Jens Korfkamp, Ulrich Steuten: Was ist Heimat?
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 04.01.2024

Jens Korfkamp, Ulrich Steuten: Was ist Heimat? Klärung eines umkämpften Begriffs. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 157 Seiten. ISBN 978-3-7344-1371-1. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR.
Dahoam is dahoam!
Der existentiell, kulturell, historisch, weltanschaulich und alltagsbestimmt konstruierte Heimatbegriff wird im wissenschaftlichen Sprachgebrauch als „imagined community“, als vorgestellter, gedachter Zusammenschluss von Gemeinschaften, bezeichnet. Die etymologischen Versuche, Begriff und Tatsache zu definieren, erweisen sich meist als unzulänglich, weil Heimatgefühl, -empfindung, -wahrnehmung und nicht selten anthropologische oder ideologische Inbesitznahme individuell und kollektiv getextet sind. In den Zeiten der Globalisierung, des imaginär und virtuell empfundenen „Überall-Sofort-Jetzt-Seins“ kann Heimat überall und nirgends sein: Heimat ist, wo ich meinen Hut hinhäng‘ – Heimat ist lokal und global – Heimat ist Sehnsucht (Eduardo Costadura, u.a., Heimat global, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25993.php; Andreas Kossert, Kalte Heimat, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6654.php).
Autoren und Aufbau
Die Sozialwissenschaftler Jens Korfkamp und Ulrich Steuten reflektieren den umstrittenen, unbestimmten Begriff „Heimat“, indem sie nach der anthropologischen, psychologischen, philosophischen, politischen und Alltagsbedeutung fragen. Begriff, Vorstellung und Wissen über das, was Heimat sein kann, lässt sich nicht eindeutig definieren. Das Handbüchlein „Was ist Heimat?“ gliedern die Autoren neben der Einleitung in 12 Kapitel.
Inhalt
Im ersten werden erste Annäherungsbemühungen zur Begriffsauseinandersetzungen unternommen; im zweiten vollziehen die Autoren einen „Gang durch die Geschichte“, im dritten wird „Heimat – auf dem Weg in die Moderne“ thematisiert; im vierten wird mit „Heimat im 19. Jahrhundert“ die Entwicklung des (abendländischen) Übergangs vom Agrar- zum Industriestaat nachvollzogen; im fünften wird als Exkurs „Vaterland, Heimatliebe und Nationalstolz“ eingebunden; im sechsten geht es um die Ideologie „Heimat im Nationalsozialismus“; im siebten erfolgt die Auseinandersetzung mit „Heimat nach Kriegsende“; im achten wird darüber nachgedacht, wie sich „Heimat in der DDR“ gestaltete; das neunte Kapitel vermittelt mit der Überschrift „Auf der Suche nach dem Selbst“ Gedanken, wie sich das Heimatbewusstsein in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte; im zehnten wird mit dem Thema „Sehnsucht nach Übersichtlichkeit“ über die Veränderungsprozesse in den 1990er Jahren informiert; im elften werden „Heimat(en) im 21. Jahrhundert“ als (ökonomische) Erlebnisressourcen, als Fremdheitslegenden und politischer Kampfbegriff erläutert; und im zwölften und letzten Teil wird gefragt, ob der Begriff „Heimat als toxischer Begriff in den ‚Giftschrank der Geschichte‘“ gehöre.
Das Menschenrecht auf eine menschenwürdige Bleibe wird in der „globalen Ethik“, der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948) als allgemeingültiges, nicht relativierbares Menschenrecht garantiert. Das verfasste Heimatrecht setzt darauf, dass jeder Mensch nach eigenem Willen und Bewusstsein sein „Heimatland“ suchen und bestimmen kann. Dort, wo Heimat verloren geht, verweigert oder als humaner Lebensraum unmöglich (gemacht) wird, kann eine (neue) Heimat entstehen. Heimat, betrachten wir das Recht jedes Menschen auf ein menschenwürdiges, zufriedenstellendes, individuelles und kollektives Dasein, ist Freiheit, ist Demokratie, ist Wohlfühl- und Standort.
Diskussion
Die Auseinandersetzungen darüber, wie mit der Nomenklatur von Empfindungen, Erwartungen, Zuschreibungen und Illusionen umgegangen werden kann, die sich im Heimatbegriff ausdrücken, chargieren zwischen Wohlfühl- und Höllenort; weil immer die individuellen und kollektiven, gewollten und gemachten Zustände bestimmend sind. Wenn der differenzierte, humane Lebensraum zu einem inklusiven Identitäts- und Identifikationsangebot werden soll, bedeutet dies, sein Dasein heimatlich, wertebewusst und lebensweltlich, also verantwortungsvoll einzurichten.
Fazit
Weil jeder Mensch bemüht ist, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, und aufgefordert ist, sich seiner selbst in der Welt und Menschheit bewusst zu sein, ist der wissenschaftliche Versuch, den Heimatbegriff zu hinterfragen, kein l’art pour l’art, sondern eine notwendige und nützliche Anforderung und Wegweiser für humanes Dasein.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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