Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie, die das Jahr 2020 in Auftrag gegeben hat.

Aufbau und Inhalt

Im Bistum Essen haben sich als Konsequenz aus der großen Missbrauchsstudie der katholischen Kirche verschiedene Projektgruppen zur Aufdeckung, Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt gegründet, die einen breiten Blick auf das Themenfeld ermöglichen. Zu den Vorhaben in diesem Zusammenhang gehört auch eine historische und systematische Aufarbeitung des Umgangs mit sexualisierter Gewalt im Bistum Essen vom Gründungsjahr 1958 bis heute. Und so stehen in dieser Studie die Strukturen und Personen im Mittelpunkt, die sexualisierte Gewalt begünstigt oder deren Aufdeckung verhindert haben. Dazu werden auf der Grundlage von Aktenstudien Tiefenanalysen von ausgewählten Fällen sexualisierter Gewalt und Grenzverletzungen durch Kleriker oder andere Mitarbeiter*­innen des Bistums Essen gegenüber Minderjährigen durchgeführt.

Das Ganze passiert mithilfe von drei Untersuchungssträngen, deren Ergebnisse am Ende zusammengeführt werden.

  • Die individuelle Ebene: Hier geht es um Rekonstruktionen und vertiefte Analysen bestimmter Tatverläufe. Wie wurde von Bistumsverantwortlichen mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt verfahren? Wie war der Umgang mit Betroffenen? Welche Auswirkungen hatten die Taten für die Betroffenen? Wie wurde mit den Beschuldigten bzw. den Täter*­innen verfahren? Für diese Analyse werden vor allem Interviews mit Betroffenen durchgeführt, aber – wenn möglich – auch mit Beschuldigten bzw. Täter*­innen.
  • Die organisationale Ebene: Hier wird untersucht, wie sich Vorwürfe in Bezug auf sexualisierte Gewalt durch einen Geistlichen auf ganze Kirchengemeinden ausgewirkt haben. Dazu werden Fallstudien in Kirchengemeinden, in „irritierten Systemen“, durchgeführt.
  • Die normative/​diskursive Ebene: Hier geht es u.a. um zeitgeschichtliche Rekonstruktionen der relevanten Diskurse zu Sexualität und Sexualmoral in der katholischen Kirche, speziell in der Priesterausbildung und deren Niederschlag in (organisationalen) Regelungen zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen und Beschuldigten bzw. überführten Tätern.

Ziel der Studie ist es, aus den Erkenntnissen der Vergangenheit Kriterien für eine Überprüfung der kirchlichen Strukturen im Bistum Essen zu generieren und das Präventionskonzept im Bistum zu überprüfen und ggf. zu verbessern.

Das Buch orientiert sich an der modulhaft aufgebauten Untersuchung, wobei die Perspektive der Betroffenen im Vordergrund steht. Durchgeführt werden multiperspektivische Fallanalysen, die in exemplarischer Weise Risikokonstellationen aufdecken und somit Einsichten in unterschiedliche Dynamiken gewähren, die sich um die Ausübung sexualisierter Gewalt innerhalb des Bistums Essen gruppierten und möglicherweise noch gruppieren.

Auswertung von Personal- und Geheimakten, Interviews mit Betroffenen, mit Täter*­innen, mit Schlüsselpersonen aus dem Bistum und aus den Kirchengemeinden sowie die Analyse von Dokumenten und Literatur runden die Forschung ab und finden sich auch in diesem Buch.

Diskussion

Dieses Buch wiegt schwer – und das nicht bloß wegen des Gewichts von über 500 Seiten. Dabei sind es nicht einmal die Inhalte der Gespräche mit den Betroffenen und der Aktenanalysen, die den Rezensenten bisweilen kopfschüttelnd zurückgelassen haben. Gerade die Auswirkungen der Taten eines hoch angesehenen Geistlichen auf die jeweilige Gemeinde und deren Reaktion darauf sind bedrückend. Die Stärke des Buches ist dabei, dass es sich um eine wissenschaftliche Studie mit der dementsprechend neutralen Sprache der Forscher*innen handelt. Rund anderthalb Jahre hat die Projektarbeit gelungen, was dazu geführt hat, dass eine Menge Material verarbeitet werden musste. Das ist auf beeindruckende Art und Weise gelungen. In einem Rutsch lesen lässt sich das Buch aufgrund der schieren Datenmenge, aber auch des Themas allerdings nicht. Spannend, wie mancher Krimi ist es trotzdem, wobei die Schilderungen hier leider nicht der Fantasie von talentierten Autor*innen entspannen.

Fazit

Es ist wichtig, diese Untersuchungen öffentlich zu machen, auch wenn der Preis dafür im wahrsten Sinne des Wortes mit 59 Euro recht hoch ist – erst recht, wenn man weiß, dass die Untersuchungsergebnisse des Bistums Essen auch als Open Access zu finden sind. Das tut der Qualität der Forschung und der Ergebnisdarstellung natürlich keinen Abbruch. Das ist höchstes wissenschaftliches Niveau!

Rezension von
Wolfgang Schneider
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schneider. Rezension vom 12.02.2024 zu: Helga Dill, Malte Täubrich, Peter Caspari, Tinka Schubert, Gerhard Hackenschmied u.a. u.a.: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen. Fallbezogene und gemeindeorientierte Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7650-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31419.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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