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Armin Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe

Rezensiert von Dr. phil. Andreas Meusch, 17.01.2024

Cover Armin Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe ISBN 978-3-406-80767-1

Armin Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede. Verlag C.H. Beck (München) 2023. 399 Seiten. ISBN 978-3-406-80767-1. 28,00 EUR.

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Thema

In vielen öffentlichen Diskursen herrschen nach Überzeug des Autors allzu große Freiheitsgrade beim Gebrauch von Begriffen. Diese Beliebigkeit will er für 19 gesellschaftliche Grundbegriffe einschränken und so einen Beitrag zur Versachlichung der emotional aufgeladenen Debatten in Deutschland leisten.

Autor

Armin Nassehi ist Professor für allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Herausgeber der Kulturzeitschrift „Kursbuch“. Er wurde von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mit dem Preis für „Herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie“ ausgezeichnet.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Winter 2022/23, ist aber das Ergebnis „längerer Suchbewegungen“ (S. 7). Der Autor versteht dieses Glossar als „Reflexionsangebot“ (S. 10) und wendet sich gegen die Beliebigkeit in der Verwendung von Begriffen, indem er die Funktion der dargestellten Begriffe in der öffentlichen Debatte einordnet.

Aufbau

Neben dem Vorwort, der Einleitung, einem Anmerkungsapparat zu jedem Kapitel sowie einem Register ist das Buch durch die 19 Begriffe, die behandelt werden, gegliedert.

Inhalt

In der Einleitung wird nicht nur das Buch in den Kontext der Debattenkultur in Deutschland eingeordnet. Der Autor macht auch deutlich, welche Wörterbücher der Vergangenheit ihn inspiriert haben, und erläutert die „funktionalistische Methode“ (S. 19), mit der er die Begriffe ausgewählt hat.

Zwischen zwölf und über 30 Seiten sind die Kapitel zu den 19 gesellschaftlichen Grundbegriffen lang, die dadurch geprägt sind, dass die Begriffe in ihren historischen und gesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden, ohne eine orthodoxe Definition zu geben. Die Reihenfolge der behandelten Begriffe ist lexikalisch.

Den Auftakt macht der Begriff Demokratie. Über die „Umwege“ (S. 26) Marx und Aristoteles behandelt er die Themen Repräsentation, Verfahren, Konsentierung und Entscheidungsfähigkeit in einer komplexer werdenden Gesellschaft. Die Rede von der Demokratie hat für Nassehi die Funktion, eine kommunikative Form dafür zu finden, die Spannung zwischen Repräsentation, Teilhabe und Partizipation einerseits „und vor allem des angemessenen Umgangs mit Steuerungsproblemen in einer komplexen Gesellschaft andererseits“ (S. 44) zu finden.

Ausgehend von fünf Versuchen Freiheit zu definieren, fokussiert Nassehi auf das Thema Entscheidungsfreiheit, die auf der Ebene der Gesellschaft Ergebnisoffenheit in ihren Subsystemen voraussetzt. Über die Beschäftigung mit der Denkfigur „Freiheit als Notwendigkeit“ kommt er auf das Paradoxon, dass Entscheidungsfreiheit eine „prinzipiell unbegrenzte Offenheit“ simuliert, aber eine Welt vorfindet, „in der Alternativen bereits vorliegen“ (S. 66). An Niklas Luhmann anschließend kommt er zum Ergebnis, dass die Gesellschaft nicht einfach eine Einschränkung von Freiheit ist, „sondern die Quelle, mit Freiheit überhaupt umgehen zu können“ (S. 67).

Eine Auseinandersetzung mit den Themen Ethnozentrismus und kulturelle Aneignung steht im Zentrum des Beitrags zum Thema Fremdheit; der Fremde. Ausgehend von drei unterschiedlichen soziologischen Konzepten nähert sich der Autor der Verwendung des Begriffs im öffentlichen Gebrauch in modernen Gesellschaften, die selbst „keine eindeutigen Zugehörigkeiten“ erzeugen können (S. 78) und als dialektische Gegenbewegung so „die Renaissance des Eigenen“ hervorbringen in Verkennung der Tatsache, „dass alle Kulturentwicklung notwendigerweise immer schon kulturelle Aneignung war“ (S. 82).

Gesellschaft ist der Zentralartikel des Buches, das Thema ist im Buch „passim“ wie es im Register heißt (S. 399). Die kulturkritischen Perspektiven von Arnold Gehlen und Sigmund Freud bilden den Ausgangspunkt, um mit Durkheim den „Eigensinn“ von Gesellschaft als „Realitätsebene eigener Art“ zu erkennen, die „unabhängig von den beobachtbaren Handlungen von Individuen“ ist (S. 85). Zentrale Metapher für das Sprechen über Gesellschaft ist, dass „niemand abnimmt“, wenn man sie adressiert – „oder zu viele unterschiedliche“ (S. 104). Für Nassehi sind die Schnittstellen der verschiedenen Subsysteme das Problem moderner Gesellschaften, in denen „genau genommen nichts zusammenpasst“ (S. 105). Diese inneren Differenzierungen führen für den Autor schließlich zu einem „Gefangensein in der Gegenwärtigkeit“ (S. 108). Am Beispiel Klimawandel macht er deutlich, dass dies zur „Verspätung der Gesellschaft“ gegenüber den Erkenntnissen ihres Subsystems Wissenschaft führe, dessen Erkenntnisse über das Notwendige „seit Jahrzehnten vorliegen“ (S. 108).

Als Beispiel für diese Verspätungs-These liest sich das anschließende Kapitel Gleichheit/​Ungleichheit. Ausgehend von den Konzepten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und den Überlegungen von Jean-Jacques Rousseau zu Ungleichheit schildert Nassehi Überlegungen und Beobachtungen zum Spannungsverhältnis von „Gleichheitsversprechen und Ungleichheitseffekten“ (S. 113 – 116) sowie zum „Inklusionsdruck“ (S. 120 – 122), um im abschließenden Kapitel „Gleichberechtigung und Gleichstellung“ (S. 122 – 126) zu erläutern, „dass rechtliche und politische Gleichheitsversprechen und ihre gesellschaftliche Relevanz und Praktikabilität zeitlich erheblich auseinander fallen können“ (S. 126).

„Warum wird unser (vermeintlich) angemessenes Wissen allzu häufig nicht handlungswirksam?“ (S. 139). Diese von Nassehi als „Soziodizee“ bezeichnete Frage steht im Zentrum des Beitrags Handeln. Es hat die Funktion, „sich der Unmöglichkeit oder wenigstens der Schwierigkeit entgegenzustellen, das Problem handelnd nicht direkt in den Griff zu bekommen“ (S. 127) und setzt Handlungsspielräume voraus. Im Gegensatz zum Ausführenden ist sich der Handelnde der Kontingenz bewusst, also auch anders handeln zu können. Den von Nassehi dargestellten Handlungskonzepten ist die „Desillusionierung“ inhärent, „dass sie von Bedingungen abhängig sind, die durch das Handeln selbst nicht zu kontrollieren sind“ (S. 141). Sein Handlungskonzept ist außerdem durch das „Komplexitätsproblem“ geprägt, „dass Handlungen immer in einer Gegenwart stattfinden, die dann auf die Gegenwarten anderer Handelnder trifft, was die Bedingungen der nächsten Handlung in actu verändern oder sogar ad absurdum führen“ kann (S. 142).

„Niemand und nichts hat … eine Identität, sondern sie muss in der Zeit erzeugt und stabilisiert werden“ heißt es auf S. 148 im Beitrag diesem Begriff. Identität „ist damit eine Funktion von Selbstreflexion“ (S. 149) von Individuen wie von „sozialen Gebilden“ (S. 147). Soziologisch betrachtet dient der Identitätsbegriff dazu „mögliche Selbst- und Fremdbeschreibungen zu stabilisieren, sie gegen zu viel Differenz zu schützen und sie zeitfest zu machen“ (S. 153). Im abschließenden Abschnitt „Kampf um Identitäten“ (S. 154 – 158) setzt sich Nassehi mit Identitätspolitik auseinander, mit der nach seiner Darstellung „eher so etwas wie ein Claim auf Adressierbarkeit und Emanzipation“ (S. 154) verbunden ist. Sexuelle Präferenzen und ethnische Herkünfte sind für ihn Beispiele für „identitätsfähige“ (S. 157) kommunizierbare Formen, bei denen es um „Identifikation als Identität“ geht, „um eine sichtbare Adresse zu erzeugen“ (S. 155). Wichtig ist dem Autor darauf hinzuweisen, „dass sich die meisten gesellschaftlichen Probleme nicht durch Anerkennung von Identitätsansprüchen lösen lassen“, und er vermutet, „dass die Konzentration auf Identitätsfragen auch auf ein Scheitern in Sachfragen verweist“ (S. 157).

Dem „Purgatorium der Kommunikation“ (S. 175) ist das nächste Kapitel gewidmet. Ausgehend von einem Alltagsverständnis von Kommunikation sowie technischen und kybernetischen Kommunikationskonzepten arbeitet Nassehi ein Verständnis von Kommunikation als Ereignisketten heraus, „die nicht kausal aufeinander bezogen sind, bei denen die Reaktion stets einen Spielraum hat, einen unberechenbaren Rest“ (S. 166). „Offenheit“ (S. 167) und „Control“ im Sinne von „das nicht-zufällige Beziehen von Dingen aufeinander“ (S. 165) sind deshalb für ihn Schlüsselbegriffe zum Verständnis von Kommunikation. Fast alles lässt sich als „Kommunikationsproblem“ beschreiben und das ist für den Autor auch gut so, denn das „ermöglicht es einem komplexen System, sich auf Umweltveränderungen einzustellen“ (S. 175).

Dazu passt, im nächsten Kapitel, „die integrative Kraft des Konflikts“ (S. 176) zu betonen, weil „die beiden Seiten durch einen Konflikt zusammengehalten werden“ (S. 176). In diesem Verständnis lebt das Politische davon „Konflikte zu etablieren und so zu stabilisieren“ (S. 182) indem sie „Komplexität der Welt in entscheidbare Alternativen“ übersetzt (S. 183) „Die Utopie einer konfliktfreien Gesellschaft ist in einer modernen Gesellschaft schlicht unmöglich“ (S. 182). Wie sich die „Janusköpfigkeit“ des Kommunikationsbegriffs „in der gleichzeitigen Eröffnung und Begrenzung von Möglichkeiten“ (S. 186) zeigt, erläutert Nassehi am Thema Krieg, um generalisierend mit der Frage zu schließen, „wie sich andere Konflikte erfinden lassen … wohlwissend, dass auch die Konflikte sind?“ (S. 188).

Krieg ist auch Schlüsselbegriffe im Kapitel über den Begriff Krise, den Nassehi als Gegenbegriff zu „Schicksal“ auffasst (S. 190). Er schärft das Verständnis des Krisen-Begriffs am Beispiel des Marktes, indem er das Handeln im Markt differenziert vom Erleben des Marktes, der als Ganzes keine handelnde Intervention kennt (S. 191). Mit dem Historiker Reinhart Koselleck begreift er die Geschichte der Moderne als „forensischen Prozess, einer Art permanenter Untersuchung und Selbstdiagnose“ (S. 195). „In einer solchen Dynamik kann es keine krisenfreien Zeiten geben“ (S. 196), denn alles „Erleben gestörter Interdependenz unterschiedlicher Lebensbereiche“ wird als Krise erlebt, wenn also Parameter des eigenen Lebens nicht mehr zusammenpassen (S. 205), ob die Inflation nicht mehr zur persönlichen Haushaltsführung passt oder die Arbeit nicht mehr ausreicht, den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren. Abschließend wird die Frage gestellt, „ob die moderne Gesellschaft in der Lage ist, mit ihren Mitteln auf die Klimakrise zu reagieren“ (S. 207), die für Nassehi in ihrer Radikalität „dem klassischen Krieg kaum nachsteht“, sich aber in ihrem chronischen Charakter fundamental vom disruptiven Charakter des Krieges unterscheidet (S. 202) und damit „die gesellschaftliche Praxis als Ganzes in Frage“ stellt (S. 207).

Kritik braucht stets eine Adresse“ (S. 223) ist die zentrale Erkenntnis des folgenden Beitrags und erklärt für Nassehi, warum Adressierungen an den Kapitalismus oder den Klimawandel ins Leere gehen, denn „am Ende kann sich der Kritikbegriff nur an der Lösung konkreter Probleme bewähren“ (S. 228).

Kultur, für Nassehi der „schwierigste Begriff überhaupt“ (S. 229), ist für ihn „ein unsichtbarer Taktgeber des Sozialen“ (S. 233). Mit Talcott Parsons fokussiert er auf ihre „Latenzfunktion, … deren größte Kraft darin liegt, unthematisch bleiben zu können – oder sogar zu müssen“ (S. 232). Über den Vergleich als „Beobachtungsschema Kultur“ (S. 238) und „Kultur als Distinktionsmerkmal“ (S. 241) kommt der Autor abschließend zum Thema „Kunst und Kultur“ (S. 244), um mit der Erkenntnis zu schließen, „vielleicht aber ist die Latenz, auf die alle Kultur verweist, eine Art immanenter Transzendenz“ (S. 246).

Von der „merkwürdigen Trägheit der Welt“ (S. 254) handelt das nächste Kapitel zum Begriff Lebenswelt. Durch ihn wird das „Verhältnis von Perspektivität und Welt auf den Begriff“ gebracht (S. 247). Seine Funktion besteht darin, „dieses Verstricktsein des Menschen in seine Perspektive auf den Begriff zu bringen“ (S. 250). Im abschließenden Abschnitt „Typisierungen“ (S. 254 – 257) erfahren die Lesenden, dass die Typik von Lebenswelten zur Reduzierung von Komplexität beiträgt und sogar Vertrauen erzeugen kann.

Ausgangspunkt der Überlegungen zum Thema Macht ist ihr asymmetrischer Charakter. Die damit verbundene „schlechte Presse“ des Begriffs (S. 258) wird aber sofort relativiert durch ihre „Ermöglichungsfunktion“ (S. 259), folgend der Erkenntnis, „dass es offensichtlich Machtausübung bedarf, um Dinge ins Werk zu setzen“ (S. 258). Ausgehend vom Machtverständnis von Max Weber weitet er das Verständnis von Macht, um im Abschnitt „Produktivität der Macht“, anschließend an Hannah Arendts Machtbegriff „eine bestimmte Form der Symmetrie in den Machtbegriff“ einzubauen (S. 272). Mit „Rohe Gewalt“ ist der letzte Abschnitt dieses Kapitels überschrieben, in dem die Lesenden damit konfrontiert werden, dass „die pazifizierte Form der Machtausübung … historisch gesehen die Ausnahme ist“, das Töten, Drangsalieren und Wegsperren von Körpern nicht nur in Kriegen also die historische Regel beschreibt (S. 277).  Nassehis Schlussfolgerung ist anzuerkennen, „dass rohe politische Gewalt und die stärker ebenen- und machtdifferenzierte Form wechselseitig funktionale Äquivalente sind“ (S. 276).

Die Unterscheidung „zwischen Natur und Kultur/​Geist/​Vernunft … ist asymmetrisch“ (S. 281). Von dieser Position ausgehend, beschäftigt sich Nassehi mit der „menschlichen Natur“ (S. 281 – 284) und der „Latenz der Natur“ (S. 284 – 287), um sich dann dem Thema „Freiheit und Notwendigkeit reversed“ (S. 287 – 290) zuzuwenden. Die Einsicht in die „Stabilität“ der Natur (S. 29) führt Nassehi zur Funktion des Naturbegriffs, die er darin sieht, „Sachaussagen rhetorisch von wertenden Fragen zu trennen“ (S. 291). Im letzten Abschnitt des Kapitels beschäftigt sich der Autor mit der „Renaturalisierung des Naturbegriff“, für ihn ein paradigmatisches Thema, auch weil in der Moderne „das Geschlecht … auch ein Kampffeld um die Natur – vor allem der weiblichen Natur“ geworden ist (S. 293). Abschließend betont Nassehi auch mit Hinweis auf die Epigenetik die „strategische Potenz“ von Natur (S. 298) und weist schließlich darauf hin, dass die anfangs vorgenommene Unterscheidung zwischen Natur und Gesellschaft/​Kultur so nicht haltbar ist („bringt sie manchmal zum Einsturz“ (S. 299)).

Über Kant und Habermas nähert sich Nassehi dem Begriff Öffentlichkeit, die er im ersten Schritt als Versuch beschreibt, „die Gesellschaft als eine sichtbare Sphäre zu repräsentieren“ (S. 305). Mit empirischem Blick benutzt er „Öffentlichkeiten“ im Plural (S. 306), um am Ende des Kapitels Öffentlichkeit (im Singular) als „dynamisches Netzwerk“ zu beschreiben, „dezentral und der Komplexität der Gesellschaft entsprechend vielfältig und selbst unerreichbar“ (S. 311).

Populismus ist für Nassehi „kein sozialwissenschaftlicher Grundbegriff“ (S. 312) und „keine Anomalie des politischen Systems“ (S. 317). Er nähert sich ihm über das Problem fehlender Abbildung der Interessen der Repräsentierten im politischen System (S. 313) am Beispiel Trump. Sein Beispiel zeige, wie die Unterstellung eines ‚eigentlichen Volkswillens‘ „selbst Teil jenes Versuchs der Herstellung einer politischen Kollektivität (wird), die in diesem Fall freilich gegen eine dem Volk entfremdende Elite ausgespielt wird“ (S. 317). Aber auch nach der Beschäftigung mit Erscheinungsformen von rechtem und linken Populismus kommt Nassehi zu der Einsicht, „worauf der seit fast zwei Jahrzehnten grassierende Populismus zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen“ (S. 323). Ihn mit den Komplexitätssteigerungen in modernen Gesellschaften zu erklären, ist ihm dann aber zu simpel (S. 323f).

Technik funktioniert – oder eben nicht. Das ist der entscheidende Unterschied“ (S. 340). Den Schlusssatz im vorletzten Kapitel des Buches entwickelt Nassehi aus der Abgrenzung vom Handlungs- und Kommunikationsbegriff, indem er dem Technikbegriff als Bezugsproblem die „Vermeidung von Offenheit und Kontingenz“ (S. 331) zuweist und damit „in einer Gesellschaft Zonen strikter Kopplung“ ermöglicht (S. 335). Im Schlussabschnitt „Überraschende Technik“ (S. 336 – 340) wendet sich der Autor der Digitaltechnik zu, zu der er feststellt, dass für sie es nicht mehr gilt, dass sie „Zonen strikter Kopplung in einer Welt aus lose gekoppelten Elementen etabliert“ (S. 337).

Wissen ist genau genommen ein stabilisierender Faktor für die soziale Praxis“ (S. 345), denn es „hat vor allem in sprachlicher Kommunikation die Funktion, eine Form der gemeinsamen Welt zu erzeugen“ (S. 344). Für Nassehi erwächst aus dieser Einsicht „die Gefahr der Haltlosigkeit, wenn sich die Welt zu schnell verändert“ (S. 346). Krisen sind für ihn deshalb „stets auch Wissenskrisen“ (S. 347). Der letzte Abschnitt des Kapitels zum Thema „Wissensgesellschaft?“ (S. 354) endet mit der Problematisierung, dass es „das Bezugsproblem des alltäglichen Wissensbegriffs ist, das zu genaue Hinsehen vermeiden zu können. Dass wir konterkariert dadurch, dass man immer genauer hinsehen muss“ (S. 355).

Diskussion

Der Autor will mit seinem Glossar das Rüstzeug liefern, öffentliche Debatten besser zu verstehen. Die Souveränität, mit der Nassehi nicht nur mit profunder Kenntnis des eigenen Fachgebietes, sondern auch benachbarter Disziplinen wie Anthropologie, Geschichtswissenschaft oder Ökonomie sich jeweils der Frage zuwendet, für welches Problem die jeweiligen Begriffe die Lösung sind, gebietet Respekt. Dies gilt auch für die Stringenz, die eingangs beschriebene Methodik (S. 18 – bis 21) durchzuhalten. Bei aller methodischen Stringenz spürt man die Abneigung des Autors gegen Teilnehmer öffentlicher Debatten, die den Kampf ums richtige Sprechen führen und keine Kriterien für den Gebrauch der von ihnen verwendeten Begriffe haben.

Zum Konzept des Buches gehört, dass der Autor keine Lösungen für Alltagsfragen anbietet, sondern sich darauf beschränkt, mit der Klarheit von Begriffen einen Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Diskussionen zu leisten. Aus Sicht des Rezensenten gelingt dies mit einer Ausnahme: Man darf bezweifeln, dass die Ausführungen des Autors zur Digitalisierung die Dimension der Veränderungen, die vor uns liegen, hinreichend erfassen.

Fazit

Ein sehr gebildetes Buch, das jedem Teilnehmenden öffentlicher Debatten klarmachen will, wie wichtig begriffliche Klarheit ist und welchen Schaden für die Gesellschaft das Hantieren mit unscharfen Begriffen haben kann.

Rezension von
Dr. phil. Andreas Meusch
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Es gibt 24 Rezensionen von Andreas Meusch.

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Zitiervorschlag
Andreas Meusch. Rezension vom 17.01.2024 zu: Armin Nassehi: Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede. Verlag C.H. Beck (München) 2023. ISBN 978-3-406-80767-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31442.php, Datum des Zugriffs 21.02.2024.


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