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Sarada Balagopalan, John Wall et al. (Hrsg.): The Bloomsbury Handbook of Theories in Childhood Studies

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 12.06.2024

Cover Sarada Balagopalan, John Wall et al. (Hrsg.): The Bloomsbury Handbook of Theories in Childhood Studies ISBN 978-1-350-26384-0

Sarada Balagopalan, John Wall, Karen Wells (Hrsg.): The Bloomsbury Handbook of Theories in Childhood Studies. Bloomsbury (New York, NY 10018) 2023. 392 Seiten. ISBN 978-1-350-26384-0.

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Thema

Das Thema Kinder und Kindheiten hat seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verstärkt Aufmerksamkeit gefunden. In den Sozial- und Erziehungswissenschaften haben sich neue Ansätze der Kinder- und Kindheitsforschung herausgebildet. Sie setzen sich mit überkommenen Kindheitsbildern auseinander und versuchen, sich dem Leben der Kinder aus deren Perspektive zu nähern. Kindheit wird als historisches Phänomen begriffen, das immer wieder im Wandel ist und gerade zum Ende des 20. Jahrhunderts neue Konturen angenommen hat und die Kinder ebenso wie die Gesellschaften vor neue Herausforderungen stellt. Im Unterschied zu früheren Ansätzen in den Kindheitswissenschaften, z.B. in der sog. Sozialisationsforschung, werden Kinder nicht mehr nur als Objekte Erwachsener oder nachrangige Teile der Familie verstanden, sondern als Subjekte und Akteur*innen, die aktiv an ihrer eigenen Sozialisation mitwirken und in ihren Gesellschaften verstärkt auf Mitsprache drängen. In diesem Zusammenhang wird auch den Rechten der Kinder wachsende Bedeutung beigemessen.

In den theoretischen Debatten, die seit den 1980er Jahren die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung prägen, haben sich verschiedene Lesarten und Forschungsansätze herausgebildet, die im Englischen gemeinhin unter dem Begriff „new social childhood studies“ zusammengefasst werden: zum einen eine mikrosoziologisch-ethnografische Kinderforschung, die sich einzelnen oder Gruppen von Kindern und ihrem Handeln in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten widmete; zum zweiten ein konstruktivistischer Ansatz, der Kindheit als historisch variable soziale Konstruktion versteht, in der sich insgeheim Machtinteressen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen niederschlagen, die ihrerseits ideologiekritisch dekonstruiert werden; zum dritten ein sozialstruktureller Ansatz, der Kindheit analog zu den Begriffen Klasse oder Gender als eine alle menschlichen Gesellschaften kennzeichnende, je verschiedene gefasste Strukturkategorie versteht, die das Verhältnis verschiedener Generationen ausdrückt und bestimmt.

Über Kontroversen und unterschiedliche Akzentsetzungen hinweg, stimmen alle diese Ansätze darin überein, dass Kinder und Kindheit(en) nicht als natürliche, sondern als soziokulturelle Phänomene zu verstehen sind. Sie wenden sich gegen überkommene und z.B. lange Zeit in der Entwicklungspsychologie verbreitete Vorstellungen, wonach Kinder und Kindheit eine Art Vorstadium zum vermeintlich vollkommenen Erwachsensein seien („becomings“), und bestehen darauf, Kinder und Kindheit als eigenständige Lebensformen mit spezifischen Eigenschaften, Eigeninteressen und Fähigkeiten, folglich auch mit eigenen Rechten zu verstehen („beings“). Kindern wird attestiert, dass sie an der Gestaltung der Gesellschaft und ihres eigenen Lebensprozesses aktiv mitwirken („agency“), wenn auch unter je spezifischen strukturellen Rahmenbedingungen, die über die Relevanz ihrer Kompetenzen und die Reichweite ihres Handelns mitentscheiden.

Entstehungshintergrund

Spätestens seit der Jahrtausendwende haben sich die theoretischen Zugänge in der Kindheitsforschung stark ausdifferenziert. Es sind verstärkt Theorien wie die auf den Philosophen und Historiker Michel Foucault zurückgehende Theorie der Gouvernementalität, die auf den Soziologen Pierre Bourdieu zurückgehende Habitustheorie, die auf den Soziologen Bruno Latour zurückgehenden Netzwerktheorie oder feministische und postkoloniale Theorien aufgegriffen und in die Kindheitsforschung integriert worden. Die große Vielfalt an theoretischen Ansätzen bildet den Anlass und Hintergrund für die Herausgabe des hier rezensierten Handbuchs und wird in der Einleitung der Herausgeber:innen ausführlich begründet.

Herausgeber:innen

Sarada Balogapalan ist Professorin für Kindheitsstudien an der Rutgers University in New Jersey, USA. In ihren Veröffentlichungen verbindet sie ethnografische und historische Forschung zur Marginalisierung und Diskriminierung von Kindern und Kindheiten im kolonialen und postkolonialen Indien, wobei sie sich vorwiegend auf postkoloniale und feministische Theorien stützt. 

John Wall ist Professor für Philosophie, Religion und Kindheitsstudien an der Rutgers University in New Jersey, USA, und dortselbst Gründer und Leiter des Childism Institute. Seine Forschungen bewegen sich an den Schnittschnellen von politischer Philosophie und Ethik und verbinden poststrukturalistische Theorien mit neuen Ansätzen der Kinderrechtsforschung.

Karen Wells ist Professorin für Internationale Entwicklung und Kindheitsstudien an der University of London. Sie hat insbesondere zu Kindheiten und ihren Subjektivitäten im Kontext von Globalisierungsprozessen geforscht, zuletzt über die Zusammenhänge von Kindheit, Kultur und Wissen in Westafrika und Äthiopien.

Aufbau

Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert.

Teil I, „Subjectivities“, konzentriert sich auf die Theoriebildung darüber, wie Kinder und Jugendliche sich selbst und ihre Identitäten verstehen und erleben, vor allem durch ihre eigene Agency bzw. Handlungsfähigkeit, ihre Stimmen und Sichtweisen.

Teil II, „Relationalities“, befasst sich mit Theorien über die Verbindungen und Abhängigkeiten junger Menschen in Bezug auf andere Kinder, Erwachsene, Gemeinschaften, Kulturen, Gesellschaften, Politik, Materialität und Natur.

Teil III, „Structures“, befasst sich mit der Auseinandersetzung von Kindern mit sozialen Systemen und Institutionen, wie Schulen, lokales und internationales Recht, Justizsysteme, Wirtschaft, Machtbeziehungen und historische Kulturen. Obwohl die in den jeweiligen Teilen behandelten Themenbereiche ineinander übergehen und sich überschneiden, erleichtert die Gliederung, verschiedene theoretische Zugänge zu unterscheiden.

Inhalt

Der grundlegende Wandel, den die Kindheitsforschung im Verständnis von Kindheit(en) bewirkt hat, ist ihre Aufmerksamkeit für Kinder als „Subjekte“. Dies drückt sich nicht nur darin aus, dass die spezifischen Handlungsfähigkeiten („Agency“) von Kindern anerkannt werden, sondern wirkt auch einer Denkweise entgegen, die Kindheit nur als eine Art „natürliches“ Vorstadium des „entwickelten“ und „vollkommenen“ Erwachsenseins versteht. Der Fokus auf die Subjektivität von Kindern im ersten Teil des Handbuchs lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie Kinder über sich selbst und ihre sozialen, politischen, wirtschaftlichen, geografischen und kulturellen Realitäten denken. Mit der Anerkennung der Agency als Schlüsselaspekt der Forschung über die Subjektivität von Kindern ermöglichten die Kindheitsstudien neue Blicke auf unsere Vergangenheit und Gegenwart, wobei Kinder in erster Linie als soziale Akteur:innen konzipiert wurden. Dabei wird aber auch hervorgehoben, dass zwischen dem Fokus der Kindheitsforschung auf die authentische Darstellung der bisher zum Schweigen gebrachten Stimmen und Sichtweisen von Kindern und der Kritik an vermeintlich „autonomen“ und handlungsmächtigen Subjekten ein Spannungsverhältnis besteht.

Im diesem Teil des Handbuchs werden Ansätze präsentiert, die sich als einige der wichtigsten Theorien im Feld herauskristallisiert haben. Während einige Kapitel hinterfragen, was als die „Stimme“ von Kindern verstanden wird, bieten andere ein kritisches Interpretationsgerüst, mit dem die Subjektivität von Kindern jenseits individualisierender Zugänge bearbeitet und verstanden werden kann. Die Kapitel von Anna Mae Duane, Toby Rollo und Sarada Balagopalan lenken die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, sich mit der längeren Geschichte von Rassismus und Kolonialismus und der damit einhergehenden epistemischen, wirtschaftlichen und sozialen Abwertung bestimmter Formen von Kindheit auseinanderzusetzen. Bisher dominierendes Wissen über eine vermeintlich „richtige“ oder „gute“ Kindheit wird kritisch hinterfragt und denaturalisiert. In ihrer Diskussion über die Geschichte der Literatur für und von Schwarzen Kindern in den USA macht Anna Mae Duane rassistische und infantilisierende Tendenzen sichtbar. Toby Rollo zeichnet die rassistischen Implikationen der Ausgrenzungen nach, die sich aus dem mit der europäischen Aufklärung entstandenen Entwicklungsmodell von Kindheit ergeben. Auch Sarada Balagopalan plädiert in ihrem Kapitel dafür, bestehende hegemoniale Annahmen über Kindheit zu hinterfragen, indem sie die Entstehung des liberalen Humanismus und der modernen westlichen Selbstgewissheit als zutiefst verstrickt mit der epistemischen und rassistischen Abwertung bestimmter Lebensweisen diskutiert.

In den Kapiteln von Spyros Spyrou und Peter Kraftl wird deutlich, wie die neuere Hinwendung zur Ontologie das Konzept der Agency in den Kindheitsstudien verkompliziert. Spyros Spyrou fragt nach den neuen Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man Kinder als ontologische Wesen betrachtet, deren Sein aus ihren Begegnungen mit anderen Menschen hervorgeht. Peter Kraftl bietet einen Überblick über die wichtigsten neuen theoretischen Ansätze im Bereich der Kindergeografie und erläutert sein Konzept der „after childhood“, mit dem er die linearen zeitlichen Logiken der Kindheit als Lebensphase hinterfragen will. Katherine Runswick-Cole, Dan Goodley und Kirsty Liddiard berichten von den subjektiven Erfahrungen eines als behindert eingestuften Kindes, um die Möglichkeiten auszuloten, wie die kritische Behindertenforschung für die Kindheitsstudien fruchtbar werden kann. Derselbe Wunsch, bestehende theoretische Rahmen zu erweitern, liegt auch dem Kapitel von Utsa Mukherjee zugrunde, in dem er den möglichen Beitrag bisher wenig beachteter rassismuskritischer Queer-Theorien für eine kritische Kindheitsforschung erörtert. Ilina Singh erörtert in ihrem Kapitel ihr Konzept der „empirischen Bioethik“, um besser zu verstehen, wie „moralische Agency“ von Kindern entsteht und ihre Subjektivitäten formt.

Der zweite Teil des Handbuchs befasst sich mit den relationalen Aspekten des Kindseins. Der englische Begriff „Rationalities“ bezieht sich hier auf die Art und Weise, wie gelebte Erfahrungen in vielfältigen und sich überschneidenden sozialen Zusammenhängen verortet sind. Er ist in einem weit gefassten, von feministischen Ansätzen betonten Sinne der zwischenmenschlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen, ökologischen und anderen konstituierenden Interdependenzen gemeint, die definieren, was es bedeutet, ein soziales Wesen zu sein. Kinder gelten zwar als Akteur:innen mit eigenen Subjektivitäten und gehören zu systemischen sozialen Strukturen, aber sie nehmen gleichzeitig auch an verschiedenen Arten von sich gegenseitig konstituierenden Beziehungsformen teil. In den Kapiteln dieses Teils wird untersucht, wie die Theoriebildung in den Kindheitsstudien das Verständnis dafür ermöglicht, wie Kindheiten aus sozialen Beziehungen hervorgehen und wie soziale Beziehungen von Kindern konstituiert werden. Jedes Kapitel untersucht einen bestimmten, sich jedoch überschneidenden Sinn, in dem Kindheiten in Bezug auf ihre Beziehungskontexte verstanden werden können.

Lucia Rabello de Castro erläutert, wie ein dekolonialer Ansatz zu Kindheiten dazu beitragen kann, den Fokus auf die Lebens-, Beziehungs-, materiellen und territorialen Bedingungen der Existenz von Kindern zu richten. David Oswell plädiert für ein Konzept der „Assemblage“, das die Handlungsfähigkeit von Kindern als durch vielfältige Verbindungen mit anderen motiviert ansieht. Aria S. Halliday zeigt, wie Studien über Schwarze Mädchen im „Hip-Hop-Feminismus“ und dessen Aufmerksamkeit für soziale Kreativität und Spielfreude verankert werden können. Olga Nieuwenhuys und Karl Hanson argumentieren in ihrem theoretischen Ansatz der „Living Rights“, warum das Verständnis der Kinderrechte bei den eigenen Konzeptualisierungen und Auseinandersetzungen der Kinder mit ihrer Welt ansetzen muss. Jessica K. Taft zeigt in ihrer Betrachtung des „Protagonismo“ der Bewegungen arbeitender Kinder in Lateinamerika, dass die sich organisierenden Kinder selbst theoretische Arbeit leisten, indem sie die Gestaltung der sie umgebenden sozialen und Machtverhältnisse beeinflussen. Hanne Warming stellt mit ihrem Konzept des „Prism Research“ einen methodologischen Ansatz vor, der den Sichtweisen der Kinder in umfassender Weise gerecht zu werden versucht. John Wall begründet in seinem Konzept des „Childism“, wie die kritische Theorie selbst aus der Perspektive der marginalisierten Lebenserfahrungen von Kindern rekonzeptualisiert werden kann. Hannah Dyer beschreibt, wie die Queer-Theorie genutzt werden kann, um zu verstehen, wie die Geschichten von Kindern das soziale Verständnis stören und mitproduzieren.

Einige der Kapitel des dritten Teils beziehen sich auf breit angelegte Gesellschaftstheorien und zeigen, wie diese herangezogen werden können, um unser Verständnis der Struktur-Agency-Dialektik in Bezug auf Kindheit(en) weiterzuentwickeln. Karen Smith begründet, wie die Theorie der Gouvernementalität die spezifischen Formen der Kindheit und ihre Instrumentalisierungen im neoliberalen Kapitalismus zu verstehen hilft. Priscilla Alderson erläutert, was das auf Roy Bhaskar zurückgehende philosophische Konzept des „kritischen Realismus“ zur Analyse und Fundierung der Rechte von sehr jungen Kindern beitragen kann. Ann Phoenix greift auf psychosoziale Theorien zurück, um das Zusammenspiel zwischen der in sozialen Strukturen eingebetteten epistemischen Gewalt und den Emotionen von Kindern in Prozessen der Rassifizierung zu untersuchen.

Eine der zentralen und am längsten bestehenden Strukturen, die die Kindheit strukturieren, ist die Schule. Die Schule als soziale Struktur ist in der Erziehungswissenschaft ausgiebig theoretisiert worden, in der Kindheitsforschung dagegen weniger. Sie ist eine Struktur, die auf direkte und indirekte Weise mit anderen Strukturen verbunden ist, vor allem mit dem Staat, dem Rechtssystem und der Wirtschaft. In Bezug auf die Wirtschaft ist sie das wichtigste Mittel, mit dem die Regierung ihre Ressourcen einsetzt, um die Art von Bürger:innen und Subjekten hervorzubringen, die mit ihren politischen und wirtschaftlichen Zielen übereinstimmen. In liberal konzipierten Staaten bedeutet dies, die Entwicklung der Menschen als Humankapital zu fördern. Dieses Thema, wie die Fähigkeiten der Menschen durch die Brille der Kapitalverwertung betrachtet werden, wird von Karen Wells in ihrer Analyse des Jugendstrafrechtssystems in den USA und Großbritannien behandelt. Die in diesem Kapitel skizzierte Theorie würde, auf die Schule angewandt, deutlich machen, dass das Lernen für die zukünftige „Produktivität“ der Arbeitskraft eine der zentralen Aufgaben der Schule ist.

Damit verbunden ist das Bestreben der Schule, dem Kind eine Verpflichtung zu Produktivität und Selbstdisziplin beizubringen, die mit einem Bekenntnis zum nationalen Zugehörigkeit und der Vermittlung sozialer Identitäten, insbesondere in Bezug auf Rassifizierung und Sexismus, verbunden ist. Rachel Rosen lenkt in ihrem Kapitel die Aufmerksamkeit auf Bildung als Teil der sozialen Reproduktion. In ihrem Kapitel zur Kolonialität und den Geografien von Kindern im ländlichen Norden von Turtle Island in Kanada beschreiben Onyx Sloan Morgan, Christine Añonuevo, Richel Donaldson, Marion Erickson, Kimberley Thomas, Margo Greenwood und Sarah de Leeuw, wie die vom Kolonialstaat eingerichteten Internatsschulen für Kinder indigener Herkunft zu den konkretesten und materiellsten Zeichen der genozidalen kolonialen Bemühungen des Landes gehörten, indigene Identitäten zu vernichten, indem die Kinder physisch von ihren Familien und von indigenem Wissen und indigenen Kulturen getrennt wurden. Diese Form der epistemischen Gewalt lässt sich mit Ann Phoenix‘ Darstellung der Rassifizierung von Kindern vergleichen.

In ihrem Kapitel zeigt die Historikerin Paula Austin, wie das Kinderfürsorgesystem und das Strafrechtssystem in der Geschichte der USA eng miteinander verknüpft waren und wie Schwarze Kinder von Wohlfahrtsorganisationen ebenso überwacht wurden wie von der Polizei. Indem sie die eigenen Perspektiven der Kinder auf ihre Gesellschaft und den Rassismus, mit dem sie konfrontiert waren, aus dem Verborgenen holt, versucht sie, die „Wissensweisen“ der Kinder oder ihre eigene Interpretation der politischen Kultur sichtbar zu machen und gleichzeitig zu erkennen, wie die Struktur der rassistischen Herrschaft ihre Kindheit strukturierte. Austin beschreibt auch die Betreuungsarbeit, von der einige der Kinder berichteten. Das Engagement von Kindern in dieser und anderen Formen sozialer Reproduktionsarbeit und die Frage, wie man den Platz von Kindern in der sozialen Reproduktion theoretisch begreifen kann, stehen im Mittelpunkt des Kapitels von Rachel Rosen. Die Theorie der sozialen Reproduktion macht in Verbindung mit den Kindheitsstudien sichtbar, was sonst verborgen bleibt: der Beitrag der Kinder zur Arbeit der Produktion und Reproduktion. Im gängigen Diskurs werden Kinder als außerhalb des Wirtschaftslebens stehend vorgestellt. Die Aufmerksamkeit für die Wirtschaft als eine Struktur, die Kindheiten strukturiert, lenkt den Blick auf die unzähligen Möglichkeiten, mit denen die Organisation des Wirtschaftslebens bestimmte Arten von Kindheit ermöglicht und andere ausschließt.

In ähnlicher Weise analysiert Jonathan Josefsson im Bereich der Kindermigration die Spannungen zwischen einer Kindheitsforschung, die Kinder als soziale Akteur:innen betrachtet, und der Arbeit von Flüchtlingsaktivist:innen und der Ausgestaltung des Flüchtlingsrechts, die die jungen Flüchtenden fast zwangsläufig als passive Opfer größerer Kräfte darstellt. Hedi Viterbo wiederum argumentiert, dass sowohl das Gesetz als auch die Kindheit in ihrer Interpretation fließend und in ihren Auswirkungen gewalttätig sind. Auf der Grundlage seiner Forschungen zu den Kinderrechten in Israel-Palästina zeigt er, dass das Gesetz im Rahmen der Besatzungspolitik dazu benutzt wird, als feindselig wahrgenommene palästinensische Erwachsene zu infantilisieren und ebenso wahrgenommene Kinder zu „adultisieren“, und zwar auf eine Art und Weise, die mit den umfassenderen Prozessen der Ausgrenzung und Inklusion der dominierenden Ideologie des israelischen Staates übereinstimmt.

Diskussion

Viele der Kapitel des Handbuchs sind Ausdruck dessen, was als poststrukturalistische Wende in den Kindheitsstudien bezeichnet werden könnte. Diese Wende hinterfragt und überarbeitet die Verwendung von Agency als organisierendes Konzept in der Kindheitsforschung und hat sich von der klassischen Struktur-Agency-Binarität vieler soziologischer Theorien entfernt. Die Schlüsselstrukturen, die die Kindheit prägen, wie die Familie, das Rechtssystem und die Schule, standen bereits im Mittelpunkt etablierter Disziplinen der Gesellschaftstheorie. Die Kindheitsforschung konnte nach Auffassung der Herausgeber:innen diesen Sozialtheorien eine Darstellung der Reaktionen von Kindern auf diese Strukturen als soziale Akteur:innen bieten, etwas, das in den deterministischen Konzepten dieser anderen Disziplinen fehlte.

Die in dem Handbuch beschriebenen theoretischen Ansätze und ihre Verflechtungen existieren nicht in einem Vakuum. Der Einfluss bestehender Theorien auf die Kindheitsforschung als multidisziplinäres Forschungsfeld ist weithin anerkannt. Die Kapitel in diesem Handbuch zeigen, dass Kinder und Kindheiten nicht nur neue Figuren sind, auf die bestehende Theorien angewandt werden, sondern sie testen auch die Grenzen der theoretischen Vorannahmen und erweitern sie produktiv in neue Richtungen. Die Kindheitsforschung kann selbst kritische neue Theorien hervorbringen.

Die Herausgeber:innen hoffen, dass die Leser:innen in diesem Handbuch eine reiche Fundgrube an theoretischen Möglichkeiten vorfinden, die zu neuen Denkansätzen anregen. Die Kindheitsforschung ist tatsächlich ein spannendes Feld, auch weil sie nach neuen theoretischen Perspektiven verlangt, um das Leben einer (Alters-)Gruppe zu verstehen, die oft ignoriert wird. Die Herausgeber:innen finden nicht zufällig, dass Kinder in der Gesellschaft und die Kindheitsforschung in der Wissenschaft häufig marginalisiert werden. Ihnen ist zuzustimmen, dass es fundierter und kreativer theoretischer Instrumente bedarf, um das Leben von Kindern und je besondere Kindheiten besser sichtbar zu machen, zu verstehen und anzuerkennen. Das Handbuch ist ein Beleg dafür, dass die Kindheitsforschung auf diese Weise kritische Theorie bereichern und sogar selbst sein kann.

Doch es ergeben sich auch einige Fragen. In dem Handbuch wird im Unterschied zu früheren vergleichbaren Publikationen starkes Gewicht auf die Bedeutung von Theorien gelegt, die sich mit Rassismus und den Nachwirkungen oder heutigen verdeckten Formen von Kolonialherrschaft auseinandersetzen. Diese Akzentsetzung ist zu begrüßen. Aber es ist zu bedauern, dass kaum theoretische und epistemologische Beiträge zu Kindheiten aufgegriffen werden, die außerhalb des englisch-amerikanischen Sprachraums existieren und diskutiert werden. Nur eine Autorin (Lucia Rabello de Castro) ist in einer Region des Globalen Südens zu Hause, in der mit dem brasilianischen Portugiesisch eine andere Sprache gesprochen und ebenso wie das Spanische häufig in der Literatur verwendet wird. Nur ein Beitrag stammt von einer Gruppe von Autor:innen indigener Herkunft (Onyx Sloan Morgan et al.), im vorliegenden Fall aus Kanada, die ihre Forschungen auch mit dekolonialem Aktivismus verbinden. Nur der Beitrag einer Autorin (Jessica K. Taft) überschreitet die englische Sprachgrenze, in dem sie die in Lateinamerika geläufigen Diskurse zum „Protagonismo“ arbeitender Kinder aufgreift. Gewiss ist zu würdigen, dass sich unter den Autor:innen des Handbuchs auch Personen befinden, die als Teil der Schwarzen Minderheit in den USA direkt von Rassismus und den Nachwirkungen der Sklaverei betroffen sind. Auch eine der Herausgeber:innen (Sarada Balagopalan) stammt aus Indien und ist aufgrund ihrer eigenen Biografie mit den Kindheiten des Globalen Südens und den entsprechenden Forschungen vertraut. Dies alles gilt es zu würdigen.

Insgesamt wäre aber zu wünschen, dass in Publikationen zu Theorien in der Kindheitsforschung stärker die Diskurse beachtet und aufgegriffen werden, die außerhalb des englisch-amerikanischen Sprachraums geführt werden, und sich kritischer mit den Diskursen und Erkenntnisweisen der Sozialwissenschaften auseinandersetzen, die bisher in der akademischen Welt des Globalen Norden üblich sind. Deren Einfluss manifestiert sich auch in dem meines Erachtens unnötig gedrechselten akademischen Jargon der Einleitung und mancher Kapitel. Er atmet den unseligen Geist einer abgehobenen akademischen Welt. Es mag sein, dass meine beschränkten englischen Sprachkenntnisse mein Verständnis einiger Teile des Buches erschwert haben. Aber das Handbuch hätte an Wert gewonnen, wenn die Herausgeber:innen und Autor:innen versucht hätten, sich in einer einfacheren Sprache verständlich zu machen.

Ein wesentliches Ziel des Handbuchs besteht erfreulicherweise darin, bislang ignorierten Kindheiten des Globalen Südens stärkere Beachtung zu verschaffen und sie in Forschungen einzubeziehen. Als Forscher, der selbst in Europa aufgewachsen ist und hier einen Großteil seines Lebens verbracht hat, wäre es vermessen, anderen Forscher:innen mit ähnlicher Biografie das Recht und die Kompetenz abzusprechen, Kindheitsforschung mit einer dekolonialen Perspektive zu betreiben. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das eigene Denken und die Art, zu neuen Erkenntnissen über ignorierte und unsichtbar gemachte Kindheiten zu gelangen, sehr stark davon abhängt, sich von diesen Kindheiten existentiell berühren zu lassen. Das geht nur, wenn ich mich als Forscher über zeitlich begrenzte Forschungsprojekte hinaus auf das Leben und die spezifischen Erfahrungs- und Denkweisen von Kindern des Globalen Südens einlasse. Damit verbundene erkenntnistheoretische, ethische und politische Herausforderungen sollten auch in einem Handbuch zu Theorien in der Kindheitsforschung zur Sprache kommen.

Fazit

Das Handbuch gibt einen anspruchsvollen und verlässlichen Überblick über vielfältige theoretische Ansätze in der Kindheitsforschung, die vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten entwickelt wurden. Es macht auf theoretische und epistemologische Herausforderungen aufmerksam, vor denen eine Kindheitsforschung steht, die Kindheit nicht nur aus einer beschränkten eurozentrischen Perspektive begreifen will. Es wäre allerdings auch wünschenswert gewesen Diskurse und Theorieansätze aufzugreifen, die außerhalb des englisch-amerikanischen Sprachraums zu finden sind. 

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 12.06.2024 zu: Sarada Balagopalan, John Wall, Karen Wells (Hrsg.): The Bloomsbury Handbook of Theories in Childhood Studies. Bloomsbury (New York, NY 10018) 2023. ISBN 978-1-350-26384-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31421.php, Datum des Zugriffs 16.07.2024.


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