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Christiane Eichenberg, Jessica Huss u.a. (Hrsg.): Trauma und digitale Medien

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 09.02.2024

Cover Christiane Eichenberg, Jessica Huss u.a. (Hrsg.): Trauma und digitale Medien ISBN 978-3-608-98427-9

Christiane Eichenberg, Jessica Huss, Robert Bering, Christiane Eichenberg (Hrsg.): Trauma und digitale Medien (Traumafolgestörungen, Bd. 3). Therapiemöglichkeiten und Risiken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. 416 Seiten. ISBN 978-3-608-98427-9. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Traumafolgestörungen - 3. .

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Thema

In dem vorleigenden Band werden die Therapiemöglichkeiten und Risiken bei psychischen Traumatisierungen thematisiert.

Autorinnen 

Christiane Eichenberg ist Professorin und leitet das Institut für Psychosomatik de Sigmund Freud Privatuniversität Wien, Fakultät Medizin. Jessica Huss ist Psychologin mit Fokus auf »E-Mental-Health« im wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Kontext, sie promovierte in Kassel zum ‚Einsatz von Serious Games in der Psychotherapie‘.

Entstehungshintergrund

Nach dem Digitalisierungsschub der Traumatherapie während der Corona-Epidemie ist das Angebot gewachsen und reicht von Selbsthilfeforen, Blogs, Apps und Serious Games über Online-Therapie bis hin zu Virtual-Reality-Umgebungen. Ihre Chancen und Grenzen (Cyber-Traumata) werden beschrieben.

Aufbau

Der Titel gliedert sich in vier Kapitel:

  1. Einführung – Bedeutung digitaler Medien für die Psychotraumatologie, 
  2. Digitale Medien in Prävention und Behandlung psychotraumatischer Störungen, 
  3. Psychotraumatische Gefahren der Nutzung digitaler Medien, 
  4. Ausblick.

Inhalt

Einführung – Bedeutung digitaler Medien für die Psychotraumatologie

Nach einer Übersicht über Schnittstellen zwischen Psychotraumatologie und digitalen Medien, deren zentrale Begriffe und Konzepte, folgt eines über die Inanspruchname digitaler Medien bei psychischen Erkrankungen sowohl vonseiten der Patienten als auch der Behandler.

Digitale Medien in Prävention und Behandlung psychotraumatischer Störungen

Dieses enthält: Gesundheitsbezogene Websites und deren Relevanz für die Nutzer (Fallbeispiele), Online-Selbstdiagnostik (Checks und Selbsttests), Selbsthilfe durch Tagebücher und Communities (z.B. traumatische Narrativs und Überwindung sozialer Isolation), Internetaktivitäten, z.B. für Essstörungen, Selbsthilfegruppen (z.B. Schlafstörungen) und Online-Beratung (Anwendunbereiche, z.B. Videotelefonie, Online-Therapie z.B. kognitiv-behaviorale Programme und Interventionsansätze bei Traumatisierungen) und deren Effektivität, Remote (distanzbasierte) Videotelefonie, therapeutische und präventive Apps zu psychischen Störungen und deren Effektivität (Fallbeispiele) und weitere Apps zu verschiedenen Traumatisierungen und Zielgruppen (z.B. Veteranen, Angehörige, Flüchtlinge, sexueller Missbrauch (Erwachsene und Kinder), Suchtverhalten mit einem Fokus auf Computer- und Videospiele, Posttraumatische Symptome und Phobien.

Die Zukunftsperspektive, der Einsatz von Robotern, leitet über zur Frage des therapeutischen Umgangs mit Online-Interventionsangeboten, dem phasenhaften Einsatz von Technik während einer Behandlung und die Funktion der Übertragung.

Psychotraumatische Gefahren der Nutzung digitaler Medien

Dazu gehören die Gefahren von Cybercrime, Mobbing und Bystandern, das Verhalten der Opfer und Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Erwähnt werden die vielfältigen Formen von sexueller Gewalt im Internet. Hingewiesen wird auf Hilfen von Eltern und pädagogischen Fachkräften, aber auch auf Interventionen für potentielle Täter und Hinweise auf die vielfältigen Formen von Missbrauch im Netz (Dating, Drohungen, Stalking); vorgestellt wird auch eine eigene Studie zum Cyberdating-Missbrauch. Auch mit Online-Spielen können traumatische Erfahrungen gemacht werden. Der Beitrag schließt mit Empfehlungen für den Umgang mit Medien.

Ausblick

Forschungsdesiderate und Zukunftstrends werden vorgestellt, z.B. auf künstlicher Intelligenz basierende Chatbots und ethische Fragen bei der Einbindung von ChatGPT. Das Buch schliesst mit Überlegungen zur Einbindung digitaler Medien in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, angeboten von deutschsprachigen Fachgesellschaften und Fachzeitschriften, Kursangeboten und evaluierter Online-Fortbildung in der Traumatherapie.

Diskussion

Die Autoren haben sehr sorgfältig und detailliert die zahlreichen Hilfsangebote in der Traumatherapie (und darüber hinaus) in Gestalt von Apps, Blogs, Serious Games und Online-Therapie dargestellt, eher ein Zuviel an Angeboten als ein zu Wenig. Das erschwert einerseits den Überblick und vor allem eine differenzierte Einschätzung ihrer Wirksamkeit. Dazu helfen auch die vielen kurzen Fallgeschichten nicht weiter, die wohl dazu dienen sollen, den mitunter schwierig einzuschätzenden Nutzen für den Leser kompatibler zu machen. Das ist allerdings nur eingeschränkt möglich, da detaillierte Verläufe im Hinblick auf Vorgeschichte, Verlauf und dauerhafte Veränderungen wegen der Kürze der Darstellung nicht mitgeteilt werden und damit auch Fragen nach dem dauerhaften Erfolg von digitalen Therapien nicht zuverlässig beantwortet werden. Gemischte Behandlungen digital und verbunden mit einem Kontakt zu einem Therapeuten oder einer Therapiegruppe sind inzwischen auch in Bezug auf Langzeitwirkungen veröffentlicht worden; sie sind erfolgreich, wenn der lebendige Kontakt zwischen Therapeut und Patient nur vorübergehend und z.B. auch telefonisch aufrechterhalten wurde. Grenzen und Risiken einer Therapie im Umgang mit digitalen Medien wurden auch kurz gestreift. Weitere Untersuchungen scheinen jedoch notwendig, insbesondere wenn es nicht nur um traumatische Verletzungen geht, sondern auch z.B. Eß-, Zwangs- oder Schlafstörungen.

Das Buch ist sehr zu empfehlen für alle, die sich über das breite digitale Angebot informieren wollen, das ergänzt wird durch das umfangreiche Literaturverzeichnis (58 Seiten). Über die Anwendung der Angebote in der Praxis werden vielfach die Patienten selbst entscheiden. Wenn diese begleitend zu einer durch Krankheiten oder andere Umstände vorübergehend unterbrochenen laufenden Psychotherapie erfolgt, liegen bereits Berichte über gute Ergebnisse vor, da die Beziehung nicht unterbrochen wurde. Ohne begleitende Psychotherapie müssen die Ergebnisse einer nur digitalen Therapie auch in Zukunft weiter überprüft werden, insbesondere da – worauf die Autoren hinweisen – auch traumatisierende Erfahrungen (Cyber-Traumata) möglich sind.

Fazit

Ein sehr informierendes Buch über die Angebote, Chancen und Risiken digitaler Therapien, fokussiert (aber nicht nur) auf die Traumatherapie. Die große Zahl der Angebote bedarf weiterer Überprüfungen insbesondere im Hinblick darauf, ob und inwieweit ein virtuelles Gegenüber eine lebendige Beziehung in der Psycotherapie ersetzen kann.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 09.02.2024 zu: Christiane Eichenberg, Jessica Huss, Robert Bering, Christiane Eichenberg (Hrsg.): Trauma und digitale Medien (Traumafolgestörungen, Bd. 3). Therapiemöglichkeiten und Risiken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. ISBN 978-3-608-98427-9. Reihe: Traumafolgestörungen - 3. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31469.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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