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Astrid Neuy-Lobkowicz: ADHS - erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder

Rezensiert von Prof. Dr. Sandra Wesenberg, 04.04.2024

Cover Astrid Neuy-Lobkowicz: ADHS - erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder ISBN 978-3-608-98756-0

Astrid Neuy-Lobkowicz: ADHS - erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. 290 Seiten. ISBN 978-3-608-98756-0. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Zu kaum einer anderen Diagnose gibt es so viele Kontroverse und leidenschaftlich geführte Diskussionen wie zur Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung – kurz AD(H)S. Sowohl im wissenschaftlichen Fachdiskurs als auch in öffentlich-gesellschaftlichen Debatten werden um eine Beschreibung und Abgrenzung des Störungsbildes sowie die (Un-)Angemessenheit verschiedener, v.a. medikamentöser, Behandlungsmöglichkeiten gerungen. Sowohl für Menschen, die mit einer ADHS-Diagnose konfrontiert sind, die ‚mitbetroffenen‘ Eltern, Partner_innen und weitere Bezugspersonen als auch für Fachpersonen (Erzieher_innen, Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen etc.) gestaltet sich die Praxis- wie Forschungsliteratur zur Thematik als nahezu unüberschaubar und bei Weitem nicht alle Bücher erweisen sich als alltagsnah oder praxistauglich. An dieser Stelle knüpft das Buch von Astrid Neuy-Lobkowicz an und verspricht eine umfassende handlungsorientierte Einführung zu ADHS für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen. Das Buch wurde vor 18 Jahren erstmalig veröffentlicht und ist 2023 in elfter, überarbeiteter und erweiterter Auflage erschienen.

Autorin

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und Mitbegründerin des ADHS-Zentrums München. Sie leitet eine fachärztliche Praxis in München und Aschaffenburg und publiziert seit fast 20 Jahren zum Thema ADHS. Astrid Neuy-Lobkowicz ist zudem selbst von ADHS betroffen, ebenso wie drei ihrer Kinder. Das Buch entstand entsprechend vor dem Hintergrund fachlicher wie persönlicher Expertise und Erfahrungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „ADHS – erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder“ umfasst 290 Seiten und ist in drei Teile mit folgenden Überschriften gegliedert:

  1. Symptome, Ursachen, Behandlungskonzepte
  2. Die täglichen Herausforderungen in den Griff bekommen
  3. ADHS – nicht nur ein individuelles Problem: Auswirkungen auf Beziehungen und Gesellschaft 

Die ersten beiden Teile bilden dabei mit jeweils ca. 100 Seiten Umfang die Schwerpunkte der Auseinandersetzung. Im ersten Teil erfolgen zunächst eine erste definitorische Einordnung sowie eine Typisierung verschiedener Formen von ADHS. Weiterhin werden der Verlauf über die Lebensspanne, Begleiterscheinungen von ADHS, Ursachen sowie Behandlungsmöglichkeiten betrachtet. Hinsichtlich der Ursachen weist Astrid Neuy-Lobkowicz insbesondere auf neurobiologische Modelle hin und wendet sich explizit gegen Annahmen, wonach ADHS etwa durch „Erziehungsfehler“ verursacht sein könnte. Die klare Botschaft „Vergessen Sie bitte nie, dass ADHS keine Charakterschwäche und kein Erziehungsfehler ist“ (S. 85) scheint für Menschen mit ADHS und Angehörige wie auch Fachpersonen, die mit ADHS-Betroffenen arbeiten, gleichermaßen hoch bedeutsam.

Den zweiten Teil des Buches strukturiert Astrid Neuy-Lobkowicz anhand zentraler Symptome und Begleiterscheinungen von ADHS. Die entsprechenden Unterkapitel zu den Symptomen und Auswirkungen werden mit treffenden alltagssprachlichen Aussagen überschrieben, z.B.:

  • „Schon wieder nicht bei der Sache“ – Störung der Konzentration und Aufmerksamkeit (S. 124)
  • „Warum denn gleich in die Luft gehen?“ – Emotionale Überreaktion, Stressintoleranz (S. 172)
  • „Immer geht alles schief“ – Selbstzweifel (S. 200)

Anschließend an eine kurze Beschreibung der jeweiligen Problematik werden für Betroffene, Partner_innen, Eltern und Pädagog_innen konkrete Hinweise und Tipps vermittelt – übersichtlich gekennzeichnet jeweils mit verschiedenen Icons (Symbolbildern). Zudem werden verschiedene Aspekte anhand von Fallbeispielen veranschaulicht.

Im dritten, mit ca. 35 Seiten vergleichsweise knappen Teil des Buches werden die Auswirkungen von ADHS in nahen persönlichen Beziehungen, etwa zu Partner_innen und Eltern, in den Blickpunkt gerückt. Außerdem erfolgt ein abschließender Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge und die wechselseitigen Bezüge von ADHS und Gesellschaft. Hier – wie an verschiedenen anderen Stellen des Buches – hebt Astrid Neuy-Lobkowicz nochmals die besonderen positiven Eigenschaften hervor, über die viele ADHS-Betroffene verfügen: „Sie sind schnell, flexibel, besitzen eine mitreißende Begeisterungsfähigkeit und einen beflügelnden Aktivismus. […] ADHS-ler sind oft Streiter für die Gerechtigkeit, und sie besitzen wahre Größe und Einsatzbereitschaft für ihre Ideale und Überzeugungen.“ (S. 257).

Ergänzend findet sich am Ende des Buches ein umfassender Anhang, der v.a. Betroffene und Angehörige adressiert. Hier werden einige Fragebögen zur diagnostischen Einordnung, Checklisten (zu Tagesstrukturierung, für Finanzen) sowie ein Überblick über Akteure im Hilfenetz und mögliche Kontaktstellen präsentiert. 

Diskussion

Unmittelbar zu Beginn der Lektüre fällt auf, dass Astrid Neuy-Lobkowicz auf die Nennung von Quellen im Text verzichtet. Dies ist für den Lesefluss fördernd und entspricht sicherlich den Erwartungen und Bedarfen der adressierten Zielgruppe von Menschen mit ADHS sowie den ‚mitbetroffenen‘ Personen ihres nahen Umfeldes. Zugleich erschwert der gänzliche Verzicht auf Quellenbelege den Nachvollzug der Aussagen sowie die weiterführende Beschäftigung mit konkreten Aspekten, was für Fachpersonen, die als Zielgruppe des Buches ebenfalls genannt sind, durchaus relevant sein könnte.

Für ADHS-Betroffene und Menschen ihres persönlichen Umfelds trifft das Buch an vielen Stellen den richtigen Ton. So werden etwa die Wirkweise von Medikamenten oder auch die Besonderheiten der Informationsverarbeitung im Gehirn anschaulich und nachvollziehbar erläutert. Die Übersetzung von wissenschaftlichen Befunden in alltagsnahe und für fachfremde Interessierte zugängliche Sprachbilder und Formulierungen gelingt der Autorin hervorragend. Viele Metaphern, z.B. „Das ADHS-Hirn lässt aber viel mehr Infos auf die Gehirnfestplatte und verursacht dort einen Informationsdatencrash.“ (S. 79), erweisen sich gut anschlussfähig auch schon für ältere Kinder und Jugendliche. An einigen Stellen erscheinen die alltagsnahen Wendungen und gewählten Beispiele allerdings zu stereotyp, etwa wenn wiederkehrend die übermäßigen Belastungen von Müttern herausgehoben werden, wohingegen sich „Väter zurückgesetzt fühlen und enttäuscht darüber sind, dass das Baby die gesamte Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zieht“ (S. 42) oder „sich oft in die Arbeit stürzen, um dem häuslichen Krieg und den täglichen Auseinandersetzungen zu entkommen“ (S. 51). In der 2023 völlig überarbeiteten Auflage des 2005 erstmalig erschienenen Buches hätten die Leser_innen eine differenziertere Einordnung erwarten können.

Aufgrund des Verzichts auf Quellenbelege fällt es zudem schwer, nachvollzuziehen, an welchen Stellen die Autorin sich auf empirische Befunde oder den allgemeinen Stand der wissenschaftlichen Diskussion bezieht und welche Aspekte sie eher aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen als Fachärztin, als Betroffene oder als Mutter von drei Kindern mit ADHS beschreibt. Die Klärung wäre etwa hinsichtlich der Ursachen von ADHS wie auch der Behandlungsmöglichkeiten für die Leser_innen zur eigenen Einordnung des Gelesenen hilfreich gewesen. Als Ansprechpersonen für medizinische und psychologische Behandlungsmöglichkeiten im Kindesalter werden beispielsweise (nur) Fachärzt_innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinderärzt_innen mit entsprechender Weiterbildung genannt (S. 82). Bereits an dieser Stelle fällt auf, dass Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut_innen überhaupt nicht erwähnt werden. Sehr skeptisch steht die Autorin entsprechend auch an späterer Stelle der Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit psychotherapeutischer Behandlungsoptionen gegenüber. Hinsichtlich der Therapiemöglichkeiten verweist die Autorin dabei mehrfach als Informationsquelle auf die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS, wobei nicht immer klar wird, welche ihrer Empfehlungen zu Therapieoptionen sie daraus übernimmt und welche aus anderen Quellen oder Erfahrungen stammen. So wird etwa auf leicht positive Effekte von Omega-3-Fettsäuren bei ADHS verwiesen (S. 119), was nicht der Aussage der aktuellen S3-Leitlinie entspricht.

Sehr positiv ist der Rezensentin der Blick auf den gesamten Lebensverlauf aufgefallen. Im Gegensatz zu anderen Werken, die ADHS schwerpunktmäßig als „Kinderkrankheit“ rahmen, betrachtet Astrid Neuy-Lobkowicz die ADHS-Symptomatik umfassend und sehr kenntnisreich vom Kindesalter bis ins Erwachsenenalter. Besonders überzeugend ist zudem der ressourcenorientierte Blick auf Personen mit ADHS, die über einen reichen Schatz an Kompetenzen und kreativen Eigenschaften verfügen.

Fazit

Basierend auf ihrer fachlichen Expertise, insbesondere aber auch der vielfältigen persönlichen Erfahrungen zeichnet Astrid Neuy-Lobkowicz in „ADHS – erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder“ ein umfassendes und vielschichtiges Bild von ADHS, welches weit über das medial verbreitete Bild des „Zappelphilipp“ hinausreicht. Vor allem für Menschen mit ADHS selbst sowie ihre Familien beantwortet die Autorin zentrale Fragen rund um Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten und vermittelt konkrete und alltagsnahe Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten. Für viele Lesende wird es fruchtbar sein, sich von dem ressourcenorientierten Blick der Autorin inspirieren zu lassen und ADHS nicht ausschließlich defizitorientiert zu betrachten, sondern die Potenziale und individuellen Stärken von Menschen mit ADHS wahrzunehmen – also ADHS zukünftig nicht mehr primär als „Störung“, sondern als „eine besondere Art zu sein“ zu begreifen, so wie es Astrid Neuy-Lobkowicz vorschlägt. 

Rezension von
Prof. Dr. Sandra Wesenberg
Gastprofessorin für Klinische Psychologie mit den Schwerpunkten Beratung und Therapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin
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Es gibt 3 Rezensionen von Sandra Wesenberg.

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Zitiervorschlag
Sandra Wesenberg. Rezension vom 04.04.2024 zu: Astrid Neuy-Lobkowicz: ADHS - erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. ISBN 978-3-608-98756-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31475.php, Datum des Zugriffs 16.06.2024.


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