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Jennifer Hübner (Hrsg.): Lebenswelten – Lebensräume

Rezensiert von Nojin Malla Mirza, 17.01.2024

Cover Jennifer Hübner (Hrsg.): Lebenswelten – Lebensräume ISBN 978-3-8474-2705-6

Jennifer Hübner (Hrsg.): Lebenswelten – Lebensräume. Auf den Spuren junger Menschen in der Großstadt im 21. Jahrhundert : Ergebnisse einer rekonstruktiven Studie zu jungen Menschen im urbanen Raum. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 258 Seiten. ISBN 978-3-8474-2705-6. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit und Sozialer Raum - 7.

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Thema und Entstehungshintergrund

Dieser Sammelband präsentiert die Ergebnisse einer zweijährigen Studie zu den Lebens- und Sozialwelten von Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 27 Jahren in Berlin, insbesondere im Stadtbezirk Tempelhof-Schönberg. Im Auftrag der Abteilung Jugend und Gesundheit des Bezirksamtes Tempelhof-Schönberg wurde die Studie mit dem Ziel die Erhebung einer Interessen- und Bedarfsanalyse durchgeführt. Dabei erfolgte die Untersuchung in einem regionalen, empirischen und vorwiegend qualitativen Format zur Kinder- und Jugendarbeit im gesamten Bezirk.

Herausgeberin

Jennifer Hübner, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice-Salomon-Hochschule und Doktorandin am Promotionszentrum für Soziale Arbeit in Hessen.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die den folgenden Aufbau und Inhalt aufweisen:

Teil I: Forschungsdesign und Grundlagen

Im ersten Abschnitt werden die Grundlagen des Forschungsdesigns in acht Teile strukturiert und vorgestellt. Hierzu gehören Einleitung, Erkenntnisinteresse und Praxisrelevanz, Theorie und Forschungsstand. Weiterhin werden Aspekte der Methodologie und Methoden erläutert, das Sampling wird dargelegt, und es erfolgen Hinweise zu den Gütekriterien sowie explizite Erörterungen zur ethischen Grundlage und Herangehensweise.

Teil II: Ergebnisse der Studie

Der zweite Teil des Buches präsentiert in fünfzehn Unterkapiteln die Untersuchungsergebnisse. Diese skizzieren zunächst die verschiedenen Bezirksregionen und fokussieren anschließend die Lebens- und Sozialwelten der dort lebenden jungen Menschen, um sie darzustellen und zu analysieren.

Teil III: Zentrale Befunde der Studie

Das dritte Kapitel beinhaltet die Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse und deren Auswertung sozialraumübergreifend. Abschließend folgen praxisorientierte Zukunftsaussichten für die offene Kinder- und Jugendarbeit sowie daraus resultierende Handlungsempfehlungen und Ausblicke.

Inhalt

Die Einführung des ersten Teils widmet sich den relevanten Kontextinformationen und dem Entstehungshintergrund der Interessen- und Bedarfsanalyse. Hierbei wird auf die Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe in Tempelhof-Schönberg eingegangen und das Erkenntnisinteresse umfassend erläutert. Die durchgeführte Analyse verfolgt dabei das zentrale Ziel, „die Interessen und Bedarfe der bereits vorhandenen Nutzer:innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu erheben.“ Gleichzeitig wird der Fokus daraufgelegt, „die Bedarfsermittlung junger Menschen in den Blick zu rücken, welche die Angebote nach § 11 SGB VIII bislang nicht oder kaum in Anspruch nehmen“ (S. 15).

Die Autor*innen betonen die Praxisrelevanz, indem sie die verschiedenen sozialpolitischen Bestimmungen durch das Sozialgesetzbuch VIII und das in Berlin erlassene Kinder- und Jugendfördergesetz darstellen. Dabei werden speziell Aspekte wie die Förderung von Selbstbestimmung, die Ermöglichung von Mitgestaltung sowie die Erstellung eines Jugendförderplans durch die Kinder- und Jugendhilfe hervorgehoben. Diese Elemente dienen dazu, das Interesse an der Durchführung der Analyse im Bezirk Tempelhof-Schöneberg zu verdeutlichen.

Des Weiteren wird auf die Theorien von Raum und sozialen Praktiken eingegangen sowie auf den Zusammenhang zwischen ihnen. Dabei wird betont, den Raum nicht lediglich als territoriale Größe zu „beschränken“, sondern die Dimension des Sozialen als Ergänzung zu berücksichtigen. Die Sozialraumdefinitionen von Kessl/​Reutlinger, Bourdieu, Löw und anderen werden hierbei näher erläutert. Auf dieser Grundlage legt das Forschungsprojekt fest, einerseits „sichtbare soziale (Aneignungs-)Praktiken“ aufzuzeigen und andererseits das „Erleben der Nutzer:innen' zu erfragen“ (S. 24).

Für die Durchführung der Analyse wählt die Forscher*innengruppe eine explorative Methodenvielfalt aus, um durch unterschiedliche Erhebungsformate vielfältige Forschungsperspektiven in Bezug auf Lebenswelten und Lebensräume zu ermöglichen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Interviewformaten und ethnografischen Formaten, wobei auch onlinebasierte Untersuchungstools zum Einsatz kommen. Im methodologischen Rahmen wird auf die Grounded Theory nach Strauss Bezug genommen. Die Datenanalyse erfolgt durch ein kollaboratives Verfahren, wobei die Forschungsgruppe ein gemeinsames Kategoriesystem entwickelt hat. Das Auswertungsverfahren entspricht dem klassischen System einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring. Quantitative Daten wurden mithilfe einer Computersoftware analysiert. Das Sampling umfasst über 1350 junge Menschen und etwa 110 Fachkräfte.

Im Anschluss wird auf die Gütekriterien qualitativer und quantitativer Forschung eingegangen. Aufgrund der Schwerpunktsetzung auf qualitativer Forschung werden diese Gütekriterien näher beschrieben, und ihre Berücksichtigung für das vorliegende Forschungsvorhaben wird dargestellt. Der erste Teil schließt mit den ethischen Grundsätzen der Forschung ab.

Im zweiten Teil des Buches werden die Ergebnisse der Studie präsentiert, wobei spezifische Interessen- und Bedarfsanalysen in verschiedenen Bezirksregionen, darunter Mariendorf, Friedenau, Schöneberg Süd, Schöneberg Nord und Tempelhof, im Fokus stehen. Die Autor*innen geben einen ausführlichen Einblick in die jeweiligen Merkmale und Herausforderungen jeder Region, wobei sowohl strukturelle Differenzen als auch vielfältige Bedarfe, Wünsche und Vorstellungen junger Menschen betrachtet werden.

Durch die Darstellung statistischer Merkmale der Bewohner*innen, wie Altersstruktur, Migrant*innenanteil, Arbeitslosenquote/​Erwerbsstruktur und Anzahl der Bewohner*innen, wird ein umfassender Überblick über die Struktur der meisten Regionen ermöglicht. Einige Autor*innen gehen zusätzlich auf die Bebauung und Wohnungssituation im historischen Entwicklungsprozess ein und analysieren die Struktur der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen im jeweiligen Bezirk.

Die Interessen- und Bedarfsanalysen decken Aufenthaltsorte, Interessen und Wünsche junger Menschen ab, sowie Aspekte wie sozioökonomische Ausstattung und ÖPNV-Anbindung. Aus diesen Analysen leiten die Autor*innen weitreichende Handlungsempfehlungen für jede Bezirksregion ab. Jedes Unterkapitel schließt mit einer regionsbezogenen Zusammenfassung und auf der Analyse basierenden Handlungsempfehlungen ab.

Im dritten Teil des Sammelwerks werden die zentralen Befunde zusammenfassend präsentiert. Ein Schwerpunkt liegt eingangs auf der digitalen Kinder- und Jugendarbeit in Tempelhof-Schönberg während der Corona-Pandemie. Hier wird die Relevanz von Digitalisierung und Mediatisierung für die Lebenswelten junger Menschen hervorgehoben. Die Autor*innen betonen „digitale Räume sowie damit verbundene Lebensrealitäten junger Menschen auch in der Offenen Kinder und Jugendarbeit eine zunehmend wichtigere Rolle (…)“ (S. 223). Die Gesamtzusammenfassung der Ergebnisse stellt den Bezirk Tempelhof-Schönberg als „einen Bezirk mit vielen Facetten“ dar. Die resultierenden Handlungs- und Zukunftsperspektiven für die offene Kinder- und Jugendarbeit in dieser Region umfassen die Berücksichtigung der Beteiligungs- und Veränderungswünsche der jungen Menschen. Hierbei werden Angebotslücken identifiziert, und es wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Partizipation junger Menschen zu stärken. Abschließend geben die Autor*innen einen Ausblick und betonen die Sinnhaftigkeit einer durchzuführenden Strukturanalyse, um sich mit den Einflüssen von Ungleichheitsverhältnissen auseinanderzusetzen. Dieser Ausblick verdeutlicht die Notwendigkeit, neben individuelle Bedarfe auch die strukturellen Rahmenbedingungen zu analysieren und im Kontext der Analyse zu verstehen.

Diskussion

Das Sammelwerk bietet nicht nur eine detaillierte Analyse, sondern auch praxisrelevante Empfehlungen für die Kinder- und Jugendarbeit. Die Publikation trägt maßgeblich zum Verständnis urbaner Lebenswelten bei und unterstreicht die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung unterschiedlicher Stadtteile. Diese Erkenntnis ist nicht nur für lokale Akteur*innen, sondern auch für die allgemeine Stadtforschung von Bedeutung.

Die herausgearbeitete Bedeutung von (Sozial-)Räumen sowie die Differenzen in der Nutzung solcher Räume zwischen verschiedenen Stadtteilen betonen die Wichtigkeit von partizipativen Ansätzen. Hierbei sollten junge Menschen aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, um ihre Bedarfe, Interessen und Wünsche zu berücksichtigen.

Die aufgezeigten Unterschiede in der sozialen und ökonomischen Ausstattung sowie der Verfügbarkeit von Freizeitmöglichkeiten werfen berechtigte Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und den bestehenden Ungleichheitsstrukturen auf. Die Hinweise der Autor*innen auf den Einfluss von Ungleichheitsverhältnissen sind von entscheidender Bedeutung für ein weiterführendes Verständnis. Durch eine umfassende Auseinandersetzung mit den Strukturen können wirkungsvolle Maßnahmen und Strategien entwickelt werden, die zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen junger Menschen beitragen und eine höhere Inanspruchnahme von Angebotsstrukturen fördern. Dies erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl individuelle Bedürfnisse als auch strukturelle Barrieren partizipativ berücksichtigt.

Fazit

Die Publikation hebt vielseitige Einblicke in die Lebens- und Sozialwelten junger Menschen im städtischen Kontext hervor, die durch unterschiedliche Perspektiven und Schwerpunkte gewonnen wurden. Die Konsolidierung der empirischen Ergebnisse innerhalb des Forschungsprojekts liefert wertvolle Anhaltspunkte für das Qualitätsmanagement und die Professionalisierung der Kinder- und Jugendarbeit, sowohl auf lokaler Ebene als auch darüber hinaus.

Rezension von
Nojin Malla Mirza
M.A., Lehrbeauftragte an der Hochschule Bielefeld und Doktorandin am Promotionskolleg NRW, promoviert zum Thema „Sozialraumorientierung als Beratungsansatz im Kontext der Grundsicherungsleistung der Jobcenter“.
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Es gibt 2 Rezensionen von Nojin Malla Mirza.

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Zitiervorschlag
Nojin Malla Mirza. Rezension vom 17.01.2024 zu: Jennifer Hübner (Hrsg.): Lebenswelten – Lebensräume. Auf den Spuren junger Menschen in der Großstadt im 21. Jahrhundert : Ergebnisse einer rekonstruktiven Studie zu jungen Menschen im urbanen Raum. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8474-2705-6. Reihe: Soziale Arbeit und Sozialer Raum - 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31546.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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