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Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): Geld oder Leben?!

Rezensiert von Prof. Dr. Jutta Schröten, 02.02.2024

Cover  Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): Geld oder Leben?! ISBN 978-3-95565-630-0

Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): Geld oder Leben?! Perspektiven des Gebens, Schenkens und Stiftens in Religion und Gesellschaft. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2023. 244 Seiten. ISBN 978-3-95565-630-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Schriftenreihe der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

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Thema

Mit dem vorliegenden Band stellen die Herausgeber einen Fundus an Zugängen zum Thema „Perspektiven des Gebens, Schenkens und Stiftens in Religion und Gesellschaft“ den interessierten Leserinnen und Lesern zur Verfügung. Das Buch, erschienen im Verlag Hentrich und Hentrich, zeigt vielfältige Perspektiven auf zum breit angelegten Thema des Gebens, der Spende, des Stiftens, der Mildtätigkeit und Philanthropie. Die vielen Zugänge reichen von den religiösen Schriften über sozialpolitische Entwicklungen bis zu Untersuchungen und Analysen zum Fundraising und zur Philanthropie.

Herausgeber:in

Herausgegeben ist der Band vom Zentralrat der Juden in Deutschlang gemeinsam mit der Fundraising Akademie gGmbH. Doron Kiesel, Leiter der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland und Thomas Kreuzer haben den Band konzipiert und redaktionell bearbeitet.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist im Nachgang einer Fachtagung zum Thema entstanden, rund zwei Jahre nach der noch in der Corona-Pandemie veranstalteten Tagung.

Aufbau

Der Sammelband enthält zwölf Beiträge, die gerahmt sind von zwei Grußworten und einem abschließenden Kommentar. Alle Autorinnen und Autoren werden zum Abschluss des Bandes vorgestellt. Die einzelnen Beiträge sind:

  • Daniel Botmann und Johannes Schellakowsky: Grußworte.
  • Doron Kiesel: Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Barmherzigkeit. Sozialethische Perspektiven im Horizont jüdischer Denktraditionen.
  • Gerd Stecklina: Sozialethische Voraussetzungen jüdischer Wohlfahrt.
  • Rachel Heuberger: Zedaka – jüdische Wohltätigkeit: Von der religiösen Pflicht zur freiwilligen Solidarität.
  • Aron Schuster: Zedaka – Gemeinschaft und Gesellschaft am Beispiel der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland
  • Julian-Chaim Soussan: Spenden und Geben im Judentum.
  • Thomas Kreuzer: Spenden und Stiften im christlichen Kontext.
  • Katharina Will: Gaben und Memorialkultur in Deutschland im 16. und frühen 17. Jahrhundert.
  • Michael Vilain: Zivilgesellschaftliche Aspekte des Gabehandelns.
  • Georg von Schnurbein: Geld such Geist – Zum Zusammenhang von Fundraising und Philanthropie.
  • Volker Then: Spenden und Stiften in Deutschland – eine soziale Innovation? Eine Bestandsaufnahem und Perspektiven.
  • Kai Fischer: Warum Menschen spenden.
  • Philipp Hof: Warum stiften Menschen? Aus der Praxis: Das Haus des Stiftens in München.
  • Hans-Ulrich Dallmann: „Niemand spendet einfach so.“ Kommentar zu einem Gespräch zwischen Doron Kiesel und Thomas Kreuzer.

Inhalt

Doron Kiesel, Gerd Stecklina, Rachel Heuberger, Aron Schuster und Rabbiner Julian-Chaim Soussan führen in ihren Beiträgen ein in die Fundamente jüdischen Gebens und Spendens sowie deren Ausgestaltung in der Geschichte bis in die Gegenwart und in der jüdischen Wohlfahrt. Besonders der Begriff Zedaka, mit Gerechtigkeit zu umschreiben, sowie dessen Auslegung in biblischen, talmudischen Texten und rabbinischer Interpretation ist immer wieder Thema der Beiträge. Hervorzuheben ist die Erkenntnis, dass Zedaka eine persönliche, individuelle, empathische Komponente hat. Daneben ist die öffentliche, gesellschaftskritische und sozialpolitische Dimension ebenso Teil der jüdischen Zedaka. Deren Verständnis analysiert Rachel Heuberger und stellt Verknüpfungen zur Philanthropie und Gesellschaftspolitik her und analysiert Zedaka als eine religiöse Pflicht, die im Laufe der Jahrhunderte zunehmend als eine freiwillige und autonom bestimmte Solidarität verstanden wird. Gern Stecklina führt diese Überlegungen weiter, indem er die sozialethischen Grundlagen der jüdischen Wohlfahrt und ihre historische Entwicklung in einem Überblick vorstellt. Am Beispiel des Wirkens Leo Baecks zeigt er auf, wie sich innerhalb der jüdischen Wohlfahrtspflege jüdische Soziale Arbeit entwickelt hat und ihr Wirken entfaltet. Aron Schuster führt die LeserInnen in seinem Beitrag in kurzen beleuchteten Etappen durch die wechselvolle und schmerzhafte Geschichte der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bis in die Gegenwart. Den Wandel, dokumentiert an den Zielgruppen der Wohlfahrtspflege, heute AdressatInnen, analysiert Schuster ebenso wie die Ausgestaltung der jüdischen Wohlfahrtspflege. Hier liegt ein Fokus auf der Umsetzung von Zedaka mit modernen Fundraisingkonzepten, so Aron Schuster. Seine Beschreibung und Analyse des Bruchs für den ZWST durch die Shoa und Neugründung nach Kriegsende sowie die aktuellen Anforderungen durch Zuwanderung, Professionalisierung, Fortbildung, Katastrophenschutz, Härtefallfonds, verändertes Spendenverhalten sind von einer verstörenden Aktualität. Rabbiner Julian-Chaim Soussan zeigt auf, wie Aspekte des Gebens immer wieder mit Geschichten, mit Bildern und dem „Kino im Kopf“, der plastischen bildlichen Darstellung umschrieben werden können. Zedaka bringt er auf diese Weise religionspädagogisch Kindern und Jugendlichen nahe im Wechsel zwischen reflektierender und beschreibender, bebildernde Ebene Seine Ausführungen, nur so viel zu geben, dass die Armen sich selbst wieder helfen können, weist auf den subsidiären Charakter der Fürsorge hin und auf den Respekt, der eben gerade den Armen entgegenzubringen sei.

Thomas Kreuzer zeigt in seinem Beitrag auf, dass Spenden und Stiften im christlichen Kontext mit, ausgehend von Mauss, Die Gabe, verschiedene Aspekte des christlichen Gebens: sozialpolitische, Teilen. Katharina Will führt aus, dass Spenden und Stiften in einem Übergang von der Memorialkultur im 16. und 17. Jahrhundert sich entwickelt haben von der individuellen Versicherung durch eine Gabe hin zu einem Tausch, in dem die Gabe, spätere Vertragskultur ist darin schon angelegt. Michael Vilain führt ein in die zivilgesellschaftliche Bedeutung des Spendens und Stiftens. Ausgehend vom Begriff Gabe von Mauss differenziert er die unterschiedlichen Varianten, die gesellschaftlichen Übereinkünfte des Gebens und Schenkens ausmachen.

Georg von Schnurbein untersucht in seinem Beitrag Geld sucht Geist – Zum Zusammenhang von Fundraising und Philanthropie die anthropologische Dimension des Spendens und zeigt diverse Motivlagen von Spendenden auf, insbesondere an den Begriffen Altruismus und Reziprozität. Die moderne Philanthropie sieht er in fünf Zusammenhängen mit Fundraising, u.a. Soziale Nähe, risikoethische Dimensionen und Investitionen. Volker Then betrachtet Spenden und Stiften in Deutschland in ökonomischer Perspektive. Seine Überlegungen differenzieren Innovationen und soziale Innovationen. Geben im Spenden und Stiften erfüllt Funktionen- sozial, kulturell, ökonomisch und politisch. Ausführlich zeigt Then, auf, wie mit Impact Investing eine kapitalbasierte und kapitalorientierte Form der Investition von Privatem ins Öffentliche und Gemeinwohl hinein geschieht und normativer Maßstäbe bedarf.

Kai Fischer geht in seinem Beitrag „Warum Menschen spenden“ drei Fragen nach. Zum einen differenziert er Motive des Spendens, wie die Hilfe in Not und Katastrophen, eine gesellschaftlich-funktionale Ebene. Weitere wesentliche Motive sind der Wunsch nach Mitgestaltung von Gesellschaft bis hin zum Status- und Machtgewinn, also eine Strukturierung von Gesellschaft. Diese wiederum wird politisch gern auch wieder begrenzt. Die zweite Frage ist die nach der Entscheidung für eine Empfänger-Organisation. Hier nennt er biografische Erfahrungen, persönliche Betroffenheit, Identifizierung mit z.B. religiösen Gemeinschaften. Die dritte Frage beschäftigt sich mit dem Kontext des Spendens, also wie potenzielle Spendende angesprochen werden, in welchen Zusammenhängen sie sich gerade befinden. Seine Analysen beschließt Kai Fischer mit einem Anforderungsprofil an moderne differenzierte Fundraisingformate.

Philipp Hof zeigt in seinem Beitrag „Warum stiften Menschen?“ an Beispielen aus dem Haus des Stiftens München auf, welche Motive Menschen zum Stiften bewegen. Individuelle Fragestellungen in Bezug auf das zu stiftende Vermögen, eine Idee, ein erstes Anliegen, ein, wie er es nennt, „Sammelsurium von Gründen“. Für dieses braucht es nach Ansicht des Autors eine empathische und strukturierte Kommunikation, um potenziellen StifterInnen eine Brücke zu bauen.

Im abschließenden Kommentar „Niemand spendet einfach so“ fasst Hans-Ulrich Dallmann ein Gespräch zwischen Doron Kiesel und Thomas Kreuzer zusammen. Insbesondere die Spende(n) an Israel werden nicht nur politisch, religiös, altruistisch motiviert zu begründen sein, sondern als Lebensversicherung und „organisierte Reziprozität“. Die Überlegungen zu den Perspektiven der Gabe(n) werden in einem weiteren Schritt mit Blick auf Israel kommentiert, hier ist das Argument einer lebensweltlichen Einbindung von Spenden hervorzuheben. Zwei weitere Perspektiven nennt Dallmann auf die Motive: einmal das Selbstverständnis des Gebenden, der/die die eigene Identität mit der Spende ausdrücken will. Zum anderen sind Spenden notwendig, um z.B. bestimmte Dinge tun zu können und aufrechtzuerhalten.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band stellen die Herausgeber umfangreiches Material zur Verfügung für die gerade im Kontext des Sozialen eher ungeliebten und mit einem gewissen Argwohn betrachteten Gaben von Personen und Unternehmen. Mit den Beiträgen wird aufgezeigt, dass nicht Effizienz oder effective altruism Geben, Stiften und Spenden beherrschen, sondern eine Vielfalt von Motiven und Umsetzungsformen belegt sind. Ausgehend immer wieder vom Begriff der „Gabe“ werden Motive und Intentionen des Spendens und Stiftens, der Gaben in die Gesellschaft hinein deutlich. Sei es aus religiöser, humanistischer, sozialpolitischer Perspektive – die Autorinnen und Autoren laden dazu ein, sich intensiv und bereichernd mit der Umsetzung des Gebens, den Motiven und den Folgen des Spendens und Stiftens für die Gesellschaft reflektiert und kritisch auseinanderzusetzen. Individualität, Eigenverantwortung, der Wunsch nach Gestaltung von Gesellschaft und Umwelt werden vielfältig beleuchtet. Die sozialstaatliche Absicherung, längst auf dem Weg in eine zunehmende Paternalisierung und Standardisierung von sozialpolitischen Bedarfen und Leistungen, wird ebenso erörtert wie die Gefahr einer Ausgestaltung von Macht in Gesellschaft und Politik durch Vermögende und Philanthropie. Die AutorInnen eröffnen mit ihren vielfältigen Beiträgen jeweils einen neuen Blick, eine Perspektive auf die Vielfalt und die Kreativität des Spendens, Gebens, Stiftens als Beiträge zur Gestaltung einer humanen Gesellschaft, die nicht standardisiert, sondern Menschlichkeit und Solidarität mit Leben füllen. Die Beiträge laden mit Verweisen und Quellen zum Weiterlesen ein, es gelingt den Autorinnen und Autoren, mit ihren im wahrsten Sinne des Wortes gewinnenden Beiträgen zum Teilen und zum Weitergeben ihrer Erkenntnisse einzuladen.

Fazit

Eine Schatzkiste zum aktuellen und künftig noch bedeutsameren Themenfeld des Gebens, Spendens und Stiftens. Herzliche Einladung zum Lesen, Vertiefen und Weiterdenken.

Rezension von
Prof. Dr. Jutta Schröten
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Es gibt 1 Rezension von Jutta Schröten.

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Zitiervorschlag
Jutta Schröten. Rezension vom 02.02.2024 zu: Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): Geld oder Leben?! Perspektiven des Gebens, Schenkens und Stiftens in Religion und Gesellschaft. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2023. ISBN 978-3-95565-630-0. Schriftenreihe der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31447.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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