Frank Hoffmann: Praxishandbuch der Waldpädagogik
Rezensiert von Henning van den Brink, 28.03.2025
Frank Hoffmann: Praxishandbuch der Waldpädagogik. Systematische Methodensammlung mit über 1000 waldpädagogischen Aktionen. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2023. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 494 Seiten. ISBN 978-3-8340-2240-0. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
Thema
Waldpädagogische Ansätze fristen nach wie vor ein beschauliches Nischendasein in der deutschen Bildungslandschaft. Beispielsweise gibt es nach Angaben des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten 3.000 Natur- und Waldkindergärten in Deutschland – das sind bei 60.000 Kindertageseinrichtungen insgesamt gerade mal fünf Prozent. Im sekundären und tertiären Bildungsbereich verschwinden waldpädagogische Ansätze dann komplett von der pädagogischen Bühne und beschränken sich auf den außerschulischen Bereich. Doch hier mischen sich auch kommerziell aufgestellte, romantisierend verklärende oder esoterisch durchtränkte Angebote unter die seriösen Angebote von zertifizierten Waldpädagoginnen und -pädagogen. Mit seinem Praxishandbuch, das bereits in der dritten, grundlegend überarbeiteten und ergänzen Auflage erscheint, legt Frank Hoffmann eine Sammlung von waldpädagogischen Aktionen vor, die auch Neulingen den Weg in die Waldpädagogik ebnen soll.
Aufbau und Inhalt
Auf knapp 500 Seiten listet der diplomierte Biologe, der seit über zehn Jahren als selbstständiger Waldpädagoge im Rhein-Neckar-Raum arbeitet und für unterschiedliche Altersgruppen Waldprojekte und Teamtrainings im Wald anbietet, insgesamt stolze 1.000 waldpädagogische Aktionen auf. Jede der Aktionen wird in einem kurzen Steckbrief vorgestellt, der stets nach dem gleichen Schema aufgebaut ist: Zunächst wird ein wenig Hintergrundwissen gegeben, die zur Durchführung der Aktion benötigten Materialen und Vorarbeiten aufgezählt, die empfohlenen Altersgrenzen der Teilnehmenden genannt, der Ablauf beschrieben und die Quelle, aus der die Aktion stammt, aufgeführt. Außerdem ist jede Aktion mit einer Legende versehen, die elf Symbole umfasst und anzeigt, ob die Aktion für Einzelpersonen, Tandems, Klein- oder Großgruppen geeignet ist, auf Kooperation, Kreativität oder Sinneserfahrung abzielt und zur Aktivierung, Entspannung, Erforschung oder zur Vermittlung von Artenkenntnissen und Biodiversität genutzt werden kann. Weiterhin leitet Hoffmann unter anderem aus den Bildungsplänen Baden-Württembergs zwölf BNE-Gestaltungskompetenzen ab, die er wiederum den drei Bereichen Sach- und Medienkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz zuordnet (S. 12–15). Welche dieser zwölf BNE-Gestaltungskompetenzen jeweils mit der Aktion adressiert werden, ist ebenfalls Bestandteil eines jeden Steckbriefs.
Bevor auf S. 21 die Perlenkette der säuberlich aneinander gereihten Steckbriefe beginnt, verliert der Autor noch ein paar Worte zum Gebrauch des Buches (S. 9–11) und zu Sicherheit im Wald (S. 16–20). Am Ende findet man – neben einigen ausgewählten Tipps und Erfahrungen des Autors (S. 474) und einem Literaturverzeichnis (S. 475) – ein Stichwortregister, das den Leserinnen und Lesern die gezielte Suche nach bestimmten Aktionen erleichtert (S. 477–494). Die teilweise von Frank Hoffmann modifizierten Aktionen bestehen zum einen aus „Klassikern“, die man aus zahlreichen Readern und Handreichungen der verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit kennt (z.B. „Ei verpacken“, S. 426, „Gordischer Knoten“, S. 438, oder „Spinnennetz“, S. 443), und sind zum anderen aus Fachbüchern oder Onlinequellen entnommen oder stammen von anderen waldpädagogischen Fachkräften.
Die überwiegende Zahl der einheitlich gestalteten Steckbriefe umfasst eine halbe Seite, wobei auf Illustrationen weitestgehend verzichtet wird. Die Sortierung der Steckbriefe erfolgt in 42 Abschnitten, von denen manche – in einem etwas eigenwilligen Gliederungs- und Nummerierungsformat – wiederum in mehrere, maximal neun Unterabschnitte unterteilt sind. Während die erste Hälfte der zusammengestellten Aktionen im Zeichen der naturwissenschaftlichen Aspekte von Waldpädagogik stehen, die spielerisch Wissenselemente aus der Tier- und Pflanzenwelt und über das Ökosystems des Waldes integrieren, sind die Aktionen in der zweiten Hälfte des Buches spiel-, wildnis- und erlebnispädagogisch ausgerichtet.
Diskussion
Unter den zahlreichen Übungen wird sicherlich auch für langjährige in der Natur tätige Fachkräfte die eine oder andere interessante Variante dabei sein, die das bisherige Handlungsrepertoire erweitert. Die Gliederung des Buches ermöglicht es, sich schnell zurechtzufinden und bei der Anwendung der Aktionen die inhaltliche und fachdidaktische Anschlussfähigkeit an den eigenen Bildungsauftrag und -kontext, beispielsweise in Schule, Kinder- und Jugendhilfe oder Erwachsenenbildung, herzustellen.
Bei der Beschreibung einiger Aktionen wird deutlich, welches übergreifende Bildungspotenzial der Verbindung von naturwissenschaftlichen Kenntnissen mit praktischen forstwissenschaftlichen und waldpädagogischen Kompetenzen innewohnt. Leider spielt der Autor diese interdisziplinäre Trumpfkarte im Ärmel nur eher selten aus, wenn er die Steckbriefe mit fundiertem Praxiswissen anreichert und zusätzliche Erklärungen einbindet (z.B. S. 183–188). Und so ist die Qualität dieses zu Beginn eines jeden Steckbriefs dargebotenen Hintergrundwissens im gesamten Verlauf des Buches sehr schwankend. Während Hoffmann vor allem in seinem angestammten Fachgebiet der Biologie gekonnt interessantes Basiswissen über die Tier- und Pflanzenwelt im Wald in die Steckbriefe einflechtet und mit der Übung verknüpft (z.B. im 14. oder 32. Abschnitt), erschöpft sich das Hintergrundwissen an anderen Stellen in pädagogischen Alltagsplausibilitäten (z.B. im Abschnitt zu Spielpädagogik) und es werden pädagogische Arbeitsprinzipen wie Freiwilligkeit der Teilnahme (S. 298) und pädagogische Arbeitsfelder wie Elternarbeit (S. 301–302) unterkomplex abgehandelt.
Fazit
Dem Autor gelingt es, die vielfältigen Ausrichtungs- und Einsatzmöglichkeiten von waldpädagogischen Aktionen aufzuzeigen oder zumindest anzudeuten. Die etwas vollmundige Verwendung der Begriffe „Praxishandbuch“ und „Methodensammlung“ im Titel des Buches dürfte jedoch bei manchen Leserinnen und Lesern die Erwartung wecken, dass hier praktische Erfahrungen geteilt werden, wie der pädagogische Brückenschlag – methodisch angeleitet und reflektiert – von der Vorbereitung und Durchführung der Übung hin zur Förderung von Persönlichkeitsentwicklung, Vermittlung von Basis- und Schlüsselkompetenzen, Initiierung von (Selbst-)Reflexionsprozessen oder Unterstützung von positiven Gruppendynamiken bei den Teilnehmenden gelingen kann. Diese freilich recht hoch gehängten Erwartungen kann das Buch nicht erfüllen. Es ist am Ende eine sehr umfangreiche Sammlung waldpädagogischer Aktionen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Rezension von
Henning van den Brink
Professor für Soziale Arbeit an der IU - Internationale Hochschule
Mailformular
Es gibt 7 Rezensionen von Henning van den Brink.





