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Renate Schieweck: Sexuelle Gewalterfahrungen von Frauen

Cover Renate Schieweck: Sexuelle Gewalterfahrungen von Frauen. Durch welche (sozial-)psychologischen Faktoren wird die Wahrnehmung von Fachkräften beeinflusst? Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 400 Seiten. ISBN 978-3-8288-8847-0. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.
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Themenstellung und Entstehungshintergrund

Sexualisierte Gewalt ist trotz der wachsenden Enttabuisierung nach wie vor ein Themenfeld, über das zu sprechen nicht nur den Opfern, sondern auch ihrem familiären und sozialen Umfeld und häufig ebenso ihrem fachlichen Umfeld große Schwierigkeiten bereitet. Schuld- und Schamgefühle sowie Angst vor Abwertungen u. ä. wirken seitens der Opfer als Hemmfaktoren gegenüber der Offenlegung der Gewalterlebnisse. Bei den potentiellen Ansprechpartner/innen behindern nicht selten Unkenntnis und fehlendes Problembewusstsein, aber auch Vorurteile, eigene Ängste oder Unsicherheiten eine angemessene Thematisierung. In der Konsequenz bleiben viele Betroffene mit ihren Problemen allein und finden keinen Zugang zu der inzwischen vorhandenen Vielfalt an Hilfsangeboten, die eine Verarbeitung und langfristig häufig auch Heilung möglich machen.

Renate Schieweck hat im Rahmen ihrer Dissertation mittels zweier Befragungen von medizinischen, therapeutischen und beraterisch tätigen Fachkräften (sozial-)psychologische Faktoren untersucht, die ein "darüber sprechen" erleichtern oder erschweren. Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse verbindet sie das Anliegen, dass diese künftig in Fort- und Weiterbildung von Fachkräften einfließen. Das vorliegende Buch ist die Publikation dieser Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist im Stil eines Forschungsberichts abgefasst. An Zusammenfassung der Ergebnisse und eine Einleitung (Kap. 1) schließen ein Theorieteil und ein empirischer Teil an. Im Theorieteil liefert die Autorin einen vertiefenden Einblick in jene forschungsleitenden Vorüberlegungen, welche der Hypothesenbildung für eine Fragebogenstudie und eine Interviewstudie zugrunde lagen.

  • Zunächst beschreibt sie Sexuelle Gewalterfahrungen von Frauen (Kap. 2) im aktuellen Diskurs. Unter dem Stichwort Definitionen (2.1) greift sie die verschiedenen Begrifflichkeiten auf, die gegenwärtig heran gezogen werden, um das Phänomen zu umschreiben (Gewalt und Aggression bzw. geschlechtsbedingte Gewalt, häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch, date rape). Abschließend erläutert sie, welche Definition der eigenen Studie zugrunde gelegt wurde. Daran anschließend thematisiert sie die Möglichkeiten und Grenzen bei der Ermittlung der Häufigkeiten von Gewalterfahrungen (2.2), in dem sie die Zugänge über Hell- und Dunkelfeld erklärt und insbesondere die Schwächen beider Ermittlungsmethoden heraus stellt. Zur Informierung über Häufigkeit / Ausmaß von Gewalterfahrungen (2.3) werden Daten der polizeilichen Kriminalstatistik, Ergebnisse von Übersichtsarbeiten zu Gewalterfahrungen von Frauen, repräsentative Bevölkerungsumfragen (aus Deutschland, Finnland, Großbritannien, Niederlande, Palästina und USA) und Ergebnisse aus Befragungen klinischer Gruppen oder besonderer Populationen heran gezogen. Auch hier werden neben Angaben bzw. Schätzungen zu sexuellem Missbrauch und zu sexualisierter Gewalt in Verbindung mit körperlicher Gewalt Fälle von häuslicher Gewalt miteinbezogen. Betreffend der Einstellungen in der Gesellschaft (2.4) problematisiert Renate Schieweck einerseits das fehlende Bewusstsein bezüglich sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Gesundheitssystem und andererseits so genannte Vergewaltigungsmythen. Die Auswirkungen von Gewalt (2.5) beleuchtet die Autorin sowohl individuell wie auch gesellschaftlich. Bezogen auf die betroffenen Frauen führt sie aktuelle Angaben über psychische, soziale und körperliche Folgen von sexuellem Missbrauch, von Vergewaltigung und von häuslicher Gewalt auf unter besonderer Berücksichtigung der posttraumatischen Belastungsstörung und geht kurz auf den Aspekt der Heilung ein. Im Hinblick auf die Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene stellt die Autorin die finanziellen Kosten besonders heraus. Unter Möglichkeiten und Grenzen der Hilfe (2.6) werden schließlich Hilfsangebote für Frauen (von Freunden und Verwandten bis zum Frauenhaus und Beratungsstellen) skizziert, aber auch Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene wie etwa Gesetzesänderungen, Kooperationsmodelle (z. B. Projekte gegen Männergewalt) und breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit. Die Autorin beschließt das Kapitel mit einer Zusammenfassung (2.7), in der sie noch einmal kurz auf die Eigenlogik des Kapitels eingeht.
  • Unter dem Titel (Sozial-) psychologische Einflussfaktoren auf die Äußerung und Wahrnehmung von Gewalterfahrungen (Kap. 3) behandelt Renate Schieweck jene Faktoren, die nach ihren Erkenntnissen Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung und Thematisierung sexueller Gewalterfahrungen. Die Autorin leitet dieses Kapitel mit Beispielsituationen (3.1) möglicher Dialoge zwischen Fachkräften und betroffenen Klientinnen ein. Dem folgt eine eingehende Betrachtung der Kommunikationssituation als Rahmenbedingung (3.2) für ein problemadäquates Gespräch zwischen Fachkraft und betroffenen Frauen. Im Anschluss an eine Veranschaulichung der Prozesshaftigkeit sozialer Wahrnehmung (3.3) werden die als relevant erachteten Einflussfaktoren im Detail diskutiert. Dazu zählen der Einfluss von Affekten auf die Informationsverarbeitung (3.4), von Kognitionen (3.5), von Einstellungen (3.6), von Attribution und Kausalattribution (3.7), von Heuristiken (3.8) und schließlich von selbstbezogenen Kognitionen (3.9). Die eingangs dargestellten Beispielsituationen werden dabei jeweils herangezogen, um nach der definitorischen Umschreibung der Faktoren ihre Bedeutung und Funktion im Hinblick auf Wahrnehmung und Thematisierung von Gewalterfahrungen anschaulich zu machen. Das Kapitel schließt wiederum mit einer Zusammenfassung (3.10), in der noch einmal jene Aspekte betont werden, die es einer Fachkraft ermöglichen, eine von Gewalt betroffene Frau als solche zu identifizieren bzw. sie zum Sprechen zu ermutigen.
  • Der empirische Teil beginnt mit der Darstellung von Fragestellung und Hypothesen der Studie (Kap. 4), wobei drei Fragestellungen als zentral vermittelt werden: Das Forschungsinteresse richtete sich danach zum einen auf mögliche Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß der im Gedächtnis gespeicherten Informationen wie Wissen / Kognitionen sowie Einstellungen der Fachkräfte auf der einen Seite und der Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt auf der anderen Seite. Zum zweiten wurden Antworten auf die Frage gesucht, ob charakteristische Prozesse im Zusammenhang mit dem Ziehen von Schlussfolgerungen bzw. dem Treffen von Entscheidungen und Urteilen einen Einfluss auf die Wahrnehmung sexualisierter Gewalt haben. Die dritte zentrale Fragestellung schließlich lautete, ob selbstbezogene Kognitionen die Bereitschaft erhöhen, sexuelle Gewalterfahrungen auch als solche wahrzunehmen.
  • Von den beiden Studien wird dann zunächst die Fragebogenstudie (Kap. 5) mit einer Beschreibung von Design (5.1), Methodik (5.2) und Auswertung (5.3) und Zusammenfassung (5.4) dargestellt. Anhand der Ergebnisse der Befragung von insgesamt 1.021 Fachkräften (Ärzte/innen, psychologische Psychotherapeuten/innen und Mitarbeiter/innen von Beratungsstellen) kommt die Autorin u. a. zu dem Schluss, dass bei der überwiegenden Mehrzahl der befragten Fachkräfte (71,5%) Gewalt gegen Frauen in der Arbeit wenn überhaupt, so nur eine geringe Rolle spielt. Die Fachfrauen sahen des weiteren die Bedeutung des Themas häufiger als die Fachmänner, und jüngere Kollegen/innen scheinen eher eine Wahrnehmung für die Betroffenheit von Frauen zu haben als ältere Fachkräfte. Die Einschätzung, dass Klientinnen von Gewalt betroffen sind, variieren zudem je nach Berufsgruppe. So findet sich die niedrigste Rate bei den Medizinern/innen und die höchste Rate bei therapeutischen und beraterischen Fachkräften.
  • Die Interviewstudie (Kap.6) erfährt eine gleichfalls umfassende Darstellung mit den Gliederungspunkten Design (6.1), Methodik (6.2), Auswertung (6.3) und schließlich Zusammenfassung (6.4). Im Rahmen dieser Studie waren mit 65 Fachkräften Interviews anhand eines Leitfadens durchgeführt worden. Laut den Ergebnissen fühlten sich u. a. über 90% der hier befragten Fachkräfte ausreichend über das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen informiert, wobei ein ebenfalls hoher Prozentsatz trotzdem weiteren Informationsbedarf formuliert. Als förderliche Rahmenbedingungen im Hinblick auf eine Offenlegung der Gewalterfahrungen durch die betroffenen Frauen nannten die Befragten beispielsweise die Herstellung einer vertrauensvollen, guten Beziehung und eine besondere Sorgfalt gegenüber Betroffenen etwa in der Form, dass den Frauen geglaubt wird und verstärkt Sorge für sie getragen wird.
  • Dieser Darstellung folgt ein Vergleich beider Studien (Kap. 7). An die Gegenüberstellung von Ergebnissen der Fragebogen- und Interviewstudie schließt die Untersuchung der Hypothese an, dass die Zahlen über das Ausmaß von Gewalterfahrungen, welche durch Befragungen von Frauen gewonnen wurden, höher liegen als diejenigen, die von Fachkräften angegeben werden. Die Überprüfung und letztendliche Bestätigung der Hypothese erfolgt anhand eines Abgleichs der eigenen erhobenen Daten mit Angaben aus der Literatur über Aussagen von Frauen als Klientinnen.
  • Das Werk schließt ab mit einer Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse (Kap. 8) und einem Ausblick (Kap. 9).

Fazit

Inhaltlich ist der erste Teil sehr umfassend, was Zahlen, Fakten, Daten zum Thema Gewalterfahrungen von Frauen angeht. Er liefert auch mit der Problematik bislang wenig vertrauten Leser/innen einen Eindruck des gegenwärtigen Erkenntnisstands und erleichtert so einen thematischen Einstieg. Verwirrend ist bisweilen die Einbeziehung von Fällen häuslicher Gewalt (im Sinne der körperlichen Misshandlung), zumal der Obertitel eine Spezialisierung auf sexualisierte Gewalt betont.

Die anschließende Beschreibung der Einflussfaktoren und ihrer Bedeutung für die hier behandelten speziellen Settings fördert einen differenzierten Blick auf das Verhalten von Fachkräften, der zwar allseits als notwenig erachtet wird, in Routinen des professionellen Alltags allerdings häufig verloren geht.

Ebenfalls sehr ausführlich dargestellt werden im zweiten Teil die Prozesse der eigenen Datenerhebung und die Ergebnisse der Befragungen, wobei die Vielzahl von Schaubildern und Tabellen auf ein großes Interesse an Transparenz hinweist.

Diese detaillierte Präsentation kann forschungsferne Leser/innen überfordern, auch wenn die Ergebnisse an sich aufschlussreich sind. Insbesondere die ausführliche Darstellung methodischer Aspekte der Datengewinnung und Auswertung erschweren mehrfach die Lesbarkeit der Arbeit. Als Gedächtnisstütze für die Leser/innen wird an verschiedenen Stellen des Buches auf den Ausgangspunkt und das Ziel der Untersuchung eingegangen, wobei die Hilfestellung nur begrenzt wirksam wird.

Die Ergebnisse sind nicht wirklich überraschend, bestätigen jedoch einmal mehr die schon lange in der Fachwelt vorhandene Annahme, dass Information und Reflexion notwendige Aspekte gelingender Kommunikation sind. Im Falle von Gewalterfahrungen von Frauen bedeutet dies, dass ausreichendes Wissen über Erscheinungsformen, Auswirkungen und Hilfsangebote unerlässlich ist, wenn es darum geht, Betroffenen bei der Offenlegung der eigenen Erlebnisse angemessene Unterstützung leisten zu können. Eine solche Unterstützung setzt überdies voraus, dass Fachkräfte eigene Haltungen und Einschätzungen stets im fachlichen Austausch hinterfragen. Da in der Untersuchung mehrere Berufsgruppen befragt wurden, nämlich Ärzte/innen, Psychotherapeuten/innen, Mitarbeiter/innen in Krankenhäusern und Mitarbeiter/innen von spezialisierten Beratungsstellen, liefern die Ergebnisse bei näherer Betrachtung auch Anhaltspunkte für die notwendige Schwerpunktsetzung in fachspezifischen Fortbildungsmaßnahmen.

 


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 27.12.2005 zu: Renate Schieweck: Sexuelle Gewalterfahrungen von Frauen. Durch welche (sozial-)psychologischen Faktoren wird die Wahrnehmung von Fachkräften beeinflusst? Tectum-Verlag (Marburg) 2005. ISBN 978-3-8288-8847-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3142.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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