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Dagmar Pauli: Die anderen Geschlechter

Rezensiert von Prof. Dr. Carl Heese, 13.12.2023

Cover Dagmar Pauli: Die anderen Geschlechter ISBN 978-3-406-80728-2

Dagmar Pauli: Die anderen Geschlechter. Nicht-Binarität und (ganz) trans* normale Sachen. Verlag C.H. Beck (München) 2023. 272 Seiten. ISBN 978-3-406-80728-2. 18,00 EUR.

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Thema

Pauli berichtet von ihrer ‚Entdeckungsreise‘ durch das Thema Geschlechtsidentität seit ihrer Übernahme der Sprechstunde in Zürich. Die Themen und Debatten im Zusammenhang mit den neuen und alten Genderfragen, vor allem aber die Personen, die sie dabei getroffen hat, sind die Stationen dieser Reise.

Autorin

Dagmar Pauli ist seit 2010 Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie betreut dort auch die Gendersprechstunde für Kinder und Jugendliche.

Aufbau und Inhalt

Pauli beschreibt zunächst die Bewegung, die die traditionellen Kategorien der Geschlechtsidentität herausfordert. Den häufig geäußerten Verdacht, dass es sich hier um einen Hype in den neuen Medien handelt, teilt sie nicht. Sie sieht hier eine Verwechslung von Ursache und Wirkung: Dass ein wichtiges Thema der neuen Generation auch in den neuen Medien erscheint, ist zu erwarten. Probleme mit der Zuordnung zu ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ sind an sich nicht neu, als das eigentlich Neue der aktuellen Debatte sieht sie das dimensionale Verständnis der Geschlechter, bei dem neben den Polen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ auch Zwischenstufen zur Identitätsbeschreibung genutzt werden.

Sie nimmt dann den Ausgang von der traditionellen, ‚total gegenderten Welt‘ mit ihrer kategorial klaren Unterscheidung der Geschlechter. Bei näherem Hinsehen verflüssigen sich die Verhältnisse. So zeigen Studien, dass sich die Geschlechter in Untersuchungen zu Fähigkeiten und Verhaltensweisen in sich weit mehr unterscheiden als im Abstand zueinander. Wie historisch und kulturell willkürlich die Zuschreibungen sind, wird dann in einem schönen Abschnitt zur Einschätzung der Farbe Rosa vorgeführt. Insgesamt findet sich kein einziges Merkmal, mit dessen Hilfe man auf der Ebene des Verhaltens eine klare Zuordnung zu einem von zwei Geschlechtern vornehmen könnte. Eine weniger strikte Trennung und eine Orientierung an einem Spektrum, ein dimensionales anstelle eines kategorialen Verständnisses entlaste auch die cis Menschen.

Die Zahl der körperlichen und psychischen Geschlechter ist dann das weitere Thema. Biologie und Humanmedizin wissen seit langem um einen konstanten Anteil an nicht eindeutig binären Verhältnissen. Die Situation ist aber auch in psychischer Hinsicht komplex, hier finden sich neben trans Menschen auch solche, die sich nicht als Frau oder als Mann, sondern als nicht-binär identifizieren. Ihr Anteil nimmt in den Gendersprechstunden in den letzten Jahren zu.

Ein Abschnitt stellt die rechtlichen Bedingungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich dar, die für einen Eintrag als divers oder eine Änderung des Geschlechtseintrags gelten.

Dann kommen ausführlich junge trans Menschen in ihrem Ringen um ihre geschlechtliche Identität zu Wort. Zu Orientierung wird dabei ein Modell der Ebenen der Geschlechtsidentität eingeführt. Weitere Punkte sind der Unterstützungsbedarf für eine Selbstfindung, die nötige Offenheit in der Begleitung, das mögliche Ergebnis einer dauerhaften Nicht-Festlegung.

Die Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität leisten die Heranwachsenden, indem sie ihre innere Erfahrung mit den Zuordnungsangeboten ihrer Umwelt in einem längeren Prozess abgleichen. Schwierigkeiten können sich dabei auch im Falle einer grundsätzlichen Kongruenz von Selbsterfahrung und angebotener Selbstbeschreibung ergeben. Hier liegen die Identitätsprobleme von Jugendlichen, die sich z.B. nicht als ‚richtiger Junge‘ erleben, obwohl sie mit der Zuordnung als Junge grundsätzlich kein Problem haben. Das Problem der Inkongruenz besteht dann darin, dass die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale eine von der Selbsterfahrung abweichende Definition von außen nahelegen. Dagegen betont Pauli die Legitimität des Wunsches, nach dem eigenen Identitätserleben zugeordnet zu werden – auch im Gegensatz zu den Geschlechtsstereotypen. Der Weg zur Feststellung der Identität ist dabei nur über die Gespräche in der Begleitung der jungen Menschen möglich, es gibt keine andere Möglichkeit wie etwa ein Testverfahren.

Mit der gendergerechten Sprache versuchen wir, den erweiterten Möglichkeiten der Realisierung von Geschlechtsidentitäten gerecht zu werden. Für Pauli ist die Bemühung um das passende Gendern eine Frage des Respektes vor den betreffenden Menschen. Sie gibt dazu einen kleinen Guide für den alltagssprachlichen Umgang. In wissenschaftlicher Terminologie wird hier von Geschlechtsinkongruenz, die Geschlechtsvarianz und Geschlechtsdysphorie gesprochen, diese Begriffe ersetzen den alten pathologischen Begriff der Transsexualität, der nur noch polemisch Verwendung findet.

Die Frage der Geschlechtszuschreibung wird häufig mit der der sexuellen Orientierung verknüpft. Sie sollten aber getrennt betrachtet werden. Beide hängen nur wenig zusammen.

Zum familiären Umfeld der jungen trans Menschen zeigen Studien, wie sehr sie in der Familie in Isolation geraten können. Entscheidend für ihr Wohlbefinden ist die Akzeptanz der Eltern. Der Kinderwunsch scheint bei trans Menschen gegenüber cis Menschen leicht erhöht zu sein.

Bei der Frage der Persister und Desister geht es darum, ob Kinder mit geschlechtsvariantem oder inkongruentem Verhalten auch nach der Pubertät als trans Erwachsene leben oder nicht. Pauli zeigt, wie genau man hier die Studien lesen muss, und wendet sich gegen eine voreilige Verwendung von Studienergebnisse, mit denen man Jugendlichen ihr Mitspracherecht für Behandlungen wie die Pubertätsblockade nehmen möchte. Die ‚soziale Transition‘ ist dann die öffentliche neue geschlechtliche Selbstdefinition, die auch einen anderen Vornamen einschließt. Die Komplexität der Entscheidung für diesen Schritt entfaltet Pauli ausführlich, sie sieht in ihr keine medizinische Angelegenheit, sondern eine Sache der Familie. Die professionelle Begleitung der Kinder und Jugendlichen ist ergebnisoffen und affirmativ. Letzteres ist sie nur im Blick auf die Akzeptanz dessen, was die Betroffenen als ihre Identität erfahren und probieren wollen. Der affirmative Ansatz beinhaltet keine Vorentscheidung zugunsten medizinischer Maßnahmen der Geschlechtsangleichung. Die Akzeptanz für die Wege der Identitätsentwicklung hat immer Vorrang. Zur Begleitung gehört aber auch die kritische Herausforderung bei der Diskussion der sozialen Transition und der medizinischen Maßnahmen.

Die medizinische Behandlung hat mehrere Stationen, bei der keine die nächste bereits notwendig macht. Ein erster Schritt kann eine medikamentöse Pubertätsblockade sein, mit der sich etwa zwei Jahre Zeit gewinnen lässt, ehe irreversible geschlechtliche Veränderungen eintreten. Die hormonelle und die operative Geschlechtsangleichung sind dann weitere Schritte, die jeweils ausführlich mit den Betroffenen besprochen werden müssen. Kein Schritt nötigt dabei zum nächsten. Manche trans Menschen verzichten auf eine chirurgische Angleichung nach der hormonellen Behandlung. Sie ersparen sich damit OP-Risiken und nutzen den Spielraum einer nicht mehr total gegenderten Welt.

Ein besonderes Kapitel ist die Geschlechtsinkongruenz bei Autismus. Sie tritt hier häufiger auf. Die Betroffenen teilen sich aber erst relativ spät dazu mit.

Wie geht es trans Menschen heute? Pauli beantwortet diese Frage nur wenig optimistisch. Die empirischen Ergebnisse zeigen eine hohe Rate an psychischen Auffälligkeiten, dem familiären Umfeld kommt dabei eine Rolle als Moderator zu. Die Akzeptanz im schulischen Umfeld habe sich in den letzten Jahren verbessert. Trotzdem besteht weiter eine Ablehnung durch das Umfeld und im Zusammenhang damit häufig eine Selbstablehnung, die ‚innere Transfeindlichkeit‘. Die Lage für außereuropäische trans Menschen ist noch bedrückender.

Ausführlich widmet sich Pauli der häufig gestellten Frage nach dem Anstieg der Zahl der trans Jugendlichen. Sie zieht wieder Studien heran, die sie kritisch erörtert. Demnach könnten zwischen 3 und 8 Promille der Bevölkerung trans Menschen sein, die beobachtete Zunahme in der Beanspruchung von Transgendersprechstunden könnte auf eine Abnahme des Dunkelfelds zurückzuführen sein. Insgesamt können wir unter repressiven Bedingungen aber nicht realistisch abschätzen, wie viele trans und nicht-binäre Menschen es gibt.

Ausführlich setzt sich Pauli mit transkritischen Meinungen auseinander. Sie analysiert hier die Positionen von konservativen Hardlinern, Feministinnen wie Alice Schwarzer, die zwischen echten und falschen Transpersonen unterscheiden will, oder der Autorinnen Rowling oder Engelke. Dabei erörtert sie eingehend die Motivlagen der Betreffenden. Bei Rowling sieht sie einen Zusammenhang mit ihrer Gewalterfahrungen in der Ehe und bei Schwarzer eine Dominanzgebaren, das um die Definitionsmacht über den Feminismus alter Schule fürchtet.

Ausführlich wird auch die Littmann-Studie analysiert, bei der allein aus Elterninterviews eine durch Peerkontakt sozial bedingte Genderdysphorie bei Jugendlichen ableitet wird.

Ein ‚kleines Gender-Wörterbuch‘ beschließt den Band.

Diskussion

Pauli stellt das Thema der trans und nicht-binären Identitäten ausführlich vor. Sie sieht es in der Reihe der emanzipatorischen Anerkennungskämpfe. Dabei geht Pauli klassisch humanistisch von den einzelnen Menschen und ihrem Identitätserleben aus, das, wie sie betont, grundsätzlich nicht verhandelbar ist, auch wenn die Identitätsfindung manchmal ein kurvenreicher Weg mit Transition und Detransition sein kann.

Sie ist überzeugt, „in der aktuellen Debatte über die Rechte von trans Menschen wird zu wenig zugehört“. So legt sie in ihrem klug konzipierten Buch nicht nur die Sachverhalte und Positionen dar, die sie auf ihrer persönlichen ‚Reise durch das Thema Geschlechtsidentität‘, erarbeitet und erfahren hat, sondern lässt auch eine große Zahl von Betroffenen zu Wort kommen. Auf diese Weise gibt sie den Lesern*innen Gelegenheit, sich im Zuhören zu üben. Etwa zehn junge Leute berichten in dem Buch über ihre Suche nach einem für sie stimmigen Selbstverständnis, über ihr Outing sowie die schwierigen Entscheidungen in ihrer Behandlung. Ein Abschnitt mit Bildern stellt einige von ihnen auch visuell als sympathische junge Leute vor. Von den Problemen des Zuhörens spricht auch die Psychotherapeutin Tanja Schenker. Sie berichtet auf einigen Seiten von den Phasen in der Beratung von trans Jugendlichen und verschweigt nicht, wie die neuen Geschlechtsidentitäten auch für sie persönlich bei aller Professionalität immer wieder eine Herausforderung darstellen. Eine außereuropäische Perspektive steuern Mayu und S. aus Laos bei. Mit deren Berichten zeigt Pauli nebenbei, dass das Thema nicht allein eines des dekadenten Westens ist.

Entwicklungspsychologisch zentral ist die Einschätzung, dass die Geschlechtsidentität nicht mehr selbstverständlich ist. Die Jugendlichen müssen sie jeweils für sich finden. Damit ist eine neue Entwicklungsaufgabe für die Jugend gestellt. Paulis Appell lautet dabei: „Lassen wir diese jungen Menschen machen.“

Insgesamt bietet das Buch viele Informationen über die Sachverhalte der Geschlechtsidentität, die Bedürfnisse der Betroffenen, ihre rechtliche Situation und die Möglichkeiten der Begleitung und der medizinischen Behandlung. Dazu rollt Pauli auch die breitere gesellschaftliche Diskussion auf. Der nüchterne Scharfblick, die Klarheit und die faire Ausgewogenheit, mit denen sie die Position von Alice Schwarzer oder von J.K. Rowling und weiterer Protagonisten zurechtrückt, sind bewundernswert.

Insgesamt ist das Buch geschickt angelegt, sachlich ungemein reichhaltig und von sehr viel persönlicher Erfahrung beglaubigt. Dazu ist es wunderbar zu lesen und mit seinem Bildteil obendrein schön anzusehen.

Fazit

Auf kluge Weise legt Pauli die Sachverhalte und Positionen zum Thema der trans und nicht-binären Identität dar und lädt geschickt dazu ein, Menschen mit ungewöhnlichen Identitäten besser zuzuhören.

Rezension von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 41 Rezensionen von Carl Heese.

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ISSN 2190-9245