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Michael Böwer, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Praxisbuch Kinderschutz

Rezensiert von Markus Wegenke, 08.03.2024

Cover Michael Böwer, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Praxisbuch Kinderschutz ISBN 978-3-7799-7545-8

Michael Böwer, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Praxisbuch Kinderschutz. Professionelle Herausforderungen bewältigen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 2. Auflage. 485 Seiten. ISBN 978-3-7799-7545-8. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

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Thema

Das Praxisbuch Kinderschutz stellt umfassend den aktuellen Forschungsstand sowie Fachdiskussionen im Bereich Kinderschutz dar. In insgesamt 27 Beiträgen von 38 Autoren:innen wird das Thema Kinderschutz facettenreich dargelegt.

Autor:innen und Herausgeber

In dem Buch finden sich Beiträge von insgesamt 38 Autoren:innen, die mehrheitlich aus dem wissenschaftlichen Umfeld der Kinder- und Jugendhilfe kommen. Herausgeber sind Prof. Dr. Jochem Kotthaus und Prof. Dr. phil., Dipl. Päd Michael Böwer.

Entstehungshintergrund

Die Grundidee zu dem Buch entstand im Jahr 2015 mit der Intention, den Kinderschutz in seiner Kooperation und Kommunikation zu verbessern. Die 1. Auflage des Praxisbuch Kinderschutz wurde im Sommer 2018 veröffentlicht. Durch zahlreiche neue Studien, Diskussionen aus der Praxis und die Änderungen durch das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz zum 10.06.2021 wurde das Buch in seiner 2. Auflage überarbeitet und erweitert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 485 Seiten mit insgesamt 25 Tabellen und Schaubildern. Es enthält insgesamt 27 Beiträge, die in 6 Themenbereiche zusammengefasst sind:

1. Grundlagen guter Praxis

  1. Menschenrechtsorientiert handeln im Triplemandat Sozialer Arbeit. Christian Spatscheck
  2. Kinderschutz als Trendbegriff – zur Erosion eines Leitbegriffs in der Kinder- und Jugendhilfe. Reinhold Schone
  3. Von der Notlösung zum Erfolgsmodell – Erfindungen, Fallstricke und Perspektiven im Kinderschutz am Beispiel der Fachberatung durch die „insoweit erfahrene Fachkraft“. Ralf Slüter, Stefan Heinitz
  4. Angst vor dem Staatsanwalt? – Zu Missverständnissen bei der Einschätzung strafrechtlicher Handlungsrisiken im Kinderschutz. Thomas Mörsberger

2. Lokale Strukturen und virtuelle Räume

  1. Passgenau und nach Patentrezept – Lokale Kinderschutzpraxis zwischen Struktur und Eigensinn. Hannu Turba
  2. Kinderschutz in ländlichen Räumen – Gemeinwesenarbeit als Perspektive. Michael Herschelmann
  3. Kinder- und Jugendschutz in den digitalen Medien – Ansätze und fachliche Aufgaben für die Interaktion mit Kindern und Jugendlichen. Miriam Schilling
  4. Digitalität im Kinderschutz zwischen lebensweltlichem Bezug, fachlichen Anforderungen und datenbasiertem Entscheiden. Thomas Ley

3. Die Perspektive der Adressaten:innen

  1. Was Praktiker:innen aus dem Blick auf ihre Adressaten:innen lernen können. Gunther Graßhoff

b. Schutz aus Sicht von Adressaten:innen in der Kinder- und Jugendhilfe – zwischen Sicherheit und Recht. Florian Eßer, Tanja Rusack und Benjamin Strahl

  1. Familienrat und Signs of Savety [sic!] als Konzepte im Kinderschutz. Frank Früchtel
  2. Arbeitsbeziehungen im Kinderschutz – Professionelle Herausforderungen in der Arbeit mit Eltern. Stefan Köngeter, Jörgen Schulze-Krüdener
  3. Partizipation, Akteur:innen und Entscheidungen im Kinderschutz – Wie lassen sich hilfreiche Prozesse zwischen allen Beteiligten gestalten? Timo Ackermann, Pierrine Robin
  4. Diversitätssensibilität im Kinderschutz. Birgit Jagusch

4. Fachkräfte und Organisation

  1. Schutz und Sicherheit in Organisationen für Kinder. Michael Böwer
  2. Als Team achtsam werden – Das „MindSet Achtsames Organisieren“ für zuverlässige Hilfepraxis im Rauhen Haus. Fabian Brückner
  3. Allgemeiner Sozialer Dienst und das Zusammenwirken von Fachkräften im Kinderschutz. Jens Pothmann und Agathe Tabel
  4. Lernen im Kinderschutz – gerade in stressiger Alltagspraxis. Regina Gätz, Reinhart Wolff
  5. Netzwerke und Kooperation im Kinderschutz. Mike Seckinger, Eric van Santen
  6. Sozialpädagogische Zugänge zu Kindern psychisch kranker Eltern – Netzwerke aufbauen und stärken. Sabine Wagenblass
  7. Burnout und Burnoutprävention im Kinderschutz. Verena Klomann

5. Verstehen und Intervenieren

  1. Über Risikoscreenings hinaus: Fallverstehen reloaded – Was gehört dazu, um auf professionelle Weise Fälle zu verstehen? Matthias Nauerth
  2. Kooperative Prozessgestaltung – ein methodenintegratives Handlungskonzept für gute Soziale Arbeit im Kinderschutz. Ursula Hochuli Freund
  3. Der spezifische Blick – „Schwierige“ Kinder, Fälle und ein methodisches Konzept, sozialpädagogisch zu verstehen und zu diagnostizieren. Sabine Ader
  4. Emotionen und professionelles Handeln im Kontext von Inobhutnahmen. Carsten Schröder

6. Perspektiven

a. Schutz von Kindern und Jugendlichen als Thema des Studiums. Martin Wazlawik, Katharina Kopp

  1. Das Jugendamt der Zukunft – Zentrale für gelingendes Aufwachsen oder Kinderschutzamt. Kay Biesel, Christian Schrapper

Das Buch spannt in seinen einzelnen Beiträgen den Bogen von den Ursprüngen der Kinder- und Jugendhilfe, dem Ursprungsgedanken des Kinderschutzes mit seinen zahlreichen Wandlungen und vielfältigen Interpretationen bis zum heutigen Ist-Stand der Diskussion. Dabei geht es in dem Buch nicht nur um einen interventionellen Kinderschutz im Sinne des § 8a SGB VIII. Vielmehr wird Kinderschutz präventiv und als integraler Bestandteil der Kinder- und Jugendhilfepraxis im Sinne des § 1 SGB VIII gedacht und dargestellt. Der Umgang mit einer Gefährdung findet genauso Beachtung, wie die Prävention von Risiken in digitalen und ländlichen Räumen. Das Buch beginnt mit den Grundlagen des Kinderschutzes. Nicht in einer Abhandlung von Paragraphen, sondern vielmehr als Zusammenstellung von Werten und ethischen Betrachtungen im Kinderschutz, welche eine humanistische Betrachtung, die Stärkung der Familie und die UN-Kinderrechte in den Fokus rücken.

Dabei werden aktuelle Themen wie der institutionelle Kinderschutz ebenso thematisiert, wie die Sorge von Fachkräften „im Kinderschutz mit einem Bein im Gefängnis zu stehen“ und den Auswirkungen dieses Gefühls auf die Entscheidungsfindung im Prozess der Gefährdungseinschätzung. Im Fokus des Buches steht dann die professionelle Haltung im Kinderschutz: wie kann Fallverstehen gelingen? Welche organisatorischen und persönlichen Anforderungen braucht es hierzu? Welche Bedeutung hat die Beteiligung der Adressaten:innen auf den Prozess des Kinderschutzverfahrens und welche Methoden kommen hierzu in Betracht?

Zum Abschluss thematisiert das Buch zwei Zukunftsszenarien: wie kann Kinderschutz in der wissenschaftlichen Lehre systematisch eingebunden werden und wie stellt sich die Zukunft der Jugendämter dar? Das Buch spiegelt das Thema Kinderschutz in verschiedenen Facetten wider und greift hierzu aktuelle Studien und Fachdiskussionen auf. Hinzu kommen auch einige ausgewählte good practice Beispiele wie der „Familienrat“ und „Signs of Savety“ [sic!], sowie das Modell der kooperativen Prozessgestaltung und dem „MindSet“ für achtsames Organisieren im Team. Die Beiträge werden mit einzelnen Praxisbeispielen abgerundet.

Dass Buch ist weniger eine Anleitung zur Steuerungsverantwortung im Kinderschutz, da im Zentrum nicht die rechtliche Herleitung, und die Verantwortungsgemeinschaft an den Schnittstellen Berufsgeheimnisträger:innen – freie Träger – öffentliche Träger – Familiengerichte steht, sondern eine Zusammenstellung von Beiträgen, die insgesamt die professionelle Haltung und Themenvielfalt im Kinderschutz verdeutlicht. Die Inhalte sind für alle Praktiker:innen im Kinderschutz interessant, sowohl für Mitarbeitende der öffentliche Jugendhilfe wie Mitarbeitende der freien Jugendhilfe und angrenzende Berufsgruppen im Kinderschutz. 

Diskussion

Das Salz in der Suppe von Diskussionen ist die Diversität – und Diversität kommt in diesem Buch nicht zu Kurz. Das Buch ist umfassend und sehr informativ, die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge gut ausgewählt. Das Buch muss keineswegs zusammenhängend gelesen werden, da sich die einzelnen Beiträge gegenseitig gut ergänzen, aber inhaltlich nicht aufeinander aufbauen. Die Grundstruktur der Beiträge ist theoretisch fundiert aufgebaut. Sie sind wissenschaftlich fundiert geschrieben., Allerdings werden wichtige Praxisprobleme nicht aufgegriffen: Aufweichung des Fachkräftegebotes, Personalmangel, Budgetierung, massive Einzelfallhilfen und immer mehr Aufgabenbereiche gehören ebenso zu den aktuellen Herausforderungen der Kinderschutzpraxis, für die es leider nur sehr wenige Lösungsansätze in dem Buch gibt. Einzelnen Themen wird ausführlich Raum gegeben und sind ein echter Zugewinn für ein ganzheitliches Verständnis.

So werden die Themen „Kinder psychisch kranker Eltern“ und „Schwierige Kinder“ als besondere Formen im Kinderschutz sehr gut skizziert, andere Formen wie sexuelle Gewalt, Übergriffe unter Kindern, Schulabsentismus oder häusliche Gewalt jedoch nicht explizit als Beitrag erwähnt. Ein zentrales Thema lässt das Buch leider unbeantwortet: in der Einleitung wird auf S. 13 ausdrücklich erwähnt: „[…] Es stellt sich die Frage nach Qualität inklusiver Kinder- und Jugendhilfe […].

So ist es an der Zeit für eine zweite Auflage für unser Praxisbuch. […]“ – obwohl sich dann leider kein einziger Beitrag intensiv dem inklusiven Kinderschutz und der Beteiligung von Kindern mit Inklusionsbedarf widmet. Hinzu kommt in den einzelnen Beiträgen eine sprachliche Unschärfe bei zentralen Begriffen: wenn „Risikoeinschätzung“ (S. 74, S. 215), „Gefährdungseinschätzung“ (S. 100), „Einschätzen von Gefährdungsrisiken“ (S. 157, S. 292) als Begriffe synonym verwendet werden, entsteht Unsicherheit ob es in dem Beitrag um Prävention, Intervention, abstrakte Lebensrisiken oder konkrete Gefahren geht – und die Autoren:innen das Gleiche meinen.

Zutreffend erwähnt die Kinderschutzleitlinie: „Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Verständnis von Kinderschutz ist der einheitliche Sprachgebrauch. Eine Herausforderung in der Zukunft wird die Entwicklung von gemeinsamen Begrifflichkeiten und Vorgehensweisen sein, um den Kinderschutz zu verbessern.“ (Kinderschutzleitlinienbüro. AWMF S3+ Leitlinie Kindesmisshandlung, -missbrauch, -vernachlässigung unter Einbindung der Jugendhilfe und Pädagogik (Kinderschutzleitlinie), Langfassung 1.0, 2019, AWMF-Registernummer: 027 – 069).

Diese Aspekte trüben etwas den sonst sehr guten Gesamteindruck des Werkes.

Fazit

Das Praxisbuch Kinderschutz stellt umfassend die Komplexität und die aktuellen Herausforderungen in der Praxis dar. Auch wenn einzelne Themen, wie der inklusive Kinderschutz, nicht explizit Erwähnung finden, bildet das Buch ein buntes und interessantes Spektrum an Beiträgen ab, die auf dem Weg zu einer professionellen Haltung im Kinderschutz mehr als hilfreich sind.

Rezension von
Markus Wegenke
Sozialarbeiter und gemeinsam mit Prof. Dr. Jan Kepert Inhaber des Freiburger Zentrums für Kinder- und Jugendhilfe
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Es gibt 1 Rezension von Markus Wegenke.

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Zitiervorschlag
Markus Wegenke. Rezension vom 08.03.2024 zu: Michael Böwer, Jochem Kotthaus (Hrsg.): Praxisbuch Kinderschutz. Professionelle Herausforderungen bewältigen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-7545-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31455.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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