Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Monika Baumann: Brainspotting

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 11.03.2024

Cover Monika Baumann: Brainspotting ISBN 978-3-8497-0476-6

Monika Baumann: Brainspotting. Belastungen verarbeiten – Selbstheilungskräfte unterstützen mit Kindern, Jugendlichen und jüngeren inneren Anteilen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 187 Seiten. ISBN 978-3-8497-0476-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Reden reicht nicht!?

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Zählpixel

Thema

In der Psychotherapie findet Brainspotting als körperorientierte Therapieform immer mehr Aufmerksamkeit. Das Vorgehen setzt auf neurobiologische Prozesse, indem es die Augen quasi als Scanner der inneren Welt erkennt. Die Annahme ist, dass physiologische Prozesse und emotionale Empfindungen mit bestimmten Augenpositionen in Verbindung stehen und damit über das Gesichtsfeld zielgerichtet aktiviert werden können.

Brainspotting kann die Selbstregulation verbessern, Blockaden lösen, Symptome integrieren und Gefühle und Erinnerungen besser verarbeiten. Den praktischen Kern des Buches bildet die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, darüber hinaus gibt es auch Beispiele aus der sog. Teilearbeit mit Erwachsenen.

AutorIn

Monika Baumann ist Psychologin und Systemische Familientherapeutin. Ihr Wissen speist sich z.B. aus der Neuropsychologie, Traumatherapie-Techniken, Hypnotherapie und Brainspotting. Weltweit hält sie Vorträge, arbeitet in der Lehre sowie in der Betreuung von Sozialprojekten. Sie ist Verantwortliche für Brainspotting Austria.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 197 Seiten, die sich in drei Teile und fünf Kapitel sowie zahlreiche Unterkapitel gliedern. Es gibt einen Beitrag von David Grand, dem Urvater des Brainspotting. Zahlreiche Fallvignetten sind eingestreut. Sie heben sich vom Fließtext ab und geben Einblicke in die praktische Arbeit. Die Kapitel zwei und vier sind vom Aufbau gleich, das ist hilfreich, um die Verbindung zwischen allgemeinen Erklärungen zu Brainspotting und den konkreten Beispielen herzustellen.

  • Teil I: Theoretische Grundlagen und praktisches Vorgehen (Kapitel 1 und 2)
  • Teil II: Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen (Kapitel 3 -5)
  • Teil III: Ausblick

Das erste Kapitel Einführung in Brainspotting erläutert, was Brainspotting ist, wie David Grand Brainspotting entdeckte und wie Brainspotting funktioniert. Erklärt wird, was bei einer Brainspotting-Sitzung passiert. Ein exemplarischer Ablauf einer Brainspotting-Sitzung wird vorgestellt.

Den Ablauf, die Instrumente und der Prozess stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels vom Beginnen bis zum Beenden einer Brainspotting-Sitzung. Diese beginnt mit Erklärungen zur Auflösung von Trauma Symptomen, dazu gehören Vorschläge zur Erklärung von Brainspotting, wichtig ist auch, den passenden „haltenden Rahmen“ zu setzen. Das Unterkapitel 2.2 beschreibt die Instrumente und notwendigen Grundhaltungen. Gearbeitet wird mit einem Pointer und einer Belastungsskala. Im Brainspotting wird davon ausgegangen, dass alles was im Gehirn abgespeichert ist auch im Körper verzeichnet ist und umgekehrt. Der Einsatz von BioLateraler Musik geht auch auf David Grand zurück, der diese Art von Tonaufnahmen schon in den 1990er Jahren einsetzte. Dabei handelt es sich um Tonaufnahmen, die zwischen dem linken und dem rechten Ohr hin- und herpendeln, um die linke und die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren.

Brainspotting hat zwei Aktivierungszugänge: den Aktivierungszugang und den Ressourcenzugang. Der Aktivierungszugang führt direkt zum Symptom und zur Belastung, der Ressourcenzugang dient der Potenzialerweiterung und vermittelt Widerstandskraft (Resilienz). Weitere Grundtechniken sind das äußere und das innere Fenster sowie das sog. „Gazespotting“, was man mit dem „Blick ins Leere“ übersetzen kann. Brainspotting arbeitet ohne Protokoll nach dem sog. „Ungewissheitsprinzip“, die Behandelnden sind offen, flexibel und vertrauen darauf, was die behandelte Person zeigt. Diese Vorgehensweise erlebt Baumann als Herausforderung und Stärke zugleich.

Der Moment, in dem ein Brainspot gefunden, ein Körpergefühl wahrgenommen und die Klient:innen durch das Hinschauen in eine tiefe Verarbeitung gelangen wird als Verarbeitungsprozess bezeichnet. Den Abschluss einer Brainspotting-Sitzung bildet das Finden von „Merk-Malen“, oft empfinden Klient:innen ein Wohlgefühl, welches gefestigt wird. Manchen Menschen hilft es, den Brainspotting-Prozess visuell darzustellen. Das zweite Kapitel schließt mit 27 oft gestellten Fragen, den sog. FAQs zur praktischen Anwendung von Brainspotting.

Brainspotting mit Kindern und Jugendlichen (Kap. 3 und 4) kann sehr kreativ sein z.B. können Fantasiegeschichten erfunden, Zeichnungen, Imagination oder Rollenspiele genutzt werden, um an die schmerzhaften Erfahrungen zu gelangen. Zu Beginn einer Sitzung erfolgt immer eine Erklärung, was Brainspotting ist. Dann wird der passende „haltende Rahmen“ gesetzt. Dazu gehören auch der neurobiologische Rahmen, also Erklärungen dazu, dass Körper und Gehirn zusammengehören und der beziehungsorientierte Rahmen, um den Kindern und Jugendlichen eine größtmögliche Sicherheit zu geben.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen braucht besondere Instrumente und Grundhaltungen. Als Zeigestab-Ersatz (also Ersatz für den Pointer) können Spielzeug oder Stofftier sowie andere kreative Hilfsmittel eingesetzt werden. Statt der herkömmlichen SUD Belastungsscala wird der Daumen genommen und durch Daumen hoch oder runter sowie das Anzeigen des Abstands mit den Händen die Belastung angezeigt. Die Abfrage von Körperempfindungen fällt Kindern und Jugendlichen leichter, auch der Einsatz von BioLateraler Musik. Beim Einsatz der Aktivierungs- oder Ressourcenzugänge lässt sich gut mit den Ressourcen beginnen. Weitere Zugänge sind das äußere Fenster und das innere Fenster sowie das Gazespotting, wichtig ist immer bei den Grundlagen des Brainspotting zu bleiben, egal welche Zugangsarten gewählt werden. Wichtig ist auch, sich die Verarbeitungsprozesse von Kindern und Jugendlichen genau zu betrachten und herauszufinden, was ein Kind braucht, um verarbeiten zu können.

Es gibt keine diagnosespezifische Brainspotting-Behandlung, denn Brainspots werden nach Relevanz für die individuelle physiologische Aktivierung der Klient:innen lokalisiert. Manchmal kann es passieren, dass sich Aktivierungspunkte in Ressourcenpunkte verwandeln, der Begriff dafür ist „Doppeleffekt“. Auf S. 115–117 werden Materialien beschrieben, die für die Arbeit mit dem Doppeleffekt eingesetzt werden können. Dem gleichen Prinzip folgt die „CrocoDuck“, ein Krokodil, was sich in eine Ente verwandeln kann.

Die Brainspotting-Sitzung endet mit der Festigung des Ressourcengefühls und der erneuten Prüfung, ob das, was erarbeitet wurde, auch nachhaltig wirkt. Es kann auch sehr hilfreich sein, zum Abschluss ein Symbol zu schenken, das hilft, sich daran zu erinnern und das positive Gefühl der Ressource im Alltag beizubehalten. Monika Baumann gibt den Kindern oft das in der Therapie gebrauchte Objekt mit nach Hause, Jugendlichen hilft ein Spruch, ein Stein oder eine Nachricht auf dem Handy.

Das fünfte Kapitel Haltungen in der Brainspotting-Behandlung für die Arbeit mit jungen Klient:innen schließt sich der Aussage von Peter Levine (2007) an: „Das Trauma ist nicht das Erlebte sondern die Art und Weise wie das Erlebte im Nervensystem abgespeichert wird“ (S. 125). Eine bedeutsame Haltung ist das Prinzip der Ungewissheit und dazu passt die Methode WAIT von Steve Sawyer. WAIT ist die Abkürzung von „Why Am I Thinking“ steht, sie steht für geduldiges Abwarten, nicht zu schnelles Eingreifen, steht für das Schweigen und dafür, Ungewissheit auszuhalten. Auf dieser Basis können Klient:innen ihren eigenen Weg finden und Selbstheilungskräfte aktivieren. Auch Kreativität findet Einsatz. Genutzt werden kann das Malen, Bausteine, Tanzen/Körperhaltung oder ko-kreatives Geschichtenerzählen und Geschichten vorlesen. Teilearbeit mit Kindern ist in verschiedenen Altersstufen möglich, auch das Arbeiten mit dem „inneren Kind“.

Neben einem Ausblick schließt das Buch mit Hinweisen zum Setting. Brainspotting-Behandlungen mit Kindern und Jugendlichen können auch online stattfinden. Es bietet sich an, einen „Rahmen im Rahmen“ zu setzen. Weitere Einsatzmöglichkeiten sind die Bearbeitung von kollektiven Traumata, Brainspotting mit Familien oder mehreren Klient:innen sowie Brainspotting-Behandlungen in Gruppen mit Kindern und Jugendlichen.

Im III. Teil Ausblick findet sich der Vortrag von David Grand „Brainspotting als neuroexperienzielles Verarbeitungsmodell für Gesundung und Expansion“. Eine Rezension zum Buch von David Grand zum Brainspotting aus 2014 liegt vor unter http://www.socialnet.de/rezensionen/17796.php.

Diskussion

Monika Baumann arbeitet mit jeder Altersgruppe. Ihr jüngster Brainspotting-Klient war ein Säugling im Alter von sechs Wochen, ihr ältester Klient über 80 Jahre alt. Die Autorin lässt die Leserschaft an ihrem großen Erfahrungsschatz teilhaben. Sie berichtet von der Arbeit mit Kindern, die vielfältige Problemlagen haben wie z.B. Lernschwierigkeiten und Hyperaktivität, Kinder, die unter den Bedingungen von Autismus leben, Kinder, die Missbrauch erlebt, verlassen wurden und Ängste entwickelt haben bis hin zu Kindern, die schwere traumatische Erfahrungen durch Gewalt erleben mussten. Monika Baumann hat erlebt, dass die Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen voller Kreativität und Überraschungen war, sie hatten oft keine Worte, fanden aber immer wieder Wege, ihre Gefühle auszudrücken.

Die Methode Brainspotting eignet sich als Kurzzeitintervention (2-5 Einheiten), sie kann aber auch in eine lange Therapie eingebunden werden. Brainspotting ist ein tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren zur Traumaverarbeitung, welches 2003 entwickelt wurde. Ziel der Methode ist eine vollständige Auflösung blockierter Erregung im Gehirn und im Körper. Durch Brainspotting werden implizite Informationen und Ressourcen aktiviert. David Grand, der Urvater, ist ehemaliger Mitarbeiter des EMDR-Instituts von Francine Shapiro und akkreditierter EMDIRA Supervisor. Er ist ein international anerkannter Experte für Traumatologie und Ausbilder von EMDR und Brainspotting. Er folgt der tiefsten Überzeugung, dass der eigentliche Veränderungsprozess einer Therapie unabhängig von der Wahrnehmung und aktiven Einflussnahme des Behandelnden geschieht. Dieser hat die Aufgabe, an die Selbstheilungskräfte der Seele der Klient:innen zu glauben, eng zu begleiten und Sicherheit zu geben.

Fazit

Im Brainspotting wird davon ausgegangen, dass alles, was im Gehirn abgespeichert ist, auch im Körper verzeichnet ist und umgekehrt. Das hier vorgelegte Buch beschreibt eindrücklich, wie die therapeutische Arbeit schwerpunktmäßig mit Kindern und Jugendlichen gelingen kann.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Website
Mailformular

Es gibt 302 Rezensionen von Petra Steinborn.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 11.03.2024 zu: Monika Baumann: Brainspotting. Belastungen verarbeiten – Selbstheilungskräfte unterstützen mit Kindern, Jugendlichen und jüngeren inneren Anteilen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-0476-6. Reihe: Reden reicht nicht!?. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31545.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht