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Michael Feldhaus, Monika Schlegel: Familiensoziologie

Rezensiert von Ursula Christen, 24.01.2024

Cover Michael Feldhaus, Monika Schlegel: Familiensoziologie ISBN 978-3-8487-6069-5

Michael Feldhaus, Monika Schlegel: Familiensoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2023. 222 Seiten. ISBN 978-3-8487-6069-5. 23,00 EUR.
Reihe: Studienkurs Soziologie.

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Thema

Das Buch liefert eine kompakte Einführung in zentrale Gebiete der Familiensoziologie und stützt sich dabei auf aktuelle wissenschaftliche Konzepte und umfangreiches statistisches Datenmaterial aus Deutschland. Auf etwas mehr als 200 Seiten wird der Vielfalt und Komplexität von Familiensystemen Rechnung getragen, wobei der Fokus auf familialen Strukturen und Dynamiken, sowie der Familie als Beziehungs- und Interaktionssystem liegt. Der Blickwinkel bleibt dabei konsequent soziologisch, Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen wie etwa Psychologie, Pädagogik, Recht, Gerontologie etc. werden zuweilen angesprochen, aber nicht ausgeführt. Mit einer überaus umfassenden Quellen- und Literaturangabe zu jedem Kapitel lassen sich alle Themen nach Bedarf weiter vertiefen.

Autor und Autorin

Das Buch erscheint in der „Lehrbuchreihe für Studierende der Soziologie an Universitäten und Hochschulen“ und richtet sich in erster Linie an angehende Soziolog:innen. Den Entstehungshintergrund bilden zwei Module an der Universität Oldenburg, welche auf ausdrücklichen Wunsch der Studierenden zu dieser Verschriftlichung der Lehrinhalte geführt haben. Der Autor Prof. Dr. Michael Feldhaus ist seit 2014 Professor für Mikrosoziologie an der Universität Oldenburg; die Autorin Dr. Monika Schlegel arbeitet seit 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsgebiet „Soziologie des Lebenslaufs und soziale Ungleichheit“.

Aufbau

Eine übersichtliche Gliederung hilft, sich in dem dichten Werk mit vielen Zahlen, Fakten und Grafiken zurechtzufinden:

Erst werden die allgemeinen Grundlagen zur Familiensoziologie erörtert, danach theoretische Ansätze diskutiert. Kernstück bilden die beiden Kapitel „Familiale Strukturen und Familienverläufe“, sowie „Familiale Beziehungen und Dynamiken“. Eher marginal wirkt das Schlusskapitel „Soziale Ungleichheit und Familien“, wobei jedoch Befunde hierzu auch schon in vorhergehenden Kapiteln vereinzelt aufgenommen werden. Mit einem kurzen Ausblick werden schließlich die erörterten Inhalte weitergedacht und ein vorsichtiger Blick in die Zukunft geworfen: „Wir vermuten ferner, dass familiensoziologische Fragestellungen sich stärker auf die Analyse konkreter familiärer Praktiken beziehen werden. In vielen empirischen Befunden wird mehr als deutlich, dass es nicht die familienstrukturellen Bedingungen an sich sind, die entscheidende Einflüsse haben, sondern eher, wie Eltern und Kinder in und unter diesen Bedingungen konkret handeln und interagieren. Wo liegen Möglichkeitsräume für familiale Aktivitäten, wo liegen konkrete Barrieren mit welchen Folgen?“ (Feldhaus und Schlegel, S. 213f).

Inhalt

Mit Familie als einer zentralen Institution der Gesellschaft beschäftigt sich die Soziologie seit ihren wissenschaftlichen Anfängen im 19. Jahrhundert. Obwohl sie dabei auf zahlreiche philosophische Vordenker bis in die Antike zurückgreifen kann, hat sich die moderne Familiensoziologie von ideologisch und moralisch geprägten Schriften abgewendet und ist zu einer theoriegeleiteten, empirisch-analytischen Wissenschaft, sowie einer wichtigen Grundlage für politische Entscheidungen geworden.

Mit den vorhandenen demografischen Daten, etwa zu TFR (zusammengefasste Geburtenziffer), CFR (endgültige Kinderzahl), Eheschliessungen, Scheidungsziffern, sowie Haushaltssituationen von minderjährigen Kindern lässt sich ein umfassendes Abbild der gegenwärtigen familialen Lebensformen sowie der Veränderungen der letzten Jahrzehnte gewinnen. Da sich die Zahlen allesamt auf Deutschland beziehen, lässt sich auch immer der spannende Vergleich ziehen, wie weit sich die Trends in Ost- und Westdeutschland ähnlich bzw. different entwickelt haben. Das veränderte Fertilitätsverhalten, sowie seine demografischen Ursachen und Folgen werden dadurch sichtbar, jedoch liegt das Ziel des Buches nicht darin, qualitative oder subjektive Gründe für gewählte Familienformen zu diskutieren.

Die Unterscheidung von rechtlichen und biologischen Elternschaften zeigt immer komplexer werdende Gebilde, die sich zudem oft nicht mehr auf einen gemeinsamen Haushalt begrenzen. Auch im Hinblick auf Partnerschaftsstatus und Geschlecht der Eltern sind die Familienformen vielfältiger geworden. Dieser statische Blick auf momentane Situationen differenziert sich weiter, wenn Familienverläufe über längere Zeitperioden ins Blickfeld gezogen werden. Dann zeigt sich z.B., dass „alleinerziehende Elternteile und Stieffamilien nicht nur in der Querschnittsbetrachtung, sondern auch im Hinblick auf Familienverläufe an Bedeutung gewonnen haben“ (Feldhaus und Schlegel, S. 84).

Im Kapitel „theoretische Ansätze“ werden

  • Der symbolische Interaktionismus (und hier insbesondere die Konzepte von Rollen und Identität sowie Sozialisationstheorien)
  • Stresstheoretische Zugänge
  • Systemtheorien
  • Sozialökologische Zugänge
  • Rational-choice und Austauschtheorien
  • Feministische Theorien
  • Soziobiologische Zugänge
  • Lebenslaufansätze

auf ihre Sichtweisen auf Familien, sowie auf die Reichweite und Grenzen ihrer Erklärungsmöglichkeiten diskutiert. Ganz spezifisch wird bei jedem Ansatz gewürdigt, für welche Art Forschungsfragen und Hypothesenbildung er hilfreich sein kann. 

Das Kapitel „Familiale Beziehungen und Dynamiken“ nimmt empirische Befunde auf, wie etwa, dass mit der Dauer einer Partnerschaft die Qualität der Beziehung abnimmt und noch mehr die Beziehungszufriedenheit von Eltern sich nach der Geburt eines Kindes verringert (Feldhaus und Schlegel, S. 93) und diskutiert die Auswirkungen der Elternbeziehung auf die Entwicklung des Kindes.

Die Veränderungen in den elterlichen Erziehungsstilen, die mit veränderten Erwartungen und veränderten Werteorientierungen der Eltern einhergehen, werden nicht nur aufgezeigt, sondern auch im Hinblick auf genderspezifische Sozialisation, Bindungsforschung und Co-Parenting diskutiert.

Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Einfluss von Medien auf familiale Aktivitäten und Freizeitverhalten. Ein anderes betrachtet ausführlich Geschwisterbeziehungen und hierbei auch Spezialfälle wie Zwillingsbeziehungen, Kinder mit Beeinträchtigungen oder Geschwisterbeziehungen in Trennungs- und Stieffamilien. Auch die Auswirkungen kritischer Lebensereignisse und Gewalt in Familien werden beleuchtet. 

Einige Befunde überraschen wenig, z.B. dass der Besuch kultureller Veranstaltungen mit den Kindern mit dem sozioökonomischen Status korreliert (Feldhaus und Schlegel, S. 125), oder dass Mütter in Paarhaushalten mit Kindern unter 6 Jahren dreimal so viel Zeit für unbezahlte Arbeit aufbringen (Feldhaus und Schlegel, S. 137). Andere hingegen mögen erschrecken: „…dass zum einen Stiefeltern weiter weg wohnen von ihren Stiefkindern, dass die Transferleistungen zwischen den Generationen geringer sind, dass die Kontakthäufigkeit zwischen ihnen ebenfalls niedriger ausfällt als bei leiblichen Eltern und ihren Kindern, dass die Beziehungsqualität bei Stiefeltern-Stiefkinder-Beziehungen geringer ausfällt und dass dies sogar für leibliche und Stiefkinder in der gleichen Familie gilt.“ (Feldhaus und Schlegel, S. 148).

Diskussion

Das Buch richtet sich unverkennbar an Studierende. Dies zeigt sich etwa darin, dass (Feldhaus und Schlegel, S. 17) nicht nur der Begriff der Familie exakt definiert wird, sondern gleichzeitig erklärt und gerechtfertigt wird, warum exakte Begriffsdefinitionen in der Welt der Wissenschaften von so enormer Bedeutung sind, gerade dann, wenn umgangssprachlich und in der individuellen Erfahrungswelt der Begriff selbstverständlich schon besetzt ist. An anderer Stelle (Feldhaus und Schlegel, S. 49) wird den Lesenden erklärt, inwiefern sich Alltagstheorien von wissenschaftlichen Theorien unterscheiden und wie wissenschaftliche Theorien funktionieren. 

Die Repetitionsfragen, die sich an jedes Kapitel anschließen, sind nützlich für Prüfungsvorbereitungen und fragen das Erlernte ab, z.B.:

  • Was verdeutlichen die Mikrozensusdaten zu den Familien mit minderjährigen Kindern nach Lebensform? (Feldhaus und Schlegel, S. 46).
  • Was ist unter dem „Normenkomplex der verantworteten Elternschaft“ zu verstehen? (Feldhaus und Schlegel, S. 116).
  • Welche Auswirkungen hat die Inanspruchnahme von Elternzeit auf die Arbeitsteilung im Haushalt? (Feldhaus und Schlegel, S. 142).

Sie bieten jedoch keine Anregungen zur Selbstreflexion (z.B. Wie hat sich die ökonomische Situation meiner eigenen Herkunftsfamilie auf den Erziehungsstil meiner Eltern ausgewirkt?) oder zu sozialpolitischen Auseinandersetzungen (z.B. Wie beeinflussen staatliche Maßnahmen intergenerationelle Solidarität?) oder dergleichen.

Fazit

Wer exakte Zahlen, Fakten, Konzepte und Theorien zu Familiensituationen und -veränderungen in Deutschland sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Ganz besonders natürlich die Studierenden der Soziologie, für die dieses Grundlagenwerk explizit geschrieben wurde.

Rezension von
Ursula Christen
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Es gibt 14 Rezensionen von Ursula Christen.

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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 24.01.2024 zu: Michael Feldhaus, Monika Schlegel: Familiensoziologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2023. ISBN 978-3-8487-6069-5. Reihe: Studienkurs Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31515.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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