Carolyn Hollweg, Daniel Kieslinger (Hrsg.): Partizipation und Selbstbestimmung in einer inklusiven Erziehungshilfe
Rezensiert von Prof. Dr. Simone Ries, 05.01.2026
Carolyn Hollweg, Daniel Kieslinger (Hrsg.): Partizipation und Selbstbestimmung in einer inklusiven Erziehungshilfe. Zwischen bewährten Konzepten und neuen Anforderungen.
Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb
(Freiburg) 2022.
293 Seiten.
ISBN 978-3-7841-3486-4.
D: 26,00 EUR,
A: 26,80 EUR.
Reihe: Beiträge zur Inklusion in den Erziehungshilfen - Band 2.
Thema
Die Bedeutung von Selbstbestimmung und Partizipation von Kindern und Jugendlichen haben einen zentralen Einfluss auf deren Zukunftsperspektive und individuelle Lebensführung. Die Berücksichtigung des direkten familiären und sozialen Umfeldes ist als essenzieller Faktor zu bewerten. Der vorliegende Sammelband 2 möchte in den einzelnen Beiträgen Probleme des genannten Diskurses aufzeigen und mögliche Lösungsansätze, aber auch Grenzen definieren. Inhaltlich werden rechtliche, politische, konzeptuelle, gestalterische, zukunftsorientierte und situative Blickwinkelbetrachtungen zur Erziehungshilfe dargestellt. Mögliche Wege der Inklusion von Kindern und Jugendlichen, aber auch deren familiären Herausforderungen von Eltern mit und ohne Behinderung, werden aufgezeigt. Partizipation und Selbstbestimmung finden in den Beiträgen im Setting der stationären Erziehungs- und Eingliederungshilfe statt.
Herausgebende und Entstehungshintergrund
Dr. Carolyn Hollweg arbeitet als Referentin im Evangelischen Erziehungsverband (EREV) und beschäftigt sich u.a. mit Themen zur Inklusion von Menschen mit und ohne Einschränkungen und daraus resultierenden Erziehungshilfen. Sie promovierte an der Universität Hildesheim im Bereich von Benachteiligung von „Nicht Deutsch sprechenden Personen“ in Hilfeplangesprächen und wurde mit dem Kinder- und Jugendhilfepreis 2022 ausgezeichnet.
Daniel Kieslinger ist Geschäftsführer der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz und war bis 2024 stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbandes Caritas Kinder- und Jugendhilfe (BVkE). Seine beruflichen Interessen sind u.a. im Bereich von Finanzierungsstrukturen in der Kinder- und Jugendhilfe, Sozialpolitik und Inklusion zu finden.
Die beiden Herausgebenden verbindet das Modellprojekt „Inklusion jetzt!“. Dieses stellt den Hintergrund der Veröffentlichung des Sammelbandes 2 dar. Der vertiefte wissenschaftliche Diskurs wurde begleitet von Wolfgang Schröer, Professor am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim.
Die einzelnen Fachbeiträge wurden aus dem Kreis der aktiv am Projekt „Inklusion jetzt!“ mitwirkenden Personen eingebracht.
Die „Aktion Mensch Stiftung“ förderte die Veröffentlichung des zweiten Sammelbandes.
Aufbau
Der Sammelband 2 umfasst 293 Seiten mit einem digitalen Aktivierungscode für die E-Book-Version. Dieser gliedert sich in drei große Überkapitel mit dem zentralen Merkmal von „Inklusive[n] Ansätze[n]“ (S. 18). Der Blickwinkel 1 betrachtet „Partizipation und Selbstbestimmung“ in 5 Fachbeiträgen, Blickwinkel 2 „Zusammenarbeit mit Eltern“ in 6 Fachbeiträgen und Blickwinkel 3 „Partizipation junger Menschen“ in 4 Fachbeiträgen (S. 18). Die einzelnen Fachpublikationen sind topographisch übersichtlich dargestellt mit anteilig komplementierten Tabellen, Abbildungen, Interviewauszüge, Fallbeispiele und ein Artikel in vergrößerter Schrift in „einfacher Sprache“ (Staib et al. S. 83 ff.). Der jeweilige Fachartikel schließt mit einem Literaturverzeichnis in alphabetischer Reihenfolge. Am Ende des Sammelbandes 2 werden die Kontaktadressen der gesamten Autor:innenschaft aufgelistet.
Inhalt
Vorwort und Einleitung stellen für die Leserschaft einen aufschlussreichen Wegweiser durch die anschließenden drei Blickwinkelbetrachtungen im Sammelband 2 dar. Jeweils ein Fachbeitrag wird stellvertretend daraus kurz vorgestellt und analysiert.
1. Vorwort und Einleitung:
Bereits zum Einstieg identifiziert die Autorin Kerstin Blochberger die vielfältigen Facetten von Partizipation und Selbstbestimmung von Eltern mit Behinderung durch die Vorstellung der Selbstvertretung des „Bundesverbandes behinderter und chronisch kranker Eltern“ (bbe e.V.). Anschließend erweitern die Herausgebenden Carolin Hollweg und Daniel Kieslinger den Diskurs auf die Stärkung von Kinder- und Jugendrechten mit den zentralen Fragestellungen im Projekt „Inklusion jetzt!“ aus dem „Dreiklang von Partizipation, Mitbestimmung und Selbstbestimmung“ (S. 13).
2. Blickwinkelbetrachtung 1: „Partizipation und Selbstbestimmung“
Der Fachbeitrag „Alles neu? Partizipation in den Hilfen zur Erziehung vor dem Hintergrund des novellierten SGB VIII“ von Michael Macsenaere und Monika Feist-Ostmanns zeigt die zentrale Bedeutung der positiven Auswirkungen von „Beteiligung und Partizipation junger Menschen“ (S. 51) im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe auf. Die Begründung liege in geschichtlicher, gesellschaftlicher, gesetzlicher und organisationaler Perspektive. Die Autorenschaft mahnt an, dass eine Diversität des Verständnisses und der Umsetzung von Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Realität mit Verantwortlichen zu ermitteln ist. Als entscheidende Faktoren einer gelingenden Eingliederungshilfeplanung zeigen sich bei den Kindern und Jugendlichen die „Ausgangslage“ und die „Hilfeausgestaltung“ (S. 61). Als mögliche Anregung zur verbesserten Partizipation und Selbstbestimmung wird für Betroffene und Fachkräfte ein bereits empirisch erprobtes Assessmentinstrument zur „sozialpädagogische[n] Diagnostik und partizipative[n] Hilfeplanung“ vorgeschlagen (S. 63). Die Autorenschaft bestätigt durch empirische Analysen den positiven Effekt auf alle Beteiligten und schlägt einen erweiterten Praxisdiskurs vor.
3. Blickwinkelbetrachtung 2: „Zusammenarbeit mit Eltern“
Im vorliegenden Fachbeitrag „Alles eine Frage der Haltung!? An den jungen Menschen orientierte, inklusive Elternarbeit“ von Björn Hagen wird der Leserschaft ein Diskurs auf drei verschiedenen Ebenen der komplexen Zusammenarbeit mit Eltern offenbart. Die Phänomene Eltern und Familie, konzeptuelle Elternarbeit und UN-Kinderrechts- und Behindertenrechtskonvention verdeutlichen aus der Sicht des Kindes bzw. Jugendlichen, die Bedarfe von partizipativer und selbstbestimmter Erziehungshilfe. Der Autor zeigt konzeptuell auf, dass inklusive Elternarbeit aus Sicht des jungen Menschen für die Planung und Umsetzung von einer gemeinsamen Zusammenarbeit auf Augenhöhe notwendig sind. Es werden Anregungen einer möglichen gelingenden Familienarbeit, bezogen auf eine „gesunde“ und „inkludierende“ Fortentwicklung des jungen Menschen, offeriert. Ein Fallbeispiel eines elfjährigen Kindes ergänzt den „Roten Faden“ des gesamten Fachbeitrags und veranschaulicht die fragile Ausgangslage und diverse Lösungsansätze im familiären Dialog zwischen Eltern und jungen Menschen.
4. Blickwinkelbetrachtung 3: „Partizipation junger Menschen“
Der dritte gesichtete Fachbeitrag „Übergänge partizipativ gestalten – Anforderungen aus Sicht des Careleaver e.V.“ von Andrea Edler problematisiert die Thematik von meist fehlender partizipativer Unterstützung von Careleavern im Übergang zur „persönlichen Selbständigkeit“ bzw. deren folgenden Selbstbestimmung. Als begleitende, unterstützende Möglichkeit wird der erste Verein für Careleaver in Deutschland als Anlaufstelle vorgeschlagen und vorgestellt. Das „Peernetzwerk“ begründet sich zur individuellen, kontinuierlichen Beratung für Jugendliche und junge Erwachsene nach der Pflegezeit in einer Pflegefamilie bzw. stationären Jugendhilfeeinrichtung. Die Autorin zeigt partizipative Nutzungsmöglichkeiten des Vereins Careleaver e.V. für Betroffene im Übergang und Tipps für Fachkräfte in der Beratung auf.
Diskussion
Den projektverantwortlichen Herausgebenden gelingt es, nachdenkenswerte Aspekte (vgl. Pluto S. 67 ff.) wie den zu kurz kommenden Einbezug der Meinung von Kindern sowie Ideen von entlastenden Möglichkeiten in defizitorientierten Familienkonstellationen vorzustellen und praxisorientiert für die einzelnen Akteure aufzubereiten (vgl. Jeltsch-Schudel S. 182 ff.). Sie nehmen die Leserschaft mit in den interdisziplinären, demokratischen Diskurs von Herausforderungen und gleichzeitiger positiver Inkludierung in den einzelnen konzeptuellen Fachbeiträgen. Die Verwendung von „einfacher Sprache“ im Beitrag von Staib et al. runden den inkludierenden Erziehungshilfediskurs ab (S. 83ff). Dadurch lebt der Sammelband 2 den Gedanken von Partizipation und Inkludierung der einzelnen Betroffenengruppen.
Desweiteren gelingt es durch die systematische und wissenschaftliche Aufbereitung eines Fallbeispiels zur „inklusiven Elternarbeit“ (vgl. Hagen S. 111 ff.) mit Transfer zur gesetzlichen und konzeptuellen Lösungsstrategie diverse Hilfestellungen für Betroffenengruppen anzubieten. Es zeigt die hohe Komplexität und Herausforderungen in der Arbeit mit Eltern und Kindern auf. Eine Übertragung auf die eigene, berufliche Handlungsfähigkeit von sozialarbeitenden Personen im Setting von Kinder- und Jugendhilfe wird erleichtert.
Anzumerken ist, dass sich einerseits im gesamten Sammelband 2 einzelne Fachbeiträge teilweise überschneiden, andererseits puzzleartig aus partizipativer und selbstbestimmender Sichtweise zusammenfügen. Die Diversität der umfangreichen Autor:innenschaft wird ersichtlich. Aus wissenschaftlicher Perspektive wären ein erweiterter Blick auf die einzelnen Literaturverzeichnisse wertvoll gewesen.
Fazit
Der Sammelband stellt das Modellprojekt „Inklusion jetzt!“ in fünfzehn Fachbeiträgen unter dem Fokus von konzeptuellen Aspekten im Bereich von Partizipation und Selbstbestimmung dar. Personen, die sich für wissenschaftliche Projektdiskurse im Bereich von inklusiven Erziehungshilfen interessieren, werden Anknüpfungspunkte für die berufliche Weiterarbeit finden. Als primäre Leserschaft spricht der Sammelband somit Menschen aus den Bereichen der Sozialen Arbeit, Inklusiven Pädagogik und Heilpädagogik, Pflege, Frühkindlichen Bildung und Erziehung, Medizin, Psychotherapie und Betroffenengruppen besonders an.
Rezension von
Prof. Dr. Simone Ries
Professur Pflegewissenschaft, Hochschuldozierende an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg mit Schwerpunktforschung in den Bereichen von „Partizipativer Gesundheitsforschung und Gesundheitsförderung“
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