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Susanne Umbach, Christoph M. Pinkert (Hrsg.): Frieden üben - Brücken und Brüche im Denken und Handeln

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 15.02.2024

Cover Susanne Umbach, Christoph M. Pinkert (Hrsg.): Frieden üben - Brücken und Brüche im Denken und Handeln ISBN 978-3-7344-1378-0

Susanne Umbach, Christoph M. Pinkert (Hrsg.): Frieden üben - Brücken und Brüche im Denken und Handeln. Impulse aus der Friedenspädagogik : Jahrestagung 2020 des Norddeutschen Netzwerks Friedenspädagogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 165 Seiten. ISBN 978-3-7344-1378-0. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.

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Frieden ist möglich!

Die „globale Ethik“, wie sie als allgemeinverbindliche, nicht relativierbare Verantwortung der Menschen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) postuliert wird, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, ist Anker und Arithmetik des humanen Seins. Dort, wo Unfrieden und Unmenschlichkeit sind, gibt es keine Humanität. Ein friedliches, gerechtes Zusammenleben der Menschen, lokal und global, jedoch liegt nicht in den Genen; es kann auch nicht per Ordre du Mufti verordnet werden, sondern es bedarf der intellektuellen Anstrengungen und des Lernens.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Das „Norddeutsche Netzwerk Friedenspädagogik“ (NNF) ist ein 2008 gegründeter Zusammenschluss von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bildungsträgern in den Bundesländern Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Bremen und Niedersachsen. Es will Informations-, Innovations-, Fortbildungs- und Forschungsstelle für Lehrkräfte aller Schulformen, für Sozialpädagog/​innen, Erwachsenenbildner, Studierende und Wissenschaftler/​innen der Hochschulen und Universitäten sein. Kooperationen und Dialoge werden vorwiegend in den Jahrestagungen thematisiert. Die Themen der Jahrestagungen – „Was hat Afghanistan mit mir zu tun?“ (2008), „Der friedenspädagogische Blick“ (2010), „Feindbilder und Friedenspädagogik“ (2011), „Friedenspädagogik und Menschenrechte“ (2012), „Macht, Beteiligung, gutes Leben“ (2013), „Friedenspädagogik JETZT!“ (2014), „Global Citizens & Local Heroes“ (2015), „Friedenslogisch denken und handeln“ (2016), „Streitkultur in Zeiten der Radikalisierung“ (2017), „Friedenslogik aus praktischer Perspektive“ (2018), „Wir müssen handeln: Menschenwürde als Haltung“ (2019), „Brücken und Brüche – Friedensbildung in unserer vielfältigen Gesellschaft“ (2020), „Intersektionalität beleuchten – Friedensbildung weiterdenken“ (2021), „Doing Peace. Die Vielfalt der Friedenspädagogik“ (2022) – spiegeln die Zielsetzungen und Aufgabenfelder des Netzwerks. Die Themen und Diskussionen bei der Jahrestagung vom 20. – 22. 2. 2020 in Salem in Mecklenburg werden als Praxishandbuch von Susanne Umbach vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) und vom Trainer für Transkulturelles Lernen und konstruktive Konfliktbearbeitung, Christoph Pinkert, herausgegeben.

Aufbau und Inhalt

Neben den Vorworten und der Einführung in das Tagungsthema, mit dem Praxisbeispiel und Werkstattbericht „Landschaft als Friedenspädagogik“, durch das Herausgeberteam, setzt sich die Wirtschaftsjournalistin und Publizistin Ulrike Herrmann mit der Frage: „Kann Rationalisierung die ökologische Katastrophe verhindern?“, damit auseinander, ob „Das Ende des Kapitalismus“ in Sicht ist: „Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum führt unausweichlich in die ökologische Katastrophe“. In einem Workshop wurden mit den Tagungsteilnehmer/​innen kreative Reflexionen zu „Kopf – Bauch – Füße“ eingeübt.

Die Tübinger Friedenspädagogen Uli Jäger und Anne Kruck thematisieren angesichts der Covid-19-Zeiten Herausforderungen und Chancen. Menschen auf der ganzen Welt brauchen „Räume, um Frieden zu erleben und zu erlernen – auf der Mikroebene Familie und im alltäglichen Leben ebenso wie auf der Makroebene der Gesellschaft und der internationalen Politik“. Mit dem Praxisbeispiel „Politische Bildung muss NICHT neutral sein“ werden Bildungsalltag und -anforderungen reflektiert.

Die Friedensarbeiterin Melanie Stamer nimmt sich mit der Frage „Differenzen (in) der Demokratie – Friedenspädagogik à venir?“ die lokalen und globalen Gesellschaftsentwicklungen von Jetzt und Morgen vor und erkennt die Prozesse und Herausforderungen, durch Herrschaftsabbau, Demokratisierung und Gerechtigkeitsbewusstsein zum Frieden beizutragen. Durch das Interview mit dem Leiter der Organisation „Politische Memoriale Schwerin e.V.“, Martin Klähn, werden positive und negative Entwicklungen bei Wandlungs- und Umbruchzeiten erkennbar.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Patricia Baquero Torres von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz der Universität Koblenz-Landau diskutiert „Verantwortung als gesellschaftliche Praxis (als) post- und dekoloniale Reflektionen“. Im Zusammendenken von Subjekt, Ratio und Emotionen kommt es darauf an, koloniale und postkoloniale Deutungsmuster neu zu denken. Als Praxisbeispiel bringt sie Erfahrungen und Konzepte bei der psychosozialen Arbeit mit Flüchtlingen ein.

Der österreichische Friedenspädagoge von der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität, Werner Wintersteiner bringt mit dem Beitrag „Alltäglicher und systemischer Rassismus“ seine Jahrzehnte langen, friedenspädagogischen Erfahrungen ein. Er stellt Fallbeispiele vor und verdeutlicht: „Rassismus ist keine Summe von Einzelfällen, er ist ein gesellschaftliches Syndrom“.

Der Politikdidaktiker vom Bremer Landesinstitut für Schule, Jan Eike Thorwegen, plädiert für eine „diversitätsbewusste Schule als Ort der Friedensbildung“. Es ist Anlass und Auftrag, Friedens- als Menschenbildung zu begreifen und engagiert und systematisch-ganzheitlich in die Lehreraus-, -fortbildung und Unterrichtspraxis einzubringen. Mit der Frage – „Welche Bedeutung haben Wahlen und Wahlbeobachtung im Rahmen des Friedensbildungsprozesses?“ – wird das Praxisbeispiel konkretisiert.

Der Supervisor Nello Fragner setzt sich mit dem Beitrag „Queere Impulse für friedenspädagogisches Arbeiten“ mit queeren Lebensrealitäten auseinander: „Eine friedenspädagogische Utopie“ wäre für mich darin zu finden, unterschiedliche Lebensformen und Erfahrungen anzuerkennen, zu sozialer Verantwortung anzuhalten und Räume zum Kritisieren, Fragen und Ausprobieren anzubieten. Mit dem Praxisbeispiel „Spuren suchen – Zeichen setzen“ wird auf die geschlechtlichen, gesellschaftspolitischen, differenzierten und ethischen Zusammenhängen verwiesen.

Mit dem Beitrag von Sarah Vogel – „Vom Zivilisationsbruch zur Zivilcourage – Historisches Lernen im Kontext der Friedenspädagogik“ – wird das Tagungshandbuch beendet. Am Beispiel der Gedenkstättenpädagogik werden Wissens- und Verstehensmethoden vorgestellt, und mit dem Praxisbeispiel „GG20“ als Auseinandersetzung mit den Grundrechten, der Menschenwürde und Demokratie konkretisiert.

Diskussion

Frieden ist machbar und lebensnotwendig. Es sind die lebensweltlichen und kosmischen Entdeckungen, dass der anthrôpos ein Glied in den natürlichen und kulturellen Wirklichkeiten des Lebens bildet. Der Mensch ist weder Besitzer noch Beherrscher der Welt, sondern ein abhängiges, gleichberechtigtes Element. Daraus entwickelt sich Verantwortung, die sich in den Werten „Nachhaltigkeit“ und „Resilienz“ ausdrücken (Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29229.php). Es gilt, ein gutes, gelingendes, humanes und natürliches Leben zu führen (Max Fuchs, Das gute Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26614.php); und es kommt darauf an, Egozentrismus und Feindschaft zu überwinden (Siegfried Karl/0020, Hg., Frieden sichern in Zeiten des Misstrauens, 2024, www.socialnet.de/rezensionen/​29795.php).

Fazit

Aus Waffen Alltagsgeräte und Kunstobjekte machen! Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus und Populismus sind menschen- und weltfeindliche Entwicklungen. In der Verfassung der UNESCO, der Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen heißt es: „Da Kriege (und Unfrieden, JS) im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden“. Das ist Bildung und Aufklärung, und ein Weg hin zu einer „Kultur des Friedens“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1742 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245